Samstag, Dezember 31, 2011

Becoming a Gooner

Heute Nachmittag spielt der Arsenal FC gegen die Queens Park Rangers. Ein London Derby, das mir Gelegenheit gibt, mir einmal genauer Rechenschaft darüber zu geben, wie ich eigentlich Arsenal-Fan geworden bin. Denn die allererste Mannschaft in England, für die ich etwas übrighatte, das waren die Queens Park Rangers. Das muss in den frühen siebziger Jahren gewesen sein, als es in Österreich pro Woche gerade einmal zwei Minuten Bilder vom internationalen Fußball gab, in der Sportsendung am Sonntagabend, die ich gespannt erwartete, denn nur hier gab es zum Klang der Namen auch etwas Konkretes zu sehen. Vermutlich mochte ich QPR auch deswegen sehr, weil in der Hitparade im Radio, die ich mit der für einen Neunjährigen größtmöglichen Anteilnahme verfolgte, gerade "Hearts of Stone" von John Fogerty mein Favorit war. Wenn ich mich richtig erinnere, muss ich damals den Albumtitel mit dem Interpreten verwechselt haben, denn für mich war das immer ein Song von den "Blue Ridge Rangers".

Ansonsten bekamen wir internationalen Fußball ausschließlich über die Europacupspiele mit, aber daran erinnere ich mich nicht sehr gut, damals waren die Nationalteams eindeutig wichtiger. Schweden, gegen das Österreich damals ein Entscheidungsspiel um die WM-Teilnahme 1974 spielte (im verschneiten Gelsenkirchen), hatte eindeutig auch die besseren Namen: Ralf Edström und Ronnie Hellström gefielen mir besonders. Und weil ich schon einmal dabei bin, schreibe ich hier auch die Elf auf, die damals der österreichische Teamtrainer Leopold Stastny (großartige Figur, wo ich gerade an ihn denke) aufgestellt hatte: Rettensteiner (Koncilia); Eigenstiller, Schmidradner, Horvath, Kriess; Hattenberger, Hof, Hasil; Kreuz, Krankl, Jara. (Kurt Jara, immer Nummer 11, immer das Leiberl heraushängen lassend, war damals auch ein Idol.)

Dass ich mich in England bald eher in Richtung des Liverpool FC orientierte, war wohl klassischer Kinderopportunismus, hatte aber auch mit der Magie der Namen zu tun. Ray Kennedy allein fand ich so großartig, dass ich vermutlich jede Mannschaft toll gefunden hätte, zu der er ging (dass er von Arsenal gekommen war, ignorierte ich hingegen, da fand ich damals Tottenham und West Ham auf jeden Fall noch interessanter). In all diesen Jahren bestand Fußball für uns de facto aus Nationalspielen und ein paar Europacupspielen pro Jahr, und aus der österreichischen Liga.

Den ersten Eindruck von der Premier League bekam ich in den späten 90er Jahren in Wien, wo ein burgenländischer Ex-Profi namens Othmar Baijlicz ein Rock- und Trinklokal namens Chelsea aufgemacht hatte, in dem es auch Fußball aus England zu sehen gab. Das war damals ein absolutes Novum, und mit Hilfe des Internets lässt sich rekonstruieren, dass ich am 14. März 1998 mit meinem Freund Hermann die Begegnung zwischen Tottenham Hotspur und Liverpool gesehen habe. Es wurde ein denkwürdiges 3:3, bei dem Jürgen Klinsmann ein Tor für Spurs erzielte, Steve McManaman traf zweimal für Liverpool, bei denen Jamie Carragher damals schon dabei war! An diesem Tag wurde ich ein Fan, nicht von einer Mannschaft, sondern des englischen Fußballs insgesamt. Das Match war unglaublich intensiv, schnell, spannend - es war einfach eine andere Dimension.

Clubmäßig war ich damals nicht mehr so richtig festgelegt, beziehungsweise: da war ich noch auf der Suche (1999 hielt ich sogar zu Manchester United, das hatte aber hauptsächlich mit Paul Scholes zu tun). Und weil wir danach trotzdem nur sporadisch im Chelsea vorbeischauten, fand ich eigentlich erst in Berlin so richtig zu Arsenal. Mit den ersten Besuchen im Olympiastadion bekam die Passion für Fußball eine neue Qualität, aber auch damals bekam ich wenig englischen Fußball zu sehen. Es müssen die beiden Spiele zwischen Bayern und Arsenal in der Saison 2000/2001 gewesen, als der FCB schließlich die CL gewann, die mich zum ersten Mal konkreter neugierig auf die Gunners machten. In Highbury gab es damals ein 2:2, das ich ziemlich romantisch rezipierte - geniale Kunst gegen schnöden Pragmatismus (Bayern traf zweimal aus Freistößen).

Jedenfalls begann ich damals auf Arsenal zu achten. Henry war schon da, Kanu war noch da, Vieira war ehrfurchtgebietend, dazu kamen die Erinnerungen an die WM 1998, bei der ich eigentlich vom ersten Spiel an auf Frankreich verfallen war (das 3:0 gegen Südafrika war ja das Spiel, in dem Henry "entdeckt" wurde), und nun fand ich in England eine Art Expositur der Bleus - all das spielte zusammen. Und dann traf es sich hervorragend, dass ich ausgerechnet in der Saison ein Premiere-Abo abschloss, in der Arsenal ohne Niederlage die Premier League gewann. Ich war damals völlig überwältigt von der Menge an internationalem Fußball, die man auf Premiere sehen konnte - und mit dem Schauen kommt natürlich die Leidenschaft.

Seither habe ich wenige Spiele von Arsenal versäumt, zumal es ja auch schon seit Jahren den Arsenal Player gibt. Seither hat Arsenal aber auch fast nichts mehr gewonnen (in terms of "silverware", also Teller und Pokale), und wenn heute QPR ins Emirates kommen, dann wird es wieder den ewigen englischen Kampf geben: Ein kleines Team, das alles daran setzt, eines aus den "Top Four" (in diesem Jahr ja eher "Top Six" oder "Top Three", je nach Perspektive) zu ärgern. Und Arsenal ist die Mannschaft, die sich am leichtesten ärgern lässt. Damit muss ich jetzt leben, denn dass ich ein "Gooner" bin, daran wird sich nichts mehr ändern.

Mittwoch, Dezember 28, 2011

Olympiakos

Da ich neulich durch Zufall entdeckt habe, wie man hier Fotos kolumnenfüllend und in ansprechender Größe postet, will ich davon gleich noch ein bisschen Gebrauch machen. Hier also ein paar weitere Eindrücke aus Griechenland, aufgenommen auf dem Weg zum Karaiskakis-Stadion in Piräus, wo übrigens auch Hertha einmal gespielt hat, wie mir gerade einfällt - das war im Dezember 2008, damals begann Lucien Favres Arbeit in Berlin gerade zu wirken, wenngleich nicht gerade an diesem Abend, denn da gab es ein 0:4.






Samstag, Dezember 24, 2011

Messiaserwartung

Von einem Fußballclub, dem man anhängt, kann man sich nicht viel mehr wünschen, als dass dort professionell gearbeitet wird, dass gute Spieler verpflichtet werden und jungen Talenten eine Chance geboten wird. Alles, was in Richtung Messiaserwartung (aus dem Hebräischen ins Fußballdeutsche übersetzt: Wunderwuzzihoffnungen) geht, wird unweigerlich enttäuscht werden.

Zu Weihnachten 2011 steht Hertha wieder einmal da, wo Verein und Mannschaft schon so oft gestanden sind: vor einem Neuanfang, bei dem doch Vieles beim Alten bleiben muss (Skibbe kommt, Babbel geht, der Kader bleibt, Management und Präsident bleiben, die Schulden bleiben). Was kommt noch? Aus dem Nachwuchs müsste mehr kommen, das wird ein Thema des neuen Jahres.

Zum Ende der eineinhalb Jahre mit Markus Babbel hier eine kleine Fotoreportage von dem Freundschaftsspiel, das Hertha im August 2010 beim 1. FC Lübars gespielt hat - mit einigen beziehungsreichen Details: Auf der Bank saß Rainer Widmayer (Babbel war anderweitig beschäftigt), im Sturm sah ich damals erstmals einen jungen Mann namens Pierre-Michel Lasogga (der sich bald verletzte und auf dem ersten Bild schon wieder auf der Bank sitzt), Sebastian Neumann, Nico Schulz und Marco Djuricin legten damals den Grundstein für eine vielversprechende Zweitligasaison, Lennart Hartmann zählte noch zum erweiterten Kreis, und ein gewisser Ronny deutete an, dass er sich auf den ruhenden Ball versteht. Ein Kuriosum gab es auch: Sascha Burchert musste als Feldspieler einspringen.

Mit dieser Erinnerung an Aufbruchsstimmung im Hochsommer (und ein Bärengeschenk, über das wir uns bis heute freuen) wünsche ich schöne Feiertage.







Donnerstag, Dezember 22, 2011

Bärenstärke

Mein tausendster Eintrag in dieser Chronik fällt auf einen guten Tag. Hertha wird im DFB-Pokal überwintern, Anfang Februar wird Borussia Mönchengladbach ein zweites Mal in dieser Saison nach Berlin kommen. Das 3:1 gegen Kaiserslautern unter der Regie von Rainer Widmayer war verdient, wenngleich man von einem guten Spiel nur sehr bedingt sprechen kann. Aber Hertha hat eben ein paar Spieler, die den Unterschied ausmachen können - und auch wollen. Dies gilt ganz besonders für Pierre-Michel Lasogga, zunehmend mehr aber wieder auch für Adrián Ramos, der seinen Rhythmus wiederzufinden scheint.

Der Abend begann eigentlich mit einer Riesenenttäuschung, nur 40000 Besucher waren gekommen, auch das ein Hinweis darauf, dass in den letzten Wochen geschlampt wurde - und eine Menge Kredit verspielt. Unter normalen Umständen müsste ein DFB-Pokal-Achtelfinale unmittelbar vor Weihnachten im eigenen Stadion attraktiver sein, doch wir sind – nach der kurzen Euphorie nach dem unmittelbaren Wiederaufstieg – fast schon wieder bei der Hertha, wie wir sie seit gefühlten (kurzen) Ewigkeiten kennen: einer irgendwie undefinierten Mannschaft, die allenfalls durch ein, zwei schillernde Figuren auffällt.

Wie der Transfer von Lasogga damals im Sommer 2010 zustande kam, das würde ich gern genauer wissen - immer mehr erweist sich das als eine Königspersonalie für Manager Preetz. Gegen den FCK gab es eine Halbzeit lang ein ziemliches Gewurstel mit leichten Vorteilen für Hertha. Die angeschlagenen Lell und Mijatovic liefen auf, allerdings behielt Lell die Kapitänsbinde, er ist für meine Begriffe durchaus "capitanibile" und sollte das Amt auch in der Rückrunde behalten.

Lustenberger spielte neben Ottl in der Zentrale, konnte aber nur selten Akzente setzen. Ronny spielte auf dem linken Flügel, das erwies sich kurz vor der Pause als gewinnbringend, als er nämlich einen Pass von Ramos schön in die Mitte zurückbrachte, wo Lasogga und Ramos so mit einem Lauterer Verteidiger kollidierten, dass der Ball dabei eine (intendierte) Ablenkung ins Tor erfuhr.

Das war der Führungstreffer zum gemeinhin "psychologisch" genau richtigen Zeitpunkt, doch Kaiserslautern schlug in der zweiten Hälfte prompt zurück (Ottl ließ Sahan laufen, der legte auf Shechter quer), bevor der Bär seine große Szene hatte: Mit beachtlicher Beschleunigung nahm Lasogga einen eher zufälligen Ball in den langen Lauf zum Tor mit, ließ Amedick blöd aussehen, und hatte beim Torschuss das Glück dessen, der unbedingt treffen will.

Während der folgenden halben Stunde musste ich mich zweimal bei Thomas Kraft (Weltklassereflexe, allerdings weiterhin unterster Ligadurchschnitt bei der Spieleröffnung, aber dieses Manko teilt er mit dem ganzen Team) bedanken, dass uns eine Verlängerung erspart blieb. Patrick Ebert machte dann zum Ende der regulären Spielzeit alles klar, und Hertha kann sich nun in Ruhe der Aufarbeitung der turbulenten Ereignisse der letzten Tage widmen.

Skibbe wird kommen, Babbel ist in Berlin Geschichte. Mit den "Jungs", die er hinterlässt, lässt sich sicher was machen. Nur Andreas Ottl, den könnte er für meine Begriffe mitnehmen. Zu all diesen Themen mehr im tausendundersten Eintrag, und dann im tausendundzweiten und...

Montag, Dezember 19, 2011

Private Gründe

An einem Sonntag, an dem ich eines der besten Fußballspiele der letzten Monate zu sehen bekam (Arsenal hatte gegen die gestern allerdings wirklich beeindruckende 160-Millionen Euro-Offensive von Manchester City mit Nasri, Aguero, Balotelli, Yaya Touré und David Silva knapp das Nachsehen), ging es letztlich doch nur um Hertha.

Markus Babbel ist nicht mehr der Coach, Michael Preetz ist immer noch der Manager. Der Vorgesetzte hat sich durchgesetzt, das war zu erwarten, glücklich ist wohl keiner, in der Sache steht Aussage gegen Aussage. Gegen Babbel, der behauptet (und damit eindeutig gegen die Absprache am Samstag an die Öffentlichkeit ging), er hätte schon Anfang November die Vertragsverlängerung abgesagt, behauptet Preetz ausdrücklich: "Da ist nix dran".

Seine eigene Version ist allerdings nicht ganz ohne Widersprüche, denn in der PK gab er noch an, mit Babbel vergangenen Dienstag gesprochen zu haben, aber erst Mittwoch (nach einer letzten Bedenkzeit) endgültig Bescheid bekommen zu haben, später am Tag war dann nur noch von Dienstag als dem Tag der Entscheidung die Rede.

Da Babbel wohl nicht vor Gericht gehen wird, um sich zu rehabilitieren, bleibt diese Sache also offen, es sei denn, sie kommt aus arbeitsrechtlichen Gründen noch einmal auf das Tapet. An einem solchen Tag habe ich mir dann ausnahmsweise auch "Sky 90" angesehen, wo Franz Beckenbauer sich in den Werktagsjunggesellen Babbel hineinzuversetzen versuchte, der in Berlin morgens "allein sich den Kaffee" hätte machen müssen, hätte er nicht in einem Hotel gelebt (wo der Kaffee bekanntlich mit dem Aroma der frisch geschnittenen Bohne aus den exquisiten Thermoskannen kommt).

Im Gespräch beim RBB-Sportplatz - einem klassischen journalistischen Heimspiel - ließ Michael Preetz abends dann noch deutlicher erkennen, wie sehr ihn die Sache mitnimmt. Er machte die Sache aber gerade deswegen gut, er war, wie man so schön sagt, authentisch und doch professionell. Am Ende hatte er keine Stimme mehr, aber da war dann ohnehin alles gesagt außer das, was wir nie erfahren werden, und was auch die Auskenner rund um Beckenbauer und Reif nur suggestiv umkreisten, ohne wirklich darauf zu sprechen zu kommen: die Gerüchte über den eigentlichen Ursprung des Zerwürfnisses zwischen Preetz und Babbel.

Der Coach, am Sonntag noch im Amt und gesprächsbereit, machte ja noch einmal deutlich, dass "private Gründe" für seine Entscheidung maßgeblich waren. Mich können hier aber nur die sportlichen Folgen interessieren. Und die kennen wir erst, wenn wir den neuen Trainer kennen.

Dass Markus Babbel in Berlin eine "Ära" hätte prägen können, mögen sich Manche gewünscht haben (es sind vorwiegend die, die uns auch über Monate mit dem "Bayern-Gen" belästigt haben). Ich finde, dass seine Bilanz allenfalls passabel ist, dass aber kaum einmal zu erkennen war, wohin eine Entwicklung hätte gehen können. Einen modernen Mannschaftsentwickler sehe ich ihn ihm nicht, auch nicht in Personalunion mit seinem Vize.

Dieser Befund ist allerdings dadurch beeinträchtigt, dass die letzten zwei Monate schon im Zeichen der Probleme standen, die an diesem Wochenende aufgebrochen sind. Wer genau hinhörte, konnte gestern auch hören, dass Preetz wohl optimistisch ist, dass der Nachfolger schon Mittwoch auf der Bank sitzen könnte.

PS Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Hertha TV auch die Pressekonferenzen zeigen sollte, die dem Verein auf den ersten Blick nicht so in den Kram passen. Die aus Hoffenheim behielten sie zurück.

Sonntag, Dezember 18, 2011

Scheidungskrieg

Hertha BSC hat am letzten Tag der Bundesligahinrunde 2011 ein jämmerliches Bild abgegeben, das die Mannschaft nur zum Teil und mit ein wenig Glück gerade noch ein wenig geraderücken konnte. Es war klar, dass sich alles um die Trainerfrage drehen würde, aber es kam dann doch sehr überraschend, dass Coach Babbel sich nach dem Schlusspfiff an keine Sprachregelung mehr gebunden fühlte.

Er gab dem verdutzten Sky-Moderator Jan Henkel zu verstehen, dass er schon Anfang November in der Länderspielpause die Verantwortlichen von seinem Entschluss in Kenntnis gesetzt hatte, nach Juni 2012 in Berlin nicht weitermachen zu wollen. Henkel vergaß darüber vollkommen, die wichtigste Frage zu stellen: Warum? Was fehlte Babbel in Berlin? Woran haperte es? Denn so lange sind die Spiele ja noch nicht her, in denen Hertha (unter Babbel) andeutete, dass ein wenig mehr möglich sein könnte als nur Abstiegskampf. Es herrschte Aufbruchsstimmung, und Babbel konnte sich diese zu einem guten Teil auf die Fahnen schreiben.

Er will aber weg, und in Hoffenheim konnte man gestern zum ersten Mal den Eindruck bekommen, dass da möglicherweise noch etwas hinter den Kulissen eine Rolle spielt, das sich nun fast schon zu erkennen gegeben hat. Es sieht jedenfalls so aus, als wäre zwischen Babbel und Preetz persönlich etwas zerbrochen, und zwar schon vor längerer Zeit - die Motive dafür werden wir im Detail kaum erfahren, man kann sie sich aber in Ansätzen denken.

Babbel hat immer ein wenig "gefremdelt" mit Berlin, mit der Stadt, mit den (paar) Medien, mit den Erwartungen, die hier schnell in die Höhe schießen. Er hat sich hier wohl nie eine Rolle wie Schaaf in Bremen oder gar Wenger in London vorstellen können, während Preetz wohl Hoffnungen in diese Richtung hatte. Hoffnungen, die man nach den Siegen gegen den BVB und dem (trügerischen) 3:0 gegen Köln haben konnte.

Die Absage Babbels (seine diesbezügliche Aussage halte ich für glaubwürdig) muss da eine ziemliche Erschütterung bewirkt haben, der Mannschaft konnte man diese deutlich ansehen, denn seit November läuft da nicht mehr viel, da kann Babbel noch so oft von "sensationellen Jungs" sprechen. Gegen Hoffenheim bedurfte es erst eines Gegentreffers durch einen Weitschuss von Salihovic (ungenügend unter Druck gesetzt von Ottl, der wieder einmal insgesamt teilnahmslos wirkte, aber auch Lustenberger - statt Niemeyer - fand nie einen Rhythmus) und einer roten Karte für Raffael (nach Tätlichkeit an Salihovic), vor allem aber einer grotesk zurückschaltenden Hoffenheimer Mannschaft, um Hertha ins Spiel kommen zu lassen.

Ebert, der davor abwesende Ramos, Lell, Hubnik ergriffen die Initiative, es ging nun mehr nach vorn, dies alles aber in einem insgesamt sehr dürftigen Spiel. Torun, der für den früh verletzten Rukavytsya kam, steht sinnbildlich für die ein wenig hektische Betriebsamkeit und für stereotype Bemühungen (er zieht immer nach innen), die immerhin dazu führte, dass dann auch noch Vorsah ausgeschlossen wurde (Foul an Ramos, öffnender Pass: Ottl) und Hertha eine halbe Stunde 10:10 gegen den Eindruck einer hinten heraus doch mäßigen Hinrunde spielen konnte.

In der letzten Minute konnte Hubnik noch einen Ball nach Chaos im 1899-Strafraum über die Linie befördern, und die Emotionen, die das mit sich brachte, müssten Babbel eigentlich ein wenig wehmütig gestimmt haben. Denn in Berlin ist sehr wohl etwas möglich. Aber das Ausmaß der Kränkung, das in seiner Absage liegt, ist ihm wohl nicht bewusst.

So blieben Manager Preetz und der ihm beigesprungene Präsident Gegenbauer als die Deppen des Tages zurück, weil sie immer noch an einer Sprachregelung festzuhalten versuchten, deren Dummheit ihnen doch nicht verborgen geblieben sein kann: Bis 21. Januar wollten sie die Medien vertrösten - wer immer sich das ausgedacht hat, glaubt wohl an den Weihnachtsmann.

De facto steht nun zur Disposition, ob Babbel für das Cupspiel am Mittwoch noch tragfähig ist - nach den Emotionen von Sinsheim sollte das aber kein Problem sein, Preetz und Babbel müssen einfach einmal noch Kreide fressen, und dann können sie das Geheimnis für alle Zeiten versiegeln, wie sie diese wunderschöne Männerfreundschaft, auf die Herthas Zukunft gebaut werden sollte, so vermasseln konnten.

Samstag, Dezember 17, 2011

Adventkalender

Es wird einsam um Coach Babbel. Diesen Eindruck vermittelt jedenfalls die Zeitung, für die Philipp Lahm Werbung macht. Genau genommen treibt das größte Boulevardblatt der Republik Hertha ordentlich vor sich her, und all das nur, weil sich der Trainer von der guten Stimmung des Herbsts nicht anstecken lassen wollte. Er hat sie im Gegenteil fast schon methodisch vermiest, und es sieht nicht sehr danach aus, dass er aus dem Winkel, in den er sich gestellt hat, noch einmal herauswill. In dieser schwierigen Zeit hat auch die Hertha-Kommunikation nicht gerade perfekt funktioniert: Längst müsste eine klare Übergangssprachregelung da sein, die es erlaubt, hinter den Kulissen alles neu aufzustellen. Doch von einer Erklärung zu Rückrundenbeginn zu sprechen (egal, ob damit nun der 3. oder gar der 21. Januar gemeint ist), ist absurd. Das einzige plausible Datum ist der kommende Mittwochvormittag (für den Fall, dass Babbel verlängert), oder Donnerstagvormittag, für den Fall, dass er das nicht tun will.

Heute muss nun erst einmal das Auswärtsspiel in Hoffenheim absolviert werden. Ob man dafür spezifisch trainiert hat diese Woche? Man kann es sich schwer vorstellen. Dabei gäbe es Themen genug. In erster Linie liegt es nahe, die Zentrale mit Niemeyer, Ottl und Raffael neu zu justieren. Warum versucht Hertha es nicht einmal mit einer etwas verschobenen Konstellation, in der Ottl auf Höhe von Raffael vor Niemeyer spielt (das war die Konstellation, die ich mir vor der Saison schon einmal mit dem Dreieck Niemeyer-Lustenberger-Raffael vorgestellt hatte)?

Diese Variante sehe ich in diesen Wochen regelmäßig mit einigem Erfolg bei Arsenal, wo Song hinter Arteta und Ramsey spielt - der Waliser geht dabei am weitesten in die Spitze, aber alle drei spielen ein intensives Pressing, und jeder kann den finalen Pass spielen. Letzte Woche gegen Everton konnte man sehr gut sehen, wie Song in der zweiten Halbzeit, als es allmählich knapp wurde und das Tor nicht so recht gelingen wollte, einen vertikalen Pass nach dem anderen versucht hat - der fünfte und schwierigste führte dann zu einem aufsehenerregenden Volley-Tor durch van Persie.

Ottl ein Stück nach vorne zu ziehen, das würde bedeuten, dass Hertha sich ein wenig mehr Aktivität verordnet, dass Lasogga und die Winger wieder mehr Optionen für ihre Läufe gewinnen, dass Ottl selbst zu stärkerem Engagement gezwungen wird.

Aber es wird wohl einen neuen Trainer brauchen, um mit diesem Kader noch einmal eine neue Phantasie zu entwickeln. Damit komme ich zum Punkt: Die gesamte Tendenz der Hinrunde zeugt davon, dass Babbel diese Phantasie nicht hat. Deswegen, also aus sportlichen Gründen, bin ich für seine Ablöse (was er selbst im Schilde führt, ist mir eigentlich egal).

Donnerstag, Dezember 15, 2011

Übungsleiter

Als Lucien Favre zum Trainer bei Hertha bestellt wurde, da war ich so neugierig auf seine Arbeit, dass ich sogar gelegentlich zum Training gefahren bin. Dabei wurde mir eine Sache besonders deutlich: Die paar Stunden pro Woche, die eine Mannschaft übt, sind eigentlich verdammt wenig, um auf all das einzugehen, was so ansteht.

Denn es ist ja eine ganze Menge zu tun, und der Kader ist groß, und ich kann mich noch gut genug an den eigenen Turnunterricht erinnern, um nicht auf dem Schenckendorffplatz auch sofort die Unterschiede im Engagement der einzelnen Spieler zu sehen. Und wenn dann mit ein paar Offensivleuten ein Abschluss trainiert wurde, dann standen auch bei Favre gleich einmal zehn Profis herum und spielten sich eine halbe Stunde lang Bälle zu.

Heute hingegen zeichnet er, wie in einem aktuellen Porträt im Spiegel zu lesen, detaillierte Übungen auf, die er dann im selben Atemzug zum Berufsgeheimnis erklärt - der Reporter durfte darüber nichts Genaues schreiben.

Warum ich darauf zurückkomme? Weil ich in einem aktuellen Bericht der "Morgenpost" einen Hinweis darauf gefunden habe, dass bei Coach Babbel die Trainingszeiten manchmal suboptimal genützt werden, ein Umstand, auf den aus dem aktuellen Zustand der Mannschaft leicht zu schließen ist.

Wieviel das mit der inzwischen ja deutlich eskalierten Trainerfrage zu tun hat, ist schwer zu sagen, aber es sieht doch deutlich danach aus, dass Babbel mehr tun könnte - mehr an der Taktik arbeiten, mehr an den sogenannten Automatismen. Doch inzwischen ist die Sache mit seiner Unterschrift zur "causa prima" geworden.

Ich will also noch einmal versuchen, mir das zu erklären. Szenario 1) In demselben Bericht der "Morgenpost" findet sich der Hinweis, er hätte schon direkt nach dem Aufstieg seinen Abgang mit dem Ende seiner zweiten Hertha-Saison angedeutet - er wollte also gar nie verlängern, und glaubte, er könnte damit bis Mai 2012 durchkommen. Szenario 2) Für ihn ist die Sache nach wie vor offen, und er hat sich jetzt eben darauf versteift, dass er das zu seinen Bedingungen auch in Hinsicht auf den Zeitplan macht.

In beiden Fällen wäre er naiv, und würde nicht nur der Hertha, sondern inzwischen auch sich selbst schaden. Denn es ist ja überdeutlich geworden, dass er die guten sportlichen Ansätze der Hinrunde verschleudert hat - und wem wäre das zuzuschreiben, wenn nicht ihm?

Das führt zur eigentlich interessanten Frage: Ist Babbel ein guter Trainer, der zu Recht für so viele Teams in Frage kommen soll? Ich finde, dass es da in Berlin doch eine Menge Beobachtungen zu machen gab, die in die andere Richtung weisen. Er mag etwas von der Unerschütterlichkeit ausstrahlen, die sicher auch wichtig ist - aber individuelle Personalführung, flexible Taktik, Verstehen des Kaders etc halte ich für Schwachpunkte. Aber schon mit Lucien Favre haben wir die Erfahrung gemacht, dass er viele blinde Flecken hat - eine Erfahrung, die man in Gladbach vielleicht auch noch machen wird, wenngleich Favre viel lernfähiger wirkt als Babbel.

Der neueste Stand ist nun, dass es am Dienstag ein Gespräch mit Manager Preetz geben soll - das leuchtet mir ein, denn der kommende Mittwoch ist nun zum einzigen noch plausiblen, denkbaren Datum der Bekanntgabe einer Vertragsverlängerung geworden. Sollte Babbel sich wider Erwarten doch noch für Hertha entscheiden, dann erwarte ich, dass er die entstandenen Probleme durch instruktive Übungen auf dem Trainingsplatz gutmacht. Lasche Dienstage kann Hertha sich nicht leisten.

Samstag, Dezember 10, 2011

Entenhausen

Das war es dann wohl mit der Aufbruchsstimmung 2011 bei Hertha BSC. Im letzten Ligaheimspiel des Jahres gab es ein verdientes 1:2 gegen Schalke 04. 52382 Besucher wurden gezählt, bei einem Hit, den bei entsprechenden Umständen sicher 60000 und mehr hätten sehen wollen. Aber dem ist nicht mehr so.

Man kann es durchaus so sagen: Mit diesem Fußball wird Hertha niemand hinter dem Ofen hervorlocken. Wie ich im letzten Eintrag schon deutlich gemacht habe, zähle ich zu denjenigen, die das Coach Babbel persönlich zuschreiben. Er hat mit seinem Herumeiern wegen der Vertragsverlängerung eine Stimmung geschaffen, die er auch in seiner konkreten Tagesarbeit nicht konterkariert - ich würde von fader Routine sprechen. Die Stichproben auf bessere Möglichkeiten, die in dieser Hinrunde gegeben wurden, interessieren nicht mehr.

Gegen Schalke sah das zum Beispiel so aus, dass Babbel nicht einmal alle drei Wechsel probierte, um vielleicht doch noch den Ausgleich zu schaffen - entsprechend lethargisch schleppte sich das Team über die Ziellinie. Ich habe das Spiel in einem Stream gesehen, mit englischem Kommentar, und die von der Premier League an andere Leidenschaft gewöhnten Fachleute verrieten mit ihrem Vokabular deutlich, was Hertha fehlte: "a bit of magic", "imagination", "prowess", "intensity", all das hätten sie gern gesehen.

Der Mannschaft von Huub Stevens reichten gestern gute Gesamtorganisation, ein Geistesblitz (Raul auf Pukki), und ein paar Szenen mit Flügelspiel (Fuchs), um zwei Tore zu schießen, und damit eines mehr als eine Hertha, die sich bedauernswert wenig Platz schaffen konnte und wollte. Lasogga ("Lassiker" bei den Engländern) war der ärmste Hund, Raffael tat immer noch sein Mögliches, Patrick Ebert zeigte eines seiner besseren Spiele (sein Tausch gegen Torun war mir ein Rätsel), Ramos war wenigstens in einigen Szenen präsent.

Dagegen zeigte Ottl einmal mehr, dass er an der Gesamtsituation desinteressiert ist, er spielt Woche für Woche seinen Stiefel (aus dem er ein, zweimal pro Spiel die Andeutung großen Könnens zaubert), er kennt keinen Rhythmuswechsel, keine Leidenschaft - ich habe ihn satt. Niemeyer ist der limitiertere Fußballer, er stößt nun auch zunehmend an seine Grenzen - zu viel bleibt an ihm hängen.

Bei der Flanke von Fuchs, die zum ersten Gegentreffer führte, deutete Niemeyer mit einer Handbewegung noch an, dass er Kobiashvili zu Huntelaar dirigieren wollte - der kam zu spät, aber es sah da immer noch so aus, als hätte Niemeyer mit ein bisschen mehr "prowess", also "Heldenmut", sich dazwischenwerfen können. Dazu hätte es aber einer jener Bewegungen über das normale Maß an Engagement bedurft, die bei Hertha so rar geworden sind.

Der Ausgleich fiel nach einem Corner von Raffael, der aussah, als hätte man das diese Woche trainiert (was ich für eine gute Idee halte, denn Hertha ist nicht Arsenal, die es sich leisten, dieses Thema sträflich zu ignorieren - nach 179 Eckbällen verhalf ihnen neulich zum ersten Mal wieder einer zu einem Tor!).

Der Siegestreffer für Schalke noch vor der Pause fiel nach einem vertikalen Pass von Raul auf Pukki, der von Mijatovic ("Maijatovitch" in England), Hubnik und Lell umtanzt wurde, am spektakulären Torschuss aber nicht gehindert wurde. Gegentreffer Marke Reus, Marke Derdiyok.

Im Halbzeit zwei konnte Hertha nichts zusetzen, der Trainer wollte nichts riskieren (nur ein Wechsel, der nicht positionsneutral war), das Spiel rann aus. Und so tut es die Saison. Bleibt eigentlich nur noch das Cupspiel, um ein wenig Wiederbelebungsarbeit zu leisten. Wenn er dazu wirklich etwas beitragen will, sollte Babbel sich VORHER erklären. Ich glaube allerdings, dass es dazu schon zu spät ist. Denn es ist mir inzwischen völlig egal, wenn er sich hier als "lame duck" vom Hof stiehlt, aber es stört mich, dass er Hertha dadurch zu Entenhausen macht.

Freitag, Dezember 09, 2011

Stehende Null

Das Heimspiel von Hertha gegen den S04 werde ich mir heute nach Möglichkeit in Nafplion anschauen, auf dem Rückweg nach Athen von einer kurzen Fahrt über die Insel des Pelops (aka Peloponnes). Momentan bin ich in Kardamyli, sitze in einem Internetcafe, und ärgere mich über Coach Babbel.

Denn der Kicker hat in einem aktuellen Bericht deutlich gemacht, dass es für seine patzige Haltung keine anderen als die ganz normalen Gründe gibt: Er will nicht durch Arbeit, sondern durch Ausgaben nach oben kommen.

Dass er in der Branche nach dem Wiederaufstieg und dem Sieg gegen den BVB vor einigen Wochen als irgendwie rehabilitiert, ja für höhere Aufgaben geeignet gilt, lässt ihm nun gleich den Kamm schwellen. Das finde ich mies, denn er wusste, was bei Hertha los ist, und so schlecht ist der aktuelle Kader ja nicht, dass man darin gar keine lohnende Aufgabe sehen könnte.

Wir müssen also von konkreten Angeboten ausgehen, die Babbel vorliegen, und angesichts der Eindeutigkeit seiner derzeitigen Nichtäußerungen kann das nur bedeuten: Hertha stellt ihm nach dem Cupspiel eine Frist bis 23.12. - wenn er bis dann nicht verlängert, wird er freigestellt. Anders kann das nicht laufen für einen Verein, der Planungssicherheit braucht, und der auf einem engen Markt agiert - bei Babbel ist es ja umgekehrt, der Mangel an guten, jungen Trainern lässt selbst seine Aktien steigen.

Was die sachliche Seite des Konflikts angeht, wie der "Kicker" sie andeutet, gebe ich ihm in den Teilen recht, die ich hier schon einmal genauer ausgeführt habe: Hertha braucht für die Defensive zwei profilierte, neue Leute - einen idealerweise beidseitig verwendbaren Fullback, und eine "Säule", einen Typ Simunic (nur wendiger und jung), einen Mann, neben dem Hubnik sich wieder beruhigt, und der auch einen guten Pass nach vorne spielen kann (für den Ottl e.a. ihm aber auch Möglichkeiten anbieten müssen).

Mittelfeld (nahezu unverwendet: Lustenberger) und Angriff (Raffael! Ramos! Lasogga!) sind hingegen brauchbar bis sehr gut besetzt, da sehe ich eher die Notwendigkeit, Djuricin und Schulz allmählich wieder eine Perspektive zu bieten, und vielleicht auch bald Kargbo. Dazu muss Ottl mehr Leidenschaft zeigen (vielleicht findet er sie aber in seinem Inneren nicht), und mit den Berliner Jungs (Ebert, Ben-Hatira, Torun) muss gearbeitet werden.

Wenn Hertha in Zukunft wieder Spiele gewinnen will, und nicht als Remis-Maschine durch die Liga torkeln, muss von hinten heraus konsolidiert, vor allem aber auch beschleunigt werden. Das beginnt bei Thomas Kraft, dessen Leistung bei Ballbesitz sehr verbesserungswürdig ist - Abwürfe, auch weite, sind von allen Mannschaften als chancenöffnend erkannt worden.

Wenn Babbel mit den Möglichkeiten, die sich in Berlin bieten, nicht zufrieden ist, ist er nicht so sehr ein Verräter, als ein schlechter Trainer - denn es gibt hier Potential, und ein viel interessanteres Projekt, als das seltsame Projekt der stehenden Null (Torhunger immer nur so groß wie Konfusion hinten) erkennen lässt, das er hat einreißen lassen. Beim Heimspiel gegen B04 war im Publikum zu erkennen, dass Babbel die Aufbruchsstimmung, die er wesentlich miterzeugt hat, gerade wieder zu verspielen im Begriff ist.

Ich erwarte ein Zeichen von ihm, wenn er das nicht gibt, soll er das Bayern-Gen einpacken (passt locker ins Handgepäck) und das Flugzeug nach Süden besteigen.

Mittwoch, Dezember 07, 2011

Karaiskakis

Gestern war ich in Piräus dabei, als Olimpiacos eine vor allem defensiv schwache zweite Garnitur des Arsenal FC mit 3:1 besiegte. Es war eines der größten Fußball-Erlebnisse, das ich erlebt habe, und zwar nur wegen der Atmosphäre - das Spiel war auch interessant und intensiv, ging daneben aber fast ein wenig unter.

Hier habe ich den Stadionfilm bereitgestellt, der dieses Mal länger als gewohnt ist, und der sich durch einige Lichteffekte auszeichnet, die ich nicht intendiert hatte. Aber das ist eben das Prinzip dieses Genres: es gibt immer nur einen Take, und es lässt sich nicht wirklich planen, was rauskommt. In diesem Fall hatte ich Glück: just, als ich in das Rund trat, kamen die Spieler von Olimpiacos zum Aufwärmen heraus auf das Spielfeld im Karaiskakis-Stadion in Piräus.

Montag, Dezember 05, 2011

Winter des Missvergnügens

Vom Spiel ins Kaiserlautern habe ich folgendermaßen Kenntnis erlangt: Samstagnachmittag zwei Textnachrichten von meinem Bruder, Samstagabend das aktuelle Sportstudio, das sich damit logischerweise nicht allzu lange abgab, Sonntagabend die Aufzeichnung im Clubfernsehen im Netz, und dann noch ein routiniert-nichtssagender Beitrag im RBB-Sportplatz.

Was ich aus dieser dosierten Beschäftigung schließen kann? Hertha hat in der Tabelle einen Platz gewonnen, aber das Momentum der Hinrunde vollständig verloren, und ist gegenwärtig so ziellos wie der Trainer, der mit irgendetwas hinter dem Berg hält (das Sportstudio sprach jedenfalls ganz offen von Abschied - schon zur Winterpause?).

Gegen Kaiserslautern (puuh, sahen die Bilder kalt aus!) fehlte dem Spiel jede Struktur, dabei kann man gegenwärtig manchmal sehen, dass Ottl versucht, ballführende Gegner früher "anzulaufen", also weiter vorn - aber er tut dies sporadisch, und er tut es nicht in Abstimmung mit den anderen. Hertha hat in Kaiserslautern immer noch ausreichend Bälle erobert, um bei halbwegs vorhandener Konzentration locker zu gewinnen - doch es hapert an etwas Grundsätzlichem: Die Mannschaft ist anscheinend so eingestellt, dass sie gar nicht auf Sieg spielen kann - jedenfalls nicht über 90 Minuten und in einer permanenten Initiative.

Das Abwarten ist zu ihren Markenzeichen geworden, ein uninteressantes Markenzeichen in einer sehr offenen Liga, in der die Lage für Hertha schon seit Wochen recht ähnlich ist: mit dem Hamstern einzelner Punkte bleibt der Abstand nach oben (sechs Punkte auf Platz 6) wie nach unten (sechs Punkte zum ersten direkten Abstiegsplatz) fast durchweg konstant. Zählt man das Momentum hinzu, dann ist das eine Platzierung auf Kredit, denn wenn es so weiter geht, ist der Rückfall vorprogrammiert.

Was ist zu tun? Die Sache ist ganz eindeutig: Der Manager muss vom Trainer nicht nur ein klares Wort über seine Absichten einfordern, sondern auch eine Strategie für die nächsten Schritte, die ganz wesentlich mit ein, zwei Wintertransfers zu tun haben müssen - dass es die geben wird, glaube ich aus den Mitschriften der Mitgliederversammlung herausgelesen zu haben. Jetzt ist die Stunde von Preetz, denn der Trainer gibt der Mannschaft derzeit nichts.

Ihn interessiert nicht, welche Gelegenheiten die Gegner geben (Leverkusen lag auf dem Silbertablett), er will immer nur den einen Punkt. Da wir nicht wissen, worauf seine Veränderung der Motivlage zurückzuführen ist (sollte es persönliche Gründe geben, irgendein Problem in der Familie, einen Grund zur Sorge, auch das kann man alles nicht ausschließen?), bleibt von außen nur festzustellen: Die Neugierde auf die erste Liga, die gute Ergebnisse und interessante Ansätze brachte, ist verschleudert.

Jetzt regiert ödester Pragmatismus, und der geht vom Trainer aus. Es braucht ein Zeichen von ihm - ein Zeichen des Engagements. Sonst wird Kaiserslautern sich schön bedanken in einem Spiel in zwei Wochen, in dem es nicht mehr darum gehen kann, einen Punkt zu ermauern.

Montag, November 28, 2011

Augenhöhenkoller

Coach Babbel hat nach dem 3:3 gegen Leverkusen am Samstag zu erkennen gegeben, dass er das Spiel gar nicht gewinnen wollte. Der Werksclub und CL-Teilnehmer befindet sich mit Hertha BSC nämlich nicht auf Augenhöhe. Das klang vor wenigen Wochen noch ganz anders, als er den BVB durchaus im Beuteschema eines Außenseiterclubs sah, der in dieser Saison mehrfach angedeutet hat, dass mehr drinnen wäre als die 18 Punkte, mit denen Hertha am Tag der Mitgliederversammlung allenfalls sagen kann, im Plan zu sein.

Leverkusen war am Samstag eminent schlagbar, zumindest sechzig Minuten lang, von denen Hertha allerdings mehr als vierzig ohne letzte Hingabe verstreichen ließ. So geriet das Spiel sogar noch auf die Kippe, nur ein Treffer von Lasogga nach Querpass des engagierten Kobiashvili sorgte noch für ein brauchbares Remis, mit dem genau genommen aber alle unzufrieden sein mussten.

"Ich denke, dass es wieder zwei verlorene Punkte waren", äußerte Andreas Ottl anschließend, und das "wieder" verrät den Routinier der verpassten Möglichkeiten. Dabei deutete der Mittelfeldmann erstmals mehrfach an, dass er für Raffael eigentlich einen kongenialen Partner abgeben könnte, wenn er sich nur öfter als dreimal pro Spiel aus seiner diskreten Funktionalität herauswagen würde.

Die Koproduktion Ottl-Raffael-Lasogga beim frühen Führungstreffer hatte echte Qualität (Raffaels Lauf, Ottls Auge und Timing, Lasoggas Wissen, "wo das Tor steht"), das wird aber dadurch negativ aufgewogen, wie Sam viel später beim Stand von 2:2 ungehindert durch ein von Lustenberger eigentlich zusätzlich verstärktes Mittelfeld laufen konnte (ganz so wie Reus neulich auch), um dann Derdiyok dessen dritten Treffer zu ermöglichen.

Mijatovic sah bei allen Toren schlecht aus, er ist deutlich ein Mannschaftsführer auf Abruf, aber es war die generelle Haltung, mit der Hertha nach früher 2:0-Führung den Rest des Spiels (ausgenommen das hektische Finale) betrieb, die dazu zwingt, von einem gewonnenen und nicht von zwei verlorenen Punkten zu sprechen.

Für einen Sieg wäre nämlich ein anderes Spiel notwendig gewesen, ein leidenschaftlicheres, im Kollektiv besser funktionierendes - und vermutlich wäre es auch ein besseres Zeichen von Coach Babbel gewesen, zuerst Ramos und dann erst Lustenberger einzuwechseln. In der Kombination dieser unmittelbar hintereinander folgenden Ereignisse (defensive Massierung - Gegentreffer - später Offensivwechsel - schneller Ausgleich) war zwar keine innere Kausalität zu erkennen, aber eine symbolische Logik: Agieren ist besser als verwalten, und damit hat die Reaktionsmannschaft Hertha so ihre Probleme.

Das wird wohl auch so bleiben, solange Babbel nicht zu erkennen gibt, ob er sich überhaupt für die Entwicklung der Mannschaft über den momentanen vagen Status Quo hinaus interessiert. Solange er hartnäckig und wider jede Fußballerfahrung daran festhält, dass Hertha nur Gegner auf Augenhöhe wirklich fordern darf, ist er ohnehin nicht der geeignete Mann.

Dienstag, November 22, 2011

Carrow Road

Morgen möchte ich aus Anlass des Spiels zwischen Arsenal und Borussia Dortmund ein paar Eindrücke von meiner Fahrt nach Norwich am vergangenen Wochenende geben, hier aber schon einmal das traditionelle Stadionvideo, das ich hier leider nicht einbetten kann (weil Blogger da nicht gerade die besten technischen Optionen bietet), sondern nur als Link anbiete: Carrow Road. Auf Vimeo werde ich allmählich ein Archiv der früheren Stadionfilme anlegen, da gibt es seit dem Besuch in der Allarena vor ein paar Jahren, als Simon diese Tradition etablierte, nämlich schon eine ganze Menge, die zusammenzusuchen doch ein prima Projekt für die Tage zwischen den Jahren ist.

Montag, November 21, 2011

Fadenwurm

Vor ungefähr zehn Monaten war ich in Vélizy in der Nähe von Paris in einen Großeinkauf verwickelt, während ich laufend Textnachrichten von meinem Bruder, dem Wiener, bekam. Arsenal führte damals zur Pause in Newcastle mit 4:0, eine Stunde später bekam ich das kaum zu glaubende Endergebnis: 4:4.

Vorgestern war ich auch wieder auf Informationen aus Wien angewiesen, weil ich in Norwich war (dazu demnächst mehr), und so erfuhr ich, dass Hertha in Freiburg eine halbe Portion des damaligen (wie sich erwies: folgenreichen) Arsenal-Desasters geliefert hat: 2:2 nach 2:0 zur Pause, zwei verlorene Punkte, oder vielleicht doch ein gewonnener nach mehr als durchwachsener Leistung?

Ich habe das Spiel auf Hertha TV nachgeholt, und gewinne nach 13 von 17 Spielen in der Hinrunde den Eindruck, dass man in Berlin irgendwo unterwegs in diesem Herbst versäumt hat, der Saison eine neue, interessantere Definition zu geben. Denn Hertha steht jetzt wieder dort, wo sie schon so oft stand: Sie weiß wieder einmal nicht, wo sie steht.

Die positive Überraschung war doch, dass da ganz offensichtlich sogar mit diesem limitierten Kader angesichts einiger Hochbegabter ein wenig mehr möglich sein könnte, als nur Abstiegskampf. Offensichtlich ließ man aber einer nach außen hin sehr angebrachten Rhetorik der Selbstbescheidung auch nach innen eine Strategie der Selbstbeschränkung folgen, denn die Signatur der letzten Spiele ist doch insgesamt eine der Passivität - und auch der nicht genützten Chancen.

In Freiburg traf Hertha auf einen stark verunsicherten Abstiegskandidaten, dem sie aber in keiner Minute ein Spiel aufzuzwingen versuchte. Es war im Gegenteil ein unstrukturiertes Hin und Her zweier eher planloser Teams, bei dem die Berliner Basics in der ersten Halbzeit ein wenig besser funktionierten: Balleroberung, ein, zwei schnelle Zuspiele in die Spitze, eines davon führte in einer Koproduktion der beiden Berliner Topspieler Raffael (Pass) und Ramos (Lauf und Abschluss, fast eine Kopie des Tors gegen Gladbach) zum Führungstreffer in der 20. Minute.

Vor der Pause fiel nach einem so wohl eher nicht einstudierten Freistoß"trick" noch das 2:0 durch Niemeyer. All das veranlasste Thomas Kraft später, von einem "guten Faden" in den ersten 45 Minuten zu sprechen. Es war aber da schon der Wurm drin. Nach der Pause brachte der Freiburger Trainer Sorg den Offensivspieler Reisinger, über den er zu Recht anschließend sagte: "Er kann ein ganzes Stadion mitreißen." (Wer kann das eigentlich in Berlin?)

Coach Babbel brachte wenig später Lustenberger für Lasogga, und schickte Raffael auf die von Freiburg strategisch entblößte linke Berliner Offensivseite. Die symptomatische Szene des Spiels sah ich um Minute 55, als Kobiashvili an der eigenen Grundlinie Reisinger aussteigen ließ, dann mit dem Ball gut zwanzig Meter ging, das allerdings so inkonsequent und fadenscheinig, dass Reisinger sich den Ball an der Outlinie zurückholen konnte, zu großem Hallo des Freiburger Anhangs.

Diese Zerstreutheit des Berliner Spiels war ein generelles Charakteristikum. Sie war auch zu bemerken, als Flum nach einer Stunde zentral vor dem Berliner Sechzehner in aller Ruhe umständlich einen Seitenwechsel auf Reisinger ansetzen konnte, auf den dieser mit einem gewonnenen Zweikampf und einem satten Schuss in das lange Eck reagierte. Das war der Anschlusstreffer, auf den eine "abartige Energieleistung" (Marcus Sorg) des SC Freiburg folgte, die mit einem Treffer tief in der langen Nachspielzeit belohnt wurde.

Ich will gar nicht wissen (weiß es aber aus guten Berichten von Auswärtsfahrern), wie sich das vor Ort live angefühlt haben muss. Der Berliner Coach ließ es sich anschließend nicht nehmen, auch dieses Spiel "sachlich zu begutachten". Seine Einschätzung, er habe "zwei überragende Torhüter gesehen", muss im Falle von Thomas Kraft immerhin dadurch relativiert werden, dass der Berliner Schlussmann die Probleme in der Spieleröffnung inzwischen sehr weit nach hinten verlegt hat - sie beginnen nämlich häufig schon bei ihm, an seiner Verunsicherung im Spiel mit dem Fuß und generell an seinem Mitspielen wird zu arbeiten sein. Ich hätte gern gehört, was Christian Fiedler beim Verlassen des Badenova-Stadion zu ihm gesagt aus, der Gesichtsausdruck war jedenfalls streng.

Vier Spiele stehen noch aus bis Weihnachten, wenn daraus noch vier Punkte erwachsen sollten, könnte Hertha offiziell zufrieden sein - im Moment aber verdichten sich für meine Begriffe die Indizien dafür, dass Hertha nicht genau weiß, wo sie hingehört. Die Antwort darauf muss der Trainer geben, der gerade so wirkt, als könnte er vor lauter Sachlichkeit den Funken Leidenschaft nicht erzeugen, der seiner Mannschaft eindeutig fehlt.

Freitag, November 18, 2011

Kanarienvogerln

Dieses Logbuch war nun eine Weile verwaist, zu viel war zu tun, zu viele interessante Dinge, um mich in einer Länderspielpause unbeirrt ausführlicher mit den Alltäglichkeiten von Hertha zu befassen.

In der Sache der Vertragsverlängerung von Coach Babbel merke ich bei genauerer Überlegung, dass ich da durchaus ambivalent bin, mich also ein wenig zum vernünftigen Standpunkt motivieren muss: Ich weiß, dass er im Moment der beste Trainer für Hertha ist, und dass er auf jeden Fall weiterarbeiten sollte. Aber ich merke auch, dass mir die letzte Begeisterung fehlt, weil ich den Eindruck habe, dass er in den entscheidenden Bereichen des Spiels, dort, wo es um "die Wurst" geht, mit seiner gelebten Distanz manches Potential ungenützt lässt.

Ein Trainer sollte nie den Eindruck erwecken, dass er im Geist anderswo ist, bei Babbel kann man diesen Eindruck manchmal durchaus haben. Ich gehe aber davon aus, dass bei der Mitgliederversammlung eine Vertragsverlängerung um ein Jahr bekanntgegeben werden wird, alles Weitere wird sich weisen.

Hertha fährt an diesem Wochenende nach Freiburg, ich fahre nach England. Kann das Spiel also erst Sonntag im Netz anschauen. Neulich war ein Freund da, mit dem ich Gladbachs Auftritt im Breisgau gesehen habe, das Spiel müsste Hertha eine Warnung sein: Freiburg traf eher zufällig zum 1:0, und spielte dann mit tiefem Stand wie die Heim-Hertha den knappen Sieg nach Hause.

Ich mache an diesem Wochenende eine literarisch inspirierte Reise. Arsenal spielt gegen die heuer wieder einmal in die EPL aufgestiegenen "Canaries" in Norwich, eine Stadt, in die ich immer schon einmal wollte, seit ich die Bücher von W.G.Sebald gelesen habe. Es wird ein kurzer Ausflug, bei dem ich auch noch in London Station machen werde, um mir eine Ausstellung von Tacita Dean anzuschauen. Thema: Film.

In den nächsten Wochen wird Fußball dann wieder stärker ins Zentrum rücken, und eine Karte für das Pokalspiel vor Weihnachten habe ich natürlich auch längst. Das soll dann für manches Hertha-Match entschädigen, das ich in diesem Jahr nur in einer Aufzeichnung sehen kann.

Sonntag, November 06, 2011

Unachtsamkeiten

Pünktlich bin ich gestern in den schönen Berliner Herbst zurückgekommen, um am Nachmittag in aller Ruhe ins Stadion zu fahren, wo Borussia Mönchengladbach zu Gast war. Das ist eine Begegnung, bei der eine klassische Bundesligamannschaft gegen einen Berliner Verein antritt, der an diesem Tag dann immer wieder daran erinnert wird, dass es hier unrühmlichere Traditionsbrüche gab als nur die schweren Zeiten, die Gladbach seit den siebziger Jahren mehrfach durchzumachen hatte.

Aber Hertha vermittelt ja auch sehr gut das Gefühl eines neuen Neubeginns nach dem Jahr in Liga zwee und dem Wiederaufstieg, und die Borussia hat im Vorjahr gerade noch eine ganze Spielzeit im Sauerstoffzelt zugebracht, aus dem sie in diesem Jahr dann allerdings mehr als gestärkt entlassen wurde.

Zudem hat sie nun den Trainer, auf den Hertha einst große Stücke setzte, die er hier dann doch nicht erfüllen konnte. Lucien Favre hat die Pause sichtlich gut getan, er schickt sich gerade an, den Coup mit Hertha aus dem Jahr 2008/9 zu wiederholen - die Parallelen zu der Gladbach-Geschichte in diesem Herbst sind unübersehbar.

Im Olympiastadion bei idealen Bedingungen war es dann aber Hertha, die das Spiel bestimmte. Eine halbe Stunde lang hatte Gladbach kaum etwas zu vermelden, ein Ball, den Dante in der 26. Minute ins Toraus vergeudete, war symptomatisch für die Ratlosigkeit der Borussia, die da schon durch einen Treffer von Ramos (Ottl gewinnt ein Kopfballduell, der Ball kommt zur Raffael, der schiebt perfekt auf den clever laufenden Kolumbianer, der Ter Stegen diagonal tunnelt) in Führung lag.

In Minute 32 muss Hertha sich schon ein wenig zu sehr in Sicherheit gewiegt haben, denn da gab es eine Situation, in der mehrfach die Antizipation fehlte: der Ball kam zu Hermann, und während eine ganze Reihe von Spielern sich noch zu orientieren versuchen, läuft Reus schon los, gibt Hermann so die Möglichkeit, Lauf und Pass genau zu justieren, während Maik Franz sich immer noch auf den Ball orientiert, und Reus nicht ernst genug nimmt.

So entsteht fast eine Kopie des Ramos-Treffers, mit dem Unterschied, dass dieser viel schwerer zu verteidigen war, weil er auf einer Balleroberung beruhte, während Gladbach beim Ausgleich eine klassische Spieleröffnung genügte, um die Hertha-Defensive zu überwinden. Es war die Szene, die das ganze Spiel kippen ließ, denn danach fand das Team von Coach Babbel nie mehr jene Initiative, die es die erste halbe Stunde gezeigt hatte.

Franz rächte sich an Reus mit einem üblen Foul, sah dafür nicht einmal gelb, in der zweiten Halbzeit legte der blonde Borussen-Genius noch den Siegestreffer nach, nachdem Mijatovic einen Kopfball vermasselte, der die ganze Defensive ins Chaos stürzte - das war dann "ein Fehler zu viel", wie Niemeyer das später in einem Interview formulierte.

Hertha spielte die letzte halbe Stunde gegen einen Rückstand an, den Borussia dann mit einer souverän hohen Linie und beständigem Pressing gegen die zunehmend verlegener werdenden Mijatovic und Franz verwaltete. Coach Babbel tat der Sache auch keinen Dienst, indem er Lasogga aus dem Spiel nahm und den wirkungslosen Torun brachte. In der 83. Minute opferte er sogar Ottl, der wie immer gar nicht schlecht gespielt hatte, aber nichts zusetzen konnte oder wollte, als es darauf ankam.

Für meine Begriffe war das eines dieser typischen Fußballergebnisse, die keineswegs zwingend zustandekommen, aber doch etwas Bedeutsames zeigen. Die Borussia war nicht eigentlich besser, aber auf längere Sicht des Spiels das integriertere Team, während Hertha zunehmend Schwierigkeiten hatte, den Ball nach vorne zu bringen.

Ich hätte so gewechselt: Ebert für Rukavytsya (wie Babbel auch) um die volle Stunde, um die 70. entweder Ben-Hatira oder aber Lustenberger für Ottl. Lasogga hätte ich weiterspielen lassen, solange er irgendwie Luft hatte, denn er ist derjenige, der manchmal aus Situationen etwas herausholt, in denen gar nichts drinnen zu sein scheint. Wie auch Marco Reus, der gestern eine Gelegenheit sah, die noch gar nicht bestand - und sie so hervorzauberte. Hertha unterlag also einem Magier, und das ist vielleicht gar nicht so schlecht, denn mit 19 Punkten wären wohl die Illusionen zurückgekehrt. Dass es aber nicht einmal zu einem Remis reichte, tat dann doch ein bisschen weh.

Sonntag, Oktober 30, 2011

Hochbrandgefahr

Es war ein denkwürdiger Nachmittag gestern in der Sportbar im Marriott an der Wiener Ringstraße: Arsenal und Hertha spielten auswärts, es gab zwei Siege, Torverhältnis 8:5. Chelsea und Wolfsburg waren die betropetzten Mannschaften.

Für die "gefühlten 10000 Hertha Fans", die selbst zum ICE-Derby gefahren sind, muss es ein großer Nachmittag gewesen sein. Sie sahen ein Spiel, das ich mir erst heute morgen zu Gemüte führen konnte, nun schon mit etwas kälterem Blut. Da war es dann nicht mehr ganz so eindeutig jenes tolle, abwechslungsreiche Spiel, von dem der Sky-Konferencier immer wieder gesprochen hatte. Es gab auch eine Menge Konfusion, vor allem auf Wolfsburger Seite.

Fünf Tore fielen, bei vieren war der Sender während der Konferenz gerade nicht auf Sendung, und in allen vier Fällen konnten wir aufgrund der Tonlage beim Schrei schon erkennen, was jeweils los war. Was also war los gewesen? Hertha hat einen VfL Wolfsburg, von dem ich nicht ganz sehen konnte, warum Felix Magath da irgendwas von CL und irgendwann Meister reden kann, kalt erwischt.

Das lag wirklich zu einem bedeutenden Teil an der Formation, für die Coach Babbel sich entschied: Ebert und Ben-Hatira nicht im Kader, Ramos und Rukavytsya auf den Flügeln, Lasogga vorn, und Raffael überall; zudem Franz statt Hubnik, das aber hatte seinen Grund in einer Verletzung des Tschechen.

Bester Mann bei Hertha war für mich Lasogga, der einmal mehr zeigte, dass er nicht einfach nur "Wuchtbrumme" (SZ e.a.) ist, sondern das Zeug zu einem kompletten Paradestürmer hat: er erobert Bälle, er spielt perfekt mit (direkte Weiterleitung auf Raffael vor dem ersten Tor), er läuft hervorragend (zum Beispiel vor dem Elfmeterfoul, aber natürlich auch vor dem entscheidenden Treffer). Pressing, Passing, Running, Scoring - so kann man "on fire" sein, wie Arsène Wenger dies am selben Nachmittag über den großen Robin van Persie (Hattrick gegen Chelsea) sagte.

Bei Coach Babbel war die Formulierung ähnlich, aber sie bezog sich auf die ganze Mannschaft, die immer wieder "hochbrandgefährlich" war, mit dem großen Brandbeschleuniger Raffael, mit dem immer wieder selbstlosen Ramos, und dem Pfitschipfeil aus Australukrainien, Nikita Rukavytsya. Mit dem dieses Mal deutlich vertikaler, also auch riskanter abspielenden Ottl - dass der Ball auch manchmal zum Gegner ging, war im Dienste der gewonnenen Dynamik zu verkraften. Und mit Niemeyer, der nach dem Ausgleich durch Schäfer fünf Minuten vor dem Ende Ramos losschickte, woraus der Siegestreffer entstand.

Hertha hat mit diesen wegweisenden Sieg drei Punkte zwischen sich und Wolfsburg gebracht, das bedeutet die Tabelleführung in der unteren Hälfte. Die vier Verlusttore im München sind schon wieder aus der Bilanz gespielt, ein Sieg gegen Gladbach würde auch eine positive Tordifferenz bedeuten - etwas, was Hertha auch in besseren Tagen nicht allzu oft hatte.

Das Spiel gegen Gladbach wird schwer genug, die Räume, die es bei den Wölfen gab, hält Lucien Favre mit seiner Mannschaft konsequent besetzt. Da wird es darauf ankommen, Geduld und Trägheit nicht durcheinanderzubringen. Ich habe meinen Flug eigens so gebucht, dass ich da auch wieder live dabei sein kann.

Freitag, Oktober 28, 2011

Hafenstraße

Der Fußballverein Rot-Weiss Essen ist nach eigenen Angaben "schützenswertes Kulturgut seit 1907". Dazu zählt auf jeden Fall auch das Stadion, das vielen nach auswärts zur zwoten Runde des DFB-Pokals gefahrenen Hertha-Anhängern sehr gut gefallen hat.

Ein ohne spielerische Brillanz letztlich ungefährdeter 3:0-Sieg war das Ergebnis, damit ist Hertha unter den letzten 16 und damit in einem Club, in dem nicht mehr viele Viertligisten verblieben sind (den einzigen, um genau zu sein, gab Coach Babbel als Wunschgegner für die nächste Runde an: Holstein Kiel).

Das Spiel in Essen habe ich nicht gesehen, weil ich gerade in Wien beim Filmfestival bin. Gut fand ich auf jeden Fall die Aufstellung, man kann da, glaube ich, ein wenig von dem Charakterkopf Markus Babbel erkennen: Einerseits gibt er den Pokalsieg als Saisonziel aus, andererseits rotiert er für das Pokalmatch eine Menge "zweiter" Kräfte in die Mannschaft (Burchert, Neumann, Janker, ...) und dokumentiert damit im Handstreich sein Vertrauen, ohne extrem viel damit riskieren zu müssen.

Dass er dann auch noch Lustenberger zum Kapitän machte, ist fast schon ein wenig Übermut, denn da hätte er auch Hubnik nehmen können, oder Niemeyer. Nun habe ich mir gerade die PK vor dem Spiel gegen Wolfsburg angesehen, das ich morgen wohl allenfalls in der Konferenz erwischen werde. Und da gab es ausdrücklich eine Frage zu den drei "Sechsern", in deren Beantwortung Babbel dann doch erkennen ließ, dass er die Sache ein wenig verzerrt sieht. Für ihn ist nämlich "der Andi" (also Ottl) zuständig für die "Kreativität", während er in Niemeyer und "Lusti" eher "Abräumer" sieht. Immerhin konzediert er Lustenberger, dass er ein Auge für Situationen hat (vor denen Ottl ja doch die seinen häufig verschließt).

Mal sehen, wie Babbel das morgen löst. Ich denke, dass es auf Ottl & Niemeyer hinauslaufen wird. Revirements sind am ehesten auf den Flügeln zu erwarten, wo zuletzt ein wenig Konzentrationsmängel zu verzeichnen waren, um nicht zu sagen: Schlendrian.

Am Rande noch eine Bemerkung zu Hertha TV: Ich kann jetzt in Österreich auch das Angebot sehen (bis vor einiger Zeit war außerhalb Deutschlands nichts zu machen), wie es im weiteren internationalen Raum ist, weiß ich nicht. Vom Pokalspiel gibt es leider nur 90 Sekunden Highlights. Wünschenswert wäre im Grunde, dass Hertha TV zu einem vollständigen Pflichtspielarchiv wird, wie es für mich zum Beispiel der Arsenal Player ist, wo ich wirklich jedes Spiel von Arsenal aus den letzten sieben, acht Jahren, seit Einführung von Arsenal TV eben, finden kann. Aber insgesamt ist bei Hertha TV doch eine Professionalisierung zu verzeichnen - das Angebot ist "auf einem guten Weg". Demnächst werde ich mich damit noch einmal gründlicher beschäftigen, hoffentlich muss ich meine Einschätzung dann nicht zurücknehmen.

Sonntag, Oktober 23, 2011

Trottreaktion

Das torlose Remis zwischen Hertha und dem FSV Mainz 05 war das langweiligste Heimspiel, an das ich mich erinnern kann - und ich habe viele Spiele gesehen, in denen Niko Kovac versucht hat, den Rhythmus zu "bestimmen". Dass Coach Babbel hinterher sogar noch eine Art Lob an die Mannschaft aussprach, dafür, dass sie einen Punkt geholt hat, mutet merkwürdig an.

Es deutet aber darauf hin, dass er vielleicht gar kein Problem sieht, wo 47.000 Zuschauer doch recht eindeutig eines zu bemerken meinten. Den Umstand, dass Lustenberger statt Niemeyer in der Startelf auftauchte, begründete Babbel eher mit körperlichen als mit taktischen Umständen (Niemeyer hatte während der Woche wegen Rückenbeschwerden nicht ständig trainieren können). Der Schweizer konnte nicht wirklich viel aus seiner Chance machen, das lag aber auch an der generellen Spielanlage.

Hertha hat ein Problem, das Spiel zu machen. Dieser Sachverhalt hat sich inzwischen herumgesprochen, aber es wird selten genauer gefragt, woran das denn liegt. Gegen Mainz war ein wesentlicher Grund sehr deutlich zu erkennen: Wenn man gegen einen gut disponierten Gegner erst zwanzig Meter in der eigenen Hälfte mit einer sehr nachlässigen Balleroberung beginnt, dann hat man, wenn man ihn dann einmal bekommt, den Ball, zuviel zu machendes Spiel vor sich, als dass sich da viel machen ließe an einem Tag, an dem die Flügelspieler defensiv stark beansprucht waren, an dem Ramos eher zerstreut wirkte (das kennt man ja von ihm, ab und zu), und Raffael, laufstärkster Herthaner, zwischen den Mühlsteinen zerrieben wurde.

Der Konter ist der Spielzug, der das Spiel in der Regel so beschleunigt, dass man es nicht mehr "machen" muss - der Konter ist eher ein Würfelwurf, ab und zu passt es eben. Deswegen versteht Hertha sich als Kontermannschaft, was aber eben nur manchmal funktioniert, und selten gegen Teams, die auf "Augenhöhe" operieren.

Hertha wäre also zumindest in Heimspielen eigentlich gut beraten, viel weiter vorn die erste Linie zu machen, insgesamt eine "higher line" zu spielen, zumindest gegen Mannschaften, gegen die man sich eigentlich nicht verstecken sollte. Gegen die "höhere Linie" spricht natürlich die Schnelligkeit wesentlicher Defensivspieler: Mijatovic und Kobiashvili zwingen geradezu zu einem "tiefen Stand".

Das sind Systemfragen, die eigentlich zwischen Babbel und Preetz schon intensiv diskutiert werden müssten, denn sie betreffen wesentlich die nächsten Zukäufe. Doch der Coach will sich ja noch nicht einmal über die Saison hinaus festlegen.

Der einzige Herthaner, den der Stadionsprecher zweimal hervorheben konnte, war Thomas Kraft. Der Keeper fand hinterher auch bezeichnende Worte: Er sprach von einem "Trott", in das Hertha-Spiel verfallen war, und aus dem die Mannschaft nicht mehr hinausfand. In der Regel obliegt es dem Trainer, in einer solchen Situation einzugreifen, zum Beispiel durch einen systemischen und nicht nur durch einen positionell identischen Wechsel: Doch Babbel blieb auch im "Trott", er brachte Torun für Ben-Hatira, Lasogga für Ramos und schließlich (nachdem Mijatovic Lustenberger am Kopf getroffen hatte) auch noch Niemeyer, der zumindest noch eine leichte Belebung brachte.

Eine Variante für Heimspiele, in der Raffael neben (grummel, grummel) Ottl einen ballerobernden Offensivsechser spielen könnte, scheint Babbel ja im Moment nicht in Erwägung zu ziehen. Der Münchner in Berlin überzeugt an guten Tagen durch eine gesunde Distanz, an weniger guten Tagen oder gar an einem wie gestern gibt er eher Rätsel auf, und so kommt ein Spiel zum schnellen Vergessen zustande. Am Ende war sogar das Pfeifkonzert schwach.

Samstag, Oktober 22, 2011

Blockbildung

Nicht nur wegen des Besuchs von Malik Fathi (hier ein Bild von seinerzeit, tolle Jerseys hatte Hertha damals, aber das außertourliche Clubemblem mochten die Fans nicht) ist das Heimspiel gegen Mainz die bisher interessanteste Begegnung dieser Saison. Das "Bonusspiel" gegen den FCB, das mit einem empfindlichen Malus endete, nachdem von vornherein eine Niederlage "einkalkuliert" gewesen war, lag ja genau auf dem Scheitelpunkt, davor gab es acht, danach gibt es acht.

Und es reicht ein Blick auf die Tabelle, um zu erkennen, dass nach wie vor in beide Richtungen eine Menge möglich ist. Der designierte Wiederabsteiger Augsburg will sich mit der allgemeinen Auffassung nicht abfinden und hat gestern gegen Bremen einen weiteren Punkt geholt - macht nun also vier Punkte Differenz zu Hertha, während der BVB heute morgen auf Platz 4 auch vier Punkte entfernt ist.

Um 15.30 ist das Team von Hertha also dazu aufgerufen, sich selbst eine Richtung zu weisen, und dies gegen den wohl angeschlagensten Gegner, der im Moment denkbar ist. Mainz werde nicht "mit breiter Brust" anreisen, ließ Coach Babbel verlauten, eine Aussage, die ich für unglücklich halte, es sei denn, Hertha macht das eigene Spiel vom Brustumfang des Gegners unabhängig.

Das ist bisher noch selten gelungen, beim Sieg gegen Köln konnte man von seriöser Opposition ja nicht sprechen. Vereinzelt ist diese Woche auch ein Debatterl über die Defensive zu orten gewesen: Soll Franz (statt Mijatovic?) eine Chance bekommen? Ich glaube nicht, dass der Coach das ernsthaft in Erwägung zieht, und ich hielte es auch für falsch. Denn das würde bedeuten, dass man das Bayern-Spiel, bei dem niemand gut aussah, dann doch ernster nimmt, als es live genommen wurde.

Der Sechserblock bildet nun einmal ein konstitutives Moment von Hertha in diesem Herbst, und es wird darauf ankommen, mit den Schwächen und Stärken dieses Verbunds zu arbeiten. Vor diesem Hintergrund erscheint mir dann doch die Frage des innermannschaftlichen Standings von Mijatovic im Moment wichtiger als seine Zweikampfbilanz - ohnehin zeichnet sich bei bisher vier gelben Karten eine Zwangspause ab, dann wird Franz zeigen können, ob er das Spiel von Hertha von hinten heraus ein wenig elastischer gestalten kann.

Im übrigen bleibe ich dabei, dass Ottl zu seinen bisher gezeigten Vorzügen (Ruhe, Ordnung) noch weitere hinzufügen könnte, ohne deswegen gleich in den Verdacht des Führungsspielers zu geraten. Die Abstimmung mit Niemeyer bleibt im Wortsinn das zentrale Thema von Hertha, die heute gegen Mainz hoffentlich als eine Mannschaft und nicht als interessante Kombination zweier sehr unterschiedlich ausgerichteter Blöcke auftreten wird.

Sonntag, Oktober 16, 2011

Blumenkinder

Sieben Minuten haben gereicht, um den einzigen denkbaren Matchplan von Hertha beim FCB locker durchzustreichen. Es ist eine faszinierende Übung, sich diese sieben Minuten noch einmal in allen Details anzusehen, wie das heute ja möglich ist auf Hertha TV, wo man das Bild anhalten kann, wo man an den Ursprung von Szenen zurückgehen kann, und wo man schon für diese sieben Minuten so viele Kleinigkeiten entdeckt, die in ihrer Summe dann eben eine eindeutige Niederlage ergeben.

Ich musste die sieben Minuten auch deswegen nachholen, weil ich ganz zu Beginn noch in England war, bei Liverpool gegen Manchester United (1:1) - als ich dann umschaltete, stand es schon 1:0 für Bayern, und ich kam gerade zurecht, um Ribéry das 2:0 schießen zu sehen.

Eine Szene, die ich auch erst später sah, und die ich für wichtig halte, gab es allerdings schon vor dem Spiel: Blumen für Kraft, Lell und Ottl. Die waren sicher gut und nett gemeint, aber sie stehen nun einmal dafür, dass jemand nicht gut genug war, und deswegen beim finanzschwachen Hauptstadtclub anheuern musste. Abgesehen von einigen guten Szenen von Kraft konnte dann auch keiner der drei nachweisen, dass es mit dem Bajuwaren-Gen etwas auf sich hat - ich für meinen Teil werde diesen Begriff nun auch endgültig aus dem Verkehr ziehen.

Nun zu den Feinheiten. Bevor es mit der Bayern-Dominanz losging, hatte Hertha sogar noch den Ansatz einer jener Konterchancen, auf die Coach Babbel wohl den Matchplan gebaut hatte. Raffael war unterwegs, Ben-Hatira lief sich dann aber fest.

Kurz darauf gab Jerome Boateng eine Generalprobe für das, was später zum 2:0 führte: Er versetzte ÄBH und Kobiashvili, und war auf der Position, auf der Falko Götz ihn in den Erstligafußball einführte, tatsächlich Topklasse.

Der Führungstreffer für Bayern hatte auf Berliner Seite fünfeinhalb Protagonisten: Kobiashvili unterbricht durch einen technischen Fehler eine offensive Hertha-Situation, Bayern schaltet sofort nach links um, wo Ribéry mit dem Ball nach vorne läuft. Ottl (aus den Statistiken wissen wir um seine Sprintaversion) läuft mit, eher nach Schema als nach Situation (der halbe Herthaner wäre hier Lell, auf den Ottl wohl gehofft hatte, der sich aber auf Ottl verlässt), wodurch Ribéry einen angesichts der absoluten Berliner Überzahl prinzipiell nicht gefährlichen Pass auf dem zentralen Gomez spielt.

Mijatovic geht aus der Kette heraus und in den Zweikampf mit Gomez, den er verliert, wodurch Hubnik als Absicherer gefordert wird, der sich aber von der in diesem Moment ja immer noch nicht eindeutig gefährlichen Situation überrumpeln lässt. Gomez schießt gegen die Laufrichtung des Spielzugs, und Kraft stolpert und streckt sich dem Ball hinterher. Mit zwei Mann hat der FCB das gegen die außer Kobiashvili vollzählige Berliner Defensive erledigt.

Dem 0:2 ging eine interessante Geste von ÄBH voraus. Er wollte Niemeyer ein Stück intensiver in die Balleroberung einbeziehen, der blieb aber hinten am Sechzehner. In die Entstehungsgeschichte mischt sich denn auch ein wenig Pech, denn tatsächlich fängt Ben-Hatira einen Querpass ab, kann den Ball aber nicht so kontrollieren, dass er ihn behält. Er fehlt nun hinten links, wo Niemeyer und Kobiashvili sich von Boateng vorführen lassen, und der zu diesem Zeitpunkt schon deutlich dekomponierte Lell geht nicht mit der gebotenen Aggression auf den Querpass, in den hinein ihn Ribéry von hinten überläuft.

Damit war die Sache im Grunde gelaufen, auch beim 0:3 fiel das Tor aus einer bei mehr individueller Qualität beherrschbaren Situation. Es fehlte insgesamt an Aggression, Antizipation und Agilität. Hertha bekam das vor Augen geführt, was Coach Babbel und Manager Preetz ohnehin wissen (müssen): Für die Mission dieser Saison dürfte die Qualität des Defensivblocks wohl reichen, insgesamt aber sind hier Verbesserungen personeller Art dringlich angeraten.

Für Mijatovic und Kobiashvili (ich wiederhole mich) müssen spätestens im kommenden Sommer neue Spieler verpflichtet werden, und auch die rechte Außenposition und das zentrale Mittelfeld müssen keine Tabuzonen bei Transfers sein. Ich fürchte nur, dass Babbel doch einen blinden Fleck hat, was "die Münchner" anlangt. Sie bekamen übrigens Extra-Heimaturlaub (ob das Kraft auch betrifft, der ja keiner ist, blieb unklar) - ich bin ja nun wirklich kein Disziplinfanatiker, aber das halte ich für das falsche Zeichen nach dieser Niederlage.

Wenn der FCB zum Rückspiel nach Berlin kommt, hoffe ich auf eine andere Einstellung - und vielleicht auch schon auf den einen oder anderen Spieler. Detail am Rande: Alfredo Morales gefiel mir in seiner, insgesamt natürlich belanglosen halben Stunde gut, Lustenberger hingegen fiel durch einen schlimmen Pass auf - daraus muss man keine großen Schlüsse ziehen, aber so ist nun einmal die Lage: Konkurrenz für Lell, Ottl, Niemeyer ist wünschenswert, solange Kobiashvili und Mijatovic gewissermaßen sakrosankt sind.

Samstag, Oktober 15, 2011

Easy Riders

Diese Woche habe ich einige Hinweise darauf bekommen, was es mit dem sogenannten "Bayern-Gen" auf sich hat. Zuerst hat eine Berliner Boulevardzeitung uns mit den Eigenschaften von Christian Lells Auto bekannt gemacht (zu dessen Überstellung von München nach Berlin man wahrscheinlich auf die Logistik der Castor-Transporte zurückgreifen musste), dann gab Coach Babbel der SZ ein Interview, in dem er Einblicke in sein Entspannungsverhalten (i.e. Ausbrennprävention) gab: "Grundsätzlich bin ich natürlich hier, um zu arbeiten. Und obwohl ich noch jünger bin, brauche ich ab und zu auch mal Erholungsphasen. Aber klar, wenn da jetzt Konzerte sind, wo ich sage, da will ich unbedingt hin, dann versuche ich das schon möglich zu machen. (...) Ja gut, in naher Zukunft kommt ja dann wieder Rammstein. Die haben einfach einen Druck, der mir sehr gut gefällt. Dabei kann ich mich wunderbar entspannen."

Vergleiche dazu Christian Lell über sein Kraftfahrzeug: "Den habe ich schon eine Ewigkeit. Er gefällt mir von der Optik und ist bei dem Schmuddelwetter echt praktisch. In München bin ich damit häufig in die Berge gefahren. Es ist wie Harley fahren mit einem Auto." Aus dem semantischen Feld Druck, Schwermetall, Stein, Rammen und Entspannung setze ich etwas zusammen, was ich einmal tentativ in eine bajuwarische Erbsubstanz eintragen möchte: Lell und Babbel sind Easy Riders auf schwerer Welle.

Doch nun zu den eigentlich wichtigen Dingen. Das Spiel beim FCB nach der gerade absolvierten Länderspielpause gleicht von den Bedingungen her ein wenig dem beim BVB vor einigen Wochen. Es findet auswärts statt, Bayern muss nächste Woche in der CL zum SSC Neapel, die Spieler haben gerade noch international gespielt. Hertha wird wohl auf eine sehr ähnliche Weise an das Spiel herangehen wie gegen Dortmund.

Besonders interessant wird für meine Begriffe das Segment um Kobishavili, Mijatovic und Niemeyer, die es vermutlich mit Müller zu zun bekommen werden, dessen räumliche Intelligenz neulich im ZDF anschaulich hervorgehoben wurde. Dazu das Duell zwischen Patrick Ebert und Christian Lell mit Lahm/Ribéry.

Der FCB ist tatsächlich auf allen einzelnen Positionen individuell besser besetzt, dazu kommt das Selbstvertrauen nach bisher mächtiger Saison - alles, was mehr ist als ein Punkt, wäre heute ein absoluter "Upset", und selbst ein Remis wäre schon als Triumph zu werten. Hertha ist aber nach acht Spielen so weit konsolidiert, dass man ein interessantes Spiel erwarten kann, im Idealfall mit ein, zwei Kontern, die "leichte Ritte" auf tiefem Stand ergeben. Go for it, Hertha!

Donnerstag, Oktober 06, 2011

Himmelsgrenzen

Dass es Fernsehrechte für Fußballspiele einmal auf die Titelseite der FAZ schaffen würden, hätte ich auch nicht gedacht. Am Mittwoch war es aber so weit. Die englische Wirtin Karen Murphy aus Portsmouth, über die ich hier schon berichtet habe, hat ein Gerichtsverfahren gewonnen, nach dem es ihr nun erlaubt ist, in ihrem Pub die Premier-League-Spiele auf Grundlage eines Abonnements eines griechischen Senders zu zeigen.

Der Fall ist dem meinen und dem vieler deutscher Fußballfans nicht vergleichbar, ein paar Schlüsse kann man daraus aber doch ziehen. Interessant ist die Sache vor allem für Anhänger des internationalen Fußballs. Sky Deutschland hat ja das einschlägige Angebot sukzessive zurückgefahren, letzte Maßnahmen waren die Reduktion der EPL-Spiele pro Wochenende und die Streichung des englischen Originalkommentars.

Ich habe daraufhin mein Abo gekündigt, das Ende Oktober auslaufen wird. Genau habe ich mir noch nicht überlegt, wie ich danach vorgehen werde. Radikalste Möglichkeit: Ich verzichte vollständig auf Pay-TV. Bei Hertha sehe ich ohnehin viele Spiele live, für die Auswärtsspiele müsste ich in eine Kneipe gehen, oder ich verzichte auf die Live-Erfahrung und sehe mir die Aufzeichungen bei Hertha TV an. Sehen könnte ich auf jeden Fall fast alle Spiele, nur die Cup-Matches tauchen auf Hertha TV nicht auf.

Bei Arsenal würde ich auch auf das Club-Fernsehen im Internet umsteigen, auch hier fiele das Live-Erlebnis weg, das aber der deutsche Kommentar bei Sky ohnehin empfindlich trübt, allein schon durch die dämliche Abmischung, die eindeutig nach Sprecherkasten in Bayern klingt und nicht nach Stadion in England.

Eine Alternative könnte nun nach dem Murphy-Urteil plausibler werden: Ich abonniere Sky England, und zahle damit direkt für die EPL. Bleibt das Problem, dass manche englische Matches auf ESPN laufen, also auch mit Sky UK nicht alles abgedeckt wäre. Wir sehen schon: die Fans sind immer die Blöden.

Wie wird sich das Urteil auf die Zukunft auswirken? Meiner Meinung nach wird es darauf hinauslaufen, dass ein europäischer Großanbieter auftreten wird, den es de facto ja schon gibt: Sky (England, Italien, Deutschland) wird die kleinen Konkurrenten verdrängen, und sich dann den Markt intern wieder kleinteilen. Dagegen werden die Kartellbehörden der EU eingreifen, sodass irgendwann wieder ein künstliches Gleichgewicht von Ungleichen hergestellt werden wird, aus dem die Fans sich ihre Spiele zusammensuchen müssen.

Hier noch eine Lösung für die Zukunft, wie sie längst denkbar ist: Alle Clubs vermarkten in Hinkunft ihre Spiele selbst, bieten auf clubeigenen Kanälen verschiedene Versionen an (vom Premiumprodukt einer bestens aufbereiteten, zusatzwerbefreien Live-Übertragung samt extensiven Atmos und Interviews bis zu diversen billigeren Lösungen), und zahlen die Einnahmen in einen großen Topf, den entweder die nationalen Ligen oder die Uefa verwalten, und von dem aus die Gelder wieder verteilt würden, nach fairen Schlüsseln.

Man hätte damit die Vorteile des dezentralen Internets, der finanziellen Zentralvermarktung, und der individuellen Entscheidungsfreiheit für Fans miteinander versöhnt. Nachteil: Die Einnahmen wären insgesamt geringer als bei dem jetzigen Modell, das ja auf Auktionen basiert, bei denen immer mehr bezahlt wird, als das Produkt de facto wert ist. Der europäische Fußball müsste sich auf ein etwas weniger galaktisches Modell einpendeln. Schlimm?

Sonntag, Oktober 02, 2011

In den Lauf

Ein einziger, unwiderstehlicher Antritt reichte gestern, und das Heimspielproblem von Hertha war vergessen: Änis Ben-Hatira kam über links, Andrezinho hatte, was die englischen Komentatoren in solchen Situatione gern einen "nightmare" nennen, im Fünfmeterraum bewegte sich Lasogga mit perfekter Verwerterintuition, und schon nach einer Viertelstunde stand es 1:0. Es war ein Schulbeispiel für Offensivfußball, gegen eine dann doch ziemlich überforderte Kölner Defensive.

Lange Bälle auf den neuen linken Flügel von Hertha hatte es schon davor ein, zwei Mal gegeben, da fiel noch eher die technische Perfektion auf, mit der Ben-Hatira den Ball annahm. Dann aber trat er an, der Ball kam flach in die Mitte. Wenig später schickte ihn Kobiashvili mit einem schönen, langen Slice wieder los, dieses Mal schlenzte Ben-Hatira auf den Kopf von Lasogga, der sich wieder perfekt bewegte - 2:0.

Wenig später sandte Janker einen Freistoß quer über die gegnerische Hälfte direkt in den linken Fuß von Raffael, der direkt verwandelte. Drei tolle Tore (gegen eine weiche Defensive) reichten für einen schließlich lockeren Sieg gegen einen direkten Konkurrenten, der an diesem Abend nicht wie einer aussah.

Das Ergebnis werden die nächsten Spiele in eine Perspektive rücken (mit zwölf Punkten zur Halbzeit der Hinrunde kann Hertha ganz entspannt zum FCB fahren), die Leistung von Ben-Hatira ließ aber einen größeren Plan erkennen: BP (Coach Babbel und Manager Preetz) haben seit dem Sommer 2010 eine bemerkenswerte Offensivabteilung zusammengestellt, aus Spielern, die über die Zweitligasaison hinweg gehalten werden konnten und dort einige Reife gewonnen haben (Raffael, Ramos, Ebert), aus Talenten, die jetzt schon absolut stammplatzfähig sind (Lasogga, Ben-Hatira, Torun), und aus Akademikern, die momentan leider weit weg vom Erstligakader sind (Djuricin, Schulz).

Die defensive Disziplin aller Offensivspieler war gestern sehr gut (an "Laufleistung" ergab das insgesamt auch gleich einmal zehn Kilometer mehr als gegen Ausgburg), und die individuelle Qualität, die vorhanden ist, erlaubt es eben, Angriffe mit oft nur zwei, drei Beteiligten zu spielen. Köln musste zur Pause die gesamte rechte Seite austauschen, auch dies ein Kompliment an Ben-Hatira.

Coach Babbel konnte es sich leisten, dreimal therapeutisch zu wechseln (Rukavytsya, Franz und Lustenberger, wobei Franz gerade einmal ein paar Minuten für seine gelbe Karte brauchte). Die Fitness der Mannschaft kann man von außen natürlich nicht so leicht ermessen, das macht aber auch einen guten Eindruck, der Wechsel des entsprechenden Coaches, den Babbel veranlasste, war mutmaßlich eine der wichtigeren Personalentscheidungen bei Hertha in der jüngeren Zeit.

Mit all dem soll nicht gesagt werden, dass wir notwendigerweise eine heitere Saison vor uns haben. Aber zwei Jahre nach einem desolaten 0:1 gegen Köln (8. November 2009 - Wetter, Stimmung, etc. alles furchtbar) hat sich das Bild doch deutlich verändert, und viele Grundlagen für eine interessante Entwicklung sind gelegt.

Samstag, Oktober 01, 2011

Expeditionstrupp

Bin schon gespannt, ob ich heute das besondere System mit freiem Auge erkenne, das Stole Stolbakken den FC Köln spielen lässt. Im Kicker wurde es neulich in Ansätzen erklärt, ich habe aber wohl nicht genau genug aufgepasst, um es sofort zu verstehen.

Es verspricht in jedem Fall eine interessante Begegnung zu werden, ganz anders als das schreckliche 0:1 vor zwei Jahren, als ich zu einem Fan der Rheinländer erbittert sagte: "Diese Mannschaft muss absteigen." So öd war Köln damals aufgetreten, nur um dann durch einen späten Novakovic-Kopfball noch die drei Punkte zu stehlen. Wir wissen, wie die Sache ausging, und zum Glück gibt es schon in dieser Saison ein Wiedersehen in der obersten Spielklasse.

Köln hat aufsteigende Konjunktur, bei Hertha gibt es gegenläufige Tendenzen und insgesamt noch viel Klärungsbedarf. In diesem Zusammenhang will ich noch meinen Kommentar zu der Entscheidung der Liga loswerden, die Performancedaten von den Spielen auch weiterhin zu veröffentlichen. Da bin ich unbedingt dafür, denn auch für den Laien stecken da interessante Informationen drin, es wird auf jeden Fall helfen, die Qualität des Gesprächs über den Fußball zu verbessern. Ich bin keineswegs ein Fanatiker der "Laufleistung" per se, aber ich halte diesen Wert langfristig durchaus für aussagekräftig (wie zum Beispiel, pardon, der Arsenal FC mit 10 km pro Spieler wie gegen Piräus in der CL vorankommen will, vermag ich nicht zu sehen).

So wird es zum Beispiel auch niemand überraschen, dass beim 2:2 von Hertha gegen Ausgburg insgesamt die wenigsten Kilometer an diesem Spieltag gelaufen wurden (Hertha 106,5 vs. Augsburg 102,2 - im Vergleich der FCK, der an diesem Tag gegen Mainz einen raren Sieg schaffte: 125,3). Das lässt sich in zweierlei Richtungen lesen: Augsburg gelang es, Hertha auf das ihm besser gelegene, langsame Spieltempo einzulullen. Oder umgekehrt: Hertha war so träge, dass Augsburg das Spiel mit individuellen Performances von unter 10km kontrollieren konnte.

Gegen defensivere Gegner in Heimspielen hat Hertha ganz simpel schon deswegen Probleme, weil ein Teil der Mannschaft sich nicht genügend freiläuft. Das hat mit dem System zu tun, das Babbel insgesamt spielen lässt, und das bekanntlich auswärts besser funktioniert: Man könnte es das System Spielverderber nennen, weil es im für Hertha besseren Fall darauf hinausläuft, die aktivere Mannschaft am Ende blöd aussehen zu lassen.

Das ist für einen Aufsteiger eine legitime Vorgehensweise, an deren Überwindung aber doch jetzt schon gearbeitet werden könnte. Heimspiele gegen Gegner wie Köln bieten dazu Gelegenheit. Hier muss es darum gehen, die Mannschaftsteile besser zu integrieren. Kobiashvili, Janker, Ottl, Niemeyer sind heute gefordert, wie auch Lasogga, der mit seiner Leidenschaft und seinem "da geht vielleicht was" ohnehin häufig eine gute Richtung vorgibt, nämlich frühere Balleroberung zu versuchen (siehe das Tor von Torun gegen Augsburg).

Wird es heute wieder zäh, dann wird aber auch die Option der Auflösung der Doppelsechs zu erwägen sein. Bin schon gespannt, wie lange Babbel braucht, bis er da einmal etwas probiert. Es würde aber auch schon reichen, wenn sie ein wenig kreativer interpretiert würde - nicht als reine Raumpatrouille, sondern als Expeditionsabteilung. Die gegnerische Hälfte müsste doch eigentlich jeden Fußballer gelegentlich reizen.

Donnerstag, September 29, 2011

Hafenarbeiter

Zehn Minuten vor Ende der CL-Begegnung zwischen Arsenal und Olympiacos Piräus gab es gestern ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten. Die griechische Mannschaft lag mit 1:2 im Rückstand, sah aber noch Chancen auf einen Ausgleich. Zu diesem Behufe wurde ein Stürmer eingewechselt, den wir alle sehr gut in Erinnerung haben: Marko Pantelic.

Ich hatte ehrlich gesagt eine Weile nicht an ihn gedacht gehabt, nun musste ich gewärtigen, dass er durch ein spätes Tor weiter zu den Schwierigkeiten von Arsenal beitragen würde. Er blieb aber wirkungslos, das Ergebnis blieb bis zum Schlusspfiff bestehen.

Es gab bei Piräus übrigens noch einen Spieler mit Hertha-Bezug. Im defensiven Mittelfeld spielte der Serbe Ljubomir Fejsa, um den sich der damalige Manager Hoeneß in jenem Sommer bemühte, in dem Lucien Favre kam. Die Namen von damals sind mir alle noch präsent, ich habe jedenfalls ein Auge auf ihr Geschick: Blerim Dzemaili, der sich jetzt bei Napoli etabliert hat (nach vielen Verletzungssorgen in England); Gökhan Inler, inzwischen auch in Neapel, sodass ich die beiden im Spiel gegen den FCB sehen werde können, oder zumindest einen von ihnen.

Fejsa spielt bei Piräus den Ottl, in einem allerdings deutlich offeneren System als Hertha es interpretiert. Die Scouts werden wegen seiner Leistung nicht gleich zu rotieren begonnen haben, aber er hat eine gute Partie gespielt, mit Beteiligung an Torszenen und großer Störaktivität im Mittelfeld. Arsenal hatte dadurch Schwierigkeiten, den Ball zu halten.

Eine der Geschichten, die dabei auch zu vermerken ist, ist der Niedergang von Tomas Rosicky, der nach seiner langen Verletzung nicht mehr an früheres Niveau anschließen konnte. Angeblich wollte sein Berater ihn in diesem Sommer sogar zum BVB zurückbringen, hatte dabei aber seine Rechnung ohne Klopp gemacht. Für Hertha ist er viel zu teuer, hier wird er aber auch nicht gebraucht, denn in Berlin spielt Raffael, der - hier schließt sich der Kreis meines heutigen Eintrags - einem vagen Gerücht zufolge inzwischen sogar von Arsenal beobachtet wird, nach seiner Leistung in Dortmund neulich.

Das würde dem Epos der Hertha 2008 eine bemerkenswerte Facette hinzufügen, muss aber als Neuigkeit von mäßiger Relevanz betrachtet werden. Rararaffael engagiert sich intensiv in Berlin, nun muss der Trainer ein System bauen, das den Brasilianer ein bisschen weniger einsam sein lässt im Offensivspiel.

Montag, September 26, 2011

Sollbrychstellen

Es war ein Bild wie aus einem anderen Genre, diese halbnahe Einstellung auf Markus Babbel nach dem Spiel gegen Werder Bremen am Sonntagnachmittag. Ein Mann allein am Rand eines Massenereignisses, der sich nichts anmerken lassen möchte, der aber kaum merkbar und doch deutlich mit den Tränen kämpft - wenig später hatte er die Fassung wiedergefunden, und sowohl er wie auch Manager Preetz kommentierten so gelassen wie möglich ein denkwürdiges Spiel.

Es ging durch ein Kopfballtor von Claudio Pizarro nach Corner von Marin und Verlängerung durch Rosenberg in letzter Minute mit 1:2 verloren. Das Bemerkenswerte dabei war die Konstellation: Hertha spielte eine halbe Stunde mit neun Mann, nach gelb-roten Karten gegen Lell und Ramos. Und selbst unter diesen Umständen hätte Raffael beinahe davor noch ein Tor für Hertha erzielt.

Entscheidend war schließlich, dass es ganz am Ende, in der dritten Minute der Nachspielzeit, nicht gelang, diesen Eckball zu verhindern. Zwischen den Zeilen von Michael Preetz konnte man hinterher selbstverständlich hören, dass er mit dem Refereeing unglücklich war. Das liegt daran, dass es in diesem sehr engen Spiel zahlreiche Ermessensentscheidungen gab, bei denen Hertha des Öfteren das Nachsehen hatte - wesentlich sicher beim Ausgleichstreffer durch Pizarro nach früher Führung durch Ramos.

Es war bis zum Ausschluss ein faszinierendes Schulspiel für Systemanalytiker - hier die massierte Defensive von Hertha, der sich häufig auch Raffael und gelegentlich (für den Ausschluss jedoch entscheidend) auch Ramos anschloss; dort die Bremer Raute, mit einem sehr flexiblen Arnautovic als zusätzlicher Option quer über den Platz. Bei Hertha hingegen fanden Ebert und Torun nicht gut ins Spiel, sodass Raffael und Ramos häufig die Gegenangriffe zu zweit veranstalten mussten - in der dritten Minute reichte das auch für ein schönes Tor durch Ramos, der die große Bremer Zerstreutheit in dieser Situation elegant ausnützte.

Danach begann Bremen allerdings seine Klasse auszuspielen. Sie spielten so gut es ging in den sehr engen Räumen, die Hertha ließ, und so wurde es ein Abnützungsspiel, in dem sich eine Szene als wegweisend erwies: der aufgerückte Lell sah sich irgendwann zu einem taktischen Foul gezwungen und sah dafür die gelbe Karte, an der auch nichts auszusetzen war. Diskutabler war eine erste gelbe Karte gegen Ramos, auch hier wertete Referee dies wohl als taktische Unterbindung eines interessanten Spielzugs, ich glaube, dass er hier zu streng war.

Er legte damit aber wohl den Grundstein für das Element Frust bei Ramos, das schließlich nach einer Stunde nach einem neuerlich eher kleinlichen Pfiff dazu führte, dass der Kolumbianer den Ball eher wegschupfte als -schlug - korrekt sah er dafür die zweite gelbe Karte, und doch war das auch ein Moment, in dem man sehen konnte, wie kleinlich und maßregelnd der Fußball geworden ist, denn es war eindeutig eine Szene mit Toleranzspielräumen.

Hertha hatte da schon Lell verloren, der es mit seinem offensiven Engagement übertrieben hatte - eine taktisch völlig isolierte Balleroberung am gegnerischen Sechzehner muss nicht mit der Verve versucht werden, mit der Lell da vorging. Dumm gelaufen, gegen Bayern ist er hoffentlich wieder dabei, und Janker schlug sich als sein Deputy gar nicht so schlecht.

Coach Babbel nahm die notwendigen Wechsel vor, stutzte beide Flügel und brachte Lustenberger, sodass Hertha nun mit einem 4-2-1-1 bzw. 4-3-1 versuchte, das 1:1 über die Zeit zu bringen. Das wäre beinahe gelungen, bis Claudio Pizarro kam, dem im Übrigen davor in einer Szene mit Hubnik ein weiterer Kopfballtreffer aberkannt wurde, bei dem Hubnik genau so gefoult hatte.

Der Referee schuf sich die Sollbruchstellen des Spiels selber, weil er es schwer lesbar machte für die Spieler und weil er in der zweiten Halbzeit begann, eigene Entscheide von früher ein wenig zu kompensieren (siehe Hubnik, da profitierte Hertha davon). Das Spiel entschieden hat Brych nicht, er hätte jedoch den ersten Kopfballtreffer von Pizarro wohl nicht anerkennen dürfen - nach Lage der Dinge wäre für Bremen aber auch danach alles möglich gewesen. Wie auch für Hertha. Dieses Wissen hat Babbel wohl die Tränen in die Augen getrieben. Nur für einen Moment, dann wird er sich gedacht haben: Diese Spielanlage ist ein Fundament, auf die man aufbauen kann. Und so ist es ja tatsächlich.