Freitag, Mai 28, 2010

Mommsenstadion


Meinen ersten Ausflug in das Mommsenstadion habe ich gleich zweimal gemacht: am Mittwoch und am Donnerstag. Von der Verschiebung des U19-Spiels zwischen Hertha und TeBe habe ich nicht rechtzeitig erfahren, trotzdem zählte ich tags darauf zu den 80 Besuchern an einem kühlen, aber schönen Maiabend.

Ich wollte in erster Linie diesen Berliner Ort einmal sehen, mit dem ich auch verbinde, dass mich zu Beginn meiner intensiveren Hertha-Anhängerschaft immer wieder kluge Jungs darauf hingewiesen haben, dass man in Berlin ja eigentlich TeBe-Fan sein müsse, während Hertha ja ein bisschen, na ja, ... Inzwischen hat der Verein Tennis Borussia Berlin eine Insolvenz angemeldet, die möglicherweise sogar in einer Liquidation enden könnte.

Das Match selber war durch den holprigen Platz nicht wenig beeinträchtigt, hatte aber durchaus Klasse. Bei der Hertha-U19 zeigte Sebastian Neumann, warum er einen Profivertrag bekommen wird: So wie ihn könnten wir uns Simunic mit 19 vorstellen, sein Timing ist jetzt schon hervorragend. Hertha ging spät durch einen Flachschuss von Lennart Hartmann in Führung, kassierte dann aus einem Freistoß den vermeidbaren Ausgleich (ob Neumann sich da auch einen Vorwurf machen muss, konnte ich aus der Ferne nicht genau sehen), und gewann dann durch einen kontroversen Treffer, bei dem sich der TeBe-Torhüter schwerer verletzte.

Die Heimfans, überwiegend ältere Herrschaften, waren dem Schiedsrichter arg böse, einen Videobeweis konnte aber niemand beibringen, und das Ergebnis zählt. Heute nun meldet eine Berliner Boulevardzeitung, dass Michael Becker, der Berater nicht nur von Michael Ballack, eine ganze Reihe Berliner Talente unter Vertrag hat, darunter Alfredo Morales und Abu-Bakarr Kargbo. Die Botschaft: Mit diesen Jungs kann man noch Geld machen. Da bin ich nur 'für!

Mittwoch, Mai 26, 2010

Optionen

Ein kleines Beispiel aus der Sprechakttheorie. Was heißt der Satz: "Raffael und Ramos werden auch in der nächsten Saison für Hertha BSC spielen." Sprecher: Michael Preetz. Kontext: Sponsorenfeier zum Saisonausklang. Erweiterter Kontext: Abstiegssaison.

Die Zeitungen haben den Satz am Wochenende als frohe Botschaft verkündet, dann aber bald als Druckmittel verstanden. Inhalt: Der Manager sagt den beiden Talenten vor dem Urlaub noch einmal, was Sache ist. Die Spieler selbst haben nämlich keineswegs eine Zusage abgegeben. Aber Hertha wird die einseitige Option für die zweite Liga ziehen, auch wenn Raffael und Ramos keinen neuen Vertrag zu veränderten Bedingungen unterschreiben.

Alles andere wäre auch widersinning, denn als Spieler wie als Betriebsmittel sind die beiden zu wertvoll, als dass man sie ablösefrei einfach so ziehen lassen dürfte. Interessanterweise fiel der Name Kacar in dem Zusammenhang nicht, dabei müsste für ihn alles im gleichen Maß gelten: Er wird gehalten werden, um verkauft werden zu können. Raffael macht übrigens in Dubai Urlaub, abzuleiten ist daraus nichts.

Die wichtigere Nachricht des Wochenendes befindet sich noch im Orakelstadium: Die Nachwuchsabteilung von Hertha soll personell umgebaut werden. Dazu kann ich inhaltlich nichts sagen, außer, dass offensichtlich ist, dass Hertha weniger Spieler als vergleichbare Clubs bis auf Bundesliganiveau bringt. Das lässt auf Handlungsbedarf schließen, und wann, wenn nicht jetzt, wäre ein Moment, da etwas zu tun?

Tretschok, Krücken (beide schon da) und van Burik (immer noch wohnhaft in Berlin) sind Namen, die im Zusammenhang fallen. Der Nachwuchs könnte und sollte Optionen bei der Kaderplanung schaffen. Im ersten Jahr hatte Michael Preetz aus begreiflichen Gründen wenig Zeit, sich darum zu kümmern. Jetzt aber sollte er etwas tun. Heute um 19h spielt die U19 im Mommsenstadion gegen TeBe - ich werde hingehen.

Sonntag, Mai 23, 2010

Schwieriger Stil

Louis van Gaal klang fast ein wenig wie Carl Schmitt, als er gestern spät am Abend die Niederlage des FC Bayern im CL-Finale gegen Internazionale Mailand (0:2, zwei Tore von Milito) erklärte: Weil die Bayern sich für den "schwierigen Stil" entschieden hatten, stand ihnen für ihr Spiel nur der "kleine Raum" zur Verfügung, während Inter sich drei, vier Mal weidlich im "großen Raum" umtat, dabei aber zumindest beim ersten Tor auch von "gruppentaktischem Fehlverhalten" (Matthias "Mattes" Sammer) der Münchner Defensive unterstützt wurde.

Der schwierige Stil, das ist der Versuch, das Spiel zu machen, während die Mannschaft von Mourinho nur daran interessiert war, ein, zwei Tore zu machen. Van Gaal konnte seinen Ärger darüber, wie die Begegnung gelaufen war, kaum verbergen, fiel aber doch nicht aus der Gentleman-Rolle. Was wäre gewesen, wenn Bayern sich für den einfacheren Stil entschieden hätte, also auch eher abwartend gespielt hätte und die eigenen Räume dicht gemacht hätte? Die ersten paar Minuten deuteten darauf hin, dass Inter auch dann die besseren Mittel gehabt hätte.

Ganz abgesehen davon, dass man sich das nicht so richtig vorstellen kann, wie das gehen soll, wenn keine der beiden Mannschaften an umfangreichem Ballbesitz interessiert ist. Heuer hat die Mannschaft die CL gewonnen, die auf drei wesentliche Aufgaben die richtige Antwort fand. Ich bin sicher nicht der einzige, der erst durch das Auswärtsspiel von Mourinhos Team gegen Chelsea so richtig auf diesen Jahrgang aufmerksam wurde, der zur Überarbeitung ganzer Fußballphilosophien zu nötigen scheint (siehe den Kommentar zum letzten Eintrag).

Jonathan Wilson hat einen besonders galligen Kommentar über den FC Bayern abgegeben: "Selbst wenn er Schellen an den Füßen getragen hätte, hätte Robben keine bessere One-Man-Band sein können." Das steht in einem Text, der als Kompliment an den Niederländer gedacht ist.

Für einen neutralen Zuschauer, wie ich gestern einer war, war es ein großer Fernsehabend, bei dem auch die Bildregie stimmte (vor Beginn hatte ich schon Angst, die Seilkameras würden wieder für zahlreiche wilde Drohnenperspektiven eingesetzt werden, es kam dann aber eine astreine Aufbereitung ohne Nonsense), und der nach Mitternacht mit dem großen Egomanen Mourinho endete, der schon wie im Trance durch die Mixed Zone ging und nur noch von Real Madrid sprach.

Der europäische Clubfußball könnte seit gestern in ein neues klassisches Zeitalter eingetreten sein: Van Gaal in München, Guardiola in Barcelona, Ferguson in Manchester, Mourinho in Madrid. Inter wird es ohne den Trainer schwer haben, den Erfolg zu bestätigen, und Arsenal (die naiven Irrläufer dieses Jahres) wird es sehr schwer haben, da mitzumischen.

Nun beginnen vier Wochen ohne größeren Fußball, die ich mit Herthas U19 überbrücken werde (Mittwoch bei TeBe), und mit dem Vorgeschmack auf die Nationalteams, der gestern schon zu sehen war. Julio Cesar. Maicon. Robben. Milito. Sneijder. Eto'o.

Samstag, Mai 22, 2010

Vorbeifahrt

Als wir neulich in Rom waren, hat Simon diese kleine Szene gefilmt: der Bus mit der Mannschaft von Inter Mailand bei der Zufahrt zum römischen Stadio Olimpico. Wenn man genau schaut, kann man ein paar Gestalten in hellen Trainingsanzügen sehen, die mit ihren grotesk großen Kopfhörern hinter den abgedunkelten Scheiben sitzen. Bei großen Premier-League-Spielen gibt es manchmal in der Vorberichterstattung auch schon die "entrance shots", den kurzen Weg der Spieler vom Bus in die Kabine - heute erhoffe ich mir das so ähnlich, und ich werde, obwohl ich im Finale der CL mit keiner Mannschaft vertreten bin, ab halbsieben vor der Kiste sitzen, in HD.

Dass Inter deutlich favorisiert wird, sollte dem FCB entgegenkommen. Es ist das letzte Spiel in einer epischen Clubsaison, die für mich mit einer Fahrt in die Uckermark begann, wo Hertha vor Ewigkeiten (und doch erst zehn Monaten) ein Testspiel in Prenzlau austrug.

Allein die letzte Woche hatte es noch einmal in sich: Da tritt ausgerechnet der "bad boy" Kevin-Prince Boateng den deutschen Kapitän aus dem WM-Kader, da beginnt zwischen Barcelona und Arsenal ein Tauziehen um Fabregas, da meldet Michael Preetz, dass er Raffael und Ramos (und Domovchyiski, auf den ich ja immer noch sehr neugierig bin) zur Unterschrift eines neuen Vertrages für Hertha bewegen konnte - Ereignisse auf unterschiedlichsten Ebenen. Wer allein kann im Moment wirklich zufrieden sein? Der FC Bayern: Geld, Trainer, Mannschaft, alles im Überfluss vorhanden. Mal sehen, wie lange diese günstige Konjunktion hält.
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Mittwoch, Mai 19, 2010

Durchinformierung

Wäre die Hertha eine Partei, dann wäre das gestern eine Parteiaussprache gewesen: "Hertha im Dialog" im ICC. 900 Mitglieder wollten sich mit mit Präsidium und Geschäftsführung über Vergangenheit und Zukunft besprechen. Die Veranstaltung erfüllte ganz und gar ihren Zweck: Vor der Mitgliederversammlung am 31. Mai wurde oppositionelle Energie sanft in vagen Optimismus umgelenkt. Dabei konnten sich Präsident Gegenbauer sowie die Manager Preetz und Schiller in allen wesentlichen Fragen so weit bedeckt halten, dass sie nun eine Weile in Ruhe arbeiten können werden.

Das Ritual war zweigeteilt, zuerst gab Moderator Axel Kruse die Stichworte für einen ersten Durchlauf, dann kamen die Mitglieder selber zu Wort mit zumeist vernünftigen Fragen und Anregungen, zwischendurch gab es dann aber auch Lobbyarbeit für die Berliner Braubranche ("Warum haben wir Carlsberg als Sponsor, gibt doch so gute Biere in der Stadt?"). Das Stichwort des Abends war "Durchfinanzierung", die nächste Saison ist, wie mehrfach im Kompetenzjargon betont wurde, "durchfinanziert", die entsprechende Durchinformierung, woher das Geld dafür kommen wird, blieb vor allem an einer Stelle aus, an der jemand wissen wollte, wie Hertha die Anleihe Ende des Jahres zurückzahlen möchte.

Interessant war eine Zusatzbemerkung: 2010/2011 ist "ohne Transfererlöse" durchfinanziert, wenn doch verkauft wird, dann gehen nur 50 Prozent der Erlöse in den Schuldendienst. Markus Babbel ließ sich zu Beginn kurz bejubeln, dann gehörte das Podium aber Preetz, Gegenbauer und Schiller, die ein veritables Politbüro abgeben.

Die Torwartfrage wurde per negativer Akklamation zumindest insoweit geklärt, als Gerhard Tremmel es nicht werden wird - da ist wieder alles offen. Aus dem Nachwuchs wird Sebastian Neumann einen Profivertrag bekommen, außerdem sollen Marvin Knoll und Alfredo Morales an den Kader herangeführt werden.

Der Abend verlief wirklich zu aller Zufriedenheit, weil es ja nicht um Information ging, sondern um Beruhigung - eine aufsässige Basis ist etwas, was die Hertha im Moment so gar nicht brauchen kann. Erst ganz zum Schluss, als sich notorische Querulanten zu Wort meldeten, fiel Axel Kruse ein wenig aus der Rolle und verletzte die technokratischen Sprachregelungen doch empfindlich: "Die Hertha kämpft ums nackte Überleben", rief er in den Saal, um entstehenden Streit schon im Ansatz zu befrieden. Da mag vielleicht die Rampensau mit ihm durchgegangen sein, vielleicht lag er mit diesem Ruf aber auch ein wenig näher an der Wahrheit als die großen Beruhiger auf dem Podium.

Montag, Mai 17, 2010

Aufstiegstrainer

Der Trainer ist weg, lang lebe der Trainer. Mit diesen Worten muss man wohl die Bestellung von Markus Babbel zum neuen Trainer der Profis von Hertha BSC verkünden. Wie beim König ist es auch beim Coach: das Amt ist ewig, der Funktionsträger befristet. Im konkreten Fall liest man von einem Einjahresvertrag mit Option auf ein zweites im Falle eines Aufstiegs. Gepokert scheint Babbel nicht zu haben, reich wird er in Berlin vorerst auch nicht. Es wird ihm wohl wirklich um die sportliche Perspektive gehen.

An der Entscheidung gibt es wenig zu mäkeln - sie kam schnell, sie betrifft einen jungen Trainer mit gutem Image, sie sollte den Trübsinn vertreiben helfen, den Funkel als Markenzeichen ja ein wenig zu stark kultiviert hat (bei ihm hieß das Stoizismus). Was wir nicht wissen, ist, inwiefern Markus Babbel ein "team builder" ist - zumal für die zweite Division, für eine Favoritenrolle, der Hertha sich von Beginn an wird stellen müssen. Favre konnte sich als Entwickler verkaufen, Babbel muss gleich Ergebnisse bringen, und zugleich eine Mannschaft entwickeln, die er zuerst einmal in wesentlichen Teilen überhaupt zusammenhalten muss. Seine Begegnung mit Raffael, Ramos, Kacar vor der Sommerpause wird von einiger Bedeutung sein - wobei ich glaube, dass Hertha den Serben nur deswegen für die zweite Liga optionieren wird, um ihn schließlich doch noch zu verkaufen.

Wenn wir Pech haben, gilt das auch für Ramos und/oder für Raffael. Irgendwo muss ein Transferüberschuss herkommen, nur mit Kleinkram (Ebert) und mysteriösen Genussscheinen wird das nicht gehen. Im Moment aber gibt Hertha mit Babbel ein sehr positives Signal, das auch bei den Spielern ankommen wird - und bei den Spielerberatern.

Sonntag, Mai 16, 2010

Besian Idrizaj (1987 - 2010)

Für einen jungen Fußballer aus Oberösterreich gibt es wohl kaum eine größere Chance: 2005 wechselte Besian Idrizaj für 275.000 Euro vom LASK (Linzer Athletiker Sport Klub) zum FC Liverpool. Seine Karriere war dann aber von gesundheitlichen Problemen überschattet, sein Potenzial deutet zum Beispiel dieses Tor (nach Flanke von Jermaine Pennant) an. Am Wochenende ist Besian Idrizaj in Linz gestorben. Er wurde 22 Jahre alt.

Samstag, Mai 15, 2010

Schlussstrich

Schon nächste Woche wird Hertha vielleicht den neuen Trainer präsentieren (am Dienstag gibt es eine Fanaussprache im ICC, eine Gelegenheit, sich noch vor der Mitgliederversammlung abzureagieren - wer hatte diese Idee, die clever erscheint, vielleicht aber erst so richtig die Mobilisierung für den zweiten Termin vorantreibt). Danach gibt es keinen Grund mehr, noch zurückzuschauen auf die Abstiegssaison. Ich nütze diese Gelegenheit deswegen für einen Schlussstrich, einen Versuch, möglichst prägnant noch ein letztes Mal zusammenzufassen, woraus sich dieser Abstieg ergeben hat.

a) Die Erbschuld: Manager Hoeneß, seine Ausgabenpolitik und seine bestenfalls durchschnittliche Einkaufspolitik. Die fragile Lage, in die er Hertha insgesamt gebracht hat - mit CL-Potential auf den tönernen Füßen einer bis weit ins neue Jahrzehnt hin belasteten geschäftlichen Gebarung.

b) Lucien Favre: Der interessanteste Trainer, den Hertha in der neueren Ära hatte, war auch ein Starrkopf und hatte wenig Sinn für die mentalen und symbolischen Aspekte des Spiels. Dass er Arne Friedrich in den beiden Spielen des Saisonfinales 2009 auf der Bank ließ, hat Hertha vielleicht die CL gekostet, hat aber auf jeden Fall die Mannschaftshierarchie grob beeinträchtigt - und auch vorausgewiesen auf den Fall Pantelic, den Hertha nicht zuletzt wegen Favre nicht ernsthaft zu halten versucht hat. Naive Transfers: Pejcinovic, Wichniarek (wie sich erwies, dem Polen hätte ich mehr zugetraut).

c) Werner Gegenbauer: Ging unnötig mit dem Transferüberschuss in die Offensive, den Hertha erwirtschaften musste - fünf Millionen wären vielleicht auch diskreter und mit kleineren Personalien erzielbar gewesen als mit der Symbolfigur Simunic, den aber auch Favre nicht ernstlich weiterbeschäftigen wollte. Die Trennung von Manager Hoeneß, die ich richtig fand, resultierte aus dem gleichen Bestemm auf Kahlschlag, mit dem Favre an den Kader 2009/2010 heranging.

d) Michael Preetz: Traf im Grunde in seinem ersten Jahr nur eine einzige Entscheidung, er ersetzte Favre durch Funkel (ich erinnere mich noch an den Trübsinn, den dies damals sofort bei mir auslöste). Für einen Sportdirektor, der er ja ist, hat er die beiden Trainer, mit denen er bisher gearbeitet hat, nicht kritisch genug hinterfragt. Favres blauäugige Transferpolitik im Sommer 2009 ließ er einfach durchgehen, Funkels Bestemm auf Gekas erschien ihm nicht diskutabel. Preetz ist ein sehr guter Vertreter der Hertha in der Öffentlichkeit, aber ich glaube, er bräuchte einen Sportdirektor, einen Typ Siegenthaler oder Peters, der Kaderplanung, Scouting, Nachwuchsarbeit, Spiel- und Trainingsanalyse strategisch koordiniert (solange Hertha sich den ganzen Betrieb noch leisten kann). Generell habe ich nicht den Eindruck, dass Hertha über zu viel Knowhow verfügt.

e) Friedhelm Funkel: Er hat viel zu lange gebraucht, um die Mannschaft zu verstehen. Seine Königspersonalie Gekas hielt ich von Beginn an für Unsinn, sie war auch Ausdruck dessen, dass Funkel das Potential von Ramos falsch eingeschätzt hat, der für mich ohne zentralen Stürmer vor sich besser war. Die Hertha war ja am Ende der Saison fast wieder 100 % Favre, mit einem gefährlichen Mittelfeld und intensiver Ballrotation. Funkel hat zwei Spiele eindeutig vercoacht, beide in der Hinrunde: Schalke auswärts (in dieser klassischen Konterbegegnung ließ er Ramos auf der Bank und schickte Wichniarek hinaus), und Leverkusen daheim (früher Führungstreffer durch Ramos, danach wurde die Pressinglinie hinter die eigene Mittellinie verlegt, Endergebnis 2:2). Die Hertha hat unter Funkel keinen einzigen Gegner geschlagen, der Widerstand geleistet hat (deswegen ist auch die angeblich gute Auswärtsbilanz trügerisch).

f) Die Mannschaft: Hat zu spät eine kollektive Einstellung zu der diesjährigen Aufgabe gefunden, ging bis zum Ende kämpferisch nicht an die Reserven. Größte Enttäuschung: Gojko Kacar, der aber auch Pech mit Verletzungen hatte und mit dem Funkel lange nicht richtig umzugehen wusste. Positiv fielen auf: Drobny, Lustenberger, Raffael, mit Einschränkungen: Ramos, Cicero und Piszczek.

g) Pech und Unglück: Schlechte Schiedsrichterleistungen, fragwürdige Zuteilungen von Schiedsrichtern für Spiele im Olympiastadion, der mentale Tiefschlag durch den Flash Mob nach dem Spiel gegen Nürnberg, die letzte Minute gegen Leverkusen - all das kommt noch hinzu, sollte aber nicht davon ablenken, dass das ein hausgemachter Abstieg war.

Dienstag, Mai 11, 2010

Lahme Ente

Dass der Abschied der Mannschaft von den Fans am Samstag im Olympiastadion nicht besonders herzlich ausgefallen ist (siehe auch den Kommentar zum letzten Eintrag), wird niemand überraschen. Trotzdem stimmt es, dass das Management sich da ein wenig einschalten hätte können. Es ist auch verständlich, und machte doch kein gutes Bild, dass am Sonntag auf dem Gelände für die Presse niemand zu sprechen war - und der Pressesprecher die Journalisten vor dem verschlossenen Tor persönlich abwimmelte.

Das sind im Moment nur Details, die aber doch darauf hindeuten, dass Michael Preetz mit den Aufgaben, die sich gerade stellen, mehr als ausgelastet ist. Denn es ist ja eine seltsame Phase, die jetzt begonnen hat: Die Profis sind noch zwei Wochen da, in dieser Zeit, so schreibt eine Zeitung, "führt Friedhelm Funkel die Geschäfte" (nur des Trainers, will ich hoffen).

Was das bedeutet, kann man sich ausmalen: eine "lahme Ente" schickt Spieler zum Laufen, die vermutlich ständig mit ihren Beratern in Kontakt sind. Preetz kann nicht zaubern, aber das wichtigste Signal wäre nun doch, so schnell wie möglich, auf jeden Fall aber Anfang nächster Woche einen neuen Trainer zu präsentieren, der dann auch noch diese eine Woche sein Projekt erläutern kann und die Spieler, auf die es ankommt (Raffael, Ramos, Lustenberger, eventuell sogar Drobny, obwohl ich das nicht wirklich glauben kann), mit einer Perspektive in den Urlaub schickt.

Preetz wäre gut beraten, wenn er jetzt auch ein wenig transparenter machen würde, wie er arbeitet: wer berät ihn, auf wen setzt er beim Scouting, macht er alles allein? Solange das im Ungefähren bleibt (und solange Funkel noch auf dem Gelände herumsteht), werden absurde fiktive Lösungen wie die mit einem Sportdirektor Jürgen Röber durch den Raum geistern.

Bisher bestand das System Preetz darin, dem jeweiligen Trainer nach außen den Rücken zu stärken und ihn schalten und walten zu lassen. Mit Favre (Pantelic, Friedrich) und Funkel (Gekas) ist er gescheitert, nun muss er, wenn er nicht selber endgültig scheitern will, einen guten Trainer finden - und, unabhängig davon, die Strukturen der sportlichen Kompetenz im Club (von der wirtschaftlichen reden wir ein anderes Mal) aufbauen, die nur in Ansätzen zu sehen sind, weil Hertha schon einmal einen Manager hatte, der sich alles selbst zutraute.

Sonntag, Mai 09, 2010

Möglichkeitssinn

Das war also die Saison 2009/2010. Niemals hätte ich mir dieses Ende ausgemalt, als ich ganz früh während der Vorbereitung auf dieses Spieljahr zu einem Testspiel nach Prenzlau fuhr, dort einen jungen Spieler namens Fanol Perdedaj sah, den Favre gerade in den Profikader befördert hatte (neulich sah ich ihn bei der U23 wieder, wo er nicht gerade positiv auffiel, er scheint das Jahr auch nicht optimal genützt zu haben), und wo Artur Wichniarek als neuen Stürmer auflief. Nun steigt die Hertha ab, Bochum auch - in beiden Fällen ist man hinterher klüger und muss sich fragen, ob es vielleicht besser gewesen wäre, dem jeweiligen Schweizer Trainer noch ein wenig Zeit zu geben.

Nürnberg muss in die Relegation gegen Augsburg (in Berlin spionierte gestern José Mourinho, in Nürnberg Jos Luhukay!). Hannover und Freiburg konnten sich retten. Es zählt zu den Ironien des Fußballs, dass bei Hannover gestern ein Spieler den Pass zum alles entscheidenden, dritten Tor durch Pinto gab, den ich vor zwei, drei Jahren im Jahn-Stadion einmal auf der Position des rechten Außendeckers der Hertha-U23 sah und gar nicht schlecht fand: Manuel Schmiedebach ist eines von vielen Talenten, die sang- und klanglos aus der Hauptstadt weggingen und anderswo zumindest ein Auskommen bei einem weniger tragischen Club fanden. (Ob er noch den ganz großen Durchbruch schaffen wird? Mal sehen, wie bei Schorch, Dejagah, Ede, Fathi, Chahed, ...)

Heute entscheidet sich die Premier League, ab Montag aber gilt alle (meine) Aufmerksamkeit dem hoffentlich inspirierten, umsichtigen, geschäftstüchtigen Wirken von Michael Preetz, der gestern einen schönen Schlusssatz für diese Saison der Hertha fand: Es war "eine Saison der Konjunktive". Da hat er sehr recht: Ohne Möglichkeitssinn wäre das gar nicht zu ertragen gewesen.

Samstag, Mai 08, 2010

Hauptstadtklub

Wenn der FC Bayern in Berlin spielt, dann hat Hertha immer ein Auswärtsmatch. Im Olympiastadion sind die Fans des neuen deutschen Meisters immer in der Mehrzahl, kein Wunder, es spielt dann ja auch immer ein globaler gegen einen regionalen Club. Damit ist zur Frage alles gesagt, ob die Bundesliga einen Hauptstadtklub braucht - natürlich nicht, denn keine Liga in Europa ist föderalistischer. Die Bayern sind der wahre Hauptstadtklub, weil sich bei ihnen das Geld und die Macht zusammenballen, in diesem Jahr haben sie dann das Geld sogar noch gut genutzt und die einzige Kompetenz hinzugekauft, mit der sie sich oft schwer getan haben: die sportliche.

Es ist aber der Hertha zuzuschreiben, dass das Match heute schon bedeutungslos ist - sie hätte es ja noch spannend machen können. Ich werde heute nicht ins Stadion gehen, die letzten Entscheidungen der Saison (vor allem die ihn Bremen) interessieren mich mehr, ich werde also fernsehen. Den Spielern, die Hertha verlassen werden (Drobny, Cicero, Friedrich, Gekas, ...), entbiete ich vor hier aus meinen Gruß - es ist ja nicht so, dass ich nicht darauf achte, wie es mit ihnen weitergeht (es ist mir ja auch nicht entgangen, dass letzte Woche zwei Ex-Herthaner auf den Abstieg ihre I-Punkte gesetzt haben: die in Berlin ausgemusterten Chahed und Fathi trafen jeweils für ihre aktuellen Mannschaften, wie auch Christopher Samba in Blackburn gegen Arsenal).

Ich bin insgesamt nicht deprimiert, sondern eigentlich schon wieder neugierig auf die nächsten Schritte - für die Jubelbayern aber bin ich doch noch ein wenig zu enttäuscht. Deswegen bleibe ich heute daheim. Im Bild: Raffael erzielt den ersten Treffer gegen Köln - damals gab es noch Hoffnung.

Donnerstag, Mai 06, 2010

Stadio Olimpico

Anfang der Woche war ich kurz in Rom, der Grund war ein Interview mit dem Regisseur Marco Bellocchio, aber das gehört auf eine andere Baustelle. Wir haben uns natürlich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, am Sonntagabend ein Spiel im Stadio Olimpico zu sehen. Es war noch dazu ein wichtiges: Lazio gegen Inter, Vorentscheidung im Titelrennen der Serie A, in dem Inter gegen den AS Rom steht, den Lokalrivalen von Lazio. Das hat dann auch das Spiel in einer Weise bestimmt, die wir nicht gleich begriffen haben: Die Lazisti haben so deutlich für einen Sieg von Inter und damit gegen ihre eigene Mannschaft geschrien, gepfiffen und gejubelt, dass wir dann doch ein wenig perplex waren.

Es war im Grunde ein irreguläres Match, denn Lazio spielte nur dem Schein nach auf das Tor, zwischendurch erzielte Inter zwei Kopfballtreffer, gegen die Niederlage mit 0:2 gab es keinen Widerstand. "Inter, cosi è facile!", schrieben die italienischen Zeitungen am nächsten Tag, "Inter, so leicht kann es gehen". Der Sarkasmus ist natürlich auch vor dem Hintergrund zu verstehen, dass in der Serie A noch vor wenigen Jahren immer wieder Spiele verschoben wurden.

Lazio gegen Inter am Sonntag war nicht direkt verschoben worden, aber es war von Drohungen der Lazio-Fans gegen die eigenen Spieler die Rede - alles nur deswegen, weil der Hass auf Roma wichtiger ist als ein Sieg über Inter. Kein Wunder, dass das Match schließlich auch in den politischen Leitartikeln besprochen wurde, wo es als Symptom für eine italienische Kultur der Destruktivität und Rechtsbeugung genommen wurde.

Simon hat vor dem Match einen kleinen Film gedreht: "Die Betretung des Stadio Olimpico durch einen deutschen Groundhopper 2. Mai 2010".
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Samstag, Mai 01, 2010

Hülle und Fülle




Die Szene wird mich wahrscheinlich noch eine Weile im Schlaf verfolgen: Ramos zieht in der letzten Minute des Spiels bei Bayer 04 Leverkusen auf das Tor, er muss nur noch querlegen zu Gekas, der Pass gerät ihm ein wenig zu scharf und ungenau, Gekas rutscht vorbei - aus, Amen. Hertha muss in die zweite Liga. Bei einer Mannschaft, die von der Deutschen Bahn gefördert wird, sprechen wir dabei natürlich nicht von Abstieg, sondern von Umstieg.

Es war ein wildes Match, das unbedingt gewonnen werden musste, das sich stattdessen aber dafür entschied, einem klassischen Hertha-Muster dieser Saison zu folgen: frühe Führung, ansprechendes Spiel, nach gut zwei Dritteln der Ausgleich, danach kann Hertha nichts mehr zusetzen. Es gab heute Chancen in Hülle und Fülle, es gab aber eben auch einen starken Adler bei Leverkusen, und es gab viele Möglichkeiten, das Match mit Donner und Gloria zu verlieren.

Es war vielleicht die einzige Begegnung in diesem Jahr, in der Hertha richtig Abstiegskampf betrieb (gegen eine Spitzenmannschaft der Liga). Funkel mobilisierte am Ende sogar noch den Faktor Ironie, schickte Wichniarek für zehn letzte Minuten hinaus, auf dass der Pole den Durchbruch schaffe. Es wäre die erste Superpointe dieser Saison gewesen (einer zweiten hätte es in einer Woche gegen den FCB ja noch bedurft), aber sie blieb aus.

Im Rückblick reiht sich die Saison nun zu einem Stationendrama, in dem häufig die selbe Handlung gegeben wurde: Hertha konnte Führungen nicht durchbringen (so begann die Sache in Mainz, so ging sie heute zu Ende), Hertha entdeckte zu spät wieder ihre Qualitäten, Hertha hatte einen Haufen Pech vor allem in den letzten Wochen.

Für mich ist nun in dieser Saison alles entschieden, ich habe allenfalls noch ein halbes Auge drauf, ob Arsenal nicht auf Platz 3 der Premier League in den letzten zwei Spielen noch einen Blödsinn macht (Tottenhaum lauert ein bisschen).

Morgen fahre ich nach Rom, aus Gründen, die mit dem Kino zu tun haben. Am Abend aber spielt Inter Mailand gegen Lazio im Stadio Olimpico, und ich werde mich unter die Menschen mischen und sehen, ob ich dafür eine Karte erwischen kann. Dass ich meine Dauerkarte bei Hertha auch in der zweiten Liga verlängern werde (unabhängig von der Trainerentscheidung, die subito zu treffen ist), bedarf keiner Diskussion.

Wunscheintrag

Hertha macht den Abstiegskampf noch einmal spannend - würde ich in fünf Stunden hier gern hinschreiben.