Sonntag, Dezember 16, 2012

Wintersause

Mit einem 2:1 gegen FSV Frankfurt hat Hertha dieses Jahr beendet. Das Spiel führte tief in die Geheimnisse des Fußballs, am Ende zählt aber auch hier nur die Statistik: 42 Punkte aus 19 Spielen, das ist mehr als in der Zweitligasaison vor zwei Jahren. Das ist beeindruckend, und das Spiel gegen Frankfurt machte beinahe den Eindruck, als wäre es selbst beeindruckt von dieser Hertha. Denn am Ende ergab es sich einfach, sodass ein Rückstand noch gedreht werden konnte. Der Kicker schrieb danach von einer Willensleistung, die notwendig war, um das Match zu drehen. Es war aber auch eine Mischung aus Zufall, Intuition, unklarer Regelauslegung, und dem Beitrag eines Mannes, der zu Recht zum Herthaner der Hinrunde gekürt wurde: Fabian Lustenberger war bei der Entstehung des Siegtreffers auf entscheidende Weise "instrumental", wie man da in England so schönt sagt. Der Schweizer macht jetzt auch noch den Hubnik (minus dessen Aussetzern) und schaltet sich vorne ein, wenn es Spitz auf Knopf steht. Es sagt viel über den Coach, von dem Hertha derzeit geleitet wird, dass er sich ohne Ansehen von Stand und Rang auf diese Innenverteidigung festgelegt hat: Lustenberger und Brooks wurden kaum rotiert (während Holland nach der Vertragsunterzeichung bis 2016 gleich einmal geschont wurde).

Wie schon im Hinspiel, als Brooks einem Gegentreffer den Weg bereitete, trug er auch dieses Mal mit einem Foul an der Strafraumgrenze dazu bei, dass der FSV an seinem Nimbus als Hertha-Nemesis arbeiten konnte: Der Freistoß wurde im Nachschuss zum 1:0 verwertet. Danach wechselte der Coach mehrfach offensiv ein, mit Mukhtar und Kachunga kamen junge Leute, aber es war der bis dahin eher schwache Ronny, der bei einem Freistoß für Hertha nicht auf seinen starken linken Fuß setzte, sondern ohne auf Ballfreigabe, Mauer etc. zu warten kurz auf Ndjeng spielte, der in den Sechzehner lief und kühl verwertete. Das war regulär, aber es bleibt immer ein wenig Ratlosigkeit, denn ganz offensichtlich war auch der Referee auf einen ruhenden Ball eingestellt, gesperrt war er aber nicht, und so zählte der Treffer. Ronny kam dann wenig später doch noch zum Schuss, dieses Mal aus dem Spiel heraus, und so ist zu diesem Weihnachtsfest für Hertha wirklich fast alles Eierlikör, vor allem der Vorsprung auf den FCK.

Unübersehbar war gegen FSV Frankfurt (das Spiel gegen Paderborn habe ich leider nicht gesehen), dass die Hertha-Offensive durchaus Probleme hat im Moment. Allagui fremdelt, Sahar auch, Ronny lässt sich zu leicht den Ball wegnehmen, Ramos suchte ihn auf dem ganzen Feld, so war es Kluge, der die Arbeit der Spielorganisation übernahm. Hertha gewann schließlich (und nicht zum ersten Mal) eher glücklich, und doch folgerichtig, wenn man sich die Zahlen ansieht: späte Tore gab es mehrfach, es existiert etwas in diesem Team, das in den letzten drei Monaten entstanden ist, eine Art unverdrossener Optimismus, das Glück auf seine Seite zwingen zu können (bestärkt von dem Wissen, dass es nicht ganz so schlimm ist, wenn das nicht gelingt, wie gegen Köln).

Die Ostkurve bemühte sich nach Kräften, den Protest gegen die DFL nicht in Weihnachtsstimmung aufzulösen, doch da zeigte sich, dass es gar nicht leicht ist, bei einem Spiel nicht mitzugehen. Hertha war nicht mitreißend, hat aber im Moment etwas von einem zielstrebigen Wanderer, dem man sich gern anschließen möchte, weil er das Gefühl vermittelt, er hätte die beste Schrittfrequenz, um den Gipfel zu erreichen.

Donnerstag, Dezember 06, 2012

Sein linker Fuß

Es zählt zu den besten Momenten für Fußballbeobachter, wenn er ein Tor noch in der Entstehung schon begreift. So war es am Montagabend, als Ronny das Auswärtsspiel in Cottbus entschied. Diese Ballannahme am Sechzehnereck, in der eine mögliche Drehung schon enthalten war, das ließ sich vor dem Fernseher (als Möglichkeit) ausnehmen, inklusive der kurzen Ecke, die sich gleich danach anbieten würde. Die Freiheit der Schussbahn konnte sich nur in den Hundertstelsekunden ergeben, die zusammen genommen eine Aktion von vielleicht zwei Sekunden Dauer ausmachen, die aber doch im Kopf des Zuschauers (in den des Spielers kann ich ja nicht hineinschauen, aber da muss es ganz ähnlich sein) eine äußerst komplexe und doch ungeheuer einfache Sach ergeben: Ballannahme, Drehung, Tor. Die Qualität der Ballannahme (der Ball kam steil von oben) war in diesem Fall der entscheidende Faktor, alles andere war Trademark Ronny.

Hertha hat damit ein Spiel gewonnen, das gut auch remis hätte enden können. Ronny hat nämlich die Probleme hintangestellt, die durchaus vorhanden sind. Ramos fehlte, Ben-Hatira fehlt schon länger, Pekariks Fehlen lässt Djeng vorne fehlen. Allagui ist kein Winger. Sandro Wagner ist kein guter "target man". Das sah man besonders deutlich bei einer exzellenten Konterchance für Hertha kurz vor dem Gegentor, als Wagner es schaffte, den "linking pass" hinter die nachrückenden Kollegen ins Seitenaus in der Bastians-Gegend zu spielen. JLu stellt im Moment so auf, dass er zugleich Kaderpolitik und Talentabwägung betreibt. Er hält die Gruppe zusammen, auch um den Preis, dass es der Mannschaft ein bisschen an offensiver Schärfe fehlt.

Bei aller Freude über Ronny sollte man ja nicht übersehen, dass er durchaus zerstreut sein kann; er verliert auch eine Menge Bälle, und ein wenig musste man in Cottbus sogar Sorge haben, dass er sich eine zweite gelbe Karte einhandeln könnte. Doch er hat eine ganze Reihe entscheidender Momente gehabt in dieser Zweitligahinrunde. Zweifellos ist er der Herthaner der Stunde. Das lässt es abgebracht erscheinen, noch einmal an das Spiel zu erinnern, mit dem das Kalenderjahr für uns begonnen hat: Vor dem Auswärtsspiel in Nürnberg ließ der neue Coach Skibbe verkünden, dass er auf Ronny als Spielmacher setzen wolle; nach 45 (zugegeben schwachen) Minunten nahm er ihn aus der Mannschaft, und damit war die erste taktische Idee von Skibbe perdu. (Was den Abstieg anlangt, glaube ich immer noch, dass das sehr unglückliche Ausscheiden gegen Gladbach im Pokal das entscheidende Spiel war: Aber damit kommen wir nur in das Dickicht der Konjunktive, und mittelfristig wären wir mit Skibbe sicher nicht glücklich geworden.)

Jos Luhukay hat hingegen eine Personalpolitik, die anscheinend sehr langmütig ist, und es zahlt sich auch aus. Ramos fand wieder in die Spur, Ronny erfand sich nahezu neu, Lustenberger wird der neue Arne (nur weniger verkrampft), Holland hat Angebote, Brooks wird der neue Simunic. In Paderborn sollte die lange Serie der ungeschlagenen Spiele halten, dann könnte Hertha sich über den Winter in aller Ruhe personell neu aufstellen - mit den aus Verletzungspausen zurückkommenden Spielern wird der Wettbewerb nämlich noch einmal deutlich härter werden (Exempel: Hubnik). Luhukay macht da viel richtig, vor allem scheint er es auch gut zu kommunizieren (nach innen). Sieht viel danach aus, dass Entscheidungsträger ohne Profilierungsneurosen eben doch die bessere Arbeit leisten.

Samstag, Dezember 01, 2012

Reinkarnation

Beim Spiel von Hertha gegen den FC Köln am Donnerstag ist mir etwas klar geworden, was vermutlich andere auch schon bemerkt haben: In Berlin spielt wieder ein Marcelinho. Der prägende Spieler der nuller Jahre und der Ära Hoeneß hat in Ronny eine neue Inkarnation gefunden. Die Ähnlichkeiten sind auf jeden Fall verblüffend, und nicht alle sind nur positiv. Ronny neigt, wie sein Vorgänger, auch dazu, gelegentlich ein wenig zu viel selbst zu wollen. Dann bleibt er zu lange am Ball, und läuft sich fest. Bei seinem Tor gegen Köln hatte es aber wieder Sinn, dass er so lange am Ball blieb, er zog von rechts in Richtung Mitte, den Ball auf seinem linken Fuß, und brachte sich mit jedem weiteren Schritt in eine immer bessere Position für den Torabschluss, den er dann auch zustandebrachte. Schürrle von der anderen Seite hat dieses schwer zu verteidigende Manöver in der Bundesliga eine Weile gepachtet gehabt, aber Ronny ist dafür auch bestens geeignet. Was mich an ihm vor allem an Marcelinho erinnert, ist seine Ballführung. Er schleppt häufig den Ball so mit, als klebe er am Fuß, und spielt dann manchmal einen dieser öffnenden Vertikalpässe (gegen Köln waren das zwei, drei herrliche Beispiele).

Ronny scheint sich seiner neuen Position zunehmend bewusst zu werden, er tritt jedenfalls sehr selbstbewusst auf, geht lange Wege auf dem Platz, und hat sich somit auf jener Spielmacher-Angreifer-Schnittstelle etabliert, die Marcelinho auch für sich definiert hatte. Gegen Köln ging in der zweiten Halbzeit nicht mehr so viel, zum Glück folgt das nächste Spiel erst am Montag, denn in Sachen Offensivpressing war Hertha am Donnerstag eher ein Ausfall. Köln genügte eine solide Leistung, um das Spiel in Schach zu halten, das Tor durch McKenna war eher ein Zufallsprodukt, ermöglicht durch eine davor unterbeschäftigte und ein wenig passive Hertha-Defensive (die Flanke hätte so nicht kommen dürfen). Obwohl Sandro Wagner hinterher auf den "Zweipunkteschnitt" verwies, über dem Hertha liegt, machte das Spiel doch deutlich, dass diese Zweitligasaison schwieriger werden dürfte als die vor zwei Jahren, als Hertha schließlich ziemlich durchmarschierte. Gegen Cottbus gibt es die Möglichkeit, einen deutlichen Hinweis zu geben, wie es weitergehen soll.

Donnerstag, November 29, 2012

Luftnummern

Eine Niederlage von Energie Cottbus in Sandhausen verschafft Hertha heute die Gelegenheit, mit einem Heimsieg gegen den FC Köln die Verhältnisse an der Tabellenspitze ein wenig weiter zu verdeutlichen. Der Abstand zu Platz 4 betrüge dann sieben Punkte, die Auswärtsfahrt in die Lausitz stünde damit unter einem Vorzeichen von Gelassenheit. Doch noch ist es nicht soweit, erst muss gespielt werden. Die Begegnung hat für mich einen deutlichen Vanitas-Zusammenhang. Denn ziemlich genau drei Jahre ist es her, dass Hertha gegen Köln ein Heimspiel in der ersten Liga hatte (um genau zu sein, es war der 8. November). Es war ein echtes Sch***-Spiel, in dem Raffael zweimal an die Stange schoss, und in dem am Ende Novakovic ein Tor für Köln erzielte, die in dieser Saison in der Liga blieben (obwohl ich damals einem Fan der Geißböcke verheißen hatte, dass eine spielerisch so unproduktive Truppe keine Erstligaberechtigung hat. Inzwischen hat sich mein damaliger Wunsch erfüllt, auch wenn er längst nicht mehr so heftig ist wie damals im unmittelbaren Gefühl der Ohnmacht. Köln liegt deutlich hinter Hertha in Liga 2, und in Berlin sieht es zumindest sportlich gut aus, wie auch der ungefährdete, vom Spielverlauf begünstigte und zu keinen größeren Analysen inspirierende Auswärtssieg in Aue am Wochenende bestätigte.

Am Montag fand eine kurze Mitgliederversammlung ohne Kontroversen statt. In der momentanen guten Stimmung wollte niemand ausführlicher auf die finanzielle Situation eingehen, aus der allerdings deutlich hervorgeht, dass Hertha inzwischen in einem wirtschaftlichen Gesamtzustand ist, der auf Jahre hinaus das Schicksal einer Fahrstuhlmannschaft erwarten lässt. Mit 42 (nach anderer Rechnung: 67) Millionen Euro Schulden und dem entsprechend limitiert verstärkbaren Zweitligakader in die nächste Erstligasaison zu gehen (vom alternativen Szenario will ich nicht reden), verheißt schwierige Zeiten, und zwar auf längere Frist. Das trübt für meine Begriffe doch sehr eindeutig das schöne Bild des Moments. Michael Preetz hat mit Jos Luhukay eine überzeugende Personallösung für den sportlichen Bereich gefunden, was die Finanzen anlangt, vertrauen er und Präsident Gegenbauer in Ingo Schiller noch immer dem Mann, der schon die Schuldenära Hoeneß mitgetragen und mitgestaltet hatte.

Hertha braucht dringend einen vernünftigen Wirtschaftskurs, stattdessen lassen sich die Bosse mit Ion Tiriac fotografieren, als wäre es allen Ernstes eine Option, dass jemand Geld in Hertha investiert, das er vorher dem rumänischen Gemeinwesen entzogen hat. Solange das so ist, solange Hertha finanziell agiert wie Griechenland vor 2008, bleibe ich Fan unter Vorbehalt. Sportlich bin ich dabei, aber einer Entlastung des Managements würde ich nicht zustimmen. Deswegen bin ich auch gar nicht hingegangen.

Mittwoch, November 21, 2012

Stegreifkünstler

In Wien gibt es ein Theater, in dem die Schauspieler keinen Text lernen müssen. Sie spielen beim Tschauner nämlich "Stegreif", das heißt, sie erfinden die Dialoge unterwegs. Anderswo würde man dazu vielleicht "improv" sagen, einige der besten amerikanischen Komödianten haben in diesem Feld ihre Grundausbildung gemacht. Am Montag musste ich dauernd an diese Sachen danken, weil dem FC St. Paul ein Mann namens Tschauner im Tor stand. Er fing eine Menge, darunter auch aussichtsreiche Kopfbälle von Ramos. Da es in der Mannschaft von Jos Luhukay inzwischen aber eine ganze Reihe von Leuten gibt, die gute "Bananen" oder "Gurken" oder andere gekrümmte Lebensmittel aus der Abteilung organische Ballbewegungsmetaphorik in den Strafraum bringen (Schulz, Holland, Bastians, Ndjeng, Ronny und schließlich Pekarik, der sich leider an diesem Abend noch gravierend verletzte), fand schließlich relativ spät, aber noch lange nicht zu spät einer dieser Kopfbälle den Weg an Tschauners Greifkünsten vorbei ins Tor.

Es war vermutlich der unwahrscheinlichste des ganzen Spiels, denn Sahar befand sich in einem Pulk an der torentfernten Stelle, der Ball musste durch diesen Pulk hindurch, und überquerte die Linie gewissermaßen noch halb "undercover". Dann war er aber drin, und ein "hunderprozentiger" (Niemeyer) Arbeitssieg war auf dem Konto. Für die Tabelle bedeutet das, dass sich eine Dreiergruppe an der Spitze ein klein wenig abgesetzt hat, zu Cottbus und zu Rang Blech sind es nun vier Punkte.

Es war ein seltsamer Abend, weil ihm eine Zeitreise voranging. Der Tod von Alex Alves hat nicht nur vor Augen geführt, wie brutal dieses Leben immer wieder sein kann, er hat auch gezeigt, wie enorm die Veränderungen waren, die Hertha seither durchlebt hat. Als einen sicheren Erstligisten, ja als Team aus der erweiterten Spitzengruppe habe ich sie eigentlich nur gekannt, ein Fan mit mittellangem Gedächtnis, der die Zeit der zweiten Liga vor 1997 nicht wirklich mitbekommen hat. Und nun also schon das zweite Zweitligajahr binnen kurzer Zeit, immerhin neuerlich unter Bedingungen, die zumindest ein Chaos wie in Köln nicht zuließen. Die Mannschaft von Jos Luhukay scheint bestens auf den Zweitligabetrieb eingestellt zu sein. Bei Peer Kluge stelle ich immer wieder fest, dass da anscheinend ein echter Spitzenfußballer bei Hertha angeheuert hat - dass er das nur phasenweise zeigt, muss nicht überraschen bei einem Mann mit so durchwachsener Karriere, aber manchmal macht er Dinge, die mich leise aufjubeln lassen.

Daneben gefällt mir im Moment der "no nonsense"-Stil von Fabian Holland besonders gut. Er macht manchmal im Spielaufbau gewisse Kleinigkeiten, die viel über das Fußballspiel als solches verraten, das ja in einem hohem Maß aus Routinen besteht, in die man aber eben manchmal eine Idee einbauen sollte. Bei Holland kann man die Ausbildung noch sehr schön sehen, er bietet sich immer wieder für die Dreiecke an, in denen der Ball nach vorn gehen soll (während Ronny zum Beispiel andere, ungewöhnlichere Wege sucht, beim Dribbling wie beim Passen).

Im Spiel gegen St. Pauli gab es insgesamt eine gute Vertikalität bei exzellentem Flügelspiel, die manche fast schon brillante Kombinationen ergab. Dass der kopfballstarke Ramos häufig an deren Ende war, gibt dem ganzen Spiel eine Richtung, der nur noch Tschauner im Wege stand. Und auch er nur bis zur 85. Minute, denn dann kam diese Flanke von Pekarik, gegen deren Verarbeitung auch mit noch so viel Geistesgegenwart nichts zu machen war. Hertha spielt nicht in den ersten Häusern dieses Jahr, aber die Vorstellungen sind sehr ansprechend.

Sonntag, November 18, 2012

Emphase

Die Rivalität zwischen dem Arsenal FC und Tottenham Hotspur bringt regelmäßig großartige Spiele hervor. Mein Favorit bleibt wahrscheinlich noch lange ein 4:1 von Arsenal an der White Hart Lane vor zwei Jahren, in einer Begegnung im Carling Cup, die in die Verlängerung ging und vielleicht die beste Leistung von Samir Nasri im englischen Fußball mit sich brachte. Aber es war die Weise, wie Arsenal sich damals das Spiel zu eigen machte, die für mich unvergesslich ist.

Es ist wirklich erstaunlich, wie die von den Businessfaktoren her ja eigentlich deutlich zu favorisierende Mannschaft von Arsenal gegen Tottenham immer wieder den Kopf aus der Schlinge zieht - besonders wegweisend war das im Mai 2006, als Tottenham am letzten Tag den vierten Platz verspielte. Es war der Sommer, in dem Arsenal das neue Stadion bezog, und ich möchte mir gar nicht ausmalen müssen, wie die Geschichte verlaufen wäre, hätte Arsenal damals die CL-Qualifikation nicht geschafft (vielleicht allerdings hätten sie damals, auch das hätten die Parzen sich ausdenken können, ein paar Wochen später den FC Barcelona im CL-Finale besiegt ....).

Wie auch immer, ich habe eine Menge im Kopf, wenn es wieder zu einem Derby kommt wie gestern im Emirates. Zwei nicht gerade vor Kraft strotzende Mannschaften kamen da zusammen, es war dann aber eine klare Sache, und ein Moment erwies sich als der entscheidende: Nach einem übermotivierten und brutal aussehenden Tackle von Adebayor gegen Cazorla sah der Wanderarbeiter aus Togo die rote Karte ("straight red"), da war das Spiel noch keine zwanzig Minuten alt, und Tottenham führte 1:0 durch - Adebayor (ein Abstaubertor).

Mit zehn Mann hätte Tottenham nun eigentlich Arsenal die ultimative Blamage bereiten können: Sie hätten nur "den Bus parken" müssen, wie das Sunderland oder Norwich manchmal so perfekt können, und Arsenal hätte einmal mehr seine Impotenz gegen kompakte Teams zeigen können. Doch erstens ist das Mittelfeld von Tottenham mit Sandro und Huddlestone eher durchschnittlich besetzt, zweitens hatte Naughton mit Walcott zu viele Probleme, und drittens tauchte Per Mertesacker, der die Arsenal-Viererkette immer wieder mit utopischen Abseitsfallen überfordert, einmal vorne auf und erzielte mit Tony-Adams-Luftstand den Ausgleich.

Danach lief es eine pausenübergreifende halbe Stunde sehr gut für Arsenal, bevor Bale beim Stand von (aus seiner Sicht) 1:4 mit einem Treffer die blanken Nerven im Emirates wieder spürbar machte. Es gab dann aber doch noch einen fünften Treffer durch Walcott, und so wurde es kein Zittersieg, sondern ein Ergebnis, das man in England als "emphatic" bezeichnet. Es ist noch nicht einmal ein halbes Jahr her, da gab es das gleich Ergebnis, und damals erwies sich das Spiel als wegweisend: Arsenal schaffte einmal mehr die CL-Platzierung, Tottenham fiel aus der Spitzengruppe (in dieser kuriosen vergangenen Saison, als kein einziges Team wirklich kontinuierlich gut war).

Für Arsenal gibt es vor allem eine Lektion aus dem Derby-Sieg: Die Vertragsverhandlungen mit Theo Walcott müssen zu einem positiven Ende gebracht werden. Der Winger, der gern der nächste Thierry Henry werden würde (dafür müsste er zentral spielen, wie er meint), ist nicht nur einer der größten Stars der Mannschaft, er ist auch eine Integrationsfigur, und er ist torgefährlich (als Scorer und als Assistent). Er ist längst ein Führungsspieler, und sollte auch wie ein solcher bezahlt werden. Walcott kommt jetzt in das Alter (und zeigt zunehmend jene Erfahrung und Spielintelligenz), in dem er zu einem echten Topspieler werden könnte. Ihn jetzt ziehen zu lassen, wäre in jeder Hinsicht das falsche Zeichen.

Ein weiteres positives Indiz aus den letzten Spielen ist das Selbstbewusstsein von Giroud. Er lässt das Offensivspiel zunehmend besser zusammenwachsen, er trifft inzwischen regelmäßig, vor allem aber kann er den Ball behaupten, Freistöße ziehen, sogar Pässe spielen. Ihm sehe ich im Moment fast am liebsten zu, ein Schicksal wie das von Chamakh sollte ihm erspart bleiben, schließlich hat Giroud keinen Van Persie, gegen den er sich behaupten müsste - er muss nur einfach den Niederländer vergessen machen. Derzeit sieht es so aus, als würde er sich das zutrauen.

Sonntag, November 11, 2012

Wühlkiste

Den Pflichtsieg beim Aufsteiger und Abstiegskandidaten SV Sandhausen hat Absteiger und Aufstiegskandidat Hertha BSC souverän erledigt, dank einiger ruhender Bälle und einiger später Gelegenheiten, die dann auch jene Kräfte nutzten, die von Manager Preetz in einem Anfall von Torschlußpanik verpflichtet worden waren: Es gibt ja eindeutig zu viele Offensivkräfte in diesem Kader, in Spielen wie dem am Freitag hat Coach Lukuhay dann auch Gelegenheit, ein wenig an der Stimmung zu arbeiten. Allagui bekam seine Gelegenheit, desgleichen Ben Sahar. Elias Kachunga handelte sich neulich in der 4. Liga eine gelb-rote Karte ein, beim Auswärtsspiel in Zwickau könnte er heute schon wieder dabei sein; eigentlich aber war er ja für die zweite Liga gedacht und wurde als neuer Bär gehandelt.

Hertha konnte mit der fast optimalen Aufstellung antreten. Das bedeutet, dass Hubnik derzeit weiterhin das Nachsehen gegenüber Brooks hat, und dass Ronny hinter Ramos keineswegs eine hängende Spitze gab, sondern einen überall präsenten Verteiler und Antreiber, unterstützt von Kluge, der nominell neben Niemeyer spielte, aber auch einige Wege macht, und gern vor dem Tor auftaucht (etwa bei der zweiten Chance von Ramos, dessen Schuss knapp am linken langen Pfosten vorbeiging, wo Kluge auch schon wieder war).

Dass so manche mutmaßliche Spitzenmannschaft den gemeinen Eckball nicht besonders wichtig nimmt, verwundert mich schon lange (bei Barcelona sehe ich das noch ein, die haben aber auch wirklich ein anderes erfolgreiches System). Unter Luhukay aber wird ein Fußball gespielt, der vom Möglichen ausgeht, und deswegen nützt Hertha Ecken und Freistöße relativ gut. Ronnys Schusstechnik ist dabei sicher hilfreich. Sandhausen war nicht nur kein zweites Ingolstadt, die Mannschaft aus dem Südwesten hatte auch noch Pech (beim zweiten Tor sah der Keeper nicht gut aus), und selbst das überraschende 1:3 eine Viertelstunde vor Schluss (in Unterzahl, Bastians ein wenig schlafmützig) konnte nichts mehr bewirken. Im Gegenteil kamen nun die Reservisten von Hertha und belohnten sich fürs Bankdrücken (Tore gab es wie in der Wühlkiste).

In den ersten 13 Runden hat die Mannschaft die Grundlagen gelegt für ein attraktives "run-in", in dem sie noch einmal ordentlich gefordert werden wird. Denn die nächsten vier Gegner haben es in sich: St. Pauli, Aue, Köln und Cottbus. Gesetzt den Fall, Hertha wäre am Ende der Rückrunde noch nicht für den Wiederaufstieg qualifiziert, aber noch im Rennen: das Berlin-Brandenburg-Derby mit Cottbus würde so heiß werden wie nie zuvor. Und ich erinnere mich an manche Blamage gegen die Lausitzer im Olympiastadion. Aber ich eile in Gedanken voraus, das hat auch damit zu tun, dass ein Spiel wie das gegen Sandhausen wenig Denkanstöße gibt. Drei Punkte sind alles, was daraus hervorgehen kann.            

Donnerstag, November 08, 2012

Arsenal auf Schalke

Der Arsenal FC gibt in diesen Wochen ein Bild des Jammers ab. Am Dienstag beim Auswärtsspiel bei Schalke gab es sogar eine glückliche 2:0-Führung bis kurz vor der Pause, es reichte dann aber doch nur zu einem 2:2. In der zweiten Halbzeit und in der ersten Viertelstunde war die mutmaßliche Spitzenmannschaft aus London derart eklatant unterlegen, dass man sich eigentlich wundern müsste. Wer aber den schleichenden Niedergang über die letzten paar Jahre schon länger beobachtet, muss sich im Rückblick eher über die paar starken Spielen im September wundern, die in dieser Saison kurz hoffen ließen, Arsenal hätte endlich wieder einmal Fortschritte gemacht, und zwar sowohl taktisch wie mental.

Doch der Oktober war brutal, und jetzt hat Arsène Wenger wieder einmal vor allem damit zu tun, die Situation schönzureden. Wo liegen die Probleme? Erstens hat Arsenal schon wieder ein Lazarett. Zwei Spieler, die stark in die Saison gingen, von denen man aber weiß, dass sie nie eine durchspielen werden, fehlen seit Wochen: Abou Diaby und Kieran Gibbs. Dazu kommt die Absenz von Torhüter Sczeszny, auch wenn Vito Mannone seine Sache insgesamt ganz gut macht.

Zweitens, und viel wichtiger, hat Arsenal eine anachronistische taktische Konzeption. Gegen Manchester United am vergangenen Wochenende, aber auch gegen Schalke, war deutlich zu sehen, dass das stumpfe Flügelspiel dazu führt, dass sich das kreative Mittelfeld aufreibt. Der zuletzt auffällig unauffällige Arteta und der aus Platzmangel weit zurückfallende Cazorla finden kaum einmal dynamische Ansätze, und Wilshere fehlt nach der langen Pause noch der Rhythmus (was zu der gelb-roten Karte in Gelsenkirchen führte). Podolski hat in London gut begonnen, am Dienstag hatte er eine gute Szene, die zum 2:0 durch Giroud führte. Doch insgesamt ist der neue Publikumsliebling schwach.

(Kai Dittmann von Sky, ein Kommentator, dessen Emphase ich meistens gut aushalte, gab übrigens einen schönen Beleg für die patriotische Blindheit beim deutschen Bezahl- und Ex-Premium-Sender: er sah in Podolski "einen der besten bei Arsenal", dabei ging das Spiel völlig an diesem vorbei, maßgeblich beim 2:2 durch Farfan, als Podolski neugierig mit nach hinten lief, um einen Schalke-Spielzug zu beobachten, gegen den zu intervenieren nicht zuletzt seine Aufgabe gewesen wäre - hätte er mitgedacht, hätte er begreifen können, dass er allein eine Chance hatte, Farfan zu decken.) Podolski läuft häufig planlos, verteidigt energisch, aber ohne Intelligenz, und wirkt momentan desintegriert.

Bei der derzeitigen Planlosigkeit von Arsenal bekommen sogar die Abräumerqualitäten von Mertesacker etwas Positives. Er bringt wenigstens Grundtugenden, auch wenn sein Aufbauspiel geradezu schmerzhaft ideenlos ist, was nur zum Teil daran liegt, dass bei Arsenal sich zu wenige Spieler kreativ freilaufen. Bei Schalke fiel eigentlich am meisten auf, wie intelligent das Team von Stevens den Begriff Raumdeckung interpretiert - das war ein Spiel gegen Ball, Gegner und Raum gleichzeitig, ein gewissermaßen planquadratisches und flächendeckendes Anlaufen von potentiellen Spielräumen, mit dem zugleich der ballführende Gegenspieler unter Druck gesetzt wurde.

Holtby und Neustädter können dann bei Balleroberung schöne Pässe spielen, weil Huntelaar, Farfan und Afellay (und sogar Jones) unentwegt in Lücken laufen. Durch diese Bewegung wird es für Viererketten, zumal uneingespielte wie die mit Sagna, Mertesacker, Koscielny und dem Aushilfsaußendecker Vermaelen, enorm schwierig. Der erste Gegentreffer wurde möglich, weil Mertesacker auf Abseits spielte (statt lieber die konservativere Variante zu wählen, Huntelaar zu "decken"), Vermaelen aber nicht mitmachte. Soviel zum neuen "Bollwerk" unter Co-Trainer Steve Bould.

Arsenal wird schlecht gecoacht, schlecht aufgestellt (Ramsey schon mehrfach auf "Rechtsaußen", im Grunde der Kroos-Fehler von Löw revisited), schlecht eingestellt. Da sich aber im Fußball alles schnell ändern kann, das Personal prinzipiell begabt ist, und selbst Arsène Wenger (in den Grenzen seines zunehmend verbissenen Weltbilds) lernfähig ist, kann sich das alles bald wieder ändern.

Heute Abend spielt der SK Rapid gegen Leverkusen, das ist willkommene Ablenkung.

Sonntag, November 04, 2012

Künstlerblech

Das Heimspiel von Hertha gegen Ingolstadt konnte ich nur unter ungünstigen Bedingungen in der Sportbar in Wien sehen, die ich traditionell um diese Zeit des Jahres mehrfach aufsuche, um mich auf dem Laufenden zu halten. Viel gibt es dazu nicht zu vermelden, das torlose Remis gibt dem FCK und Cottbus heute Gelegenheit, Hertha in der Tabelle auf den vierten Platz zu verweisen, der am Saisonende mehr als nur Blech bedeuten würde.

Dass es mit einem Torerfolg nicht geklappt hat, hatte verschiedene Gründe. Der Gegner war natürlich einer davon, aber Hertha ließ Ingolstadt auch mächtig ins Spiel kommen. Dass Niemeyer fehlte, erwies sich als überraschend starker Faktor. So musste man jedenfalls den Eindruck bekommen. Kluge und Ronny bildeten das zentrale Mittelfeld, so richtig zu merken war die Unwucht aber vor allem weiter vorn, wo Ramos und Wagner einander nicht verstanden. Interessanterweise erwies sich die offensivere Variante des aktuellen Hertha-Systems als die stumpfere. Nach ungefähr einer halben Stunde hatte Ingolstadt die Spielkontrolle zerstört, es begann ein wildes Durcheinander, in dem die Gastmannschaft leidenschaftlicher wirkte, ohne viel Produktives zustande zu bringen.

Es reichte aber immerhin, die zerfahrenen Hertha-Bemühungen immer wieder frühzeitig zu beenden. Es war ein Match, das vor allem aus "interceptions" bestand. Ronny war sich seiner Verantwortung bewusst, übertrieb es aber mit frühzeitigen Abschlüssen, wie man generell sagen muss, dass Hertha an diesem Abend nicht die Geduld hatte, das Favoritenspiel konsequent zu Ende zu spielen. Sie suchte Abkürzungen, und fand Ballverluste. Dass Coach Jos so lange mit einem Spielerwechsel wartete, hatte wohl auch mit mangelndem Vertrauen in Allagui zu tun, der sich mit seinen Abseitsstellungen dann auch tatsächlich nicht hervortat. Schlechter als Wagner (uninteressant) und Ramos (überambitioniert und hektisch) war er damit auch nicht.

Ben-Hatira und Niemeyer sollten die Mannschaft wieder besser machen, die deutlich produktiver ist, wenn Kluge nicht der "holding midfielder" ist. Bei Ronny müsste das nächste Unterrichtsfach "Rhythmus" heißen, er kann ja die tollen Beschleunigungen, er muss sie aber dosieren lernen, und er kann nicht dauernd draufhalten, das wird so nicht reichen. Insgesamt eine interessante Lehrstunde, dann das wird hoffentlich der Alltag für den Rest der Saison sein: dass Hertha seine Favoritenrolle gegen beträchtlichen und im Falle Ingolstadts auch nicht ungeschickten Widerstand durchsetzen muss.

Montag, Oktober 29, 2012

Laufkundschaft

Im sozialen Netzwerk schrieb am Wochenende ein Herthaner, er müsse "in der Dusche frühstücken" angesichts der Anstoßzeiten in der zweiten Liga. Mir ging es ähnlich, ich war auf halb Zwei eingestellt, und kam gerade rechtzeitig zur Übertragung, als Eintracht Braunschweig im Spitzenspiel gegen Hertha in Führung ging. Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, die paar Kilometer rüber zu fahren nach Westen, aber angesichts der vielen Arbeit in den letzten Wochen und angesichts der Ungewissheit, ob ich eine Karte würde organisieren können, ließ ich das dann doch kurzfristig bleiben. Das Ergebnis des Spiels kann man nun allerdings ohnehin auch so lesen, dass ein Duell Eintracht Braunschweig - Hertha BSC im kommenden Jahr in Liga eins nicht vollkommen undenkbar ist.

Es war ein interessantes Spiel, und eigentlich können wir stolz sein auf Hertha. Denn Jos Luhukay hat offensichtlich wirklich schon einiges am Charakter der Mannschaft getan. Die zweite Halbzeit war ein Beispiel dafür, wie eine Spitzenmannschaft (in der zweiten Liga) mit ihrer Verantwortung umgeht. Das war echter Dominanzfußball, und es zählte dabei auch eine Tugend, die im Fußball umso schwerer aufzubringen ist, als gerade Teams wie Braunschweig systematisch daran arbeiten, den Gegner zu frustieren: Geduld. Ronny versteckte sich dieses Mal nicht, wie er es sonst gelegentlich zwischendurch tut. Er war der Motor der ganzen Angelegenheit, er schlug dann auch die Flanke auf Ramos.

Personell tritt Hertha nun schon eine Weile mit einem durchaus plausiblen System an, in dem im Grunde nur eine wesentliche Variante eingebaut ist: sie betrifft den zweiten Stürmer, der bei stärkeren Gegnern durch einen offensiven Mittelfeldspieler ersetzt wird (Ronny als "Zehner"), während sonst Kluge weit vorn anläuft und auch verwertet, und Ramos einen direkten Kollegen bekommt (Wagner derzeit vor Sahar und Allagui). Schulz ist ein vielversprechender Winger, zumal er ja eigentlich vorerst Understudy von Ben-Hatira ist. Niemeyer hat sich konsolidiert, die Viererkette agiert hinter einer kompakt abschirmenden Mannschaft. Kraft hat häufig nicht viel zu tun.

Hertha ist keine "Laufkundschaft", hieß es nach dem Spiel in Braunschweig. Das stimmt, der Aufstieg ist gewissermaßen Pflicht, die Favoritenstellung hat die Mannschaft angenommen. Die Spielanlage entspricht den Verhältnissen in der zweiten Liga, sie ist auf alle Umstände adaptierbar. Jos Luhukay, so scheint es, hat Hertha aus der Identitätskrise herausgeführt, indem er sie an den modernen Fußball herangeführt hat. Braunschweig spielt, mit weniger renommiertem Personal, auch einen modernen Fußball, die zweite Liga hat mehr Niveau, als ich mir anfangs dachte. Am Ende aber spielte Hertha wie die Spitzenmannschaft, und Braunschweig verteidigte wie ein "upsetter". Damit waren die Hierarchien hergestellt, auch wenn die Tabelle sich derzeit anders liest. Nun geht es gegen Ingolstadt und Sandhausen, bevor der November mit Heimspielen gegen St. Pauli und Köln zwei kleine Klassikaner bringt.


Samstag, Oktober 06, 2012

Denken und Lenken

Das war einigermaßen beeindruckend, wie Hertha sich im Spitzenspiel gegen die Sechziger schlug. Am Montag hatte das Team sich in Duisburg noch durch Unentschlossenheit aus einem Match drängen lassen, das es eigentlich im Griff gehabt hatte - es reichte zu einem 2:2, verhieß aber nichts Gutes für künftige Erprobungen. Und dann muss in den vier Tagen danach etwas passiert sein, das auf ein gutes und probates Selbstverständnis schließen lässt. Das Hauptproblem, das ich bei Hertha ja seit immer schon gesehen habe, liegt im Mangel an Identität. Die Mannschaft hat bisher noch nie so richtig gewusst, wie sie sich verstehen soll. Daraus resultiert eine unausgeglichene Spielanlage. Das hat Favre in der einen Saison zum ersten Mal ein wenig behoben, als er Hertha als effektive Spielverderber definiert hat - Balleroberung Friedrich, kluger Lauf Kacar, Einsnull gegen den VfB. Wie lang das her ist!

Die Leistung gegen 1860 sah im Vergleich moderner und zukunftsweisender aus. Okay, wir sind in der zweiten Liga, und die Spieler, die da gestern gut gearbeitet haben, würden sich zu großen Teilen eine Abteilung höher schwer tun. Für gestern aber hat es gepasst. Die erste Halbzeit war noch de facto offen, zwei starke Momente von 1860 wogen auf, dass Hertha auch da schon die Spielkontrolle hatte. In Halbzeit zwei aber funktionierte alles prächtig. Zwei Beispiele: Fabian Holland ist möglicherweise jener Typ des "no nonsense"-Außendeckers, der genau das bisschen zum Spielaufbau - und vielleicht sogar ein, zwei, drei Flanken pro Spiel - beiträgt, das eine gute Balance ermöglicht. Mir gefielen besonders seine halblangen Pässe und die entsprechende Laufarbeit; da sah einiges nach Trainingseffekt aus, wie der Ball nach vorn kam. Zweites Beispiel Peer Kluge, bisher unausgeglichen, gestern unermüdlich zwischen Produktivität und Absicherung abwägend, manchmal in einer einzigen Bewegung, einer Kehrtwende, die stellenweise technische Finesse zeigte.

Dazu der schon bisher deutlich erkennbaren Aktivposten Ben-Hatira, eine gute Flanke von Ndjeng, ein Tor von Ramos, keine zweite gelbe Karte für Lustenberger (der in Halbzeit eins ein, zwei prekäre Momente hatte), ein gelungener Kopfballrückpass von Brooks (der damit eine entsprechende ältere Szene zu den Akten legte, die zu einem Gegentor geführt hatte), ein langweiliger Abend für Kraft. Bleibt als Sorgenkind Allagui, was aber angesichts der mannschaftsstarken Offensivabteilung, die Manager Preetz eingekauft hat, verkraftbar sein könnte.

Der Kommentator des Bezahlsenders sprach mehrfach von Niemeyer als "Denker und Lenker" des Hertha-Spiels, was in etwas zu großem Abstand zu dessen eher zutreffendem Selbstverständnis als "Drecksau" steht. Aber es ist etwas Wahres dran. In einer funktionierenden Mannschaft wird das Denken und Lenken beinahe unsichtbar, und Hertha hat das gestern 45 Minuten lang angedeutet. Es war ein Zweitligaspiel, entsprechend umkämpft war es auch im Detail. Aber es war auch ein Konzept sichtbar. Guter Moment, um in eine Länderspielpause zu gehen - und in ein Wochenende mit Arsenal bei West Ham und mit dem spanischen Clásico.

Montag, Oktober 01, 2012

Espagna

Ich war eine Woche in Spanien, habe dort zwar mitbekommen, was so gespielt wurde (auch der solide Dreier von Hertha gegen Dresden), aber nicht alles gesehen (leider auch nicht das spannende 2:3 zwischen Sevilla und Barcelona). Nun bin ich wieder da, und heute Abend werde ich mir nicht entgehen lassen, wenn Hertha sich anschickt, vielleicht zum ersten Mal einen Aufstiegsrang zu besetzen. Als Souvenir habe ich nicht dieses Knirpstrikot von CR7 mit nach Hause gebracht, sondern ganz klassisch eine Kappe des FC Barcelona, die ich meiner einschlägigen Sammlung zuführen werde.

Montag, September 24, 2012

Betzenberg

Obwohl es am Wochenende für meine beiden Mannschaften jeweils nur einen Punkt gab, bin ich doch eigentlich recht zufrieden. 1:1 endeten die Spiele von Hertha in Kaiserslautern und von Arsenal bei Manchester City. Zwei Topspiele, allerdings in deutlich unterschiedlichen Ligen, dann aber wieder mit doch überraschend ähnlichen Thematiken.

Hertha musste auf dem Betzenberg ein Kampfspiel bestehen, das in den Reibereien zwischen Franz und Idrissou seine markanteste Ausprägung fand, und auch ein zum Glück nicht spielentscheidendes Ergebnis: Der Stürmer der Lauterer, dessen aggressive Spielweise Franz mit der für ihn typischen Neigung zum Pathos entgegnete, holte einen Elfmeter heraus, dem kein Foul vorausging. Fehlentscheidung Kinhöfer, die aber eben lange vorbereitet worden war. Einen ähnlich unfairen Angreifer habe ich lange nicht gesehen, und doch wird in so einer Situation im Zweifelsfall der Verteidiger das Nachsehen haben. Was Franz lernen könnte (aber nicht mehr lernen wird), ist, dass ihm in so einer Situation alles dienlich ist, was nicht die Aufmerksamkeit auf die Konfrontation lenkt. Sprich: er hätte ein wenig professioneller, etwas weniger demonstrativ mit den Fiesheiten von Idrissou umgehen können, einfach aufgrund der Asymmetrie, die in dieser Konfrontation liegt. Im Strafraum ist der Stürmer dann einfach im Vorteil, und ich bin mir fast sicher, dass Kinhöfer den Elfer ohne die ständigen Fisimatenten zwischen den beiden nicht gegeben hätte (auch wenn im konkreten Moment Lustenberger als der unmittelbar Schuldige erschien).

Der unberechenbare Ronny machte die Sache schon zweieinhalb Minuten später wieder gut, aber eben nur halb, denn Hertha wäre möglicherweise als Sieger nach Hause gefahren, angesichts einer soliden Defensivleistung, einer plausiblen Gesamtanlage des Spiels, das auf Berliner Seite mit einer offensiven Defensivformation begonnen wurde. Ramos und Ronny, das ist prinzipiell eine gute Idee; Niemeyer nützt sich im zentralen Mittelfeld in seiner "Drecksau"-Rolle zunehmend ab - man könnte fragen, ob es nicht doch sinnvoller wäre, Lustenberger dort spielen zu lassen, oder soll Hubnik nun auf Dauer auf die Bank? Dort säße dann allerdings der Kapitän. Dass Luhukay lieber Ben-Hatira rausnehmen wollte als Ndjeng, ist eine Kleinigkeit, die darauf hinweist, dass jeder Trainer in seinen Personalien befangen ist. Ich hoffe, dass es bald Alternativen auf dem rechten Flügel gibt - warum nicht demnächst einmal mit Schulz und Ben-Hatira beginnen?

Wie auch immer: Hertha nimmt teil am Aufstiegsrennen, und allmählich wird ein System Luhukay doch erkennbar. Dass dieses im Grunde das System ist, auf den der ganze Fußball zur Zeit mit kleinen Variationen zusteuert, macht die Sache nicht weniger interessant. Hertha hatte in dieser Saison jetzt schon (gefühlt) mehr Ballgewinne vor der eigenen Mittellinie als in der ganzen letzten Rückrunde.

Am Sonntag spielte dann Arsenal bei den Geldsäcken, und zeigte eine phasenweise absolut begeisternde Leistung, gegen einen allerdings auch nicht auf der Nudelsuppe daher geschwommenen Gegner. Es gibt eine neue Ballsicherheit, eine Feinheit im Passspiel, eine Robustheit in der Ballbehauptung (trotz der üblichen Zerstreutheiten von Abou Diaby), die auf wunderbarer Laufarbeit beruhen, und dazu führten, dass Arsenal über weite Strecken wie eine Heimmannschaft agierte. Der Rückstand kam nach einer Ecke, und wurde nach einer Ecke wettgemacht. Das sagt viel über die Dichte dieses Spiels aus, in dem Podolski eher anonym blieb, während zum Beispiel Jenkinson rechts hinten nachdrücklich auf sich aufmerksam machte. In der Kommentatorensprache würde man sagen: es war ein Match für Taktikfans, aber ist nicht jedes Match ein solches?




Donnerstag, September 20, 2012

Sprachregelung

Der Bezahlsender Sky hat sich am zweiten Tag der CL-Übertragung in meinen Augen ein wenig rehabilitiert. Ob die Hostessen vom Vortag noch einmal einen Auftritt hatten, habe ich nicht mitbekommen, vielleicht habe ich sie bloß übersehen, weil ich gerade nicht im Zimmer war. Die Besetzung des runden Tisches war aber schon einmal ein wenig interessanter, wenngleich Stefan Effenberg natürlich auch an Expertentum allenfalls einbringen kann, dass er selber mal gespielt hat - sehen tut er nicht viel.

Interessant war, dass Ronald Reng mit am Tisch saß. Schon mit seinem ersten Beitrag machte er klar, dass er anders zu sprechen gewillt war, dabei konnte man aber jederzeit mitverfolgen, dass er während seines Beitrags genau abwägen musste, wieviel an Beobachtung er in seine knappe Sprechzeit einbringen konnte. Das ist ein einigermaßen komplexer Akt an Performance bei gleichzeitiger Selbst- und Fremdbeobachtung, der einem in solchen Runden abverlangt wird.

Die meisten Teilnehmer verzichten darauf, indem sie sich auf Worthülsen beschränken, jemand wie Ronald Reng hat da offensichtlich andere Ansprüche, ist aber auch nicht so blöd, einfach den Intellektuellen raushängen zu lassen, sondern er macht das, was einzig angebracht ist: innerhalb des Formats das Bestmögliche herauszuholen.

Die kleine Parallelmontage der FCB-Trainerbank mit den Torszenen deutete dann noch an, was an guten Fußballabenden möglich wäre. Die übertragenden Anstalten verfügen ja über Tonnen von Bildmaterial, und was sie daraus machen, ist so gut wie nichts - wir sehen auch nach dem Spiel zumeist das, was wir schon während des Spiels gesehen haben. Ich bin sehr für Wiederholung von Szenen, weil sie tatsächlich in der Regel eine Menge sehen lassen, was sich oft erst beim vierten oder fünften Mal ergibt (anders gesagt: man sieht immer noch etwas, wenn man noch einmal hinschaut). Aber es wäre doch auch toll, noch tiefer in das Übertragungsmaterial zu gehen. Doch das ginge alles von der Redezeit für Stefan Effenberg ab.

Manchmal träume ich davon, dass Sky sich nachts, wenn niemand hinschaut, in einen anderen Sender verwandelt, der dann einmal ein Spiel ausschließlich aus der Perspektive einer Kamera hinter dem Tor zeigt (nicht live, klar, sondern eines, das am Abend "regulär" lief), oder einfach eines in der Totale. Es gibt so viele Möglichkeiten, mehr zu zeigen, aber die Tendenz geht natürlich in die andere Richtung: Verknappung der Bildmengen, Reduktion des Fußballs gleich nach dem Match auf ein paar Formeln (Toni Kroos schießt "wie aus dem Stand", sieh einer an).

Was die Kommentierung der anderen Spiele anlangt, ist die Sache anscheinend klar: Fünf der acht Matches liefen mit Stadionton, auch Manchester United gegen Galatasaray. Damit hat Sky auch die letzten Reste internationaler Originalkommentare einkassiert. Man spricht Deutsch, oder gar nix!

Mittwoch, September 19, 2012

Runder Tisch

Die CL-Gruppenphase hat begonnen, und der deutsche Bezahlfernsehanbieter macht mit seinen Innovationen weiter. Wie immer wird dabei auch etwas weggenommen, wo etwas hinzugefügt wird. Der Verlust betrifft die Spiele, in denen keine deutsche Mannschaft beteiligt ist, und auch keine galaktische wie Real Madrid. Arsenals Auftritt in Montpellier lief kommentarlos mit Stadiontonspur, nun fällt also auch hier der Originalkommentar weg, der im Vorjahr noch angeboten worden war. Der Attraktivität des Ereignisses ist das durchaus abträglich, abgesehen davon, dass man bei Sky anscheinend Leute mit Fremdsprachenkenntnissen nicht unter den Abonnenten vermutet.

Hinzugefügt wurde eine Expertenrunde im Studio (mit Live-Publikum), die an Bräsigkeit kaum zu überbieten war. Der Kaiser war anscheinend auf Valium, Ruud Gullit ist leider eine öde Figur geworden, und als schließlich zwei Hostessen auftraten, die aufreizend langsam Wassergläser auf den Tisch stellten, musste man direkt das Gefühl haben, der Sender wäre sich der inhaltlichen Dürftigkeit des Gebotenen selbst bewusst; anders kann ich das unverhohlen anzügliche Ablenkungsmanöver nicht interpretieren.

Es ist schon komisch, dass ausgerechnet das deutsche Sky so besonders peinlich geworden ist; in England und in Italien wird auch schonungslos Kohle gemacht, aber es geht dort doch, soweit ich das gelegentlich mitbekomme, immer leidenschaftlich und genau um Fußball. Das Gelaber, das wir hier hingegen geboten bekommen (und ich spreche jetzt nicht von den Kommentatoren, von denen Sky auch einige ganz gute hat: Marcus Lindemann zum Beispiel), hat doch mit der Qualität des Spiels, das in Deutschland inzwischen vielfach erreicht wird, nichts mehr zu tun. Wer kann denn allen Ernstes Franz Beckenbauer noch für einen Experten halten?

Arsenal hat schließlich 2:1 in Montpellier gewonnen, in einem munteren Spiel, in dem der französische Meister viel Esprit zeigte. Podolski hat schon wieder ein Tor geschossen, deswegen aber jetzt erhöhte Aufmerksamkeit von Sky für Arsenal einzufordern, wäre gerade nicht in meinem Sinn: Ich will nicht, dass der einzige relevante deutsche Pay-TV-Anbieter alles immer nur durch die deutsche Brille sieht. Dies ist ein teurer Sender, deswegen sollte er auch internationales Format haben. Mit Ruud Gullit lässt sich das nicht simulieren, das wurde gestern Abend schon einmal deutlich.

Montag, September 17, 2012

Schema F

Wenn es jemals einen Arbeitssieg gab, der genau nach Schema F abgeliefert wurde, dann war das 2:0 von Hertha BSC gegen den VFR Aalen am Sonntag einer. Tore nach 60 und nach 90 Minuten, eines nach ruhendem Ball, eines nach einem ganz späten Konter. Adrián Ramos verwertete eine Ecke per Kopf, und Nico Schulz holte sich in der Schlussphase in der gegnerischen Hälfte einen Ball, setzte sich sehenswert an der Strafraumgrenze durch, und legte Ronny zum Abschluss auf. Hertha hat damit den Anschluss an die Spitzengruppe geschafft, drei Siege aus den letzten drei Spielen lassen hoffen, dass die Mannschaft auf jeden Fall um den Aufstieg mitspielen kann.

Für Genießer ist das nach wie vor nichts, was da zu sehen ist. Das liegt nur zum Teil an den Gegnern, die natürlich in der Mehrzahl eine vorsichtige Taktik wählen. Das hat schon auch mit der generellen Unwucht des Kaders zu tun, die dazu führt, dass Luhukay dieses Mal wieder Wagner neben Allagui spielen ließ, wodurch Ramos auf den Flügel musste (sein Tor schoss er bezeichnenderweise sogleich, nachdem er auf eine zentrale Rolle umgestellt worden war). Ndjeng auf rechts mit dem neuen Partner Pekarik ist wenig überzeugend, Niemeyer bildet mit den spieleröffnerisch stumpfen Innenverteidigern Franz und Lustenberger ein Zentrum des kreativen Mangels. Bleibt Ronny, der gestern wenigstens mit Dynamik und Wirrwarr für ein paar Momente sorgte.

Ben-Hatira fehlte, offiziell wegen Trainingsrückstand. Lasogga wurde mehrfach eingeblendet, pausbäckig saß er neben seiner Mutter - und wird sich überlegt haben, wo er in diese Schnäppchenstürmerschwemme passen wird, wenn er zurückkommt. Dann ist vielleicht Ramos auf dem Absprung, aber an der generellen Anlagenfrage ändert das nichts. Wagner fiel gestern vor allem durch seine schon zur Gewohnheit werdenden Offensivfouls auf, Allagui versuchte, spielerische Akzente zu setzen, warum Luhukay mit ihm weniger Geduld hat, erschließt sich nicht ganz.

Nico Schulz konnte andeuten, dass er als Winger eine Zukunft hat. Mit ihm und Ben-Hatira käme ein wenig mehr Phantasie in einen insgesamt biederen Hertha-Jahrgang. Selten fand ich die Mannschaft personell so wenig inspirierend wie heuer. Die Fans lassen es sich nicht verdrießen. Sie sind Anhänger des Berliner Stadtmeisters. Das wird noch eine Weile reichen.

Sonntag, September 16, 2012

Vollversorgung

Zwei Wochen war ich nicht im Land, zum Glück fiel die Fahrt nach Toronto in eine sogenannte Länderspielpause, in der Österreich gegen Deutschland spielte, wovon ich immerhin in einem Stream die starke erste Hälfte mitbekam. Und mit stark meine ich die Österreicher. Aus einem bestimmten Grund habe ich begonnen, wieder ein wenig Anteil zu nehmen an ihnen. Als Hertha-Fan sind meine Sympathien in der ersten deutschen Liga ja zu haben, es gibt da allerdings gewisse alte Präferenzen, und diese haben sich in dieser Saison durch den Spielplan verstärkt.

Das erste Match der neuen Runde bestritten bekanntlich Dortmund und Bremen, und allgemein wurde die Leistung der Mannschaft von Thomas Schaaf sehr gelobt. Aus guten Gründen. Deswegen habe ich mir gestern auch das Nordderby zwischen Werder und H96 angesehen, ein Spiel, in dem der Niveaugewinn der Liga insgesamt deutlich zu sehen war (man wundert sich ein wenig, dass der Bundestrainer so tut, als müsste er im Nationalteam das "Gegenpressing" von der Pike auf einstudieren).

Zwei Österreicher haben daran wesentlichen Anteil, dass Bremen eine starke Saison andeutet (obwohl bisher die Punkte noch fehlen): Zlatko Junuzovic und Marko Arnautovic. Vor allem der Flügelspieler, der eine Weile als Austrobalotelli die Schwererziehbarenrolle gespielt hat, fasziniert mich durch seine neue Professionalität. Er arbeitet - an sich, an seinem Spiel, für die Mannschaft. Fußball ist ja ein frustrierender Sport, jeder Spieler muss ständig Enttäuschungen wegstecken (hier scheitert ein Dribbling, dort misslingt eine Flanke, man reibt sich auf), und manche sind darauf psychologisch besser vorbereitet als andere, die schneller bereit sind, mit der Welt oder mit sich zu hadern.

Bei Arnautovic, den ich vor vier Jahren zum ersten Mal auf diesen Seiten wahrgenommen habe, kann man in dieser Saison geradezu mit freiem Auge beobachten, wie er es lernt, nicht zu hadern, sondern weiterzulaufen. Es hätte mich nicht gewundert, hätte das österreichisch durchwirkte Team von Bremen gestern gegen Hannover noch die Wirkung der Niederlage der Nationalmannschaft gegen Deutschland gezeigt. Doch keineswegs. Bremen war stark, arbeitete enorm, und verlor das Spiel nur aufgrund eines Klassikaners: Hunt trägt einen Angriff vor, lässt sich aber den Ball nehmen, in der Rückwärtsbewegung (es ist die letzte Minute) lassen einige Bremer nun doch den Kopf hängen (Hunt, Elia - zuvor war ein Tor zu Unrecht aberkannt worden, Bremen spielte auf den Sieg, nun lief der letzte Angriff von H96, da gingen nicht mehr alle mit nach hinten, es war aber auch so ausreichend Personal in der Defensive), und so kommt eine Flanke auf Huszti, die dieser sehenswert verwandelt.

Ein tolles Match, einfach so zwischendurch an einem Samstag, während zur selben Zeit Arsenal mit 6:1 gegen Southamptom gewinnt (dort zeigt Podolski schon wieder, dass er anscheinend doch für die EPL geeignet ist). Heute spielt Hertha, morgen Everton, Dienstag und Mittwoch ist CL - die Vollversorgung mit Fußball ist momentan gewährleistet.

Dienstag, September 04, 2012

Lokalpatriotismus

Fans von Hertha, die auch Fußballfans sind, haben es zur Zeit nicht leicht. Der 2:1-Sieg bei Union Berlin war hart erkämpft und ging nicht ohne viel Gemurkse. Und doch war nach Abpfiff große Stimmung, wie ich den Fernsehbildern entnehmen konnte. Den Grund erfuhr ich gleich darauf im Interview von Sandro Wagner: Fanvertreter hatten in der vergangenen Woche der Mannschaft dargelegt, dass eine Niederlage im Berliner Derby zu monatelangen Hänseleien führt. Es bedurfte eines Brachialschusses von Ronny (und einer naiven Unioner Mauer), um diesen Ernstfall für dieses Mal zu verhindern. Hertha ist jetzt wieder die erste Macht in Berlin. Für viele Fans scheint das fast genauso wichtig zu sein wie der Tabellenstand oder die allgemeine Tendenz des Fußballs, den Hertha spielt. In solchen Momenten sehe ich, dass ich da einfach nicht dazu gehöre. Ich bin froh über die drei Punkte, für die lokalpatriotischen Anwandlungen fehlt mir der Sinn - ich bin ja auch kein Berliner.

Mir wird bei diesem Anlass wieder klarer, warum ich eigentlich Hertha-Fan geworden bin, und warum ich in der zweiten Zweitligasaison binnen kurzer Zeit eine doch deutliche Identifikationskrise habe. Ich begann mich ja noch von Österreich aus für Hertha zu begeistern, weil ich Berlin als Stadt so mochte, und weil ich nach dem Aufstieg die Kombination einfach super fand, dass eine (nicht nur für mich) bedeutende Stadt nun auch an der Entwicklung des Fußballs Anteil hat, dass man vor Ort dabei sein kann, wie sich etwas entwickelt. Deswegen bleibt das (erste) Scheitern von Lucien Favre im deutschen Fußball für mich der traumatische Moment, den Michael Preetz durch die Bestellung von Friedhelm Funkel noch schlimmer gemacht hat.

Darüber ist Hertha bis heute nicht hinweg, ich bin es auch nicht, deswegen meine relative Teilnahmslosigkeit angesichts des Siegs in Köpenick. Immerhin hat die Mannschaft gekämpft, sie wird derzeit eindeutig eher von der "Drecksau" Niemeyer geprägt als von dem einzigen wirklich Inspirierten Ben-Hatira, der aber zum Glück auch seine Spuren hinterlässt. Dazu kam eine gute Leistung von Sascha Burchert, der wesentlich dazu beitrug, eine in der zweiten Hälfte stärker werdende Union in Schach zu halten.

Über das Spiel muss man eigentlich keine großen Worte verlieren, deswegen hier noch ein Link, den ich von den Freunden habe, die gestern wirklich glücklich gewesen sein müssen: ein Bericht aus der Perspektive von Fans, mit einer beeindruckenden Fotostrecke. So wichtig kann man dieses Spiel auch nehmen, und davon lebt er ja letztendlich doch, der Fußball!

Sonntag, September 02, 2012

Bouldwerk

Einen Tag vor dem Spiel in Köpenick, auf das die Welt schauen wird, bot auch die Premier League einen Klassiker, und der 2:0-Sieg des Arsenal FC beim Liverpool Football Club brachte einige erfreuliche Hinweise. Anders als in den ersten beiden Saisonspiele agierte die Mannschaft von Arsène Wenger taktisch nicht naiv, sondern wählte einen Ansatz, der auch ein wenig der eigenen Mythologie zuwiderlief. Statt sterilen Ballbesitz suchte Arsenal diesmal das konsequente Spiel gegen den Ball, und so war es kein Zufall, dass der erste Treffer durch einen Konter fiel. Balleroberung vor dem eigenen Sechzehner, Podolski spielte einen schönen diagonalen Ball auf den zentralen Cazorla, der läuft mit dem Ball los, Podolski überquert das Feld und kommt genau in dem Moment in den gegnerischen Sechzehner, in dem er gerade noch nicht im Abseits ist. Cazorla schiebt nach links, und dass Podolski solche Dinger auch in England kühl verwertet, das hat vielleicht wirklich mit seinen vielen Länderspielen zu tun. Da ist er einfach cool, wenn er den Ball so in die Bahn bekommt. Im übrigen Spiel tat er sich durch unermüdliche Defensivarbeit hervor, wie auch Oxlade-Chamberlain auf dem anderen Flügel, und siehe da, schon sahen auch Gibbs und Jenkinson besser aus.

Arteta war großartig als Abräumer (um diesen Titel kommt man dieses Mal kaum herum). Cazorla ist jetzt schon eine Wohltat für das ganze Arsenal-Spiel, weil er zahllose Optionen bietet und schafft. Und dann war da noch Abou Diaby, bei dem ich plötzlich wieder optimistischer bin: Eigentlich mein Lieblingsspieler, hatte ich ihn schon abgeschrieben, und gegen Sunderland und Stoke fiel er auch nicht sonderlich auf. Heute aber war er stark, mit vielen Umschaltmanövern auf engstem Raum.

Dem neuen Assistenztrainer Steve Bould sagt man ja nach, er wäre ein Mann für die Defensivarbeit. Heute hat Arsenal als Team stark verteidigt, und dabei doch zwei Tore geschossen. Ein wichtiger Schritt zu dem integrierten Ansatz, den ich so lange nicht gesehen habe. Jetzt aber wieder zurück vor die Kiste (die ich ja nicht mehr habe, also vor den Beam): Southampton macht gerade MeanU das Leben schwer.

Montag, August 27, 2012

Curse Britannia

Der Arsenal FC hat die Saison mit zwei torlosen Unentschieden begonnen. Das Besondere an diesem Umstand ist, dass die beiden Spiele nahezu identisch waren - soweit dies bei einem Sport möglich ist, der natürlich per definitionem jedesmal hochgradig unwiederholbare Ereignisse hervorbringt. Die Gegner kamen aus jener Hälfte der neun oder zehn EPL-Clubs, die sich gegen Arsenal noch im Zweifelsfall mit einem Punkt zufriedengeben: Sunderland und Stoke City. Das für einen Gooner wie mich Ärgerliche ist, wie einfach die Rezepte sind, die inzwischen reichen, um Arsenal in Schach zu halten: Unterbindung des Flügelspiels, dezente Steuerung des Spiels nach innen, dort ist dann kein Platz mehr für echte Torchancen. Mehrere Faktoren kommen da zusammen: der schleichende taktische Niedergang von Arsenal, der sich schon über Jahre hinzieht; der Abgang von van Persie und Song; das Problem mit den beiden Außendeckern.

Mit dem Niedergang von Arsenal meine ich im Grunde, dass Wenger seinem eigenen Mythos verfallen ist (wie auch die deutschen Reporter ihn immer noch nachbeten): Arsenal wäre demzufolge das Team der "passmasters", das mit Kurzpässen zum Erfolg kommt, indem der Gegner "schwindlig"gespielt wird, wie wir in Österreich gern sagen. Leider funktioniert das schon lange nicht mehr so, wie es wohl in der Reinkultur sowieso nie funktioniert hat. Die Gegner haben Arsenal längst durchschaut, besser funktioniert die Sache dann, wenn es ein Spiel auf Augenhöhe ist, aber gegen defensive Mannschaften ist Arsenal schon lange tendenziell steril.

Im vergangenen Jahr hat van Persie dazu beigetragen, dies zu übersehen. Er hat eine Reihe von außergewöhnlichen Toren erzielt, viele nach originellen, langen Pässen von Song; beide Faktoren fehlen nun, stattdessen mühen sich Podolski, Giroud und Cazorla um Abstimmung mit dem ebenfalls de facto neuen Abou Diaby und mit Arteta, der neben Cazorla eher zu verblassen scheint. Da die neuen "signings" ihre Chance bekommen müssen, saß Walcott gegen Stoke viel zu lange auf der Bank, während Podolski hilflos nach einer Bindung an das Spiel suchte. Giroud war fast noch schlimmer dran, er konnte weder als "Wandspieler" noch mit Kopfbällen irgendetwas andeuten.

Das dritte Problem ist, dass Wenger Clichy und Sagna nicht adäquat ersetzt hat. Clichy ging weg, Sagna ist langfristig verletzt, nun spielen Gibbs und Jenkinson, die mit Podolski und Gervinho kein Verständnis haben, und auch mit dem Rest der Mannschaft nicht. So läuft eben immer wieder alles auf die Stauzonen im offensiven, zentralen Mittelfeld zu.

Arsenal spielt taktisch seit Jahren denselben Stiefel, von einem gut organisierten Offensivpressing kann keine Rede sein, und so fällt es aufgrund der zumeist tieferen Ballgewinne immer wieder schwer, Tempo ins Spiel zu bringen. Ich bin mir sicher, dass ein nicht geringer Teil der englischen Trainer sich heimlich über Arsenal amüsiert: In Arsène we trust, singen die reisenden Gooner unverdrossen. Es ist aber längst Zeit für einen Misstrauensantrag.

Samstag, August 25, 2012

Abstand zur Spitze

Es war zu größeren Teilen richtig schlechter Fußball, den Hertha gegen Jahn Regensburg gezeigt hat. Doch es hat zu einem 2:1 gereicht, während Union bei Sandhausen verlor, sodass vor dem Derby der kleinere der beiden Berliner Clubs noch ein bisschen nervöser sein müsste. Doch das schafft wiederum eine noch intensivere Cup-Atmosphäre, sprich: die besonderen Bedingungen werden noch ein bisschen besonderer werden.

Zwei Spielzüge knapp vor der Pause haben im Wesentlichen gereicht, um eine bis dahin mäßige Begegnung auf Kurs zu bringen. In beiden Fällen waren Ben-Hatira und Allagui die Hauptbeteiligten. Die Investititon für den deutschtunesischen Angreifer kann man vermutlich bald als gerechtfertigt verbuchen, besser als der souveräne Abschluss zum 1:0 nach weitem, schönem Pass von Ben-Hatira gefiel mir sogar noch der kleine Lupfer mit dem Kopf am kurzen Eck (wiederum nach Hereingabe von Ben-Hatira), der zu Wagner kam, der nur noch einnicken musste. Das war wohl Absicht so, auch wenn Allagui wohl nicht genau wissen konnte, wie gut der zweite Stürmer von Hertha stand (ca. 30 cm vor der Torlinie, unbewacht). Wagner hatte ansonsten wieder ein unglückliches Spiel, übermotiviert, untergeschickt, aber er freute sich nachher sichtlich.

Die restlichen 85 Minuten inklusive Nachspielzeit müssen Luhukay allerdings doch sehr zu denken geben. Gut, Hertha hatte das Spiel halbwegs im Griff, aber es gab wieder ein sehr vermeidbares Gegentor, und die mangelnde Qualität aus dem Zentrum heraus (der wieder einmal idiotisch cholerische Franz, Niemeyer, Kluge) ist doch schon beinahe systemisch. Hubnik fiel nach einem Zusammenprall mit einem eigenen Mann bald aus, Lustenberger musste in der Innenverteidigung aushelfen, ihn muss man mit Vorbehalt beurteilen, als "Springer" ist er ja doch der ärmste Hund. Holland schlug sich auf der Position des linken Außendeckers wacker.

Am bedenklichsten fand ich die Leistung der beiden Einwechselspieler Ramos und Ronny. Für solche Auftritte hat der Fußballjournalismus das Etikett "pomadig" ausfindig gemacht, wobei die Motivlagen unterschiedlich sein dürften: bei Ramos herrscht anscheinend einfach große Ratlosigkeit (wer bin ich? was mache ich hier? was ist das für ein Spiel?), bei Ronny hingegen ist der Leichtsinn anscheinend immer noch der Bruder der gelinden Selbstüberschätzung. Die Ballverluste der beiden Fachkräfte aus Lateinamerika waren haarsträubend, hatten aber auch damit zu tun, dass von einem System Luhukay insgesamt bisher wenig zu sehen ist.

Gegen Union würde den meisten Fans aber wohl jeder Stümpersieg reichen, und mit Blick auf die Tabelle würde ich mich da sogar anschließen, auch wenn die Differenz zum "richtigen" Fußball (gestern ab 20.30) doch sehr, sehr schmerzhaft ist. Ben-Hatira und Allagui haben immerhin angedeutet, dass sie um diese Differenz noch wissen, und dass sie nicht ganz und gar willens sind, sie anzuerkennen. Dafür gebührt ihnen unsere Hochachtung.

Montag, August 20, 2012

Wochenend und Sonnenschein

Das erste Wochenende mit fett Fußball in der neuen Saison, und gleich eine Menge interessanter Dinge passiert. Besonders befriedigt hat mich das Spiel, von dem ich am wenigsten mitbekommen habe: Der Berliner AK 07 hat Hoffenheim mit 4:0 aus dem Cup befördert, ich sehe das als Rache der Hauptstadt an einem ihrer Verächter. Dass die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung die Truppe von Markus Babbel dann auch noch, unabhängig vom Ergebnis am Samstag, zu den Abstiegskandidaten der neuen Saison zählte, war eine kleine Draufgabe, von der ich mir natürlich nichts kaufen kann. Aber im Leben eines Fans zählen ja auch die gefühlten Siege (bzw. Niederlagen der anderen).

Samstag um vier ging es dann richtig los: Arsenal gegen Sunderland auf Sky, leider wieder ohne den englischen Kommentar (nichts gegen Andreas Renner, aber man hört halt doch in jeder Sekunde, dass er in jeder Hinsicht nicht allzu nahe dran an diesem Spiel ist, und so plappert er sich halt durch die neunzig Minuten - ich vermisse, ich sag's noch einmal, die professionelle Leidenschaft der englischen Kommentatoren, die durchwegs gute Stimmen, eine Ahnung vom Spiel, vor allem aber "attitude" haben). Arsenal spielte viel besser als in der entsprechenden Begegnung vor einem Jahr, damals schoss allerdings van Persie zwei Tore, dieses Mal fiel keins. Podolski spielte eine Stunde als zentraler Angreifer und hinterließ einen bemitleidenswerten Eindruck. Er braucht wohl einen Fremdenführer für die neue Liga. Mertesacker wie immer mit der offensiven Geistesgegenwart einer Schildkröte, immerhin aber stand auch seinetwegen die Null.

Sonntag dann Hertha. DFB-Pokal beim Wormatia Worms, das bedeutet, wie auch von vielen anderen Plätzen in der zweiten Liga: Übertragungsqualität wie früher aus dem Ostblock. Leider auch entsprechendes Spiel. Was immer Jos Luhukay im Schilde führt, es erschließt sich noch nicht, anscheinend auch der Mannschaft nicht. Gegen Worms war jedenfalls nicht zu erkennen, welche Spielanlage vorgesehen war, außer, dass Ronny mit langen Vertikalpässen den Ball zum Gegner befördern sollte und Sandro Wagner mit langen Anspielen die Gelegenheit zu Offensivfouls bekommen sollte. Kachunga, als zweite Spitze meistens den beiden Flügeln im Weg, konnte die Vorschusslorbeeren aus der Vorbereitung (und die Elogen meiner Gladbacher Freunde) nicht bestätigen.

Defensiv ist Hertha große Baustelle. Da wird wohl bis zur Rückkehr von Kraft noch mächtig herumgebastelt werden, und ganz ausschließen würde ich nicht, dass bis Ende August noch jemand geholt wird. Es sind zwar viele Leute da, aber leider mehren sich die Gründe dafür, an deren Qualität oder Potential zu zweifeln. Rechnen wir dann noch die bereits deutlich zu sehende Verunsicherung dazu, haben wir eine Mannschaft, die sich auch in der zweiten Liga wird strecken müssen. Immerhin kann Hertha sich nun auf diesen Bewerb konzentrieren.

Der wird schwer genug. Luhukay scheint im Dunkeln eines Kaders zu tappen, der zahlreiche Optionen bietet (Allagui gestern auf der Bank - warum eigentlich?), aber kaum Struktur. Und in der Hitze von Worms waren auch die einfachen Dinge vergessen: gute Ballannahme, schnelle Weiterleitung, flinkes Freilaufen - no way. Fußball ist ein schweres Spiel, aber von Profis sollten wir doch eigentlich erwarten können, dass sie nicht jedes Mal bei Null anfangen müssen. So sieht es aber aus bei Hertha im Moment. Eine Mannschaft, die auf nichts aufbauen kann. Am Freitag gegen Regensburg steht sie schon ganz schön unter Druck.

Freitag, August 17, 2012

Nahrungskette

Wenige Tage vor dem ersten EPL-Match gegen Sunderland hat der Arsenal FC also Robin van Persie an Manchester United verkauft. Dort wird der Niederländer eine Partnerschaft mit Wayne Rooney eingehen, der englische Nationalstürmer Danny Welbeck wird sich zurückgesetzt fühlen müssen, und ein gewisser Xavier Hernández, auch genannt Chicharito, wird sich fragen, was seine Perspektiven sind. Nicht zu reden von Federico Macheda, der einmal ein sensationell wichtiges Tor für United in letzter Sekunde spektakulär erzielte, danach aber zum "one hit wonder" verkam und diese Saison bei QPR als Ausgeliehener verbringen wird.

Fußball ist ein Geschäft mit enormen Redundanzen, und manchmal geht es auch ganz einfach darum, einer Mannschaft ihren "Talisman" zu nehmen, und ihr den Platz in der Nahrungskette der wirklich großen Clubs zuzuweisen. Tatsächlich sind sich die Kommentatoren nicht einig, ob MeanU van Persie wirklich braucht. Sicher aber ist, dass Arsenal ohne ihn letztes Jahr im Mittelmaß versunken wäre.

Und das ist genau der Grund, warum ich den Verkauf eigentlich begrüße. Denn die Mannschaft von Arsène Wenger wird nun wieder als Team besser funktionieren müssen, wenn die außergewöhnlichen Tore von van Persie wegfallen. Die letzte Saison in England war ja eine ungewöhnliche insofern, als selbst die Geldsacktruppe von Roberto Mancini relativ angreifbar war. Dass Arsenal mit zehn, zum Teil sehr vermeidbaren Niederlagen noch Platz drei schaffte, ist eigentlich ein Alarmzeichen. 49 Gegentore sind ein anderes.

Das für meine Begriffe entscheidende Match habe ich noch lebhaft in Erinnerung. Am 2. Januar spielte Arsenal bei Fulham, ging in der 21. Minute durch Koscielny in Führung, und wurde dann von einer exzellentes Offensivpressing spielenden Mittelklassemannschaft geduldig aufgerieben. Die Gegentreffer fielen in den letzten sechs Minuten, danach war deutlich, dass das gerade gewonnene Momentum verloren und der Kader des großen Arsenal FC nicht für die Anforderungen einer Saison ohne Winterpause gemacht war: Djourou als rechter Außendecker, Mertesacker in der Innenverteidigung, ein völlig erschöpfter Ramsey als Spielmacher, das reichte nicht.

Nun bleibt für die neue Saison ein großes Fragezeichen. Es steht über Alexandre Song, der neben van Persie der auffälligste Spieler letztes Jahr war. Angeblich ist der FC Barcelona an ihm interessiert, die Berichte klingen plausibel, obwohl er dort vermutlich nicht Stammspieler wäre, sondern Keitas Edelreservistenrolle übernehmen würde (oder aber er verdrängt Busquets). Song und Arteta sind ein großartiges zentrales Duo, mit der Neuverpflichtung Cazorla davor könnte das eine Konstellation werden, die dem ewig verletzten Jack Wilshere ein langsames Comeback erlauben würde.

Doch wie immer sind es die Männer in der zweiten Reihe, die entscheiden werden. Wer vertritt den verletzten Bacary Sagna auf rechts? Wie wird Wenger mit Abou Diaby und Mertesacker umgehen, die beide bisher sein großes Vertrauen nicht gerechtfertigt haben? Reichen zwei exzellente Innenverteidiger (Koscielny und der neue Kapitän Vermaelen)? Reicht ein Ersatzkeeper wie Fabianski? Und wie wird aus den zahlreichen Offensivkräften (Giroud, Podolski, Gervinho, Oxlade-Chamberlain, Walcott, Cazorla, Ramsey, Rosicky, Chamakh) eine Torfabrik? Und wie schlagen sich junge Hoffnungsträger wie Coquelin, Bartley oder der bisher zu häufig durch Gezwitscher aufgefallene Frimpong?

Die Aufstellung gegen Sunderland wird weisen, welche Präferenzen Wenger setzt, und wo vielleicht noch zugekauft wird. Ich würde mir folgendes Team wünschen: Szeszny. Jenkinson - Koscielny - Vermaelen - Gibbs. Song - Arteta - Cazorla. Walcott - Giroud - Gervinho. Vermutlich aber ist Walcott noch nicht matchfit, sodass Podolski auflaufen wird. Samstag 16.00, it's the English Premier League, and it's live!

Sonntag, August 12, 2012

Team-Puzzling

Eine "wilde, undurchsichtige Saison" sieht ein Kommentator des zuständigen Bezahlfernsehens für die zweite deutsche Fußballliga heraufziehen. Das Beobachtungsmaterial, aus dem er diesen Schluss ableitete, lieferte das Spiel FSV Frankfurt gegen Hertha BSC, das mit 3:1 (0:1) für die Gastgeber endete. Der Absteiger aus Berlin hat damit nach zwei Spielen immerhin eines geschafft: Der Favoritennimbus ist weg. Niemand will ihn haben, schon gar nicht die kleinen Mannschaften, die als "upsetters" durch die Stadien ziehen und Traditionsteams wie Köln, Bochum oder eben Hertha blöd dreinschauen lassen. Es war, den Regeln entsprechend, ein Spiel mit zwei Spielhälften. Nach der ersten führte Hertha halbwegs verdient mit 1:0. Ndjeng hatte seiner offensiven Tendenz entsprechend in der gegnerischen Hälfte den Ball erobert, setzte sich gut durch, spielte zu Allagui, der in Gomez-Manier eine Pirouette hinlegte, den Ball an den Pfosten setzte, woraufhin Ben-Hatira gekonnt abstaubte.

Dieser Vorsprung ging bald nach der Pause verloren, als John Anthony Brooks einen Ball mit dem Kopf zu Burchert zurückspielen wollte. Das misslang, Kapllani ging dazwischen, Burchert gab ihm im Strafraum die Gelegenheit, sich ein Foul abzuholen. Das bedeutete Rot für den zweiten Goalie von Hertha, Einwechslung von Sprint für Knoll, Ausgleich durch Schlicke, und eine stark veränderte Situation in einem Spiel, das danach - nicht unbedingt notwendigerweise, aber doch folgerichtig - vollständig kippte. Ein perfekter Konter des FSV, den Leckie souverän abschloss, blamierte im Grunde die gesamte Berliner Formation, namentlich aber Ndjeng. In der Nachspielzeit erhöhte Verboek noch auf 3:1 (namentlich blamiert: Hubnik).

Manager Preetz nahm Brooks anschließend in Schutz, tat dies aber mit einem Satz, der mangelnde Überlegung verrät: "Brooks und Schulz dürfen Fehler machen". Das kann man so sehen, es fällt dabei allerdings ins Auge, dass JLu auf der linken Hertha-Seite eine ganze Fehlerkette aus jungen Kräften installiert hat, die von Knoll über Schulz bis Brooks reicht, sich beim zerstreuten Hubnik fortsetzt, und auch der defensiv nicht gerade großartige Ndjeng zählt noch dazu. Vernünftige Mannschaften stellen die unerfahrenen Kräfte auf Positionen, auf denen sie nicht unter sich sind. Hertha aber beginnt die Saison mit einem Fehlerblock.

Das liegt sicher auch an der Unwucht des ein wenig rätselhaft komponierten Kaders. Erstens ist da natürlich der überzählige Ramos, der dieses Mal auf dem Flügel auflief, aber über die üblichen winzigen Ansätze nicht hinauskam. Er blockierte heute den Platz, den Ben-Hatira für sein Spiel gebraucht hätte. Der beste Berliner spielte lange eine Art hängende Spitze, das ergab einige schöne Kombinationsversuche mit Allagui, öfter aber blockierte das rechtslastige Hertha-Spiel sich durch eigene Überzahl. Schulz, der eindeutig auf die Position von Knoll (oder auf die Ersatzbank) gehört, ist als Außendecker fehlbesetzt, das ist nach zwei Spielen schon recht klar.

Zweitens hat der Manager mit Wagner einen eher unproduktiven Spieler vor Kachunga, Sahar und (hoffentlich im neuen Jahr wieder) Lasogga gesetzt, sodass Luhukay da eine ganze Armada von Leuten bei Laune halten muss, während er in der Defensive offensichtlich unendlich langmütig ist. Brooks sollte sich bewähren dürfen, aber nicht neben Schulz, sondern von mir aus neben Bastians. Schulz sollte sich bewähren dürfen, aber als Winger. Ben-Hatira auf der Raffael-Position verdient einen weiteren Versuch, besser aber wäre wohl, Kachunga neben Allagui, Ben-Hatira nach außen, Ramos auf die Bank. Und Ronny? Kluge? Lustenberger? Ziemlich "puzzling", was da jedes Wochenende aufzulösen ist, während sich der schwächste Mannschaftsteil, die Defensive, fast von selbst aufzustellen scheint.


Samstag, August 04, 2012

Drecksaustall




























Erste Erkenntnisse der neuen Saison: Hertha ist in Liga zwee angekommen. Ein Daueranläufer (Kluge) macht noch keinen Spielmacher. Roman Hubnik macht seinem Ruf als Minimunic (kleiner Simunic) neue Ehre. Adrian Ramos könnte sich als unverkäuflich erweisen. Marcel Ndjeng schießt Standards fast so gut (?) wie Patrick Ebert. Ronaldinho Berlinho (Ronny) ist eine Wunderwaffe (Wundertüte?). Brooks ist ein brauchbarer Bewacher von Hubnik. Schulz ist ein brauchbarer Anwärter auf den Michael-Hartmann-Orden. Paderborn spielt einen gut strukturierten Fußball. Herthas Aggressivität bedarf noch der Dosierung. Der Kapitän, der durch seine Selbstbezeichnung als "Drecksau" den Saisonstart auf die porcilen Metaphern gebracht hatte, ist nicht sacrosanct. Lustenberger war aber nicht so viel besser. Was also hat JL sich mit der Auswechslung gedacht? Noch nichts Wesentliches. Erst im Oktober wird Hertha im Schweinsgalopp unschlagbar sein.

Montag, Juli 02, 2012

Finale furioso

Ziemlich lange habe ich den Eintrag mit der deutschen Meisterschaft für Hertha U17 hier stehen lassen. Heute aber geht das nicht mehr. Gestern endete eine lange Saison mit einem tollen Sieg für Spanien, heute beginnt die Sommerpause. Hertha hingegen hat schon das erste Testspiel bestritten (und ein paar Mitarbeiter entlassen). So weit sind also die Welten voneinander im Moment entfernt, die ich hier zusammenzuhalten versuche.

Für meine deutschen Freunde war das sicher hart, mitansehen zu müssen, wie Italien, das am Donnerstag noch so stark gewirkt hatte, gegen Spanien einbrach. Und zugleich brach auch die kleine Neidkampagne in sich zusammen, die Spanien einen faden Fußball unterstellte. Das schwierigste Spiel im Turnier, das gegen Portugal, hatten sie tatsächlich vor allem mit Gelassenheit gewonnen. Gestern aber spielten sie vertikal, als wollten sie nicht so sehr Italien als ihren Verächtern weltweit eine Lektion erteilen.

Zu gern würde ich diesen Lauf aus allen möglichen Perspektiven noch einmal genau studieren, den Jordi Alba vor dem 2:0 antrat - hatte er da schon eine Ahnung von der sich öffnenden Torgelegenheit, oder war das rein tentative Beschäftigung der Italiener? Mit jedem Meter könnte man hier vermutlich sehen, wie das Potential der Szene wächst, bis es schließlich explodiert. (Im Olympiastadion haben wir vergangenen Herbst das ligalltägliche Pendant zu dieser Szene gesehen: Patrick Hermann auf Marco Reus. )

"Die Laufwege bestimmen den Pass", diese Weisheit hat bei diesem Turnier das breite Publikum erreicht, auf dem Umweg über die Kommentatoren der deutschen Sender, die spät, aber unsanft aus ihrem Tunnelblick auf die deutsche Mannschaft gerissen wurden. Bis Donnerstag hatten sie jedes Spiel vor allem darauf hin angeschaut, wie Deutschland gegen die beteiligten Mannschaften aussehen könnte. Selbst der von mir eigentlich geschätzte Tom Bartels sieht jetzt ein wenig doof aus - er hatte sich für das spanische Spiel gegen Frankreich gar nicht richtig interessiert, so sehr sah er Deutschland schon vor dem geistigen Auge im Vorteil.

Joachim Löw wird in zwei Jahren mit einem "Luxuskader" nach Brasilien fahren, aber ein Blick auf die Altersstruktur der spanischen Mannschaft und ihrer Bank zeigt, dass die Vorherrschaft der "Furia roja" durchaus noch eine Weile andauern könnte. In der letzten halben Stunde des Finales konnte Vicente del Bosque schon Team Building für die Zukunft betreiben: ein Tor für Torres zum Aufbauen, ein paar Minuten für Juan Mata, der einmal Xavi beerben könnte, ein paar Läufe für Pedro. Wer aber wird Klose beerben? Und wird Arsène Wenger aus Lukas Podolski noch einmal etwas herausholen?

Das sind Fragen für den Sommer und darüber hinaus.


Sonntag, Juni 17, 2012

Deutscher Meister




























Beinahe möchte ich es als Zeichen nehmen, dass diese vermaledeite Saison für Hertha BSC noch einen kleinen positiven Höhepunkt enthielt: Am Samstag haben die B-Junioren durch ein 2:0 gegen den VfB Stuttgart die deutsche Meisterschaft 2012 gewonnen. Das Team von Andreas Thom und Pál Dárdai konnte dabei auf eine bemerkenswerte Torhüterleistung von Marius Gersbeck bauen (eine Parade habe ich fast erwischt, unten), machte aber auch einen mannschaftlich guten Eindruck, obwohl das Chancenverhältnis vermutlich deutlich zugunsten Stuttgarts ausfiel (was natürlich per se kein gutes Zeichen ist, hier aber in den Kontext einer allmählichen Steigerung gehört, Herthas U17 fand erst allmählich ins Spiel).

Die Bedingungen waren nicht die besten, vor allem gegen Ende wurde es durch den wieder einsetzenden Regen immer glitschiger, aber insgesamt war das ein hochprofessionelles Match vor prominent besetzter Kulisse (Hertha-Oligarchie, Sammer, Bobic). Das wichtige Führungstor vor der Pause verdankte sich dem Spieler, von dem ich schon das eine oder andere gehört hatte, und der zu den Spitzenkräften dieses Jahrgangs gehört: Hany Mukhtar (Bild unten) spielte so, wie wir es uns von Raffael in der ersten Mannschaft wohl erwartet hätten, positiv aggressiv, vertikal, aber auch absichernd nach hinten. Sein Durchsetzungsvermögen in Zweikämpfen fiel mehrfach auf, er leitete dann mit einem Lauf mit dem Ball in die Spitze den Treffer ein - Anspiel nach außen, Pass ins Zentrum, dort fand sich der zuständige "target man" Faton Ademi und tat das seine.

In Halbzeit zwei hatte ich Herthas linke Seite vor Augen und konnte vor allem Mannsfeld und Ebot-Etchi genauer zuschauen; beide gefielen mir gut, der junge Mann mit der auffälligen Frisur hatte dreimal sehr gute Offensivläufe, spielte aber jedesmal einen Pass ins Abseits. Er ließ aber auch sehr gut erkennen, wie die Spieler das Übergeben in Defensivsituationen praktizieren, wie er sich je nach Spielsituation im Raum orientierte.

Ich kann mir eigentlich nichts Besseres für eine Clubleitung vorstellen, als alles zu tun, dass die Arbeit, die auf dieser Ebene geleistet wird, nicht vergeblich ist. Natürlich wissen wir, dass von den 14 Spielern, die da gestern aktiv waren, vermutlich höchstens drei oder vier, wenn überhaupt, eine richtige Profikarriere schaffen werden. Aber dazu gehört eben auch, dass die Wege nach oben nicht durch planloses Vorgehen auf den nächsten Ebenen verstopft werden. Das Gegenteil ist die Regel, gerade auch bei Hertha (siehe zuletzt Morales). Ein Mukhtar wird eine entsprechende Mannschaftsphilosophie brauchen, damit er nicht zum nächsten Bigalke oder Hartmann wird, sondern seine Stärken einbringen kann.

Mal sehen, ob JoLu da ein wenig Übersicht und Kontinuität hineinbringen kann. Nichts wäre mehr zu wünschen, ein geduldiger Neuaufbau vielleicht sogar besser als ein sofortiger Wiederaufstieg ohne tragfähigen Plan. Doch das werden wir alles sehen. Gestern konnten die Fans singen: "Deutscher Meister Hertha BSC".

Bilder: Die VfB-Fans haben ein Traditionsanliegen




























Doppelspitze: Thom und Dárdai

Andere Ära: Fredi Bobic

Höchste Instanz: Matthias Sammer


Jubeltraube (darunter der Held: Marius Gersbeck)

Die Geschlagenen
Die Schale

Donnerstag, Juni 14, 2012

Totalny Futbol


Dass Hertha BSC vor hundert Jahren einmal gegen Warta Posen 2:9 verloren hat, hätte ich wohl nie erfahren, wenn nicht die Fußball-Europameisterschaft 2012 an Polen und die Ukraine vergeben worden wäre. Da es sich dabei um zwei Transformationsländer in Osteuropa handelt, gibt es zum sportlichen Ereignis auch das eine oder andere Stück aufbereitender Literatur.

Der Sammelband Totalny Futbol überzeugt dabei durch einen ebenso einfachen wie plausiblen Ansatz: Zu jedem Austragungsort gibt es hier eine Geschichte, verfasst von Schriftstellern, die dazu eine Verbindung haben. Im Falle der westpolnischen Stadt Poznan ist das Natasza Goerke, die auf eine möglicherweise hinterhältige Weise Günter Grass zitiert: „Günter Grass, der berühmte Halbpole, hat seine Meinung über uns Vollpolen in hinterhältigen Wendungen voller Subtilitäten und Zweideutigkeiten zum Ausdruck gebracht: Ich sag es immer, Polen sind begabt. / Sind zu begabt, wozu begabt, / begabt mit Händen, küssen mit dem Mund, / begabt auch darin: Schwermut, Kavallerie.“ Hinterhältig ist hier sicher die Verwendung des Begriffes Kavallerie, die bekanntlich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs schlecht aussah, als die deutschen Panzer kamen.

Die alten Kriegsmetaphern haben im Fußball aber längst ausgedient, an ihre Stelle sind auch in diesem Band differenzierte und selbstironische nationale Phänomenologien getreten, für die sich die Anhänglichkeit an bestimmte Teams dann doch wieder als guter Schlüssel herausstellt. Natalka Snjadanko berichtet in ihrem Text über Lemberg/Lwiw von einem ganz frühen Fußballspiel aus dem Jahr 1894, das durch einen Zeitungsartikel sehr gut dokumentiert ist, und in dem ein Team aus Lemberg gegen eines aus Krakau antrat, an dessen Ende aber nicht ganz eindeutig zu sagen war, „wer wen besiegt hat – denn es war ja ein Pole aus der Lemberger Mannschaft, der den Ball ins Krakauer Tor schoss“.

Es sind komplexe, „multikulturelle“ Landschaften, in denen die EM 2012 stattfindet, das geht auch aus dem schönen Text von Piotr Siemion über Breslau/Wroclaw hervor. Der Club, um den es darin geht, heißt Wojskowy Klub Sportowy Slask (Militärsportverein Slask), das kommt dem ersten Team sehr nahe, dem ich als Kind anhing: dem Linzer Athletiker Sportklub LASK, der legendäre Derbys mit dem anderen Team aus der Stahlstadt austrug, mit VÖEST Linz. Man kann ein Buch wie Totalny Futbol auch gut vor dem Hintergrund der eigenen Fanbiographie lesen, die ja jahrzehntelang vor allem aus seltsamen Namen bestand. Namen, die in Tabellen und Aufstellungslisten eingetragen waren.

Einer der berühmtesten dieser Namen ist Oleg Blochin. Der ukrainische Superstar spielte ausgerechnet in der Saison vor dem Ende des Kommunismus in meiner Heimat bei Vorwärts Steyr. Jury Andruchowytsch, der zu Totalny Futbol den Beitrag über (Dynamo) Kiew beigesteuert hat, geht über diese nicht unbedeutende Episode schweigend hinweg. Sein Interesse gilt auch eher dem großen Trainer Valeri Lobanowskyj, von dem die Suggestion ausging, er könnte den Fußball berechenbar machen. Denkste. „Meine Verzweiflung hat eine philosophische Dimension. Es ist nicht nur der Bankrott eines bestimmten Fußballprojekts“, schreibt Andruchowytsch über den Niedergang von Dynamo Kiew. „Es ist das Scheitern des Rationalismus. Das Chaos übernimmt den Kosmos und ruft uns zum Abschied höhnisch zu: Der Ball ist rund, der Platz ist groß.“ Und dieses Buch bleibt auch nach dem Turnier noch lesenwert, auf das es uns einstimmen sollte.

Totalny Futbol. Eine polnisch-ukrainische Fußballreise, hg. von Serhij Zhadan, edition suhrkamp 2012

Sonntag, Juni 10, 2012

Sindbad der Busfahrer




























Um 6:08 bin ich heute morgen nach Rzeszów zurückgekommen, von einem knapp sechzehnstündigen Ausflug in die Ukraine, und nun habe ich sogar noch eine kleine Mütze richtigen Schlaf bekommen, bevor es bald mit dem Bus zurück nach Berlin geht. Es kam alles ganz anders, als ich erwartet hatte, und das hat damit zu tun, dass weder Michel Platini noch ich sich so richtig gut überlegt hatten, was es bedeutet, ein großes Turnier abzuhalten, durch das hindurch die EU-Außengrenze verläuft.

Als ich am Samstagmittag vor dem Hauptbahnhof von Rzeszów auf einen jungen Mann aus Lublin traf, der als Freelancer für die Firma arbeitet, bei der ich einen Leihwagen reserviert hatte, konfrontierte er mich mit der Tatsache, dass bei Grenzübertritt in ein Land der ehemaligen Sowjetunion eine Gebühr von 500 Zloty zusätzlich fällig würde, und dass das Auto in der Ukraine nicht diebstahlsversichert wäre. Das erschien mir eine wenig einladende Kombination, die ich zum Anlass nahm, die Reservierung zu stornieren, und es auf andere Weise zu versuchen, nach Lwiw zu kommen.

Dabei machte ich gleich eine interessante Erfahrung mit zwei Deutschen, die auch bei derselben Firma reserviert hatten. Meine harmlose Frage, ob sie eventuell noch jemand mitnehmen könnten, beantworteten sie abschlägig - kein Problem. Was mich aber verwunderte, war, dass sie mich die ganze Viertelstunde, die wir dann noch dort herumstehen mussten, während einer von ihnen alle Papiere unterzeichnete, keines Blickes mehr würdigten und nicht einmal das allereinfachste gemeinsame Faninteresse mehr zeigten, das man in solchen Situationen auf Reisen doch kennt - man tauscht sich ein wenig aus. Es war, als hätte ich mich durch meine Frage für obdachlos und vogelfrei erklärt, und versucht, einen bestens geplanten Trip aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Ich verfiel dann auf die einzige noch machbare Variante: Von Rzeszów nahm ich einen Zug nach Przemysl, wo ich um 16:20 ankam (17:20 ukrainische Zeit, also viereinhalb Stunden vor Anpfiff). Außer mir waren nur noch zwei junge deutsche Fans da, Ali und Kenny (Oliver und Kenneth aus Bremen), von denen Ali zum Glück ein Lahm-Trikot trug. Er kann auch Polnisch, und führte dann die Verhandlungen mit einem ukranischen Chauffeur, der anbot, uns für 250 Zloty (bisschen über 50 Euro) nach Lwiw (Lwow für die Polen) zu bringen. Wir prüften kurz, was dafür und dagegen sprach (die typische Argumentationskette, die da im Kopf abläuft, Indizien ad hominem – sieht er aus wie ein Verbrecher? – und ad rem – er hat eine Taxilizenz, wir können ja sein Kennzeichen nach Hause funken), und entschieden uns für die Fahrt.

Es war eine weise Entscheidung. Diese zwei Stunden auf der prächtig ausgebauten, von Gewitterwolken verhangenen Straße von Przemysl nach Lemberg werden mir in Erinnerung bleiben, es war einfach großartig. Zwei Stunden vor Anpfiff waren wir in Lemberg am Bahnhof. Ich spazierte dann noch eine Stunde durch die Stadt, die allem ersten Anschein nach super interessant ist, sah am Rande des Public Viewing, dass die Niederlande nicht als ein Team spielen, und kam schließlich ein paar Minuten zu spät in die Arena von Lwiw.

Zum Spiel habe ich eine Menge Material, das ich hier reinstellen werde, wenn ich wieder in Berlin bin. Das Stadion ist eines der besten, das ich bisher besucht habe, es liegt wie ein UFO (wir kennen die Metapher) an der äußersten Peripherie.

Um 2:02 ging ein Zug zurück nach Przemsyl, und wenn es noch eines Grundes bedurft hätte, diese kleine Reise zu rechtfertigen, dann könnte ich ihn in den Bahnhofsgebäuden dieser altösterreichischen Städte allein schon finden. Nicht auszudenken, was die Abteilung Stations and Services der DB dort anrichten würde, an Orten, an denen man die ganze Größe dessen sehen kann, was einmal öffentliches Gemeingut war, bürgerliche Infrastruktur, Verkehrswesen in jedem Sinn.

Die Grenzkontrollen verliefen ohne große Probleme, wir sahen zwar mehrere Hundertschaften Uniformierter und ein paar putzige Hunde, wurden aber mit zwei Stempeln entlohnt, und so konnte ich um 4:28 in Przemysl einen Regionalzug besteigen, der mich auf die harte Tour (nie hat ein Zug so gerumpelt wie dieser) nach Rzeszów zurückbrachte, wo ich jetzt, frisch geduscht und beinahe ausgeschlafen, auf den Sindbad-Bus nach Berlin warte.