Montag, August 12, 2013

Wundertüte

"Dieses Manuskript wäre abgelehnt worden", sagte der Sky-Kommentator Michael Born irgendwann gegen Ende der Übertragung des 6:1-Siegs von Hertha gegen Eintracht Frankfurt am Samstag. Das ist so eine Redewendung, mit der das Überraschende verarbeitet wird. Born übersah aber in der Hitze des Gefechts, dass dieses "Manuskript" eigentlich keine dramaturgischen Schwächen hatte, also nicht mit unplausiblen Wendungen, grotesken Fehlentscheidungen, Göttern aus der Maschine arbeitete. Es hatte eine innere Plausibilität, die aus einem im Grunde einfachen, aber leider so schwer zu erzeugenden Faktor stammt: professionelle Arbeit, die unter idealen Bedingungen zu wunderbarem Spiel wird.

Gestern habe ich mir das Spiel noch einmal in aller Ruhe angesehen, und die Eindrücke aus dem Live-Zusammehang haben sich im wesentlichen bestätigt, im Detail ein wenig verdeutlicht. Dass Frankfurt in den ersten zehn Minuten doch deutlich das Heft in der Hand hatte, war mir ein wenig entgangen, weil ich da schon von den hohen Verteidigungslinien von Hertha fasziniert war (das damit einher gehende Risiko wird sicher Thema dieser Trainingswoche sein, die Eintracht kam doch mehrfach hinter die letzte Hertha-Linie, ein paar Mal zu oft, genau genommen). Das Match war noch keine 60 Sekunden alt, da hatten sich fünf Hertha-Spieler schon auf dem linken Flügel massiert und attackierten die Gegner. In der fünften Minute ging Ben-Hatira an der Eckfahne dort vorn in einen Zweikampf - ein "signature tackling", ein Tackling, das ein Zeichen setzte.

Über die ganzen 90 Minuten überzeugte die Mannschaft durch ein äußerst flexibles Zusammenspiel sowohl im Pressing wie beim Kontern. Allagui ließ sich bei Ballbesitz Frankfurt auf eine zweite Linie zurückfallen, die er mit Lustenberger und Hosogai (und manchmal mit dem vorgeschobenen van den Bergh) bildete. Baumjohann ging vorne in die Mitte, Ramos rückte nach rechts (es gab Varianten, aber das war eine Grundkonstellation). Allagui kam dadurch wie schon gegen Neumünster in einer Situation an den Ball, in der er der ideale Umschaltspieler wurde (nachdem Lustenberger einen Ballgewinn schnell und konstruktiv in seinen Lauf gespielt hatte) - er behauptete im Zweikampf den Ball, sah den Raum für Ben-Hatira, der dieses Mal nicht, wie noch im Cupspiel, selbst abschloss, sondern für Ramos auflegte. 1:0.

Die Bewegung ging von Lustenberger aus, der ein wenig im Schatten des enorm fleißigen und produktiven Hosogai stand; wichtig scheint mir, dass beide äußerst intensiv an der Verbindung der Mannschaftsteile arbeiteten, und die Integration insgesamt stimmte. Als Hertha vor zwei Jahren in die erste Liga zurückkehrte, war die Spielanlage viel, viel konservativer, mit einem defensiven Sechserblock, aus dem allenfalls Ottl ab und zu mit einem Pass nach vorn herausging. Die Mannschaft war unter Babbel weitgehend strukturell halbiert, vorne mussten Raffael, Ramos, Lasogga und manchmal Ebert das Spiel allein bestreiten.

Das ist der entscheidende Unterschied zu Luhukays Hertha, die zumindest am Samstag schon einmal andeutete, dass sie ein integriertes System hat. So etwas lässt sich auch daran erkennen, dass Torerfolge manchmal so etwas wie Generalproben haben, also ähnliche Spielzüge: Allaguis Treffer zum wichtigen 3:1 nach der Pause ging auf eine kurze Bogenflanke zurück, die Baumjohann davor schon zweimal fast identisch geschlagen hatte: vor dem 2:0 und vor dem Lattentreffer von Allagui kurz vor der Pause.

Nichts spricht dagegen, diese Spielanlage mit dem hohen Verteidigen nicht noch gegen eine Reihe weiterer Gegner zu versuchen, jedenfalls in den Heimspielen. Gegen Bayern oder Dortmund wird die Taktik eine andere sein müssen, aber schon gegen Nürnberg ist sie auch auswärts denkbar.

Dass schließlich sogar ein Sebastian Langkamp vor dem 4:1 mit einem "brasilianischen" Moment zu den großartigen Manuskript vom Samstag beitrug, hatte da bereits eine innere Logik. Und so ist es ja mit dem Erzählen: wenn es gelingt, eine Situation plausibel zu etablieren, dann lassen sich auch phantastische Wendungen einbauen. Der Sieg gegen die Eintracht in einem Spiel, das vorab von vielen als "Wundertüte" etikettiert worden war, ist eben doch ein wenig mehr als nur eine Momentaufnahme.

Ich sehe darin so etwas wie eine Geisteraustreibung (zu der auch das Wetter sein dramaturgisches Moment beitrug): All das Ungemach der letzten Jahre, das viele Pech und manche zum Teil absurde Entscheidung auf der Führungsebene, sind jetzt gebannt. Das einzige, was man gegen Pleiten, Pech und Pannen, die jederzeit zurückkommen können, tun kann, hat Hertha am Samstag getan: gut gearbeitet, vernünftig riskiert, dem Glück eine Chance gegeben.

Samstag, August 10, 2013

Auftakt Frankfurt

Ein paar schnelle, erste Stichworte kurz nach diesem wunderbaren Nachmittag. Hertha ist erstligareif. Mehr noch: Hertha hat Kontakt zum modernen Fußball. (Wann hatten wir das zuletzt?) Das Pressing hat von der ersten Minute an wunderbar funktioniert. Originell war es auch (Allagui ging bei Spieleröffnung Frankfurt oft ins Zentrum). Hosogai ist jeden Cent seiner Ablöse wert. Allagui verteilt und verwertet Bälle. Ben-Hatira gibt Nico Schulz die erforderliche Entwicklungszeit (denn der Stammplatz linksaußen steht vorerst fest). Die Defensive hatte wacklige Momente, konnte aber auf die Vorderleute zählen. Das Olympiastadion hat einen anderen Rasen als der VfR Neumünster. Zum ersten Mal überhaupt, seit ich dieser Mannschaft folge, bin ich mit jedem Spieler in der Startelf einverstanden. Kein Ottl weit und breit. Kein Bayern-Gen, an dem wir vor zwei Jahren erstickt sind. Alle tun nach ihren Möglichkeiten das Beste - mehr verlangt niemand, es reicht für einen verheißungsvollen Start. Und was da heute in der 18. Minute zu verspüren war, individuell, kollektiv, das war einer der besten Momente, die ich als Fußballfan erlebt habe. Vier (w)irre Jahre fanden heute einen denkwürdigen Abschluss. Nun mögen die Mühen der Ebene kommen.

Dienstag, August 06, 2013

Holperdiestolper

Als Hertha am Sonntag in der ersten Runde des DFB-Pokalbewerbs 2013/2014 gegen den VfR Neumünster antrat, saß ich gerade in Nürnberg fest. Ein Unwetter in Bayern hatte den Betrieb des Hertha-Hauptsponsors ziemlich durcheinander gebracht, dazu kamen andere "Störungen im Betriebsablauf".

Spätnachts kam ich nach Hause, und dann stellte ich erst einmal fest, dass es Hertha TV nicht mehr gibt, jedenfalls nicht den Kanal, den ich abonniert zu haben glaubte. Das Spiel gibt es nur auf SkyGo zu sehen, in bemerkenswerter Auflösung, allerdings nur noch für ein paar Tage. Ein Spiele-Archiv, was ein Klubkanal ja eigentlich sein oder jedenfalls allmählich werden sollte, gibt es nicht mehr. Dazu ein anderes Mal mehr.

Was ist nun aus dem mühsamen 3:2 nach Verlängerung abzuleiten? Nicht viel, würde ich meinen. Die Wetterverhältnisse waren eindeutig ein Faktor, der unebene Platz auch. Ein angereister Bundesligist wird in so einer Situation fast immer Schwierigkeiten haben, zumal, wenn es ein so stark neu formierter wie Hertha 2013 ist.

Negativ fiel auf, dass keiner, auch nicht der neue Kapitän, in der zweiten Halbzeit so etwas wie Initiative zeigte, also einen sichtbaren Versuch, das Spiel zu intensivieren. Den frühen Führungstreffer von Neumünster in Halbzeit eins nach einem Foul von Njdeng und einem Freistoß an der Strafraumgrenze hatte Ben-Hatira schon bald egalisiert (Ndjeng leitete den Spielzug mit einem schönen, langen Vertikalpass auf den gut startenden Allagui ein), später erzielte Ben-Hatira nach einem schönen Diagonalverlagerungspass des relativ auffälligen Allagui sogar die Führung.

In der zweiten Halbzeit wurde der Auftritt der Herthaner aber zunehmend apathischer, und neuerlich schaffte Ndjeng es, maßgeblich an einem Treffer beteiligt zu sein: Er köpfte einen langen Ball auf den langen Pfosten so in den Strafraum zurück, dass Neumünsters Kramer keine Mühe hatte, per Kopf zu verwerten (an Langkamp könnte man man hier eine leise Frage hinsichtlich Handlungsschnelligkeit stellen). Das Programm für die zweite Halbzeit war allerdings unmittelbar nach Wiederanpfiff am deutlichsten zu sehen gewesen, als Hertha, noch 2:1 vorn, minutenlanges Ballgeschiebe rund um Brooks und Langkamp zeigte. Die relativ problemlose Wendung des Spiels nach Rückstand in der ersten Halbzeit hatte wohl doch die mentale Spannung zu stark reduziert.

In den Medien wird vor allem Lustenberger wegen eines schwachen Auftritts hervorgehoben. Möglicherweise hat das damit zu tun, dass die Erwartungen an den neuen Kapitän insgesamt zu hoch sind. Dass er als alleiniger Sechser souverän schalten und walten wird, dass er einerseits einen vorgeschobenen Ausputzer spielt, der andererseits gewonnene Bälle umstandslos wieder in den Offensivbetrieb einspeist, dafür ist seine Spielanlage wohl doch zu konservativ. Ohnehin ist noch offen, wer am Samstag an seiner Seite sein wird, davon wird sehr stark abhängen, wie sich sein Spiel entwickelt. In Neumünster jedenfalls ließ Kluge sich zunehmend stärker an seine Seite zurückfallen.

Unverständlich war für meine Begriffe, warum Luhukay so besonders früh den Wechsel Wagner für Ramos vornahm. Die beiden Spieler sind gleichen Typs, aber deutlich unterschiedlicher Begabung. Ramos war nicht sonderlich involviert, ist aber jederzeit, gerade gegen so einen Gegner, für eine spezielle Aktion gut; Wagner ist das eher nicht.

Sami Allagui gilt zu Recht als der "man of the match" auf Berliner Seite. Ihm gelang auch bei weitem nicht alles, aber er machte deutlich, dass er die Position auf dem rechten Flügel, die er ursprünglich ja nicht so richtig mochte, dass er sie (durch Antritte) interpretiert, dass er etwas will. Das gilt auch für Marcel Ndeng, der trotz seiner Sonntagsböcke für meine Begriffe gut zu Allagui passt.

In vier Tagen geht es los, es könnte dann neuerlich sehr heiß sein, doch wird dann die Kulisse eine andere sein, und der Rasen wird kurz gemäht sein. Erst dann wissen wir mehr, in Neumünster ging es einzig und allein darum, nicht zu den Blamierten der ersten Runde zu gehören.

Donnerstag, Juli 18, 2013

Intentionalität

Allmählich wird die Zeitspanne überblickbar, die uns noch von der Wiederaufnahme des Ligaspielbetriebs trennt. Die Premier League wird eine Woche nach der Bundesliga starten. Arsenal beginnt mit einem Heimspiel gegen Aston Villa. Große Transfers gibt es noch nicht zu vermelden, bisher ist Yaya Sanogo die einzige Verpflichtung, ein talentierter junger Mittelstürmer aus Frankreich.

Offiziell geboten hat Arsenal für Lars Bender von Bayer Leverkusen und Luis Suárez vom Liverpool FC, wobei die Konstellationen jeweils unterschiedlich sind: Im Falle von Bender halte ich das Interesse für seriös, im Falle von Suárez glaube ich an ein taktisches Manöver, das Ziel dürfte wohl immer noch Gonzalo Higuain von Real Madrid sein. Ob Arsenal ernsthaft daran denkt, um Wayne Rooney mitzubieten, ist kaum zu durchschauen, ich hoffe jedenfalls, dass da nichts dran ist.

Jedenfalls beginnt die britische Presse langsam, Druck aufzubauen. Arsenal müsse ein "statement of intent" abgeben, es brauche jetzt ein signifikantes "signing", auch um sich als Titelkandidat für die nächste Saison zu deklarieren. Sehen wir die Sache doch einmal umgekehrt: Wo sind die Stellen im Kader, die besetzt werden müssen?

Tor: Für meine Begriffe ist Szceszny ein exzellenter Keeper mit großer Perspektive. Ich würde auf jeden Fall an ihm als Nummer eins festhalten. Fabianski ist ein akzeptabler Vertreter, eine stärkere Nummer zwei würde sicher nicht schaden. Kandidaten, die gelegentlich für die Nummer eins genannt werden, sind Julio César oder Tim Krul. Geheimtipp, falls noch etwas Spektakuläres passieren sollte: René Adler.

Defensive: Vermaelen bleibt Kapitän, fällt aber wegen einer Rückenverletzung mindestens zwei Monate aus. Interessanter Fall jedenfalls, denn Arsenal ginge mit einem Mannschaftsführer in die Saison, der nicht erste Wahl ist. Koscielny, wenn es nicht noch einen Abwerbungsversuch gibt, ist gesetzt. Mertesacker hat auch gute Chancen auf einen Stammplatz, ist aber dafür nicht gut genug. Eine Spitzenkraft für die Innenverteidigung ist absolut unumgänglich. Kandidat: Ashley Williams (Swansea), Kostenpunkt um die zehn Millionen Pfund. Könnte der neue Sol Campbell werden, könnte an Feilscherei scheitern. Die Außenverteidigung ist mit Sagna, Jenkinson, Gibbs und Monreal passabel, aber keineswegs herausragend besetzt.

Mittelfeld: Arteta hatte eine mittelmäßige Saison, er braucht auf jeden Fall starke Konkurrenz. Deswegen das Gebot für Lars Bender. Der "holding midfielder" ist die zweite Position, auf der Arsenal auf jeden Fall jemanden kaufen muss. Wenger spielt gewöhnlich mit einem zentralen Dreieck, in dem sich zuletzt Ramsey als "Achter" mit großem Aktionsradius festgespielt hat, davor war meist Cazorla als "Zehner", eine Position, auf die auch Wilshere drängt, während Oxlade-Chamberlain zuletzt mehrfach als Achter probiert wurde, eine Rolle, die auch Wilshere einnehmen kann. Es hängt also viel am Ausgangspunkt des Dreiecks, auf der Position, die der Abwehr am nächsten ist.

Offensive: Ich halte viel von Olivier Giroud, es wäre aber doch angebracht, einen Topstürmer zu holen. Higuain wäre ideal, eigentlich hätte Arsenal gut daran getan, da so früh wie möglich klare Verhältnisse zu schaffen, wie es der BVB mit Mkhytarian getan hat. Doch es war entweder nicht möglich, oder man will noch ein paar Millionen sparen. Prinzipiell könnte ein Angriff mit Walcott, Giroud und Podolski funktionieren, doch sah man in der vergangenen Saison häufig, dass die beiden Winger defensiv immer noch viele Aussetzer haben, das liegt an einem generellen taktischen Defizit: Arsenal spielt kein organisiertes Pressing, das scheint Wenger einfach nicht zu interessieren.

Auf der Tournee in Südostasien sind derzeit eine ganze Reihe von Talenten zu sehen: Serge Gnabry, Thomas Eisfeld oder der sehr interessante, 16jährige deutsch-äthiopische Mittelfeldspieler Gedion Zelalem. An einem inzwischen schon beinahe "ewigen" Talent wie Ryo Myaichi sieht man aber auch, dass die Durchlässigkeit nach ganz oben kaum gegeben ist. Schon bei Oxlade-Chamberlain, für den Arsenal vor zwei Jahren immerhin 12 Millionen Euro bezahlt hat, ist unklar, was eigentlich aus ihm werden soll - am ehesten könnte er Walcott verdrängen.

Fazit: Arsenals Aufgaben in diesem Sommer sind keine Geheimwissenschaft, mit drei markanten Einkäufen könnte sich die Balance im Kader so verbessern, dass auch wieder eine Stimmung von Wettbewerbsfähigkeit entsteht. Man merkt derzeit ja meistens kaum, dass Arsenal der sechstgrößte Club in Europa ist, so sehr verweisen die Leistungen auf das erweiterte Mittelfeld. Das entscheidende Faktum wird aber werden, ob Arsène Wenger, unumschränkter Herrscher bei Arsenal, gewillt ist, sich noch einmal eingehend mit dem Spiel als solchem zu beschäftigen. Mehrfach wirkte seine Mannschaft in den letzten Jahren ein wenig verdutzt über das, was da geradeso vorgeht da draußen (denken wir an das Heimspiel gegen den FC Bayern).

Es wird an der Zeit, sich darauf einzustellen. Arsenal hat die Mittel, und auch eine gute Basis im Kader, um wieder um Titel mitzuspielen. Einkäufe allein aber werden nicht entscheidend sein, es braucht eine Neuausrichtung in taktischer Hinsicht, ein Ende der Selbstgefälligkeit, die sich zuletzt häufig in ödem Ballbesitzfußball äußerte, eine Art Barcelona B, mit den gleichen Problemen. Wenger muss den Heynckes machen, vielleicht wäre er gut beraten, sich dafür einen Sammer zu holen. Das wäre dann vielleicht der Königstransfer. Er wird nicht stattfinden.

Mittwoch, Juli 17, 2013

Phantom Krakau





























Eines meiner kurioseren Fanerlebnisse hatte ich gestern, weil ich die Hausaufgaben nicht gemacht hatte. Dass Hertha am Nachmittag ein Testspiel gegen Wisla Krakau abhalten würde, hatte ich vor ein paar Wochen von einem befreundeten Fan erfahren. Ich trug den Termin in meinen Kalender ein, fuhr auf Urlaub, kam Montagabend zurück, und fuhr selbstverständlich Dienstagnachmittag nach Westen. In Pichelsberg verließ ich die S-Bahn, bummelte am Glockenturm vorbei zum Eingang zum Olympia-Gelände. Da kam mir auch schon etwas sonderbar vor. Der Security-Mann fragte nach meinem Begehr, ich besaß die Geistesgegenwart, ihm nichts von meinem Interesse an dem Spiel zu sagen: "Zur Geschäftsstelle", wollte ich vorgeblich. Er ließ mich durch, ich spazierte los, und fand also tatsächlich am Amateurstadion keine Fans, sondern nur sehr viel Polizei und Wachpersonal vor.

Ich lungerte ein wenig herum, wurde aber bald in deutlichen Worten zum Abmarsch gebeten. Da kam gerade Adriàn Ramos des Wegs, in zivil und sichtlich nicht für einen Einsatz vorgesehen. Mir blieb nichts anderes übrig als das Gelände in die andere Richtung zur U2 hin wieder zu verlassen. Dort traf ich noch auf zwei polnische Fans, die seit vielen Jahren in Berlin leben und die ein wenig verwundert darüber waren, dass man bei Hertha offensichtlich Angst vor ihnen hatte. Befürchtungen wegen ausschreitungswilliger Anhänger waren angeblich der Grund für den Ausschluss des Publikums von diesem Spiel. Wie dem auch sei, heute lese ich, dass es einen 2:0-Sieg von Hertha gab, mit einer immerhin schon ein wenig aussagekräftigen Viererkette (Ndjeng, Langkamp, Brooks, van den Bergh), mit Kluge neben Lustenberger, und mit dem Bären im Angriff.

In eineinhalb Wochen wird offiziell die Saison eröffnet, dann werde ich wieder dort sein. Und vielleicht auch die polnischen Berliner, die wie ich gestern unverrichteter Dinge wieder abzogen.

Samstag, Juli 06, 2013

Gespanntheit

Immer öfter passiert es mir, dass ein englisches Wort für mich etwas besser zum Ausdruck bringt, als ein entsprechendes deutsches. Zum Beispiel "anticipation". Das meint irgendetwas zwischen Vorfreude und Aufregung, eine positive Gespanntheit, die gerade durch die Terminierung der ersten fünf Bundesligarunden noch einmal ein wenig verstärkt wurde. Ich bin gerade ein paar Tage in Kiew, gestern kam ich an dem (nur mehr selten bespielten) Stadion von Dinamo Kiew vorbei, das natürlich nach Walerij Lobanowskyj benannt ist - eine prächtig-altertümliche Anlage aus der kommunistischen Zeit, in der ich auch gern einmal eine Begegnung sehen würde. Am Sonntag spielt Dinamo gegen Spartak Moskau, das geht sich für mich nicht aus, denn ich fliege morgens zurück nach Berlin.

Was trägt noch zur "anticipation" bei? Einige Bundesliga-Transfers finde ich äußerst vielversprechend. Die Rekonstruktionsarbeit beim BVB scheint mit einem von den meisten Medien bereits vermeldeten, wenn auch noch nicht vollständig vollzogenen Wechsel einen entscheidenden Schritt weiter gekommen zu sein: Auf Henrikh Mkhytarian freue ich mich wie auf kaum einen anderen Spieler, der kommende Saison in Deutschland zu sehen sein wird. Fast noch spannender aber finde ich, was der FC Freiburg macht - und da kommt auch Hertha wieder ins Spiel. Denn Gelson Fernandes stand 2007 auf der Wunschliste von Lucien Favre, es wurden sogar 3,5 Millionen Euro für ihn geboten, doch der junge Mann wechselte von Sion zu Manchester City. Den Durchbruch schaffte er so richtig nirgends, in Freiburg findet er jetzt vielleicht die Bedingungen, die es ihm erlauben, sich doch noch zu bewähren.

Die drei Namen, die in jenem auch von großer Antizipation geprägten Sommer von 2007 mehrfach genannt wurden, habe ich nie vergessen: Gökhan Inler, Blerim Dzemaili und eben Gelson Fernandes. Alle hatten, wie man so schön sagt, durchwachsene Karrieren bisher, auch Inler hat den ganz großen Sprung nie geschafft. Dzemaili ist bei Napoli zu einem interessanten Spieler gereift, nachdem er viel Pech hatte. Ich komme auf diese Namen immer wieder zurück, weil sie einen Moment lang mit Hertha verbunden waren, als es in Berlin einmal ein "Projekt" gab - das dann aus verschiedensten Gründen fürchterlich daneben ging.

Gelson Fernandes wird in Freiburg, wo es eindeutig auch ein Projekt gibt, einen interessanten Partner bekommen: Francis Coquelin wird von Arsenal an Freiburg verliehen. Nach Havard Nordveidt und Johan Djourou ist das nun schon der dritte Spieler, der aus Islington in die Bundesliga wechselt, ein Manöver, das in jeder Hinsicht Sinn macht. Für die Premier League ist Coquelin nicht stark genug, jedenfalls nicht für ein Arsenal, das um den Titel mitspielen möchte. In eine Mannschaft wie Freiburg könnte er hingegen exzellent hineinpassen.

Damit gibt es jetzt schon eine ganze Reihe von Teams, die mich in dieser Saison verstärkt interessieren werden: Neben Hertha sicher wieder Bremen, dazu Gladbach, Freiburg und der BVB; um den FCB werden wir sowieso nicht herumkommen. Da gibt es also einiges zu schauen, mit einem Match pro Wochenende wird es nicht immer sein Bewenden haben können.

Dazu kommt, dass Arsenal in England mit der Verpflichtung von Gonzalo Higuain (mit dem ich an einer Stelle tatsächlich einmal Marco Djuricin verglichen habe) ein "statement of intent" abgegeben hat. Von einem "Ende der Stagnation" schreibt die britische Presse. Dazu ein anderes Mal mehr.

Sonntag, Juni 30, 2013

Sonntagsausflug

In Gesellschaft des Kollegen Valdano bin ich heute nach Strausberg gezuckelt, weil Hertha dort ein Freundschaftsspiel austrug. Es war eine Begegnung, die sehr gut zum Stand der Saisonvorbereitung passt, mit zwei Formationen, die jeweils eine Halbzeit bestritten und die wiederum in sich so strukturiert waren, dass keine Präferenzen in Hinsicht auf etwaige Stammpositionen erkennbar wurden (mit der einen Kleinigkeit vielleicht, dass Lustenberger im Mittelfeld auflief). Baumjohann sah ich zum ersten Mal bei Hertha, er war, wie man so schön sagt, in Spiellaune, und natürlich konnten wir uns die üblichen Witzeleien nicht ganz verkneifen, dass das vielleicht schon das Optimum für ihn gewesen sein könnte (ich hoffe ja, dass Luhukay ihn noch zur Reife bringt). Hier eine kleine Fotostrecke.





























Marcel Ndjeng hat gerade den Führungstreffer erzielt (feine Einzelleistung, Gruppenfreude)





























Vielversprechende Spielsituation für unsere Nummer 12: Ronninho





























Entspannte Gesichter von hinten: Manager Preetz und Präsident Gegenbauer





























Modellathlet oder ein bisschen zu viel im Kraftraum gewesen? Änis Ben-Hatira





























Balljunge in einem Stadion, das eindeutig keine reine Fußballarena ist





























Ungeregelter Kreuzungsverkehr in der Rückwärtsbewegung: Mukhtar und Holland





























Klammheimliche Befriedigung? Strausberg hat gerade den Ehrenbrecher erzielt (siehe Pulk links)





























Der Spieler im gelben Jersey erwies sich schließlich als Held des Tages - er machte zahlreiche gute Gelegenheiten von Hertha zunichte, und wurde von den Strausberger Fans gefeiert. Ich liebe diese Saisonphase, sie ist ein einziges Versprechen, alles ist theoretisch möglich, sogar ein Stammplatz für Hubnik (Bildmitte, Nummer 4). Nur die Leibchen sind ein wenig gewöhnungsbedürftig.

Und damit schalte ich um zum unnötigsten Turnier der Welt, zum Confed Cup, den ich bisher ignoriert habe, dem ich mich aber heute doch zuwenden werden. Ich möchte nämlich Neymar einmal spielen sehen (den brasilianischen Mukhtar). Ha Ho He, Hertha BSC around the world, around the world.

Sonntag, Juni 23, 2013

Zaungast

Der Sommer ist da, die Tage werden kürzer, die Spielpläne für die neue Saison sind veröffentlicht, und morgen kommt der Pep nach Bayern. Hertha BSC begann schon heute mit dem Training, bei idealen Bedingungen, ein ganz leichtes Lüfterl Herbst war zu verspüren. Keine Show-Einheit, sondern gleich seriöse Arbeit: Passfolgen, Automatismen, Laufwege, all das versteht man besser, wenn man diese Übungen sieht. Als kleine Überraschung gab es eine Strafraumszene mit John Anthony Brooks (wohl nicht überzubewerten). Ein paar fehlten noch, aber auch ohne den Bären macht dieser Kader schon Spaß. Bei der anschließenden informellen Autogrammstunde war deutlich zu sehen, dass der Sympathieträger Nummer eins Fabian Lustenberger ist. Hier eine kleine Fotostrecke.




















Sonntag, Juni 16, 2013

Planstellen





























Zwei exzellente Keeper prägten am Samstag das Finale der B-Junioren um die deutsche Meisterschaft 2013. Hertha verlor nach starker zweiter Halbzeit 0:1, hätte aber durchaus Chancen auf ein Remis oder mehr gehabt. Ich habe diesem Team nun zweimal innerhalb von einer Woche zugeschaut, und dabei wieder große Lust auf Nachwuchs-Fußball bekommen.

Der Berliner Tormann heißt Nils-Jonathan Körber, Jahrgang 1996, er war gut beschäftigt, wirkt stark beim Herauslaufen, insgesamt ruhig und souverän. Der Teamgeist scheint gut zu sein, wir sahen niemand, der herumjammerte oder zu provozieren versuchte. Es ist schon erstaunlich, was für eine professionelle Darbietung das war. Auch in Hinsicht auf Staffelung, Pressing, Positionswechsel.

Neulich gab es einmal irgendwo einen Text, der den schleichenden Bedeutungsverlust der U23 beschrieb - das kann ich nachvollziehen, denn im Grunde ist in diesem Alter das Entscheidende bereits gelaufen. Die A- und B-Junioren sind die Bewerbe, auf die ich im kommenden Jahr wieder ein wenig schauen werde. Jetzt, da die Perspektive für die jungen Spieler wieder die erste Bundesliga ist, und wo es ein wenig den Eindruck macht, als könnte sich in Berlin doch noch einmal so etwas wie ein integriert kompetentes Konzept entwickeln, macht auch die Beobachtung des Nachwuchses wieder Spaß.

Sonntag, Juni 09, 2013

Sommersause

Die U17 von Hertha hat uns an diesem Sonntagnachmittag ein großartiges Geschenk gemacht: Ein weiteres Spiel. Durch das 2:2 gegen Schalke 04 (nach 1:0 im Auswärtsspiel vergangene Woche) steht die von Andreas Thom betreute Mannschaft im Finale der B-Junioren Bundesliga. Das bedeutet ein weiteres Live-Spiel vor der langen Sommerpause, und wenn wir das heutige Match als Gradmesser nehmen, dann können wir uns wirklich darauf freuen. Es war großartig spannend, das Niveau war beachtlich, am Ende schien es zwar, als wären die Herthaner ein wenig auf dem Zahnfleisch, aber es reichte. Zweimal hatte Schalke eine Hertha-Führung egalisiert, danach stand das Spiel auf der Kippe, aber die Auswärtstorregel hätte glaube ich nicht gezählt, sodass es für Hertha vor allem darum ging, ein Elfmeterschießen zu vermeiden. Die Thom-Elf spielte mit einem sehr interessanten, flexiblen System, das im Grunde von einer Fünferkette ausging.





























Davor gab es eine sehr flexible Vierergruppe, mit dem Kapitän Pelivan als tiefstem Spieler. Mirbach sah ich zumeist auf dem linken Flügel, dort holte er auch den Strafstoß heraus, durch den Hertha in Führung ging. Kauter ging perfekt in die Räume, das zahlte sich beim 2:1 aus. Dazwischen hatte Bodenröder für Schalke ausgeglichen, nachdem Torunarigha (der nächste Brooks?) einen Ball nicht aus dem Strafraum gebracht hatte (zeugt aber auch von dem enormen Ballhunger beider Mannschaften). Dieser Bodenröder orientiert sich deutlich an einem sehr großen Vorbild: an Lionel Messi. Und er sieht sich wohl als Führungsspieler. Nach dem Pausenpfiff ließ er alle Kollegen in die Kabine gehen, er aber wartete auf den Coach, mit dem er etwas zu besprechen hatte: Frank Fahrenhorst.





























Worauf kann man bei so einem Spiel achten? Man kann sich natürlich auch einfach mitreißen lassen, ich war im Grunde genau so drinnen in dem Spiel wie neulich, als ich Arsenal in Newcastle sah. Die Nähe zum Spielfeld ist aber natürlich unbezahlbar (knapp 1800 Zuschauer waren da). Man kann da noch sehr viel genauer sehen, wie gescheit sich manche Spieler schon bewegen, während der Ball noch zu ihnen unterwegs ist; man kann Einzelaktionen goutieren wie einen (seinen einzigen) Antritt des konzentrierten Linksverteidigers Traeder; man kann das Pressing beobachten, das bemerkenswert war, auch von der Technik her, denn es ist ja gar nicht so leicht, einem Gegner ohne Foul den Ball wegzunehmen. Einige Male war ich echt erstaunt über die Qualität, die da zu sehen war.

So haben wir also noch ein Spiel mit dieser Mannschaft vor uns in diesem Sommer, der heute so großartig begonnen hat. Es wird, wenn ich richtig verstanden habe, in Berlin stattfinden. So kam es jedenfalls vom Stadionfunk. Eigentlich sollte dann die Hütte richtig voll sein, denn was heute schon geboten wurde, war großer Sport.