Donnerstag, Juli 08, 2010

Rote Furie

Vor sechs Jahren habe ich Vicente del Bosque einmal fast angesprochen. Er stand im Innenraum des Olympiastadions, als Trainer von Besiktas Istanbul, die zur Saisoneröffnung der Hertha eingeladen worden waren. Man konnte damals ganz nach vorn, es waren nicht viele Zuschauer da, und ich wollte eigentlich nicht viel mehr sagen als: "Gute Arbeit." (Man hatte ihn damals gerade aus unverständlichen Gründen bei Real Madrid entlassen.)

Gestern hat das von del Bosqie betreute Spanien durch gute Arbeit Deutschland mit 1:0 besiegt. Die einschlägige Analyse wertet den Erfolg als verdient, und sie hatte auch eine Art Pointe, denn del Bosque reagierte auf das Fehlen von Thomas Müller bei Deutschland, indem er einen sogar noch besseren Thomas Müller brachte, nämlich Pedro vom FC Barcelona.

Deutschland muss sich nicht grämen, es hatte gestern nur acht Wochen Spielkultur gegen mehrere Jahre Spielkultur aufzubieten. Schweinsteiger und Khedira und Müller können immer noch die Iniesta und Xavi und Xabi Alonso von 2014 werden, wenngleich in Spanien ja auch gute Leute nachkommen, und Laurent Blanc zum Beispiel die Grande Nation aus dem Dreck holen wird.

Die Niederlage im Semifinale der WM macht nun erst so richtig deutlich, wie wichtig der Finaleinzug des FCB in der CL war: der wertet nämlich den ganzen Standort Deutschland auf, die Liga hat einen ganz anderen Stellenwert und muss nicht den großen Ausverkauf befürchten, der nach den Leistungen von J-Lös Jungs zu erwarten wäre. Schweinsteiger kann ohne weiteres bei van Gaal bleiben, denn es gibt nur wenige Orte in Europa, an denen er mehr lernen kann.

Mourinho interessiert sich angeblich für Khedira, den würde ich aber lieber bei Arsenal sehen, wo Cesc Fabregas vielleicht ja doch noch ein Jährchen bleiben könnte. Denn der FC Barcelona kann gerade die Spielergehälter nicht zahlen, und Spaniens starke Leistung hat gestern gezeigt, dass die von mir neulich schon für möglich gehaltene nahende Ablösung Xavis als Zentralfigur noch keineswegs ansteht.

Fabregas blieb bis zum Ende auf der Bank, er wird nun vermutlich denken, dass er sich beim FC Barcelona besser für die "Furia Roja" empfehlen kann, ich glaube aber, dass er auch dort nicht Stammspieler wäre, und das wäre nun wirklich eine groteske Verschwendung von Ressourcen.

Wo ist die Hertha in all dem? Sie hat auf eine erschütternde Weise gar nichts mit der Professionalität des Fußballs zu tun, der gestern zu sehen war. 13 von 23 Profis kamen mit schlechten Fitnesswerten aus dem Urlaub. Die zweite Liga fängt also mit einer letztklassigen Einstellung vieler Spieler an. Sie haben sich das Spiel gestern wahrscheinlich gar nicht angesehen, und wenn, dann haben sie es wahrscheinlich nicht verstanden.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das klingt aber bitter in Richtung Hertha - noch ist ja Zeit, die Fitness zu verbessern. Und was man auch mal wieder sagen muß: Wie gut diese Jungs von "Zonalmarking" sind, zu denen Du verlinkt hast. Verglichen mit Spiegel online, FAZ, SZ, Kicker etc. ist das die einzige Analyse zum Spanien-Spiel, die diesen Namen verdient. Denen sollte man mal ein Hertha-Spiel vorlegen, die Resultate wären bestimmt aufschlußreich - meint Valdano

marxelinho hat gesagt…

Den Hinweis auf Zonalmarking verdanke ich wie gesagt Ludger Blanke, ist für mich auch die Entdeckung der WM. Gute Pointe im dortigen Bericht übrigens, dass Deutschland bei Eckbällen in der Zone verteidigt hat, so konnte es kommen, dass Puyol in die Zone von Piqué eindrang, und damit Khedira überforderte, während eine Menge anderer Zonen gedeckt waren, obwohl in denen nichts von Belang los war. Aber gut geschossene Eckbälle lassen sich sowieso nur bis zu einem gewissen Grad verteidigen, da ist einfach zu viel los.

Anonym hat gesagt…

Lag aber nicht nur an der Zonenverteidigung - wenn ich es richtig erinnere, dann wurde der am nächsten zum Ball stehende Khedira geschickt mit leidlich fairen (und völlig üblichen) Mitteln von Xabi Alonso und Piquet gesperrt und somit am Eingreifen gehindert. Gruß von Valdano

simon hat gesagt…

zonalmarking ist toll, keine frage - was die deutsche berichterstattung angeht ist es mir unverständlich, wie man die sz in einen topf mit faz/fas und kicker werfen kann - da liegen welten dazwischen; nicht nur taktiktheoretisch, sondern auch in der qualität des schreibens. wer würde horeni/zorn ernsthaft mit zaschke/kneer/kielbassa vergleichen wollen?