Sonntag, Mai 17, 2009

Gänsehaut

Die Szene kam irgendwie bekannt vor: Hertha hat im eigenen Stadion ein "Endspiel", und schafft es dabei nicht, das eine, erlösende Tor zu schießen. So war es vor vier Jahren gegen Hannover, als es um die Qualifikation um die CL ging, und so war es gestern gegen Schalke 04, als es um die Wahrung einer Restchance auf die deutsche Meisterschaft 2009 ging. Das Spiel vor ausverkauftem Haus endete torlos, und ich muss sagen, dass meine gelassen optimistische Stimmung schon vor dem Spiel ein wenig irritiert wurde, denn der Auftritt von Frank Zander war mir dann doch recht zuwider. Sein dahingesagtes "Wir holen die Meisterschaft", hübsch kontrastiert durch den feisten Ennui von Joschka Fischer auf der Ehrentribüne, ließ den Hit dieser Saison zu einer Phrase verkommen, die mit dem Spiel nichts mehr zu tun hat.

Ich habe, wie gesagt, meinen Frieden mit der Hertha-Hymne gemacht, nicht aber, wie mir klar wurde, mit deren Herkunft, ich kann also das "Nur nach Hause" nur ertragen, wenn die Mannschaft es gewissermaßen "freispielt". Das ist gestern nicht so richtig gelungen. Bei einem engen Spiel kommt es auf Vieles an, und der relative Misserfolg setzte sich aus zahllosen Details zusammen: schlechtes Refereeing (Pantelic wurde zweimal zurückgepfiffen, obwohl er auf gleicher Höhe startete), Nervosität und Ungeduld (vor allem Patrick Ebert und Gojko Kacar wollten zuviel), untaugliche Mittel (Cicero fiel durch eine fiese Schwalbe auf und sucht meiner Meinung nach zu oft das taktische Foul im Mittelfeld, anstatt den Ball abzuspielen), ein offensiv desinteressierter Gegner, eine schwache Bank (Voronin kam in der 59. Minute für Ebert und brachte vor allem Hektik in Spiel, Domovchsyiski fiel bei seinem anonymen Auftritt nur durch eine besonders naiven Ballverlust auf, Chermiti kam zu spät, um seine Dynamik noch richtig produktiv machen zu können).

Coach Favre hatte mutig aufgestellt, nämlich die gleiche Mannschaft wie in Hamburg, soll heißen: der Kapitän blieb auf der Bank, von Bergen spielte weiterhin an seiner Stelle, der Schweizer schaltete sich auch offensiv ein, seine Pässe sind häufig gut gedacht, es fehlt ihnen aber an Präzision. Dieses Problem ist jedoch allgemein, und so schien die Mannschaft mit zunehmender Dauer die Lust zu verlieren, in die leeren Räume zu laufen (weil man da ja oft umsonst läuft).

So versuchte Raffael dann mehr und mehr, die Sache als Solist aufzulösen. Das Spiel der Hertha war die ganze Saison latent entropisch, das heißt: sie konnte kaum einmal Druck zusetzen, sie spielte einfach ihren Stil und vertraute auf jene sprichwörtliche Effizienz, die auch gestern wieder zu sehen gewesen wäre, wenn das Pantelic-Tor in der ersten Halbzeit gezählt hätte. Er war gestern scharf, er wollte den Sieg am meisten, es war schade, dass sein persönlicher (anzunehmender) Abschied auf ein Publikum traf, bei dem die (auch: heiße) Luft draußen war.

Die richtigen Fans werden bald wieder unter sich sein, aber aus dieser Saison sollte die Fanbasis doch deutlich erweitert worden sein. Das Team bedankte sich mit einem Transparent: Danke für 17mal Gänsehaut. Ich bedanke mich für siebzehn interessante Spiele, darunter zwei, drei Klassiker (Bayern, Hoffenheim, Stuttgart). Gänsehaut hatte ich allerdings nie. Dazu fehlt der Hertha noch ein Element Leidenschaft. Sie wird es finden.

Kommentare:

Natalie hat gesagt…

diesmal finde ich die beurteilung etwas seltsam: mit der anerkannten fuehrung durch pantelic gegen defensiv aufgestellte gelsenkirchener waere das spiel mit sicherheit anders verlaufen. die medien haben einhellig keine schwalbe von cicero ausgemacht und das handspiel von engelaar bleibt auch unerwaehnt. wie seinerzeit gegen galatasaray sind wir mindestens um einen strafstoss gebracht worden - vom moeglichen titel rede ich gar nicht erst. ich sehe uns um 6 punkte betrogen, oder ist wolfsburg schon vergessen? die schiedsrichterleistungen sind diese saison geradezu indiskutabel, ligaweit. bemerkenswert, wie der print sich dem thema ausgiebig verweigert.

marxelinho hat gesagt…

das tor durch pantelic hätte zählen müssen, aber das ist hypothetisch, genau so übrigens wie das gedankenspiel, wie die saison von wolfsburg verlaufen wäre, wenn sie gegen hertha nicht durch ein irreguläres tor von dzeko gewonnen hätte. die schiedsrichterleistungen sind häufig schlecht gewesen, aber wer auf das handspiel von engelaar hinweist, darf das handspiel von simunic gegen köln nicht vergessen (wäre dort der anschlusstreffer früher gefallen, möchte ich nicht wissen, die das ausgegangen wäre). nach den bildern aus dem aktuellen sportstudio hat cicero eine ganz eindeutige "schwalbe" gemacht, usw. wir sind, wenn, dann um vier punkte gebracht worden, denn gegen wolfsburg hatten wir vorher schon aus eigenem verschulden den ausgleich kassiert, und gegen schalke haben wir einen ja gemacht. mir erscheint aber doch das entscheidende faktum das zu sein: die hertha hatte, als es um sehr viel ging, nichts zuzusetzen, wie sie auch die ganze saison hindurch häufig gerade einmal so gewonnen hat. die tordifferenz lügt nicht, die tabellenposition auch nicht, und noch ist ja sehr viel drin

Natalie hat gesagt…

hallo, natuerlich koennen wir uns mit der tordifferenz des vfl nicht messen. ich unterschlage auch keinesfalls simunics handspiel, mir ging es wesentlich um resultatbildende entscheidungen, fuer ein 10:0 gibt's auch nur 3 punkte. naja, und ein tor wirkt manchmal wunder. nichts fuer ungut, bis naechste saison

Anonym hat gesagt…

Hertha-Dämmerung - und Arsenal-Abyss? Nicht nur Voronin, auch Kacar und Simunic wollen gehen, heißt es; und Arsene Wenger schwärmt auf einmal von Madrid und Senor Perez, meldet der Transfermarkt unter Berufung auf sein englisches Pendant. Wie wird sich das aufs Bloggen auswirken?, fragt Valdano.

marxelinho hat gesagt…

Hey, Valdano! Voronin würde ich sowieso keinen Vierjahresvertrag geben, nicht einmal mit CL-Geld, bei Kacar und Simunic müssen wir erst einmal sehen, was wirklich Sache ist. Um Arsenal mache ich mir richtig Sorgen, das wird in der Sommerpause ein Thema im Blog werden. Der nächste Eintrag ist immer der wichtigste.