Sonntag, Februar 06, 2005
Perspektivsieg
Die Schuhe des Fiedler sahen gestern gar nicht nach Fußball aus, sondern eher nach Bowling oder Kricket oder einer anderen dieser Sportarten, bei denen es nicht um die Beherrschung eines Strafraums geht. Das Spiel war dementsprechend nicht höchstklassig, aber die Hertha hat es schön hingekriegt - besonders gefiel mir der Paß von Malik Fathi auf Gilberto vor der Flanke auf Yildiray Bastürk, der den gegnerischen Strafraum beherrschte, indem er nicht zu sehr abhob. Es wird mir noch lange ein Rätsel bleiben, wie Kopfballduelle gewonnen oder verloren werden, welche Mischung aus Intuition und Robustheit erforderlich ist, daß ein Stürmer die zehn Zentimeter näher an der idealen Druckstelle des Balls ist, von der ihn der Verteidiger abdrängen möchte - natürlich spielt Erfahrung und Präsenz eine Rolle, aber das Kopfballtor, das Vieira neulich gegen MeanU gelang, erzielte er aus einem Gedränge, das sonst nur Pressefotografen so bilden, wenn sie Nicole Kidman auf einem roten Teppich sehen. Und es soll mir niemand erzählen, daß Vieira den Ball so kommen sah - er traf mit dem Hinterkopf. Bastürk jedenfalls gewann ein Kopfballduell, das keines war - er war einfach dort, wo der Ball hinkam. Spielintelligenz. Am Abend fuhren die Autokolonnen hupend durch Kreuzberg, vermutlich hat jemand geheiratet, vielleicht war es aber doch Ausdruck einer neuen Identifikation mit der Hertha, und Dieter Hoeneß hätte mit dem Transfer dazu beigetragen, die Parallelgesellschaft aufzubrechen. Yildiray! Langsam muß sich das Team mental darauf einstellen, daß es in diesem Jahr noch interessant werden könnte. Sie müssen eigentlich nur so weiterspielen wie bisher, nämlich konzentriert und unangenehm nahe am Mann schon an der Mittellinie. Nach vorne geht es ohnehin schnell wie der Transrapid (während Rangnicks ICE gerade Verspätungen einfährt). In zwei Wochen, wenn es gegen Stuttgart geht, werden die Weichen gestellt (einmal angenommen, daß Nürnberg sich als bezwingbar erweist) für diesen Frühling. Genug Eisenbahnmetaphern. Neu an der Hertha ist in diesem Spieljahr, daß sie nicht einfach eine Serie spielt, oder einen Lauf hat, sondern ihrer Konstanz jedes Wochenende ein bißchen Gewicht hinzufügt, ohne an Schnelligkeit zu verlieren. Sie macht Fortschritte.
Mittwoch, Februar 02, 2005
Niedertracht United
Als ich vorgestern nach einer seltsamen Filmveranstaltung in der Volksbühne nach Hause kam, und im Teletext die Ergebnisse der Premier League nachsah, war ich ein wenig fassungslos: Arsenal gegen MeanU 2:4. Um Mitternacht lief das Spiel dann in der Wiederholung auf Premiere, und weil es so wild und fast ein wenig wahnsinnig war, blieb ich bis zum Ende dabei. Natürlich glaube ich nicht, daß Arsenal ungeschlagen durch eine zweite Saison gehen hätte können - aber ich bin immer noch der Meinung, daß der Sieg von MeanU im Hinspiel in Old Trafford geschenkt war durch einen Schiedsrichter mit Heimtendenz. Damals riß die Serie, und Arsenal taumelt noch immer. Gestern pfiff Graham Poll, der "beste Referee der Insel", wie der englische Kommentator zwischendurch behauptete. Er hatte gut zu tun, und war nicht immer in der besten Position - ein Elfmeterfoul an Pires nach dem 1:1 durch Giggs hätte er ahnden müssen. Bergkamp schoß dann wenig später doch noch das 2:1 mit einem so trockenen Schuß zwischen die Beine von Carroll, daß die Wirkung bis in die zweite Halbzeit anhielt. Aber eben nicht bis zum Ende. MeanU wußte, daß die Arsenal-Spieler provozierbar sind, und keiner ging unflätiger vor als Wayne Rooney, der Pires verhöhnte, als wollte er sich für ein Remake von Clockwork Orange bewerben - eine ähnlich niederträchtige Form der Arroganz habe ich nur dort gesehen. Arsenal hat das Spiel trotzdem selbst aus der Hand gegeben, durch eine fragile Verteidigung, durch mentale Defizite - das beginnt bei der Körpersprache von Almunia, und endet bei der Unfähigkeit, anders als höchst elaboriert zu spielen. Mit Keane und Rooney haben sich zwei Richtige gefunden, dazu der immer revanchistische Ronaldo - meine Lieblinge sind in Schönheit gestorben. Die Bayern sollten sich trotzdem nicht zu früh freuen.
Sonntag, Januar 30, 2005
Normalform
Josip Simunic kann ganz schlecht nicht geschlafen haben letzte Nacht, denn er hat gegen die Bayern nichts falsch gemacht. Gutes Gewissen, gutes Ruhekissen, gutes Match, okayes Unentschieden. Gut. Mal sehen also, was diese Woche so herauskommt. Ich war gestern nicht ganz so mitgenommen wie Dieter Hoeneß im ZDF-Sportstudio, aber doch ein wenig unruhig. Heute gab es im Olympiastadion ein ganz normales, schnelles, durch Fouls und den Schiedsrichter ein wenig zerfahrenes Spiel, bei dem die Hertha sich ihre Vorteile und Chancen erspielt hat, die schwer bezwingbaren Bayern hatten ihre Freak-Chance, sahen aber nicht immer souverän aus. Das Talent der Hertha ist auch ihr Nachteil: die Energetiker im Mittelfeld können sowohl unglaublich beschleunigen (sich selbst und das Team), als auch verschleppen und verdribbeln. Reina, der allmählich langsamer wird, hat heute mehr verschleppt. Falko Götz hat mutig aufgestellt, ließ Malik Fathi draußen und nahm dafür Reina als zweiten Stürmer - in der ersten Hälfte ging eine Menge, die zweite Hälfte war ausgeglichen. Ist mir eigentlich alles egal - ich habe es genossen, Simunic spielen zu sehen, vielleicht bleibt die Hertha ja doch unbeschädigt, und kann ihre Aufbauarbeit fortsetzen. Ebenbürtig waren wir den Bayern heute allemal. Ich habe es heute sogar verschmerzt, daß der dämlichste Fan des ganzen Stadions neben mir zu sitzen kam (heute saß nicht ganz die Stammbesetzung in unserer Reihe): Nicht nur machte er den schlechtest möglichen Malik-Fathi-Witz (man kann ihn sich denken, "hier kommt Malik ..."), er rief auch aus: "Wenn Deisler spielen würde, könnten wir ihn klapsmühlenreif pfeifen." Ich mußte in diesem Moment dann doch meine Contenance kurz aufgeben, und er schwieg ein paar Minuten. Ich glaube wieder an das Spiel.
Samstag, Januar 29, 2005
Lieber Josip,
ich bitte dich flehentlich: Mach keinen Blödsinn! Aber gut - vielleicht ist es schon zu spät. Vielleicht hast du dich, weil Fußballprofis viel Geld verdienen und viel Freizeit haben und selten ein gutes Buch lesen, auch ab und zu bei deinen kroatischen Landsleuten in diesem Cafe hingesetzt, und ein gepflegtes Gespräch über Fußball geführt. Vielleicht hast du auch manchmal mit Alexander Madlung darüber nachgedacht, warum Marcelinho mehr Geld verdient als du - obwohl du mir nicht aussiehst wie ein Raffzahn. Vielleicht hast du einfach, weil du ein argloser Mann bist, nicht bemerkt, daß sich am Nebentisch einige Männer anders für Fußball interessieren, kommerzieller gewissermaßen, und ohne an einem Team so zu hängen, wie wir Fans es tun, die wir euch auch in Braunschweig gewinnen sehen wollten. Vielleicht warst du einfach zur falschen Zeit am falschen Ort, wie es eigentlich mehr die Spezialität von Dick van Burik ist (auf dem Platz). Vielleicht ist alles von Focus erlogen - dieses Blatt lese ich ja nicht, weil es dafür keinen guten Grund gibt. Vielleicht ist das alles ein riesiges Mißverständnis, und deine bösen Landsleute versuchen nun, jeden in den Sumpf zu ziehen, der einmal einen Tee bei ihnen getrunken hat. Es sieht nur so unglaublich blöd aus, daß an diesem Skandal so riesengroß die Klubfarben von Hertha BSC draufkleben! In meiner Straße in Kreuzberg gibt es auch ein Wettbüro, und ich kann mich noch erinnern, wie ich vor Jahren dort einmal gefragt habe, ob sie neben der 24-Stunden-Dauerübertragung von Hunderennen auch Premiere ins Programm nehmen würden - ich würde dann ja auch auf Hertha wetten, habe ich noch versprochen, dann aber doch die Kröte gefressen und Premiere selber bestellt. Aus meinen Stippvisiten ist mir die Atmosphäre in diesem Lokal nicht gerade fitnessfreundlich vorgekommen, und sogar ein wenig sleazy. Ich will euch nicht alle dauernd in der Akademie der Künste treffen oder im Quadriga (not my cup of tea, either), aber mir ist auch nicht gut bei dem Gedanken, wo ihr eure Freizeit anscheinend verbringt. Schau doch mal vorbei hier bei uns in 36, wir haben mehr Spaß als die Wettmafia. Eigentlich aber wollte ich dir nur eines sagen, Josip: Auch wenn es wahr wäre, ich würde es nicht glauben wollen. Bei Madlung bin ich mir weniger sicher - dieses Eigentor sah ja auch zu dämlich aus. Mein Leben als Fan muß ich nun leider in die Zeit vor heute und die Zeit ab heute unterteilen, denn heute wurde alles anders.
Blau(äugig)e Grüße, dein Marxelinho dos Santos
Blau(äugig)e Grüße, dein Marxelinho dos Santos
Mittwoch, Januar 26, 2005
Kommen und Gehen
Tim Wiese geht nach Bremen. Dort gehört er hin, er hat das Zeug zum Kleinstadtkaiser und Weserplayboy. Diese Seite hat sich gegen seine Verpflichtung durch Hertha BSC ausgesprochen - ich gehe nicht davon aus, daß Dieter Hoeneß das liest, aber ich deute es als Zeichen guten Stils, daß er Fiedler nicht in den Rücken fällt. Irgendwann brauchen wir trotzdem einen größeren Keeper. Nächste Woche werde ich Volker, meinen Partner in Hertha, dazu überreden, daß wir die Mitgliedschaft beantragen. Und zwar, um den bösen Schiedsrichter zu ersetzen, der schnell austreten mußte, um sich der DFB-Gerichtsbarkeit zu entziehen. Zwei Gute für einen Schlechten. Eine Gegenreaktion.
Sonntag, Januar 23, 2005
Gegenreaktion
Eiskalt hat die Hertha die Rückrunde begonnen, begossen hat sie das Spiel verlassen. Als Nando Rafael nach drei Minuten den Führungstreffer schoß, als Vollender einer schönen Energieleistung von Thorben Marx, da hatte ich noch die Carmina Burana im Ohr, die in Bochum vor dem Anpfiff gespielt werden. Carl Orff als altdeutscher Ersatz-Bocelli wurde von Nandos kleinem Heber einfach durchgestrichen. In Bochum wissen sie wahrscheinlich gar nicht, was es mit dieser Musik auf sich hat, aber vielleicht geht ja gelegentlich ein Fan in ein Studentenkino und sieht Pasolinis Salò. Für die Hertha war die Herausforderung heute zu leicht. Die Mannschaft ist einfach nicht in der Lage, das Spiel auch dann noch zu machen, wenn sie es bereits sicher auf ihrer Seite hat. Da wirkt wohl das Ethos des Herbsts noch nach, das Selbstverständnis des Außenseiters, der nicht souverän gewinnt, sondern halt irgendwie - und irgendwie immer öfter, bis plötzlich irgendwie Ansprüche da sind. Von der besten Verteidigung der Liga habe ich immer nur die Zahlen ernst genommen, auf dem Feld habe ich davon nicht so viel gesehen, da war viel Dusel dabei, und als ich gestern im Tagesspiegel las, daß Dick Van Burik sich in das Team zurückgekämpft hat, hatte ich schon so eine Ahnung. Mein Vertrauen hat er nicht, auch wenn er beim Zweikampf gegen Lokvenc sein Bestes getan hat. Es war nicht genug. Madlung kam dann für Marx, eine defensive Einwechslung, zu der Götz beinahe gezwungen war, weil er keinen Mann draußen hatte, der in 15 Minuten das Solistenunwesen im offensiven Spiel hätte ordnen können. Er baut, wie alle Trainer, die eine knapp der Katastrophe entronnene Mannschaft übernehmen, die Sache auf Reaktion auf: Wir haben das jetzt schon oft gesehen, daß die Hertha gut beginnt, sich einen Vorteil verschafft, damit sie dann ihr Spiel machen kann, das eben aus Reaktion statt Aktion besteht. Gegen die amorphen Bochumer ging das schief, weil sich auch schwache Teams auf Möglichkeiten besinnen, wenn der Gegner einfach zuwartet. Während sich Marcelinho in eigensinnige Verschleppungen verstieg, erwachte beim Gegner der Überlebensinstinkt. Nächsten Sonntag sind wir wieder die Außenseiter - das könnte interessant werden. Unglaublich im Vergleich, wie heuer die englische Liga verläuft: Die extrem stabile Chelsea setzt jedes Wochenende den Takt, während Manchester United und Arsenal versuchen, nicht aus dem Tritt zu kommen. Bergkamp hat heute gegen Newcastle das entscheidende Tor von Arsenal geschossen, damit zumindest die mean ManU auf die kleine Distanz eines Punktes gehalten wird. Alles unter drei Punkten ist in der Premier League eine Niederlage. Das Diktum zum Wochenende kam allerdings wieder einmal von Ralf Rangnick, der Trainer mit Filmemachern verglich: "Fellini hat seinen Spielern genau gesagt, was sie machen sollen und hat sich dabei bestimmt mit mancher Diva aufgerieben." Abgesehen davon, daß Rangnick Fellinis Stadt der Frauen vielleicht nicht gesehen hat (zu viele aufreibende Diven!), ist das doch bemerkenswert, wie Cinema Italia durch die Hintertür in die Liga sickert. Heute Nachmittag lief im Ersten auch noch Don Camillo! Mit Falko Götz bin ich erst glücklich, wenn er der Michael Mann unter den Trainern wird. Besser noch aber der Takeshi Kitano.
Sonntag, Januar 16, 2005
Suppenkaspar
Ich fürchte, Arsène Wenger, mein Traineridol, verliert von Woche zu Woche mehr an Souveränität. Nicht, weil Arsenal seit der Niederlage in Manchester im vergangenen Herbst (unverdient, zur Erinnerung, und unfair) nie mehr so richtig in Tritt gekommen ist. Er läßt sich einfach auf zuviele Dispute ein, und wer Alex Ferguson (not a Sir to me) einmal ins Gesicht geschaut hat, weiß doch, daß man da besser den Mund hält. Stattdessen macht Wenger den Uli Hoeneß der Premier League und stichelt einmal dorthin, einmal dahin. An diesem Wochenende ist der Disput um den Suppenfleck, den Ferguson nach dem Spiel im Herbst im Kabinengang von Old Trafford abbekommen hat, mutmaßlich von aufgebrachten Arsenal-Spielern, wieder aufgeflammt: Daß Wenger sich für sein Team nicht entschuldigt hat, wäre eine "Schande", ließ Ferguson über den Independent verlauten. Ich würde mich auch nicht entschuldigen, aber ich würde auch nicht ständig so tun, als wäre Arsenal das Maß aller Dinge. Daß sie es nicht mehr sind, dazu hat Wenger selbst beigetragen, denn er hat sich mit der Lehmann-Entscheidung ohne Not eine Alternative versperrt. Jetzt muß er nämlich einen Tormann kaufen, um Almunia wieder auf die Bank setzen zu können. Vielleicht wird es Edwin van der Sar, orakeln die Zeitungen auf der Insel. Ich hätte eine bessere Idee: Gabor Kiraly möchte ich bei Arsenal sehen. Bei Crystal Palace kann er nicht viel ausrichten, die sollten besser Hans Meyer als Nichtabstiegsgarantie holen. Kiraly bei Arsenal, das wäre ein wenig wie Uwe Boll in Hollywood (dieses Rätsel wird in einem anderen Blog geklärt ...), und ich träume jetzt schon von einer Szene, in der ein völlig verdreckter ungarischer Goalkeeper nach dem Match Arsenal-Chelsea im April mit Jose Mourinho die Kleidung tauscht: Trainingshose gegen Ledermantel. Danach gewinnt Chelsea kein Spiel mehr, Arsenal spielt immer zu Null, und David Seaman unterschreibt im Frühling bei Hertha BSC Berlin. Meinem Team.
Sonntag, Januar 02, 2005
Dream Team
In der Nacht auf Neujahr träumte mir, daß Ben Stiller bei Hertha BSC im Tor steht. Ich lüge nicht. Es war kein sehr deutlicher Traum, eher ein Bild während des Aufwachens, eine Spielertraube kurz vor dem eigenen Sechzehner, die Mannschaft hat ein Tor geschossen und kehrt zurück zum Anstoß, da stößt der Tormann dazu, und es ist in diesem Moment klar, daß der unorthodoxe Jubel dieses Mannes die Kollegen zu größeren Leistungen anspornen wird. So seltsam träumt man, wenn man gegen Tim Wiese ist, und ein wenig ambivalent für Christian Fiedler. So seltsam träumt man, wenn die Systeme durcheinander kommen: Kino, Fußball. Den Neujahrsnachmittag verbrachte ich vor der Kiste und sah eines der besten Spiele seit langer Zeit. Liverpool forderte Chelsea richtig heraus, in einem unglaublich intensiven, schnellen Match, das auch Torszenen hatte. An der entscheidenden der ersten Hälfte war wieder der Schiedsrichter beteiligt, den ich profund nicht mag: Herr Riley übersah ein klares absichtliches Handspiel von Tiago im Fünfer. Unglaublich, wie schnell die britische Regie das parat hatte, der Kommentator erzählte dann, daß der neue Chef der britischen Premier League mit einem System des elektronischen Beweises liebäugelt. Liverpool-Chelsea bot ein Argument dafür, ein anderes aber auch dagegen, denn das Spiel war so schnell, hatte so wenige Unterbrechungen, und benötigte tatsächlich diese zwei langen, dreiviertelstündigen Spannungsbögen, um zu funktionieren, daß offen bleibt, wo und wie man den Kamerabeweis einsetzen hätte können. Mister Riley hat das Match vielleicht entschieden, denn gegen Chelsea gibt es nur ein, zwei Möglichkeiten, und Joe Cole hat gegen Ende, in einer Wiederholung der Portsmouth-Konstellation vor einer Woche, dann doch wieder die außergewöhnlich konfidente Chelsea Side zum Sieg gebracht. Arsenal gab sich wenig später keine Blöße. Fabregas spielte elegant mit der Hacke auf Ljungberg, das Match gegen Charlton endete 3:1, und ich kann mich wieder der Arbeit zuwenden: ein Review über die Ausstellung The Black Atlantic. Die englische Premier League blieb darin unberücksichtigt. Dabei ist sie die modernste Ausprägung dieses von Paul Gilroy formulierten Konzepts eines "doppelten Bewußtseins" of being European and black at the same time. Just look at the Arsenal Viererkette: Lauren-Toure-Campbell-Cole. Oder auf die Hertha-Attacke: Marcelinho-Gilberto-Rafael. Die Samba-Eskapaden von Marcelinho sind jenes "double consciousness", für das in modernen Profifußball kein Raum mehr ist. Beim Torjubel bricht es durch. Wolfsburg.
Sonntag, Dezember 26, 2004
Mittleres Management
Die Bilder aus dem Trainingslager der Hertha in Saalbach/Hinterglemm vor Weihnachten verheißen wenig Gutes: Marx und Wichniarek vor dem Fleischtöpfen der österreichischen Gastronomie, Marcelinho vor einem Snowboard, und Michael Preetz mit dem Mobiltelefon am Ohr beim Skifahren. Dazu auch noch Dieter Hoeneß auf zwei Brettln im g'führigen Schnee, und Falko Götz auf der Eckbank ganz allein mit einer Magnumflasche Sekt.
Ein passender Ausklang für einen versöhnlichen Herbst, aber auch ein wenig zu identisch mit den Freuden des ganz normalen Baliners im Österreichischen - Glühweinromantik und Hüttenzauber müssen im Januar erst wieder hinaustrainiert werden.
Egal, ich bin auch versöhnlich gestimmt, zumal Arsenal gerade 2:0 gegen Fulham gewonnen hat. Zu Dieter Hoeneß hatte ich immer ein skeptisches Verhältnis. Inzwischen bin ich ihm schon ein wenig gewogen. Ich mag es, daß er den Hauptstadtehrgeiz so persönlich nimmt, sich urban kultiviert, und zugleich am Spielfeldrand kaum Selbstdistanz kennt. Ich kann aber schwer einschätzen, wie sehr er sich von den Lemuren in der Hertha-Spitze, von den Schiphorsts & Co, unter Druck setzen läßt. Im Moment scheint er auf nachhaltige Entwicklung zu setzen.
Gefallen hat mir, wie er sich unlängst, ich entnahm das dem Tagesspiegel, über Christian Fiedler geäußert hat. Er hat ihm die Anerkennung gegeben, die er verdient. Er hat sogar recht glaubwürdig Verhandlungen mit Tim Wiese dementiert. Von Malik Fathi berichtet die offizielle Hertha-Homepage, daß er in Dubai urlaubt. Marxelinho verbringt die Feiertage in Kreuzberg. Erst im neuen Jahr geht es für ein paar Tage nach Wien.
Egal, ich bin auch versöhnlich gestimmt, zumal Arsenal gerade 2:0 gegen Fulham gewonnen hat. Zu Dieter Hoeneß hatte ich immer ein skeptisches Verhältnis. Inzwischen bin ich ihm schon ein wenig gewogen. Ich mag es, daß er den Hauptstadtehrgeiz so persönlich nimmt, sich urban kultiviert, und zugleich am Spielfeldrand kaum Selbstdistanz kennt. Ich kann aber schwer einschätzen, wie sehr er sich von den Lemuren in der Hertha-Spitze, von den Schiphorsts & Co, unter Druck setzen läßt. Im Moment scheint er auf nachhaltige Entwicklung zu setzen.
Gefallen hat mir, wie er sich unlängst, ich entnahm das dem Tagesspiegel, über Christian Fiedler geäußert hat. Er hat ihm die Anerkennung gegeben, die er verdient. Er hat sogar recht glaubwürdig Verhandlungen mit Tim Wiese dementiert. Von Malik Fathi berichtet die offizielle Hertha-Homepage, daß er in Dubai urlaubt. Marxelinho verbringt die Feiertage in Kreuzberg. Erst im neuen Jahr geht es für ein paar Tage nach Wien.
Montag, Dezember 13, 2004
Gol TV
Hertha hat eine Vorliebe für torreiche Spiele in meiner Abwesenheit. Im Frühjahr saß ich in New York vor dem "Spiegel"-Ticker, als Dortmund mit 6:2 geschlagen wurde. Vor einer Woche saß ich im Keller eines Einfamilienhauses in einem Vorort von Toronto, als Mönchengladbach zerlegt wurde, das Team von Christian, dem ich meine Dauerkarte geliehen hatte. Der "Spiegel"-Ticker ist die abstrakteste Weise, an einer Bundesligarunde teilzunehmen: Auf dem Bildschirm erscheint ja nicht mehr als die Aufstellung der beiden Mannschaften, die Auswechslungen und die Tore, sowie eine ständig aktualisierte Tabelle, die aber nie ganz auf dem neuesten Stand ist - es ist eine bilderlose Konferenzschaltung, bloße Statistik, und gerade deswegen unglaublich spannend, weil ich auf diese Weise das Spiel schon live als das verfolge, was es am Ende sein wird - Zahlenwerk. Die Erinnerung an die Bilder kann ich ja nachholen, wie ich es gerade auch getan habe, als ich die Premiere-Wiederholung des Hannover-Spiels laufen ließ. Die Erwartung eines Tors, von dem ich weiß, daß es fallen wird, zeigt das Spiel in seiner ganzen grandiosen Kontingenz: Arne Friedrich hat zwischen der 52. und 54. Minute mehrere Male versucht, über rechts etwas zustande zu bringen, sich dabei immer wieder festgelaufen, einen Paß geschlagen, den Ball wieder zurück bekommen, einen Rückpaß gespielt, bis er plötzlich zu dem Doppelpaß mit Bastürk in der Lage war, der ihm die Gasse geöffnet hat an die Ecke des Sechzehners - der kleine Heber auf Rafael erschien dann niemand anderem zwingend als den beiden Beteiligten. Friedrich hatte eine Idee, die Nando Rafael auf eine originelle Weise ausformulierte. Intersubjektivität.
Nach einer Woche in Kanada weiß ich wieder ein wenig mehr über die globale Wahrnehmung des Fußballs: Eine Kabelgesellschaft besitzt dort die Rechte für die Spiele der Premier League und aus Spanien. Man kann wichtige Spiele im Pay-per-View bestellen, für alle anderen Zuschauer ist die Live-Übertragung durch Spots unterbrochen (für Dodge Dakota und Wal-Mart zum Beispiel), was einen seltsamen Verzögerungseffekt ergibt, denn meistens setzt das Spiel dort wieder ein, wo es aufgehört hatte. Die Übertragung gerät also in Verzug, die Halbzeitpause fällt praktisch aus, und das Spiel verläuft irgendwo da draußen in Echtzeit, für mich aber nach den Gesetzen der ökonomisierten Zeit. Aus Spanien werden die Spiele von Gol TV übernommen, einem aufdringlichen Sender, der die Zeitlupen immer mit einem Insert ankündigt, das zwar nur einen Sekundenbruchteil dauert, aber zerrüttend wirkt. Außerdem verkauft Gol TV eine Bildecke für längere Einblendungen an ein Kreditkartenunternehmen, und macht während des Spiels ständig durch Einblendungen auf sich selbst als Sender aufmerksam. Die Übertragungen aus der Premier League sind hingegen der Idealfall eines Fußballspiels im Fernsehen: sie sind hochkonzentriert und so unsichtbar, wie dies bei einer derartig schnellen Montage möglich ist.
Ein Zustand wie in Deutschland, wo im Bezahlfernsehen jedes Spiel der Bundesliga übertragen wird, ist international gesehen so paradiesisch, daß die Logik der Märkte dies nicht mehr lange zulassen wird: Schon jetzt wird daran gearbeitet, die Senderechte auf Pakete aufzuteilen, die dann möglicherweise bei verschiedenen Anbietern landen werden - die KDG (Kabel Deutschland Gesellschaft) formiert sich gerade zu einem Monopolbetrieb von Clements Gnaden, um Premiere ein Monopol streitig zu machen, das im Prinzip publikumsfreundlich ist, wenn es im Detail auch schon durch Werbung und ärgerlichen Firlefanz gestört wird. Ich mag Premiere überhaupt nicht, und der Chef Kofler ist einer der blödesten Investorensklaven, die in Deutschland den Neoliberalismus predigen: Aber die Bundesliga und die Champion's League sind dort noch halbwegs intakt. Kanada aber ist ein Land, das nur neben den USA als fortschrittlich erscheinen kann - die "consumer culture" ist dort genau so brutal, wie beim großen Nachbarn. Man muß für alles bezahlen, und bekommt dann erst recht nur ein Produkt, das mit seiner Reklame nahezu identisch ist.
Hertha in der Weihnachtspause 2004 steht zwischen den Welten: Es wird noch eine Weile dauern, bis jemand in Kanada ein Spiel wegen Nando Rafael einschaltet. Warum hat er eigentlich so böse geschaut nach seinem Tor gegen Hannover? Allem Anschein nach glaubt er doch an die wichtigste Einschaltquote: an den Mann im Himmel, der alles sieht! Advent, Advent, ein Lichtlein brennt.
Nach einer Woche in Kanada weiß ich wieder ein wenig mehr über die globale Wahrnehmung des Fußballs: Eine Kabelgesellschaft besitzt dort die Rechte für die Spiele der Premier League und aus Spanien. Man kann wichtige Spiele im Pay-per-View bestellen, für alle anderen Zuschauer ist die Live-Übertragung durch Spots unterbrochen (für Dodge Dakota und Wal-Mart zum Beispiel), was einen seltsamen Verzögerungseffekt ergibt, denn meistens setzt das Spiel dort wieder ein, wo es aufgehört hatte. Die Übertragung gerät also in Verzug, die Halbzeitpause fällt praktisch aus, und das Spiel verläuft irgendwo da draußen in Echtzeit, für mich aber nach den Gesetzen der ökonomisierten Zeit. Aus Spanien werden die Spiele von Gol TV übernommen, einem aufdringlichen Sender, der die Zeitlupen immer mit einem Insert ankündigt, das zwar nur einen Sekundenbruchteil dauert, aber zerrüttend wirkt. Außerdem verkauft Gol TV eine Bildecke für längere Einblendungen an ein Kreditkartenunternehmen, und macht während des Spiels ständig durch Einblendungen auf sich selbst als Sender aufmerksam. Die Übertragungen aus der Premier League sind hingegen der Idealfall eines Fußballspiels im Fernsehen: sie sind hochkonzentriert und so unsichtbar, wie dies bei einer derartig schnellen Montage möglich ist.
Ein Zustand wie in Deutschland, wo im Bezahlfernsehen jedes Spiel der Bundesliga übertragen wird, ist international gesehen so paradiesisch, daß die Logik der Märkte dies nicht mehr lange zulassen wird: Schon jetzt wird daran gearbeitet, die Senderechte auf Pakete aufzuteilen, die dann möglicherweise bei verschiedenen Anbietern landen werden - die KDG (Kabel Deutschland Gesellschaft) formiert sich gerade zu einem Monopolbetrieb von Clements Gnaden, um Premiere ein Monopol streitig zu machen, das im Prinzip publikumsfreundlich ist, wenn es im Detail auch schon durch Werbung und ärgerlichen Firlefanz gestört wird. Ich mag Premiere überhaupt nicht, und der Chef Kofler ist einer der blödesten Investorensklaven, die in Deutschland den Neoliberalismus predigen: Aber die Bundesliga und die Champion's League sind dort noch halbwegs intakt. Kanada aber ist ein Land, das nur neben den USA als fortschrittlich erscheinen kann - die "consumer culture" ist dort genau so brutal, wie beim großen Nachbarn. Man muß für alles bezahlen, und bekommt dann erst recht nur ein Produkt, das mit seiner Reklame nahezu identisch ist.
Hertha in der Weihnachtspause 2004 steht zwischen den Welten: Es wird noch eine Weile dauern, bis jemand in Kanada ein Spiel wegen Nando Rafael einschaltet. Warum hat er eigentlich so böse geschaut nach seinem Tor gegen Hannover? Allem Anschein nach glaubt er doch an die wichtigste Einschaltquote: an den Mann im Himmel, der alles sieht! Advent, Advent, ein Lichtlein brennt.
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