Wenn Hertha heute gegen den HSV ein "Kellerduell" im Olympiastadion austrägt, wird ein neuer Mann im Kader sein: Felix Bastians, 23 Jahre alt, wechselte diese Woche aus Freiburg nach Berlin. Er gilt als Hoffnungsträger für die linke Defensivseite, eine Position, auf der Hertha seit den Tagen von Michael Hartmann nie brillant, sondern meistens nur passabel besetzt war. Bastians kann auch in der zentralen Defensive spielen, doch für die Position Mijatovic erwarte ich im Sommer noch einen strategischen Transfer. Mit Bastians wird ein weiterer junger Spieler verpflichtet, der sich idealerweise 2014 oder 2015 (sein Vertrag läuft bis 2016, so weit musste ihm der Manager da entgegenkommen) mit Gewinn weiterverkaufen lässt. Das wäre dann endlich der dringend nötige Einstieg in die Existenzform eines "feeder clubs", zu der Hertha es bisher noch nicht wirklich gebracht hat. Das bedeutet schlicht, dass die Einkäufe und die Nachwuchsarbeit nicht so gut waren, dass sich daraus ein kontinuierliches Modell der Kaderentwicklung ergeben könnte. Bis auf Raffael, Ramos, Lasogga und bis zu einem gewissen Grad Kraft und Lustenberger ist die Verkaufbarkeit der derzeit vertraglich gebundenen Spieler stark limitiert. Das hat Auswirkungen auf die Jahresbilanz etc, und sollte Ansporn sein, methodischer an der Entwicklung der Jungen zu arbeiten. Mit Marko Djuricin hat Skibbe in Nürnberg einen Anfang gemacht, ich hoffe stark, er bekommt auch weiter seine Chancen. Ben-Hatira, Torun, Ebert hingegen müssen heute und nächste Woche die Chance der Abwesenheit von Raffael nützen.
Die Woche stand aber vor allem im Zeichen der Zahlen, die von der Bundesliga präsentiert wurden. Der deutsche Profifußball wächst, die Spannung des heurigen Bewerbs wird als Hinweis auf gelungene "self governance" gewertet, und tatsächlich lassen sich eine Reihe von Argumenten finden, die den deutschen Weg als vernünftig erscheinen lassen. Woraus besteht dieser im wesentlichen? Aus einer gewissen Nivellierung der Unterschiede, die sich aus der zentralen Verwertung der Fernsehrechte und aus der Umverteilung nach unten in die relativ attraktive zweite Liga ergeben; aus einer an fast allen Standorten starken Zusammenarbeit zwischen öffentlicher Hand und Vereinspolitik, die dem deutschen Fußball wahrscheinlich die besten Infrastrukturdaten im internationalen Fußball verschafft; aus einer Beschränkung außergewöhnlicher Kapitalzuschüsse, wie sie in Ländern ohne die 50+1-Regel möglich sind und gelegentlich den Wettbewerb so verzerren wie in England, wo Manchester City den Meistertitel 2012 möglicherweise tatsächlich durch exorbitante Einkäufe über mehrere Jahre hinweg "kaufen" konnte - in vier Monaten wissen wir da mehr. Die Bundesliga lässt sich also durchaus als politisches Modell auf einer allgemeineren Ebene begreifen: sie ist die am wenigsten neoliberale Liga in Europa, und hat gerade als solche zunehmend Erfolg.
Samstag, Januar 28, 2012
Dienstag, Januar 24, 2012
Glauben und Wissen
Es gab einen einzigartigen Moment am Sonntag während des Spiels zwischen Arsenal und Manchester United: Beim Stand von 1:1 nach Ausgleich durch van Persie wechselte Arsène Wenger den jungen, sehr inspirierenden Flügelspieler Alex Oxlade-Chamberlain gegen den "Kapitän der russischen Nationalmannschaft" (wie Wenger hinterher zu betonen sich genötigt fand) Andrej Arshavin - der "russian assassin" wurde von den Fans mit wütenden Protesten empfangen, und von Robin van Persie existiert eine Großaufnahme aus diesen Sekunden, aus der abzulesen ist, dass auch er nicht einverstanden war. Wenig später setzte sich Valencia ohne Probleme gegen Arshavin durch, spielte zu Welbeck, und Arsenal hatte die dritte Niederlage in der Premier League in Folge im Kasten.
Spätestens jetzt beginnt die zweite Welle der Kommentare, in denen die Zukunft von Wenger bei Arsenal diskutiert wird - oder genauer: die Perspektiven von Arsenal unter diesem Trainer, der auch meiner Meinung nach nicht mehr der Richtige ist. Doch wir sehen am eigenen Beispiel, dem von Hertha, gut genug: der Richtige ist sehr schwer zu finden.
Für die Fans von Arsenal gibt es eine zentralen Satz aus den letzten 15 Jahren: "Arsène knows best". Ironischerweise ist das ein Glaubenssatz, der von der Empirie zunehmend nicht mehr bestätigt wird. In diesem Jahr und nach dem Verkauf von Fabregas und Nasri (der am Sonntag ein spektakuläres Tor in einem spektakulären Spiel zwischen Moneybags City und Spurs erzielte) hat Arsenal keinen Kader mehr, der für ernsthafte Ambitionen hinreicht. Zwar gibt es eine fähige erste Elf (Sczeszny - Sagna, Koscielby, Vermaelen, Santos - Song, Arteta, Ramsey - Walcott (Oxlade-Chamberlain), van Persie, Gervinho). Doch dahinter klafft eine Lücke, und das hat zur Folge, dass zum Beispiel Ramsey, der enorm viel läuft, während der Christmas Season zunehmend Zeichen von Erschöpfung zeigte, dass Arteta mangels vernünftiger Rotationsmöglichkeiten jetzt ein Muskelproblem hat, dass Song nicht mehr so stark ist wie noch im November usw.
Die Verletzungen aller Außenverteidiger bringen es auch mit sich, dass seit vielen Wochen eine improvisierte Viererkette aufläuft, mit der Konstante des "tall German" Per Mertesacker, der nach wie vor einen bedauernswerten Eindruck hinterlässt - sein Antritt ist beschämend, sein Aufbauspiel ängstlich, seine Präsenz wenig einschüchternd. Ich bin mir sicher, dass die Sache anders aussähe, hätte Wenger im Sommer den auch nicht teureren Christopher Samba von Blackburn geholt - aber dafür war er sich zu gut.
In den Pressekonferenzen verweist Wenger seit Monaten auf die vielen, vielen Jahre, die er diesen Job nun schon macht - ein klassisches Defensivargument, denn auch der größte Realitätsverweigerer wird doch in einem Winkel seines Bewusstseins noch begreifen, dass er 2012 nicht an dem Meistertitel 2004 gemessen wird, oder wenn, dann an der Differenz zu damals. 2012 ist Arsenal im Begriff, eine Mannschaft des Mittelfelds zu werden, Tabellenführer der grauen Zone außerhalb der vier CL-Plätze, zu denen nun nach Niederlagen gegen Fulham, Swansea und Manchester United schon fünf Punkte fehlen.
Augenscheinlichstes Zeichen der Verstocktheit Wengers ist die Position von van Persie. Er hat das ganze Jahr 2011 in grandioser Form gespielt - doch wer wäre da, würde er sich doch wieder einmal verletzen? Der völlig verunsicherte Marouane Chamakh, der gerade mit Marokko im Afrika-Cup spielt; und dann noch der indiskutable Koreaner Park. Mit dieser Besetzung will Wenger in die dichtesten Wochen des Jahres gehen (für uns Fans die besten, denn nun kommen sechs, sieben Spiele pro Monat), in ein CL-Achtelfinale gegen den AC Milan, in FA-Cup und in das Rennen um Platz 4.
Gleiches gilt für die Position von Song, für den im Krisenfall allenfalls der junge Coquelin einspringen könnte, der allerdings gerade verletzt ist. Das hat mit vernünftiger Planung nichts mehr zu tun, das ist blankes Vabanque zugunsten der Investoren Kroenke und Usmanow, die auch für 2011 wieder einen satten Gewinn einfahren werden, dafür aber in Kauf nehmen müssen, dass der sportliche Erfolg zunehmend ausbleibt. Insofern hat die Niederlage gegen United vielleicht etwas Gutes - eine Woche gibt es ja noch die Möglichkeit, einzukaufen.
Gibt es personelle Alternativen zu Wenger? Nach allem, was man so mitbekommen kann über einen globalen Großclub wie Arsenal, hat er alles perfekt auf seine Solo-Show zugeschnitten - niemand im Vorstand und im Stab scheint ihn wirklich zu fordern (der zunehmend staatsmännischer auftretende van Persie könnte da eine interessante Funktion übernehmen). Das würde also bedeuten, dass Arsenal im Zweifelsfall nicht einfach einen neuen Manager braucht, sondern einen gesamten Stab. Ob ein toller junger Trainer wie Brendan Rogers von Swansea das (schon) könnte? Daran mag man zweifeln, wie auch daran, ob der tolle, ruhige David Moyes von Everton sich in Colney und Islington gut zurechtfinden würde.
Das ist das Schicksal von Clubs, die "too big to fail" sind - sie müssen im Zweifelsfall das ganze Geschäftsmodell austauschen. Und bei Arsenal spricht alles dafür, dass Arsène Wenger bei allen seinen Defiziten trotzdem im Moment der beste Repräsentant ist, während im Hintergrund Ivan Gazidis für Stan Kroenke die Profite steigert. Bei Arsenal ist das Geschäftsmodell (sichere Gewinne) im Moment wichtiger als der sportliche Erfolg. Doch irgendwann wird sich an die Invincibles von 2004 niemand mehr erinnern können, und Alex Oxlade-Chamberlain wird dann wahrscheinlich ein Angebot von Real Madrid annehmen, die dann trotz eines Tores von van Persie in seinem letzten Spiel als Profi wieder einmal einen Clasico gegen Barcelona verloren haben werden. Das wäre 2017 oder so. Theo Walcott spielt dann übrigens bei Stoke City.
Spätestens jetzt beginnt die zweite Welle der Kommentare, in denen die Zukunft von Wenger bei Arsenal diskutiert wird - oder genauer: die Perspektiven von Arsenal unter diesem Trainer, der auch meiner Meinung nach nicht mehr der Richtige ist. Doch wir sehen am eigenen Beispiel, dem von Hertha, gut genug: der Richtige ist sehr schwer zu finden.
Für die Fans von Arsenal gibt es eine zentralen Satz aus den letzten 15 Jahren: "Arsène knows best". Ironischerweise ist das ein Glaubenssatz, der von der Empirie zunehmend nicht mehr bestätigt wird. In diesem Jahr und nach dem Verkauf von Fabregas und Nasri (der am Sonntag ein spektakuläres Tor in einem spektakulären Spiel zwischen Moneybags City und Spurs erzielte) hat Arsenal keinen Kader mehr, der für ernsthafte Ambitionen hinreicht. Zwar gibt es eine fähige erste Elf (Sczeszny - Sagna, Koscielby, Vermaelen, Santos - Song, Arteta, Ramsey - Walcott (Oxlade-Chamberlain), van Persie, Gervinho). Doch dahinter klafft eine Lücke, und das hat zur Folge, dass zum Beispiel Ramsey, der enorm viel läuft, während der Christmas Season zunehmend Zeichen von Erschöpfung zeigte, dass Arteta mangels vernünftiger Rotationsmöglichkeiten jetzt ein Muskelproblem hat, dass Song nicht mehr so stark ist wie noch im November usw.
Die Verletzungen aller Außenverteidiger bringen es auch mit sich, dass seit vielen Wochen eine improvisierte Viererkette aufläuft, mit der Konstante des "tall German" Per Mertesacker, der nach wie vor einen bedauernswerten Eindruck hinterlässt - sein Antritt ist beschämend, sein Aufbauspiel ängstlich, seine Präsenz wenig einschüchternd. Ich bin mir sicher, dass die Sache anders aussähe, hätte Wenger im Sommer den auch nicht teureren Christopher Samba von Blackburn geholt - aber dafür war er sich zu gut.
In den Pressekonferenzen verweist Wenger seit Monaten auf die vielen, vielen Jahre, die er diesen Job nun schon macht - ein klassisches Defensivargument, denn auch der größte Realitätsverweigerer wird doch in einem Winkel seines Bewusstseins noch begreifen, dass er 2012 nicht an dem Meistertitel 2004 gemessen wird, oder wenn, dann an der Differenz zu damals. 2012 ist Arsenal im Begriff, eine Mannschaft des Mittelfelds zu werden, Tabellenführer der grauen Zone außerhalb der vier CL-Plätze, zu denen nun nach Niederlagen gegen Fulham, Swansea und Manchester United schon fünf Punkte fehlen.
Augenscheinlichstes Zeichen der Verstocktheit Wengers ist die Position von van Persie. Er hat das ganze Jahr 2011 in grandioser Form gespielt - doch wer wäre da, würde er sich doch wieder einmal verletzen? Der völlig verunsicherte Marouane Chamakh, der gerade mit Marokko im Afrika-Cup spielt; und dann noch der indiskutable Koreaner Park. Mit dieser Besetzung will Wenger in die dichtesten Wochen des Jahres gehen (für uns Fans die besten, denn nun kommen sechs, sieben Spiele pro Monat), in ein CL-Achtelfinale gegen den AC Milan, in FA-Cup und in das Rennen um Platz 4.
Gleiches gilt für die Position von Song, für den im Krisenfall allenfalls der junge Coquelin einspringen könnte, der allerdings gerade verletzt ist. Das hat mit vernünftiger Planung nichts mehr zu tun, das ist blankes Vabanque zugunsten der Investoren Kroenke und Usmanow, die auch für 2011 wieder einen satten Gewinn einfahren werden, dafür aber in Kauf nehmen müssen, dass der sportliche Erfolg zunehmend ausbleibt. Insofern hat die Niederlage gegen United vielleicht etwas Gutes - eine Woche gibt es ja noch die Möglichkeit, einzukaufen.
Gibt es personelle Alternativen zu Wenger? Nach allem, was man so mitbekommen kann über einen globalen Großclub wie Arsenal, hat er alles perfekt auf seine Solo-Show zugeschnitten - niemand im Vorstand und im Stab scheint ihn wirklich zu fordern (der zunehmend staatsmännischer auftretende van Persie könnte da eine interessante Funktion übernehmen). Das würde also bedeuten, dass Arsenal im Zweifelsfall nicht einfach einen neuen Manager braucht, sondern einen gesamten Stab. Ob ein toller junger Trainer wie Brendan Rogers von Swansea das (schon) könnte? Daran mag man zweifeln, wie auch daran, ob der tolle, ruhige David Moyes von Everton sich in Colney und Islington gut zurechtfinden würde.
Das ist das Schicksal von Clubs, die "too big to fail" sind - sie müssen im Zweifelsfall das ganze Geschäftsmodell austauschen. Und bei Arsenal spricht alles dafür, dass Arsène Wenger bei allen seinen Defiziten trotzdem im Moment der beste Repräsentant ist, während im Hintergrund Ivan Gazidis für Stan Kroenke die Profite steigert. Bei Arsenal ist das Geschäftsmodell (sichere Gewinne) im Moment wichtiger als der sportliche Erfolg. Doch irgendwann wird sich an die Invincibles von 2004 niemand mehr erinnern können, und Alex Oxlade-Chamberlain wird dann wahrscheinlich ein Angebot von Real Madrid annehmen, die dann trotz eines Tores von van Persie in seinem letzten Spiel als Profi wieder einmal einen Clasico gegen Barcelona verloren haben werden. Das wäre 2017 oder so. Theo Walcott spielt dann übrigens bei Stoke City.
Sonntag, Januar 22, 2012
Kalte Füße
Es war wohl ein wenig naiv, wie ich am Abend vor der Fahrt nach Nürnberg meiner Vorfreude Ausdruck verliehen habe. Was ich dabei nicht bedacht hatte, war, dass in Deutschland gerade Winter ist (das Wetter war dann fies, nasskalt, grau).
Außerdem hatte ich Erwartungen an den neuen Trainer. Ich rechnete nämlich damit, dass er etwas Neues probieren würde - doch das erwies sich als Irrtum, es gab "more of the same", allenfalls die Formation war ein bisschen anders, aber die Auswirkungen blieben gering. So ergab es sich, dass Hertha auch das zweite Auftaktspiel gegen Nürnberg verloren hat, bei insgesamt ein bisschen besserer Leistung, dafür aber doppelt so hoch: 0:2 durch Treffer von Esswein und Maroh. Es war das eintausendste Spiel des "Clubs", der nun Hertha überholt und in den Abstiegskampf geschickt hat.
Außerdem hatte ich Erwartungen an den neuen Trainer. Ich rechnete nämlich damit, dass er etwas Neues probieren würde - doch das erwies sich als Irrtum, es gab "more of the same", allenfalls die Formation war ein bisschen anders, aber die Auswirkungen blieben gering. So ergab es sich, dass Hertha auch das zweite Auftaktspiel gegen Nürnberg verloren hat, bei insgesamt ein bisschen besserer Leistung, dafür aber doppelt so hoch: 0:2 durch Treffer von Esswein und Maroh. Es war das eintausendste Spiel des "Clubs", der nun Hertha überholt und in den Abstiegskampf geschickt hat.
Michael Skibbe scheint tatsächlich der Meinung zu sein, dass bei Team Hertha alles okay ist. Sonst hätte er sich vielleicht zu mehr Änderungen veranlasst gesehen als der unumgänglichen, einen Ersatz für den gesperrten Raffael (Ronny) und für den verletzten bzw. nicht mehr unangefochtenen Mijatovic (Janker) zu nominieren. Niemeyer blieb neben Ottl in der Doppelsechs, Ramos spielte zumeist in einem 4-4-2 neben Lasogga, dann ging Ronny auf den Flügel. Er blieb überall ohne Wirkung und wurde schon zur Pause durch Ben-Hatira ersetzt, der ein bisschen mehr zeigte, ohne aber wirklichen Einfluss auf das Spiel zu nehmen.
Kurz vor Halbzeit hatte Esswein ein wenig gegen den Trend die Führung für Nürnberg erzielt, in der zweiten vereitelte Kraft dann noch eine Größtchance von Pekhart, während Hertha nur einmal wirklich für Aufregung bei den Clubberern sorgen konnte. Ein später Treffer nach Freistoß aus dem Halbfeld brachte schließlich die Entscheidung.
Die Niederlage ist bitter, weil sie wenig Optionen für Veränderung lässt (außer der, auf die Rückkehr von Raffael zu warten). Das zentrale Problem von Hertha ist, dass sie auch im ersten Spiel unter Skibbe nicht genau wusste, wie und wo sie die Initiative ergreifen sollte. Während Nürnberg zumindest eine passable Balleroberung betrieb (10,7 Kilometer Unterschied bei der Laufdistanz wirken sich eben aus, Nürnberg hatte 124,7 gegen 114 von Hertha), blieb dieses wichtigste Grundelement des modernen Fußballs bei Hertha planlos.
Und man kann sich durchaus fragen, was eine Massierung im zentralen Mittelfeld durch den wie immer absolut phlegmatischen Ottl und den schon nach zehn Minuten durch drei Fouls aufgefallenen Niemeyer eigentlich bringt, wenn dann im entscheidenden Moment vor der Pause nur Ramos in der Nähe des auf Strafraumhöhe nach innen ziehenden Esswein ist. Nürnberg war keineswegs brillant, hatte aber doch so etwas wie eine Spielanlage, während bei Hertha der Zufall reagierte.
Zu den mangelnden Spielimpulsen aus der Zentrale kam schwaches Flügelspiel (Lell und Kobiashvili wurden gut neutralisiert), und so war das bis auf zwanzig Minuten in Halbzeit eins eine Niederlage, gegen die sich niemand wirklich wehrte (außer vielleicht Hubnik, der aber zweimal unglücklich vergab).
Noch ein paar Worte zum Atmosphärischen (hier der Stadionfilm aus der Arena der leichten Franken): Der "Club", immerhin eine der großen Traditionsmannschaften der Liga, hat ein eher zugiges, zusammengeschustertes Stadion; das, was als "Hymne" eingespielt wurde, ist üble Castingshow-Sauce; dass man jede Ecke wie ein Großereignis vermeldet, wirkt auch ein wenig seltsam. Eigenartig war, dass die Hertha-Fans gestern eher zurückhaltend blieben; sie waren aber auch in einen Winkel gezwängt, von dem aus sie nicht allzuviel mitbekommen konnten. Insgesamt gilt: been there, done that, muss ich nicht mehr so bald haben (obwohl ich gut saß, fast Mittellinie, bester Überblick). Heute nun Großspieltag in der Premier League - oh, how I miss the familiar voices of Jon Champion, Martin Tyler and the likes!
Freitag, Januar 20, 2012
Leichter Kredit
Den Auftakt zur Rückrunde bestreitet Hertha BSC morgen in Nürnberg, und ich werde dabei sein. Eine Auswärtsfahrt pro Jahr sollte mindestens drin sein, diese bot sich terminlich an, vielleicht geht sich aus das Spiel in Gladbach noch aus. Hertha fährt mit dem besten denkbaren Gefühl zu den Franken in das Stadion des "leichten Kredits": Mit Vorfreude. Nicht, weil die Rückrunde nicht noch eng werden könnte, sondern weil die Querelen aus dem alten Jahr schnell vergessen gemacht wurden. Das ist wesentlich das Verdienst des neuen Trainers, der vor allen in kommunikativer Hinsicht einen guten Start hingelegt hat. Mit Michael Skibbe beginnt Hertha nun in gewisser Hinsicht bei Null, der Abstieg und der prompte Wiederaufstieg sind Geschichte (das heißt nicht, dass Hertha unabsteigbar ist, keineswegs) - 2012 beginnt jedoch mit dem Eindruck, dass der Klassenerhalt absolut machbar sein sollte.
Es müssten schon grobe Fehler oder ein übler "Strudel" (SZ über die Rückrunde von Eintracht Frankfurt 2011) zusammenkommen, um aus diesem Kader nicht die notwendigen Punkte herauszuholen. Ob es darüber hinaus gelingt, ein Stück von der Souveränität der spätsommerlichen Spiele 2011 wiederzufinden, das ist die spannende Frage. Sie führt zu den konkreten Punkten, die Skibbe für Nürnberg zu klären hat: Wie positioniert er Lasogga und Ramos? Wie soll die Doppelsechs aussehen und agieren? Wer bildet die Innenverteidigung? Drei strukturierende Zweierbeziehungen quer durch die Formation.
Da Mijatovic nicht matchfit ist, wird dem Vernehmen nach Janker neben Hubnik beginnen, dazu Lell als Kapitän - das ist plausibel, wenngleich kein Gegner das als unüberwindlich ansehen wird. Dahinter der auf der Linie ligabeste Torhüter, ein echter "Panther", bei dem ich neugierig bin, ob Skibbe ihn in die Spieleröffnung stärker einbindet als Babbel, der von Kraft diesbezüglich anscheinend gar nichts verlangt hat. Viele professionelle Hertha-Beobachter erwarten Lustenberger neben Ottl im Mittelfeld, Niemeyer also auf der Bank - doch die wesentliche Frage bleibt auch in dieser Konstellation, wie die Doppelsechs angelegt ist, wie die Aufgaben flexibel angenommen werden, wie das Risiko dosiert wird. Dass Skibbe ein etwas vertikaleres Spiel sehen will, leuchtet mir ein - wir alle wollen das.
Kommt Ronny zentral oder über links? das ist die dritte Frage, deren Beantwortung sich während des Spiels noch ändern kann. Ich wäre durchaus interessiert, Ramos einmal als Stürmer aus der Tiefe zu sehen, vermutlich wird er mit dem Raffael-Ersatz häufiger rochieren. Das alles werde ich mir von einem Platz nicht im Block der Herthaner aus ansehen, sondern wie es mir in der Regel lieber ist - von einem Platz in der Nähe der Mittellinie, eigentlich im Heimblock der Nürnberger. Ein Hauptstadttrojaner in Franken, im guten Wissen, dass die Ostkurve auch in der Fremde bärenstark ist.
Dienstag, Januar 17, 2012
Schattenelf
Hertha ist aus der Türkei nach Berlin zurückgekehrt, und die wichtigste Nachricht - neben der einer Reduzierung von Raffaels Sperre auf drei Spiele - besteht darin, dass die Nachwuchsspieler weiterhin bei den Profis trainieren werden. Das betrifft die bereits relativ gut bekannten Sebastian Neumann und Fanol Perdedaj, Nico Schulz und Marco Djuricin, aber auch Brooks, Kargbo, Kiesewetter, und Alfredo Morales, der schon in der Allarena gespielt hat und der Älteste in dieser Gruppe ist.
Nicht für alle wird dieser Beschluss für die ganze Rückrunde gelten, das müssen wir annehmen. Bei Perdedaj ist immer noch eine Ausleihe in die zweite Liga im Gespräch, das könnte sich aber anders darstellen, sollte Gladbach tatsächlich ein Gebot für Lustenberger abgeben (was nach dem Entschluss von Roman Neustädter, im Sommer zu Schalke zu wechseln, auf jeden Fall nicht unwahrscheinlicher geworden ist).
Für alle Genannten beginnt nun ganz konkret eine "Reise nach Jerusalem", sie müssen mit der zweiten Garde (Torun, Ben-Hatira, Rukavytsya, Ronny, Janker) um die Positionen im Schattenkabinett kämpfen - die erste Elf wird Skibbe wohl nur unwesentlich umbauen.
Was dabei nicht vergessen werden sollte, ist Folgendes: Nach der Hinrunde stehen die bisherigen offensiven Understudies schon in einer Bringschuld, denn vor allem Torun und Ben-Hatira konten bisher noch nicht zeigen, dass sie konsistent das Niveau heben. Sie vor allem sind es, mit denen Djuricin, Schulz und die noch jüngeren Kargbo und Kiesewetter in Konkurrenz stehen.
Hier wird es großes Fingerspitzengefühl von Skibbe brauchen, da jedes Wochenende einen motivierenden Spielkader zusammenzustellen, während Babbel ja stoisch fast durchwegs die gleiche 18er-Truppe verwendet hat - seine stereoytpen Wechselspiele zählten ohnehin zu den großen Schwachpunkten seiner Arbeit.
Bei Djuricin würde es mir am meisten leidtun, wenn er seine Chance nicht bekäme - und das schreibe ich nicht, weil er Österreicher ist, sondern weil ich ihn schon oft gesehen habe. Er hat das gewisse Etwas, das mich sehr hoffen lässt, dass er es eines Tages auch in größerem Rahmen zeigen kann und will.
Alfredo Morales gilt als einer der Gewinner von Belek - wenn das bedeutet, dass Christian Lell nun einen ernsthaften Vertreter hinter sich weiß, dann kann das für die interne Dynamik nur gut sein - wie auch die bereits bekannt gegebene Verpflichtung von Felix Bastians, womit eine der beiden eindeutig zu besetzenden Planstellen im Kader schon bestellt ist (die andere betrifft wie gesagt die Position neben Hubnik).
Zudem ist die positionelle Flexibilität von Morales interessant. Nico Schulz hingegen sollte nicht zu sehr hin und hergeschoben werden, ihn sehe ich nicht als Außendecker, sondern strikt als Winger. Kargbo und Kiesewetter haben noch ein bisschen mehr Zeit, sodass als akutester Fall wohl Sebastian Neumann bleibt, für den sich in den nächsten Monaten am meisten entscheiden wird: Wird für Mijatovic spätestens im Sommer ein direkter Ersatz geholt, oder rückt Janker mit einem neuen Vertrag auf? In beiden Fällen bliebe er der Vertreter, es spricht aber alles dafür, für die Zentraldefensive einen neuen Mann zu holen, der im Idealfall noch jung ist, aber schon für das erste Team geeignet ist.
Diese perspektivischen Aspekte des "team building" interessieren mich am Fußball inzwischen fast schon am meisten (neben den eigentlichen Spielen natürlich), deswegen freue ich mich auf diese Rückrunde schon sehr, und ich kann nur noch einmal wiederholen, dass ich es begrüße, dass sie ohne Markus Babbel stattfindet. Skibbe mag eine konventionelle Besetzung sein, aber selbst er wird mehr in diesem großen Kader erkennen können als der Vorgänger, der seine "Jungs" zwar offensichtlich schätzte, aber keinen großen Unterschied zwischen ihnen machte. Es kommt aber darauf, den großen Unterschied in Kleinigkeiten zu entdecken.
Nicht für alle wird dieser Beschluss für die ganze Rückrunde gelten, das müssen wir annehmen. Bei Perdedaj ist immer noch eine Ausleihe in die zweite Liga im Gespräch, das könnte sich aber anders darstellen, sollte Gladbach tatsächlich ein Gebot für Lustenberger abgeben (was nach dem Entschluss von Roman Neustädter, im Sommer zu Schalke zu wechseln, auf jeden Fall nicht unwahrscheinlicher geworden ist).
Für alle Genannten beginnt nun ganz konkret eine "Reise nach Jerusalem", sie müssen mit der zweiten Garde (Torun, Ben-Hatira, Rukavytsya, Ronny, Janker) um die Positionen im Schattenkabinett kämpfen - die erste Elf wird Skibbe wohl nur unwesentlich umbauen.
Was dabei nicht vergessen werden sollte, ist Folgendes: Nach der Hinrunde stehen die bisherigen offensiven Understudies schon in einer Bringschuld, denn vor allem Torun und Ben-Hatira konten bisher noch nicht zeigen, dass sie konsistent das Niveau heben. Sie vor allem sind es, mit denen Djuricin, Schulz und die noch jüngeren Kargbo und Kiesewetter in Konkurrenz stehen.
Hier wird es großes Fingerspitzengefühl von Skibbe brauchen, da jedes Wochenende einen motivierenden Spielkader zusammenzustellen, während Babbel ja stoisch fast durchwegs die gleiche 18er-Truppe verwendet hat - seine stereoytpen Wechselspiele zählten ohnehin zu den großen Schwachpunkten seiner Arbeit.
Bei Djuricin würde es mir am meisten leidtun, wenn er seine Chance nicht bekäme - und das schreibe ich nicht, weil er Österreicher ist, sondern weil ich ihn schon oft gesehen habe. Er hat das gewisse Etwas, das mich sehr hoffen lässt, dass er es eines Tages auch in größerem Rahmen zeigen kann und will.
Alfredo Morales gilt als einer der Gewinner von Belek - wenn das bedeutet, dass Christian Lell nun einen ernsthaften Vertreter hinter sich weiß, dann kann das für die interne Dynamik nur gut sein - wie auch die bereits bekannt gegebene Verpflichtung von Felix Bastians, womit eine der beiden eindeutig zu besetzenden Planstellen im Kader schon bestellt ist (die andere betrifft wie gesagt die Position neben Hubnik).
Zudem ist die positionelle Flexibilität von Morales interessant. Nico Schulz hingegen sollte nicht zu sehr hin und hergeschoben werden, ihn sehe ich nicht als Außendecker, sondern strikt als Winger. Kargbo und Kiesewetter haben noch ein bisschen mehr Zeit, sodass als akutester Fall wohl Sebastian Neumann bleibt, für den sich in den nächsten Monaten am meisten entscheiden wird: Wird für Mijatovic spätestens im Sommer ein direkter Ersatz geholt, oder rückt Janker mit einem neuen Vertrag auf? In beiden Fällen bliebe er der Vertreter, es spricht aber alles dafür, für die Zentraldefensive einen neuen Mann zu holen, der im Idealfall noch jung ist, aber schon für das erste Team geeignet ist.
Diese perspektivischen Aspekte des "team building" interessieren mich am Fußball inzwischen fast schon am meisten (neben den eigentlichen Spielen natürlich), deswegen freue ich mich auf diese Rückrunde schon sehr, und ich kann nur noch einmal wiederholen, dass ich es begrüße, dass sie ohne Markus Babbel stattfindet. Skibbe mag eine konventionelle Besetzung sein, aber selbst er wird mehr in diesem großen Kader erkennen können als der Vorgänger, der seine "Jungs" zwar offensichtlich schätzte, aber keinen großen Unterschied zwischen ihnen machte. Es kommt aber darauf, den großen Unterschied in Kleinigkeiten zu entdecken.
Sonntag, Januar 08, 2012
Implosivität
Im Zusammenhang mit dem interborussischen Transfer von Marco Reus kommt auch Hertha BSC immer wieder zur Sprache. Das hat damit zu tun, dass Coach Favre in Mönchengladbach sich präventiv absichert, indem er an die Situation in Berlin im Sommer 2009 erinnert. Damals verließen Simunic, Voronin und Pantelic den Verein, wurden nicht adäquat ersetzt, und es folgte die Abstiegssaison. Ähnliches will er nun mit Gladbach vermeiden, deswegen will er die 17 Millionen Euro, die aus dem Verkauf von Marco Reus lukriert werden, gut angelegt sehen. Das wird vor allem deswegen schwierig, weil Reus so jung ist - man müsste ja nun jemand finden, der ähnliches Potenzial, ähnliche Auswirkungen auf die Mannschaftsstruktur und ähnliche Renditehoffnungen in sich vereinen kann - stattdessen wird es wohl jemand werden müssen, der schon ein wenig erfahrener ist, deswegen mehr verdienen will, und vielleicht nicht mehr so spektakulär weiterverkaufbar ist.
Die Unterschiede zur Situation bei Hertha 2009 sind allerdings zu deutlich, als dass hier ein brauchbarer Vergleich zu finden wäre. In Berlin fanden sich nach dem Abgang von Dieter Hoeneß ein unerfahrener Manager und ein unentschlossener Trainer vor der Situation, mit wenig Geld die gestiegenen Ansprüche nach einer Saison zu moderieren, die fast in die CL geführt hätte. Die finanziellen Möglichkeiten, die in den letzten beiden Spielen im Frühjahr 2009 verspielt wurden (auch aufgrund von Coaching-Fehlern von Favre), hätten es erlaubt, Voronin zu verpflichten, der inzwischen in der Versenkung der russischen Liga verschwunden ist.
Die naheliegendere Möglichkeit, Marko Pantelic zu akzeptablen Bedingungen zu verlängern, scheiterte an Favre, der den Serben für meine Begriffe immer völlig falsch eingeschätzt und behandelt hat. Und auch an Simunic hat er, abgesehen von der starken Saison 2008/2009, immer ein wenig gesägt.
Im Gegensatz dazu hat Favre es nun in Gladbach mit einem Manager Max Eberl zu tun, der viele Meriten vorzuweisen hat, und er findet solideste Standortfaktoren vor. Persönlich und beruflich ist er auch gereift, seine Berliner Traumatisierung ist aber immer noch durchzuhören, wenn man hört, wie er auf den Verkauf von Reus reagiert. So sieht es jedenfall die SZ in einem aktuellen Bericht: "Die Entlassung von damals nagt noch immer an ihm." Sie nagt auch an uns. Umso mehr können wir uns auf das DFB-Pokalspiel gegen Gladbach freuen - immerhin gibt es dazu eine Blaupause aus dem Herbst, von der Hertha sich positiv abheben kann.
Das würde dann das Trauma zumindest auf Berliner Seite wohl therapieren, während Lucien Favre trotz aller Verdienste in Gladbach immer noch auf die Bewährung arbeitet, die seine (wie wir nun allerdings wissen: auch gesundheitlich bedingte) Berliner Implosion vergessen machen kann.
Dienstag, Januar 03, 2012
Ten O'Clock News
Um zehn Uhr beginnt bei Hertha heute das Training zur Vorbereitung auf die Rückrunde. Das wäre wohl auch unter Coach Babbel so gewesen, der in normalen Betriebswochen sonst gern erst am Dienstagnachmittag üben ließ, doch es gibt einen neuen Trainer: Michael Skibbe, verpflichtet aus der Türkei. Bevor er hier begrüßt werden soll, noch ein abschließendes Wort zu dem "Lügen-Zoff", der die kurze Ära Babbel in Berlin beendet hat.
Entscheidend ist, dass es um Wahrheit und Lüge gar nicht ging. Es gab nämlich in dieser Sache nur eine Wahrheit, und das ist die Wahrheit des Clubs (dass diese handwerklich anfechtbar war, weil sie, simpel gesprochen, angesichts der langen Vertröstung bis 21.1. wenig glaubwürdig war, bleibt den Verantwortlichen anzulasten). Dass Babbel schließlich mit seiner alternativen Wahrheit an die Öffentlichkeit ging, konnte Hertha nicht dulden, weil er sich damit einer klaren Verletzung der Spielregeln schuldig gemacht hat. (Dass ich insgesamt glaube, dass Babbels Version, wenn schon nicht im Detail, so doch in der Sache viel für sich hat, tut also gar nichts zur Sache. Im Sinne der Vereinbarung, dass der Club über die Wahrheit verfügt, hat er doch "gelogen".)Wie so oft in Angelegenheiten, in denen es um "private Gründe" geht, hat sich auch hier allerdings eine höhere Wahrheit durchgesetzt: Es ist die Wahrheit der Wünsche. Die widersprüchlichen Wünsche, die Babbel bestimmt haben müssen, waren irgendwann nicht mehr zu vereinen - er konnte nicht in Berlin etwas aufbauen und sich zugleich jetzt schon für höhere Aufgaben in Stellung bringen, er konnte nicht in München leben und in Berlin einen Fulltimejob haben. Die Entscheidung, die er zu treffen hatte, hat er sich schließlich selbst abgenommen.
Für Hertha ist das eine gute Sache, denn sportlich hat Babbel nach gutem Beginn in der ersten Liga stagniert. Sein ödes Festhalten an der eingefahrenen Taktik tat der Mannschaft nicht gut, ob sich das im Frühjahr noch einmal geändert hatte, bezweifle ich eher. Nun also Michael Skibbe, zu dessen Bestellung ich von vielen verständigen Freunden regelrechte Beileidbekundungen bekommen habe. Ich sehe das nicht so eng.
Der Trainermarkt bietet wenig Möglichkeiten, nichts ist schwieriger als die Verstetigung von Erfolg (siehe Tuchel in Mainz, siehe Slomka in Hannover, siehe vielleicht bald auch Favre, der in Gladbach ja in seinem ersten Jahr ist - ihn hätte ich natürlich trotzdem lieber), und nach Babbel ist Hertha noch nicht reif für den nächsten innovativen personellen Schritt. Skibbe ist ein vertretbare, konventionelle Wahl, und ich traue ihm sogar zu, die falschen Automatismen des Babbel-Systems aufzubrechen. Das wird, genau genommen, seine erste Aufgabe sein.
Ein frischer Blick ist genau das, was dieser Kader jetzt braucht. Seit ein paar Minuten trainiert Hertha wieder, wahrscheinlich gibt es aber gerade noch Ansprachen. Dann aber muss es zur Sache gehen, und das bedeutet: jeder Spieler muss auf den Prüfstand, die Nachwuchsarbeit muss hinterfragt werden, die Hierarchien müssen neu gefunden werden. Das Jahr des Wiederaufstiegs ist Vergangenheit, nun ist wieder Alltag. Gut so.
Samstag, Dezember 31, 2011
Becoming a Gooner
Heute Nachmittag spielt der Arsenal FC gegen die Queens Park Rangers. Ein London Derby, das mir Gelegenheit gibt, mir einmal genauer Rechenschaft darüber zu geben, wie ich eigentlich Arsenal-Fan geworden bin. Denn die allererste Mannschaft in England, für die ich etwas übrighatte, das waren die Queens Park Rangers. Das muss in den frühen siebziger Jahren gewesen sein, als es in Österreich pro Woche gerade einmal zwei Minuten Bilder vom internationalen Fußball gab, in der Sportsendung am Sonntagabend, die ich gespannt erwartete, denn nur hier gab es zum Klang der Namen auch etwas Konkretes zu sehen. Vermutlich mochte ich QPR auch deswegen sehr, weil in der Hitparade im Radio, die ich mit der für einen Neunjährigen größtmöglichen Anteilnahme verfolgte, gerade "Hearts of Stone" von John Fogerty mein Favorit war. Wenn ich mich richtig erinnere, muss ich damals den Albumtitel mit dem Interpreten verwechselt haben, denn für mich war das immer ein Song von den "Blue Ridge Rangers".
Ansonsten bekamen wir internationalen Fußball ausschließlich über die Europacupspiele mit, aber daran erinnere ich mich nicht sehr gut, damals waren die Nationalteams eindeutig wichtiger. Schweden, gegen das Österreich damals ein Entscheidungsspiel um die WM-Teilnahme 1974 spielte (im verschneiten Gelsenkirchen), hatte eindeutig auch die besseren Namen: Ralf Edström und Ronnie Hellström gefielen mir besonders. Und weil ich schon einmal dabei bin, schreibe ich hier auch die Elf auf, die damals der österreichische Teamtrainer Leopold Stastny (großartige Figur, wo ich gerade an ihn denke) aufgestellt hatte: Rettensteiner (Koncilia); Eigenstiller, Schmidradner, Horvath, Kriess; Hattenberger, Hof, Hasil; Kreuz, Krankl, Jara. (Kurt Jara, immer Nummer 11, immer das Leiberl heraushängen lassend, war damals auch ein Idol.)
Dass ich mich in England bald eher in Richtung des Liverpool FC orientierte, war wohl klassischer Kinderopportunismus, hatte aber auch mit der Magie der Namen zu tun. Ray Kennedy allein fand ich so großartig, dass ich vermutlich jede Mannschaft toll gefunden hätte, zu der er ging (dass er von Arsenal gekommen war, ignorierte ich hingegen, da fand ich damals Tottenham und West Ham auf jeden Fall noch interessanter). In all diesen Jahren bestand Fußball für uns de facto aus Nationalspielen und ein paar Europacupspielen pro Jahr, und aus der österreichischen Liga.
Den ersten Eindruck von der Premier League bekam ich in den späten 90er Jahren in Wien, wo ein burgenländischer Ex-Profi namens Othmar Baijlicz ein Rock- und Trinklokal namens Chelsea aufgemacht hatte, in dem es auch Fußball aus England zu sehen gab. Das war damals ein absolutes Novum, und mit Hilfe des Internets lässt sich rekonstruieren, dass ich am 14. März 1998 mit meinem Freund Hermann die Begegnung zwischen Tottenham Hotspur und Liverpool gesehen habe. Es wurde ein denkwürdiges 3:3, bei dem Jürgen Klinsmann ein Tor für Spurs erzielte, Steve McManaman traf zweimal für Liverpool, bei denen Jamie Carragher damals schon dabei war! An diesem Tag wurde ich ein Fan, nicht von einer Mannschaft, sondern des englischen Fußballs insgesamt. Das Match war unglaublich intensiv, schnell, spannend - es war einfach eine andere Dimension.
Clubmäßig war ich damals nicht mehr so richtig festgelegt, beziehungsweise: da war ich noch auf der Suche (1999 hielt ich sogar zu Manchester United, das hatte aber hauptsächlich mit Paul Scholes zu tun). Und weil wir danach trotzdem nur sporadisch im Chelsea vorbeischauten, fand ich eigentlich erst in Berlin so richtig zu Arsenal. Mit den ersten Besuchen im Olympiastadion bekam die Passion für Fußball eine neue Qualität, aber auch damals bekam ich wenig englischen Fußball zu sehen. Es müssen die beiden Spiele zwischen Bayern und Arsenal in der Saison 2000/2001 gewesen, als der FCB schließlich die CL gewann, die mich zum ersten Mal konkreter neugierig auf die Gunners machten. In Highbury gab es damals ein 2:2, das ich ziemlich romantisch rezipierte - geniale Kunst gegen schnöden Pragmatismus (Bayern traf zweimal aus Freistößen).
Jedenfalls begann ich damals auf Arsenal zu achten. Henry war schon da, Kanu war noch da, Vieira war ehrfurchtgebietend, dazu kamen die Erinnerungen an die WM 1998, bei der ich eigentlich vom ersten Spiel an auf Frankreich verfallen war (das 3:0 gegen Südafrika war ja das Spiel, in dem Henry "entdeckt" wurde), und nun fand ich in England eine Art Expositur der Bleus - all das spielte zusammen. Und dann traf es sich hervorragend, dass ich ausgerechnet in der Saison ein Premiere-Abo abschloss, in der Arsenal ohne Niederlage die Premier League gewann. Ich war damals völlig überwältigt von der Menge an internationalem Fußball, die man auf Premiere sehen konnte - und mit dem Schauen kommt natürlich die Leidenschaft.
Seither habe ich wenige Spiele von Arsenal versäumt, zumal es ja auch schon seit Jahren den Arsenal Player gibt. Seither hat Arsenal aber auch fast nichts mehr gewonnen (in terms of "silverware", also Teller und Pokale), und wenn heute QPR ins Emirates kommen, dann wird es wieder den ewigen englischen Kampf geben: Ein kleines Team, das alles daran setzt, eines aus den "Top Four" (in diesem Jahr ja eher "Top Six" oder "Top Three", je nach Perspektive) zu ärgern. Und Arsenal ist die Mannschaft, die sich am leichtesten ärgern lässt. Damit muss ich jetzt leben, denn dass ich ein "Gooner" bin, daran wird sich nichts mehr ändern.
Ansonsten bekamen wir internationalen Fußball ausschließlich über die Europacupspiele mit, aber daran erinnere ich mich nicht sehr gut, damals waren die Nationalteams eindeutig wichtiger. Schweden, gegen das Österreich damals ein Entscheidungsspiel um die WM-Teilnahme 1974 spielte (im verschneiten Gelsenkirchen), hatte eindeutig auch die besseren Namen: Ralf Edström und Ronnie Hellström gefielen mir besonders. Und weil ich schon einmal dabei bin, schreibe ich hier auch die Elf auf, die damals der österreichische Teamtrainer Leopold Stastny (großartige Figur, wo ich gerade an ihn denke) aufgestellt hatte: Rettensteiner (Koncilia); Eigenstiller, Schmidradner, Horvath, Kriess; Hattenberger, Hof, Hasil; Kreuz, Krankl, Jara. (Kurt Jara, immer Nummer 11, immer das Leiberl heraushängen lassend, war damals auch ein Idol.)
Dass ich mich in England bald eher in Richtung des Liverpool FC orientierte, war wohl klassischer Kinderopportunismus, hatte aber auch mit der Magie der Namen zu tun. Ray Kennedy allein fand ich so großartig, dass ich vermutlich jede Mannschaft toll gefunden hätte, zu der er ging (dass er von Arsenal gekommen war, ignorierte ich hingegen, da fand ich damals Tottenham und West Ham auf jeden Fall noch interessanter). In all diesen Jahren bestand Fußball für uns de facto aus Nationalspielen und ein paar Europacupspielen pro Jahr, und aus der österreichischen Liga.
Den ersten Eindruck von der Premier League bekam ich in den späten 90er Jahren in Wien, wo ein burgenländischer Ex-Profi namens Othmar Baijlicz ein Rock- und Trinklokal namens Chelsea aufgemacht hatte, in dem es auch Fußball aus England zu sehen gab. Das war damals ein absolutes Novum, und mit Hilfe des Internets lässt sich rekonstruieren, dass ich am 14. März 1998 mit meinem Freund Hermann die Begegnung zwischen Tottenham Hotspur und Liverpool gesehen habe. Es wurde ein denkwürdiges 3:3, bei dem Jürgen Klinsmann ein Tor für Spurs erzielte, Steve McManaman traf zweimal für Liverpool, bei denen Jamie Carragher damals schon dabei war! An diesem Tag wurde ich ein Fan, nicht von einer Mannschaft, sondern des englischen Fußballs insgesamt. Das Match war unglaublich intensiv, schnell, spannend - es war einfach eine andere Dimension.
Clubmäßig war ich damals nicht mehr so richtig festgelegt, beziehungsweise: da war ich noch auf der Suche (1999 hielt ich sogar zu Manchester United, das hatte aber hauptsächlich mit Paul Scholes zu tun). Und weil wir danach trotzdem nur sporadisch im Chelsea vorbeischauten, fand ich eigentlich erst in Berlin so richtig zu Arsenal. Mit den ersten Besuchen im Olympiastadion bekam die Passion für Fußball eine neue Qualität, aber auch damals bekam ich wenig englischen Fußball zu sehen. Es müssen die beiden Spiele zwischen Bayern und Arsenal in der Saison 2000/2001 gewesen, als der FCB schließlich die CL gewann, die mich zum ersten Mal konkreter neugierig auf die Gunners machten. In Highbury gab es damals ein 2:2, das ich ziemlich romantisch rezipierte - geniale Kunst gegen schnöden Pragmatismus (Bayern traf zweimal aus Freistößen).
Jedenfalls begann ich damals auf Arsenal zu achten. Henry war schon da, Kanu war noch da, Vieira war ehrfurchtgebietend, dazu kamen die Erinnerungen an die WM 1998, bei der ich eigentlich vom ersten Spiel an auf Frankreich verfallen war (das 3:0 gegen Südafrika war ja das Spiel, in dem Henry "entdeckt" wurde), und nun fand ich in England eine Art Expositur der Bleus - all das spielte zusammen. Und dann traf es sich hervorragend, dass ich ausgerechnet in der Saison ein Premiere-Abo abschloss, in der Arsenal ohne Niederlage die Premier League gewann. Ich war damals völlig überwältigt von der Menge an internationalem Fußball, die man auf Premiere sehen konnte - und mit dem Schauen kommt natürlich die Leidenschaft.
Seither habe ich wenige Spiele von Arsenal versäumt, zumal es ja auch schon seit Jahren den Arsenal Player gibt. Seither hat Arsenal aber auch fast nichts mehr gewonnen (in terms of "silverware", also Teller und Pokale), und wenn heute QPR ins Emirates kommen, dann wird es wieder den ewigen englischen Kampf geben: Ein kleines Team, das alles daran setzt, eines aus den "Top Four" (in diesem Jahr ja eher "Top Six" oder "Top Three", je nach Perspektive) zu ärgern. Und Arsenal ist die Mannschaft, die sich am leichtesten ärgern lässt. Damit muss ich jetzt leben, denn dass ich ein "Gooner" bin, daran wird sich nichts mehr ändern.
Mittwoch, Dezember 28, 2011
Olympiakos
Da ich neulich durch Zufall entdeckt habe, wie man hier Fotos kolumnenfüllend und in ansprechender Größe postet, will ich davon gleich noch ein bisschen Gebrauch machen. Hier also ein paar weitere Eindrücke aus Griechenland, aufgenommen auf dem Weg zum Karaiskakis-Stadion in Piräus, wo übrigens auch Hertha einmal gespielt hat, wie mir gerade einfällt - das war im Dezember 2008, damals begann Lucien Favres Arbeit in Berlin gerade zu wirken, wenngleich nicht gerade an diesem Abend, denn da gab es ein 0:4.
Samstag, Dezember 24, 2011
Messiaserwartung
Von einem Fußballclub, dem man anhängt, kann man sich nicht viel mehr wünschen, als dass dort professionell gearbeitet wird, dass gute Spieler verpflichtet werden und jungen Talenten eine Chance geboten wird. Alles, was in Richtung Messiaserwartung (aus dem Hebräischen ins Fußballdeutsche übersetzt: Wunderwuzzihoffnungen) geht, wird unweigerlich enttäuscht werden.
Zu Weihnachten 2011 steht Hertha wieder einmal da, wo Verein und Mannschaft schon so oft gestanden sind: vor einem Neuanfang, bei dem doch Vieles beim Alten bleiben muss (Skibbe kommt, Babbel geht, der Kader bleibt, Management und Präsident bleiben, die Schulden bleiben). Was kommt noch? Aus dem Nachwuchs müsste mehr kommen, das wird ein Thema des neuen Jahres.
Zum Ende der eineinhalb Jahre mit Markus Babbel hier eine kleine Fotoreportage von dem Freundschaftsspiel, das Hertha im August 2010 beim 1. FC Lübars gespielt hat - mit einigen beziehungsreichen Details: Auf der Bank saß Rainer Widmayer (Babbel war anderweitig beschäftigt), im Sturm sah ich damals erstmals einen jungen Mann namens Pierre-Michel Lasogga (der sich bald verletzte und auf dem ersten Bild schon wieder auf der Bank sitzt), Sebastian Neumann, Nico Schulz und Marco Djuricin legten damals den Grundstein für eine vielversprechende Zweitligasaison, Lennart Hartmann zählte noch zum erweiterten Kreis, und ein gewisser Ronny deutete an, dass er sich auf den ruhenden Ball versteht. Ein Kuriosum gab es auch: Sascha Burchert musste als Feldspieler einspringen.
Mit dieser Erinnerung an Aufbruchsstimmung im Hochsommer (und ein Bärengeschenk, über das wir uns bis heute freuen) wünsche ich schöne Feiertage.
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