Donnerstag, Februar 17, 2005

Videobeweis

Auf der Berlinale-Party nach der Premiere von Christian Petzolds Gespenster habe ich mit Ludger lange über den Videobeweis debattiert. Er schlägt eine nachträgliche Evaluierung von Spielen vor, also keine Unterbrechung, sondern Sanktionen erst nach Schlußpfiff. Im Prinzip gibt es das jetzt schon, denn es kommt vor, daß Spieler für Tätlichkeiten gesperrt werden, die während des Matchs ungeahndet blieben. Der Videobeweis, wie ich ihn mir vorstelle, würden den sogenannten vierten Unparteiischen an ein Regiepult setzen, das de facto mit der Live-Übertragung des Fernsehens identisch wäre - denn auch dort stellt man sich dieselben Fragen, auf die er eine Antwort braucht, und das von mir vor einigen Wochen beschriebene, kaum erkennbare, in der Zeitlupe jedoch schon drei Sekunden später als Großaufnahme dokumentierte Hands von Tiago gegen Liverpool würde ohne Verzögerung zu dem Elfmeter führen, der in diesem Fall zu verhängen wäre - bleibt die Frage, wie der Referee auf dem Feld davon erfährt? Er braucht einen Kopfhörer, eine Empfangseinheit in einem Ohr, wie sie bei der Berlinale heutzutage sogar die Platzanweiserinnen schon tragen. Es kann also kein Problem sein, ihn damit auszurüsten. Was soll er in dem Zeitraum tun, den es bis zur Entscheidung des vierten Referees braucht? Es würde einfach weitergespielt werden - generell würde dies bedeuten, daß bei Abseits oder strittigen Situationen im Strafraum nicht so schnell (und manchmal einfach aus Gründen der Unübersichtlichkeit) abgepfiffen würde - der Angriff würde vorgetragen, und hinterher gewissermaßen ratifiziert werden. Das Spiel würde dadurch zuerst einmal schneller werden. Insgesamt besteht aber die Gefahr, daß es sich in kleinere Einheiten auflöst, in Angriff-Ballverlust-Konter oder Angriff-Abschluß-Abstoß/Anstoß, wobei dies weniger mit dem Spiel auf dem Platz zu tun hat, als mit der Fernsehübertragung, denn hier entwickeln sich durch den Videobeweis die offenen Stellen, an denen neue Möglichkeiten der Blitzwerbung, wie es sie mancherorts schon gibt, auftauchen können. Die "heiligen" 45 Minuten ununterbrochener Spielzeit, die der Fußball allen anderen Fernsehsportarten voraus hat, die ihn erst so dramatisch machen, müssen gegen den Videobeweis geschützt werden, der übrigens auch nicht alle Probleme lösen wird: Manches Foul im Strafraum wird immer Ermessensentscheidungen provozieren - ich erinnere nur an Rooney, der im Herbst über Sol Campbell fiel, obwohl der Arsenal-Verteidiger die Absicht erkannt hatte und den Fuß schon wieder zurückzog; es war kein Foul, aber eine Berührung, und Riley entschied sich mit seiner Interpretation für die Heimmannschaft, die ihm an diesem Abend einfach stärker angelegen war. Ausgerechnet bei diesem Spiel, das folgenreich war wie wenige in dieser Saison, hätte der Videobeweis auch nicht viel geholfen. Nächste Woche, wenn Bayern und Arsenal aufeinander treffen, werden wir weiterdebattieren. Das Fest von Gespenster war übrigens voll wie ein Sechzehner bei einem Corner. Für den Live-Auftritt von Tom Ze gibt es aber leider keinen Videobeweis, den habe ich vielleicht nur geträumt.

1 Kommentar:

der wiener hat gesagt…

ich bin strikt und auf alle zeiten GEGEN den videobeweis! das verhältnis des fans zum fussball ist LIEBE, wie das (ideale) verhältnis von mann zu frau liebe ist. der bestand dieser liebe würde durch den videobeweis zerstört. wäre es denn dienlich, im schlafzimmer eine videokamera zu installieren, um den partner und seinen möglichen fehltritt sofort zu überführen? eine solche beziehung wäre jedes geheimnisses beraubt, es fehlte die spannung, sie würde schlicht nicht mehr interessieren. kommt es doch zum "fehltritt" und man kommt dem partner auf die schliche, kann man nachher vielleicht in ruhe darüber diskutieren und "analysieren", und man kann die kosequenzen daraus ziehen, welche auch immer.
genau so verhält es sich mit möglichen fehlentscheidungen auf dem spielfeld. überwachende videokameras wären wie solche im schlafzimmer. sie rauben das geheimnis, die letzte ungewissheit. eine liebe ohne geheimnis ist tot. und auch hier gilt: mögliche "fehltritte" auf dem spielfeld können durchaus nachher im zdf-sportstudio diskutiert und analysiert werden, und es kann wieder die menschliche komponente des spiels heraus gestrichen werden. echtzeit-überführungen durch technik aber würden auch hier alle liebe zerstören.
also: ein hoch den blinden schiedsrichtern und ihren fehlentscheidungen!