Sonntag, April 01, 2012

Umschaltzentralen

In dem "Ladenkino" b-ware in Friedrichshain läuft dieser Tage der rumänische Film "Aurora" - eine tolle Arbeit von einem Regisseur, der für mich zu den interessantesten im Weltkino zählt: Cristi Puiu. Schon seit längerer Zeit beobachte ich mit großem Interesse, was in Rumänien vor sich geht, im Mai werde ich zum zweiten Mal eine Reise dorthin machen, um mir Städte wie Timisoara, Cluj oder Vaslui anzusehen, die ich allesamt aus Lektüre und Filmen schon "kenne".

Als ich den Flug buchte, dachte ich nebenbei, ich hätte auch alle fußballrelevanten Termine berücksichtigt (Heimspiel von Vaslui, Champion's League-Finale in einem Wettcafe in Bukarest). Doch ich habe etwas übersehen. Am 15. Mai, an dem ich nach Bukarest fliege, wird im Rückspiel der Relegation ermittelt, ob der Drittletzte der ersten Liga in derselben bleiben kann, oder ob der Dritte der zweiten Liga aufsteigen wird. Nach dem Spiel von Hertha gegen Wolfsburg deutet vieles darauf hin, dass ein Zweikampf mit Köln um Platz 16 die realistischste Variante für die verbleibenden sechs Spiele ist, obwohl die noch ausstehenden Paarungen eigentlich noch bis zu 12 Punkte möglich erscheinen ließen (theoretisch natürlich 18). Doch dazu müsste erst einmal der Rückschlag vom Samstag verarbeitet werden.

Ich habe in den vergangenen Tagen ein wenig darüber nachgedacht, wie sinnvoll es eigentlich ist, diese Chronik zu schreiben. Denn mehr denn je habe ich zuletzt den Eindruck gewonnen, dass sich der Fußball eigentlich einer Beschreibung entzieht - für das, was da passiert (denken wir nur an das 4:4 vom Freitag zwischen dem BVB und dem VfB), bräuchte es so etwas wie spezielle Seismographen, die nachzeichnen können, wie lange ein nicht geahndetes Foul im Mittelfeld (das erst das 3:2 für Stuttgart ermöglichte) nachwirken kann. Danach war das Spiel irgendwie außer Kontrolle, und so bekam die Bundesliga ein Remake des unglaublichen 4:4 zwischen Liverpool und Arsenal in der EPL vor ein paar Jahren (ich sage nur: Arshawin!).

Zudem bin ich hier in einer widersprüchlichen Schreibbposition (worauf mich auch der Kommentar von Oliver zum vorletzten Eintrag wieder hingewiesen hat): Wenn ich zum Beispiel mehrfach die Meinung vertreten habe, dass die Sache mit "König Otto" ein Blödsinn ist, dann möchte ich eigentlich widerlegt werden (durch Tore, durch Punkte, vor allem aber auch: durch brillante taktische und mentale Einstellung der Mannschaft). Ich beschreibe hier ja nichts weiter als einen "Blick von außen", ich habe keine News aus der Kabine, keine Informanten auf der Geschäftsstelle, ich sehe die Spiele und beobachte die Medienarbeit und versuche, daraus halbwegs vernünftige Schlüsse zu ziehen. Nicht selten gibt es solche Schlüsse aber nicht, weil nur noch Notlösungen zu haben sind - und auf dieser Ebene habe ich der Personalie Rehhagel ja auch zu Beginn eine bestimmte Berechtigung eingeräumt (erst seine Auftritte danach brachten mich dazu, das Blamable daran deutlich hervorzuheben).

Inzwischen hat Hertha den "König" halbwegs an die Kandare genommen, und den Sieg in Mainz haben die meisten Medien eindeutig der Mannschaft und nicht dem Cheftrainer zugeschrieben, gegen dessen Experimente sich das Team auf Wissen aus der Hinrunde konzentrieren wollte ("kompakt anlaufen"!). Gegen Wolfsburg begann dieselbe Formation, mit Änis Ben-Hatira und Rukavytsya auf den Flügeln. Die erste halbe Stunde war stark (bald fiel auch der Führungstreffer durch den weit aufgerückten Kobiashvili - ob Ottl diesen Sprint gemacht hätte?), aber schon während dieser Zeit hatte ich immer ein Auge auf ÄBH, der direkt vor uns spielte, und der in seinem Defensivverhalten deplorabel war. Das Tor, das schließlich den Ausschlag gab, entstand auch dadurch, dass Ben-Hatira zwar Dejagah an der Seitenlinie bedrängte - er attackierte ihn aber nicht "energisch" (Rehhagel) genug, sodass der Ex-Herthaner fast an die Grundlinie kam, Bastians ihn aber nicht stellen konnte, weil Ben-Hatira ja irgendwie noch im Zweikampf war, aber eben nicht richtig. Er lief nebenher.

Die Flanke von Dejagah und die Verwertung von Helmes hatten Klasse (gegen einen Janker, der nicht gerade hochkonzentriert wirkte), damit hatte Wolfsburg das Spiel noch vor der Pause gedreht, und Hertha kam mit einer Risikoformation aus der Kabine zurück: Raffael (wie gegen Augsburg nach einer Stunde) neben Niemeyer, Lasogga vor Ramos, es gab mehrere sehr gute Chancen, aber die Angreifer zeigten Nerven. In der letzten Viertelstunde wurde Hertha eiskalt erwischt, und damit wächst der Druck weiter, denn Augsburg, Freiburg, Mainz, Hamburg gewannen ihre Spiele. Hertha aber verlor 1:4 und hat zwei Punkte Rückstand auf Platz 16, vier auf Platz 15.

Ich würde trotzdem sagen: Die jüngsten beiden Spiele zusammengezählt, könnte das noch was werden. Was ich damit meine: gestern war Hertha offensiv vielversprechend, es mangelte aber am kompakten Anlaufen (Raffaels Körpersprache auf der Sechserposition war in defensiven Situationen auch nicht optimal). Gegen Gladbach müsste es doch einmal gelingen, beides zu vereinen: In die Zweikämpfe, und aus ihnen heraus. Dass Hertha das Umschaltspiel beherrscht, hat sich gestern wieder gezeigt - nun geht es darum, die Flexibilität zu erhöhen, und auch in das defensive Umschalten die ganze Mannschaft einzubeziehen. Das wäre mein Trainingsthema für die Woche: Das Umschalten vom Umschalten zu üben. Bälle erobern, Bälle verlieren, Bälle wieder erobern. Bälle versenken. Bälle entschärfen. Das ganze Spiel, nicht nur ein halbes.

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