Samstag, Oktober 31, 2009

Geduldprobe

Ein Drittel der Saison ist gespielt, die Hertha hat nach dem heutigen 0:2 beim BVB weiterhin vier Punkte. Ein weiterer wäre heute gut möglich gewesen, es gab dann aber zahlreiche gute Gründe für die Niederlage.

Den ersten lieferte Pal Dardai, dessen Muskulatur einen Einsatz nicht zuließ, wodurch die gute Defensivbalance der letzten Woche verloren ging. Kacar musste weiter hinten agieren, und wurde insgesamt die unglückliche Figur des Hertha-Spiels.

Den zweiten lieferten alle zusammen, weil sie zwar viel liefen, aber auch viel hudelten (ich bin gerade in Wien, sah das Spiel in der angestammten Sportbar im Marriott), soll heißen: überhastet vorgingen. Sie haben die Geduldprobe nicht bestanden.

Den dritten lieferte Gojko Kacar konkret, indem er bei einer Standardsituation im Elfmeterraum Owomoyela in den Schwitzkasten nahm, und zwar unübersehbar: Sahin verwandelte den fälligen Elfmeter sicher.

Den vierten und letzten lieferte der Trainer, der sich nach dem Gegentor mit einer ermunternden Auswechslung unerklärlich lange Zeit ließ (Ebert war ein Kandidat für eine kleine Denkpause) und dann auch noch Wichniarek brachte und nicht Domovchyiski. Dafür gebührt Funkel eine Abmahnung, denn damit gab er das Spiel im Grunde verloren.

In den nächsten elf Spielen muss die Hertha 18 Punkte machen, um noch mit einem irgendwie denkbaren Schema in das dreckige Dutzend des Abstiegskampfs zu gehen. Was für eine Saison.

Montag, Oktober 26, 2009

Lebenszeichen

Die Hertha hat gestern gegen den VfL Wolfsburg den ersten Ligapunkt seit Mitte August geholt, in einem torlosen Remis mit vielen Torszenen auf beiden Seiten. Es war mehr als nur ein Lebenszeichen, es war eine Leistung, an der das Team sich orientieren könnte, es war ein Spiel, aus dem viele positive Schlüsse gezogen werden können.

Der wahrscheinlich entscheidende Coup kam schon mit der Aufstellung: Funkel stellte Dardai neben Lustenberger, den ich nach dem Spiel gegen Heerenveen nicht sofort wieder in der Startelf erwartet hatte. Der offensiv gegenüber Dardai deutlich fähigere junge Schweizer spielte in einem 4-2-4 die Rolle des Umschalters, offensiv traten Raffael, Kacar, Ramos und Ebert an, und zwar mit Verve.

Die ersten zehn Minuten gehörten vollständig Hertha, dann gab es eine Situation, wie sie für die gegenwärtige Situation so typisch ist: Raffael spielt einen dummen Pass, Pejcinovic ist mit ihm in der Vorwärtsbewegung, beide laufen teilnahmslos zurück, während der Wolfsburger Konter schon am eigenen Strafraum ist. Obafemi Martins war beim Tor um einen Schritt im Abseits, zum Glück wurde das auch erkannt, denn es wäre andernfalls ein Schock Marke Hertha im Herbst 2009 gewesen.

Danach entwickelte sich ein offenes Spiel, in dem die Heimmannschaft die 36000 Zuschauer allmählich aus der Lethargie holte. Hertha spielte gut nach vorn, hatte aber im letzten Drittel nicht die notwendige Geduld. Kacar und Ebert vor allem verzichteten in interessanten Momenten auf den möglichen Pass, sie wollten zu viel zu schnell, und wer kann es ihnen verdenken?

Wolfsburg war bis zum Ende jederzeit für ein Tor gut, es fiel aber nicht, und beim Chancenverhältnis lag Hertha doch deutlich vorn. Signifikant für die kämpferische Leistung von Berlin sind die sechs gelben Karten für Wolfsburg, gegenüber einer für Raffael, der tolle Beschleunigungen brachte, wie auch der stärker werdende Ramos. Mit der Rückkehr von Drobny zeigte sich auch die Viererkette konsolidiert, Pejcinovic entschied einige markante Zweikämpfe für sich, Stein schien sehr konzentriert.

Kacar ist besser, wenn er, wie gestern, von der absichernden Defensivarbeit befreit ist - das ist eine wichtige Erkenntnis, wie sich insgesamt gestern eine flexible Offensivformation andeutete, die personell variiert werden kann (Domo, Pisczczek) und noch an Abschlussschwäche laboriert. Welche Rolle Ramos genau einnehmen kann, muss sich weisen. Man sieht deutlich, was Favre auf der DVD gesehen haben muss, aufgrund derer er sein Plazet zu diesem Transfer gegeben hat: Antritt, Aktionsradius, das sieht alles gut aus. Aber wird er Tore schießen?

In der Tabelle ist die Lage für Hertha seit gestern weitgehend klar: Bochum, Nürnberg, Gladbach und Köln sind die Vereine, zu denen sie den Kontakt nicht verlieren darf, damit sie sich langfristig vielleicht doch aus diesem Pulk befreien kann. Wenn es gelänge, die Leistung von gestern am Freitag in Dortmund zu bestätigen und einen weiteren Punkt mitzunehmen, dann könnten wir vielleicht wirklich wieder ein wenig optimistischer werden.

Sonntag, Oktober 25, 2009

Kreidetafel

So sieht das Rezept aus, das der großartige britische Kommentator und Analytiker David Pleat für das heutige, schwierige Match des FC Liverpool gegen Manchester United zusammengestellt hat. Da Torres und Gerrard wahrscheinlich nicht von Beginn an spielen werden, setzt er auf Kuyt, der am langen Pfosten Zuspiele vom linken Flügel aufnehmen und im Strafraum zur Verwertung bereitstellen soll.

Ob das so genau auch funktioniert, wird sich weisen, für mich erst in einer Wiederholung des Spiels, denn live fällt es in die Zeit, die ich natürlich im Olympiastadion bei Hertha gegen Wolfsburg zubringen werde. Ich weiß nicht, ob Friedhelm Funkel ähnlich detailliert über Spieloptionen nachdenkt, oder ob er einfach nur die Bedürfnisse der Boulevardmedien erfüllt und Cicero "knallhart" aus dem Kader streicht.

Auf jeden Fall wird die Mannschaft mehr als nur einen Kampfauftrag brauchen, es bedarf auch einer Spielidee. Die wird sich im Grunde schon in der Aufstellung ausdrücken. Entscheidend ist die Besetzung des Angriffs, denn dort fehlt der Hertha ganz massiv ein Spieler, der Zuspiele für eine Weile halten kann, damit Verstärkung nachrücken kann. Ramos hat angedeutet, dass er dazu in der Lage ist, ihm fehlen aber noch Ligaerfahrung, körperliche Robustheit, Selbstbewusstsein. Ich würde ihn heute neben Domovchyiski spielen lassen, in einem Match gegen eine Mannschaft mit auch schon 16 Gegentreffern. Ramos und Domo sind defensiv sehr aktiv, sie sind schnell, Domo kann auch abschließen, das hat er schon gezeigt.

Wichniarek schon wieder zu bringen, wäre gegen jede Vernunft. Die restlichen Positionen liegen nahe, Dardai und Kacar zentral, Raffael links und Ebert (später Pisczcek) rechts, Viererkette wie gegen Heerenveen. Burchert im Tor, mit Drobny sollte kein Risiko eingegangen werden.

Perspektivisch (also schon für Dortmund nächste Woche) schwebt mir eine Offensivformation vor, die auf den Arsenal-Erfahrungen der aktuellen Saison aufbaut, wo Song mit Diaby und Fabregas ein flaches Dreieck im Zentrum bildet, das sehr flexibel eine Dreierreihe rochierender Stürmer (meistens Arshavin, van Persie und Bendtner oder Eboué) versorgt.

Auf die Hertha umgelegt, würde dies bedeuten: Lustenberger sichert ab, davor Kacar und Cicero (oder Nicu), davor Raffael, Domovchyiski und Ebert (Pisczcek). So hat Funkel schon gegen den HSV spielen lassen, allerdings noch mit Dardai statt Lustenberger.

Niemand erwartet heute einen Sieg, die Hertha kann nur beginnen, sich hineinzuarbeiten in diese Saison, sie muss sich defensiv konsolidieren, und sehen, was nach vorne geht. Wenn ein Punkt herausschaut, wäre immerhin einmal die katastrophale Serie gebrochen.

Freitag, Oktober 23, 2009

Heerscharen

Die Hertha hat in dieser Saison schon alle möglichen Formen von Niederlagen ausprobiert, sie besteht allmählich aus Connoisseuren des Verlierens. Gestern gab es in der Europa League gegen den SC Heerenveen aus den Niederlanden eine unnötige, aber irgendwie eben auch konsequente 0:1-Niederlage, bei einem Chancenverhältnis von geschätzten 7:3 für Berlin. 13000 Unentwegte waren gekommen, die Ostkurve war willens, noch einmal ihren Beitrag zu leisten. Der Trainer verband in seiner Aufstellung Risiko (Bigalke auf links!) mit Inkonsequenz (Wichniarek von Beginn an, er wird aber in dieser Saison als Stammspieler nicht mehr durchsetzbar sein).

Ramos hatte nach vier Minuten schon eine tolle Chance, es gab flinke Spielzüge und relativ wenig Probleme durch den Gegner. Die erste Halbzeit neigte sich schon dem Ende zu, da ging Patrick Ebert ein offensiver Ball verloren, und am anderen Ende des Spielfelds war Pejcinovic durch einen spielverlagernden Pass überfordert. Er ließ sich überlaufen, zentral herrschte Unordnung, weil Hertha ja gerade noch am Ball gewesen war, und schon war das nächste Hertha-Gegentor dieser Saison geschehen. Es fiel so, als hätte Heerenveen alle Hertha-Fehler dieses Jahres studiert und sich dann den Klassikaner ausgesucht, bei dem die ganze Viererkette blöd aussieht.

Zur Pause brachte Funkel endlich Domovchyiski, später auch noch Kacar und Raffael, und alle hatten sie ihre Möglichkeiten im zweiten Durchgang, sie vergaben aber zum Teil jämmerlich. In der Nachspielzeit gab es noch Tumult und eine gelb-rote Karte für Patrick Ebert.

Einige wütende Fans sangen zum Abgang der Spieler ihre neue Parole: "Wir sind Herthaner, ihr seid es nicht!" Da kann ich nicht beipflichten, denn ich bin als Herthaner von den Spielern abhängig, ich bin kein Idealist als Fan, die Mythologie und bis zu einem gewissen Sinn sogar die Historie des Clubs ist mir nicht so wichtig, ich will nur, dass die Hertha spielt, und zwar Bundesliga und erfolgreich. Selbst kann ich das nicht, weil ich ja Fan bin. Also sind die Spieler meine Herthaner.

Gibt es Anzeichen für Besserung? Ich würde sagen: Ja, ein bisschen. Kämpferisch und läuferisch war das eine Steigerung, Lustenberger empfahl sich für weitere Einsätze, und auch Cicero wirkte wie teilreanimiert, bevor Funkel ihn zum Duschen schickte, hoffentlich, um ihn für Wolfsburg zu schonen. Am Ende stand beinahe die Mannschaft auf dem Platz, der ich das Vertrauen aussprechen würde: Domo und Ramos im Sturm, Kacar und Lustenberger zentral, Raffael und Ebert außen. Keine Weltmacht, aber vielleicht gut genug, um von Wolfsburg grob unterschätzt zu werden.

Lektüre

"...,in Fußballerstimmung, Herta hatte gegen Köln gespielt, der berühmte Pantelic in letzter Sekunde noch ein Tor geschossen, 2-1 für Herta, die Kölner waren in Aufruhr, fast so wie meine Regale daheim." (Rainald Goetz, Loslabern, Seite 55) Gerade zufällig auf dem Heimweg aus dem Olympiastadion gelesen.

An das erwähnte Tor erinnere ich mich gut. Die Hertha hatte schlecht gespielt, Patrick Ebert war eingewechselt worden, trat ungefähr in der 87. Minute einen Corner vom Nordwesteck auf den kurzen Pfosten, von wo ihn Pantelic mit einem kunstvollen Kopfstoß verwandelte. Über das Match gegen den SC Heerenveen, das mit 0:1 verloren ging, werde ich erst mal schlafen.

Mittwoch, Oktober 21, 2009

Schuldzuweisungen

Der Kapitän hat diese Woche eine unliebsame Erfahrung mit der Mediengesellschaft gemacht. Er hat sich in Nürnberg allein den Fans gestellt, lange nach dem Spiel und wie schon in Hoffenheim durch das Gitter hindurch. Man hat ihn dort anscheinend den Kampfgeist von Patrick Ebert als vorbildlich geschildert, woraufhin Arne Friedrich in etwa sagte: "Aber dass er beim zweiten Tor den Ball verliert, und wir dann das Tor kriegen, das seht ihr nicht." Die Szene wurde von einem Augenzeugen mit dem Telefon gefilmt und dann ins Netz gestellt (ich finden sie gerade nicht auf Youtube, habe sie aber auch nicht lange gesucht, und zum Berliner Kurier will ich hier nicht verlinken).

Der Eindruck ist verheerend, auch wenn die Tabloids natürlich die große Sache erst so richtig draus machen. Sachlich verhält es sich so, dass Ebert an diesem zweiten Gegentor in Nürnberg nur eine kleinere Schuld trifft, der eigentliche Verursacher war Burchert, dessen Abwurf überhastet und unklug war. Arne Friedrich weist mit Recht darauf hin, dass der genaue Kontext seiner Aussage auf dem Video nur undeutlich verständlich ist. Es ging aber wohl um die für die Fans entscheidende Frage: Wer wehrt sich? Wer zeigt Einsatz? Diese letzte und auch berechtigte Frage enttäuschter Fans (Wenn ihr sonst nichts könnt, könnt ihr nicht wenigstens kämpfen?) lässt Spieler wie Neuendorf, Kovac oder Dardai bis heute populär sein, weil sie so etwas wie eine Bastion bilden (allerdings häufig auch des Unvermögens).

Patrick Ebert ist in dieser Saison fast schon eine tragische Figur, denn seine Bemühungen sind erkennbar, sie sind aber kaum einmal produktiv, weil ihm die Ruhe fehlt und auch die defensive Konzentration. Zudem hat er kaum jemand, mit dem er kombinieren kann, hinter ihm ist eine der größten Problemzonen, vor ihm ist die Leere, in der Wichniarek nach seinen alten Instinkten sucht. Was ihm helfen könnte, sind einfache Dinge: größere Sorgfalt bei den Standards, Weiterarbeit an der ohnehin schon guten Schusstechnik, individuelle Mentalarbeit (wenn er lernt, seine Energien positiver und auch gelassener einzubringen, wird er weiter wachsen).

Ich beobachte Patrick Ebert seit seinen ersten Auftritten bei der Mannschaft recht genau und mit großem Interesse, und teile die Meinung der Fans: Er ist einer unserer Hoffnungsträger. Dass er vor dem zweiten Gegentor in Nürnberg den Ball verloren hat, haben wir sehr wohl gesehen, eine größere individuelle Schuld traf ihn allerdings am ersten. Und selbst deswegen muss sich der Kapitän nicht von ihm distanzieren, auch nicht in einer so emotionalisierten Situation wie in der Fankurve auswärts nach einer desaströsen Niederlage.

Den nächsten Schritt zum Führungsspieler kann Patrick Ebert jetzt machen, indem er diese Sache einfach auf sich beruhen lässt. Er hat die Karriere noch vor sich, das kann man von Arne Friedrich nur noch bedingt so sagen.

Dienstag, Oktober 20, 2009

Schönspielerei

Friedhelm Funkel hat nun zum ersten Mal so richtig zum klassischen Vokabular des Abstiegskampfs Zuflucht genommen. Er hat sich gegen jede "Schönspielerei" verwahrt und auch angekündigt, dass es personelle Konsequenzen geben wird.

Interessanterweise taucht in dem gleichen Zusammenhang in voneinander unabhängigen Presseberichten plötzlich der Begriff "Großverdiener" auf, gemünzt auf Kacar (der, nach allem, was man wissen kann, keiner ist) und Raffael (der auch nur in der relativen Gehaltsstruktur eines armen Clubs wie Hertha als solcher zu bezeichnen ist). Woher dieser Ausdruck kommt, ob er am Ende sogar gestreut wurde, um die Spannung im Kader zu erhöhen, ist unentscheidbar - seltsam ist es allemal.

Die Vorgänge zeugen von der hohen Not, in der Funkel und Preetz stecken. Denn das, was der Trainer als "Schönspielerei" bezeichnet, ist der letzte Rest Qualität in der Mannschaft, und es wäre verfehlt, diese abzuschaffen, weil ihr das Team die Grundlagen entzogen hat.

Wer sind die Schönspieler? Raffael hat diesen Verdacht immer schon auf sich gezogen, weil er es tatsächlich manchmal an defensivem Engagement vermissen lässt (es gab aber auch Spiele, in denen er großartig bissig war), und weil er in schwierigen Situationen dazu neigt, zu viel allein zu wollen. Er ist aber auch das deutlichste Symptom für die Probleme der Mannschaft, in der wenige mit seiner Intelligenz mithalten können.

Seine Dribblings dürfen Funkel nicht verdrießen, sie schaffen Zeit, die Hertha dringend braucht in ihrem so oft überhasteten Offensivspiel. Cicero ist ziemlich sicher der zweite Fall von "Schönspielerei", wobei hier wohl vor allem körper- und leidenschaftsloses Spiel gemeint sein wird. Es ist rätselhaft, wie er heuer in eine so manifeste Form- und Motivationskrise geraten konnte - aber es verdient Beschäftigung, die über die bloße Strafversetzung auf die Tribüne hinausgeht.

Raffael ist kein Caio, es muss unbedingt verhindert werden, dass Funkel da einer kulturell bedingten Verwechslung erliegt. Einige Berichte erwähnten auch eine Blockbildung nach dem Spiel in Nürnberg. Die Brasilianer, also die zwei Schönspieler plus der Nullspieler Cesar, blieben für sich.

Es wird einiger Arbeit bedürfen, dieses Potential für die Mannschaft wieder nutzbar zu machen - mit bloßer martialischer Rhetorik wird das sicher nicht gelingen. Auch wenn der Existenzkampf, zu dem der Abstiegskampf seit Sonntag geworden ist, natürlich zu Beginn einmal nach starken Worten verlangt.

Sonntag, Oktober 18, 2009

Trainereffekt

Hertha BSC ist am Ende. Die Klasse von 2009 des Fußballvereins, dem ich anhänge, hat gestern in Nürnberg bankerott erklärt. Drei Gegentore, keine Gegenwehr, keine Mannschaftsleistung, nur individueller Frust. Aber wie es im Fußball (und im Leben) so ist: Das nächste Spiel wird schon am Donnerstag sein (daheim gegen Heerenveen in der Europa League), und irgendwer muss es bestreiten.

Damit wären wir bei den Aspekten der Situation, die sich noch einer Analyse erschließen, und aus denen sich potentielle Änderungen ergeben (es kann gut sein, dass die tieferliegenden Probleme weder von mir noch vom Trainer noch von Michael Preetz wirklich erschlossen werden können, denn im Moment deutet alles auf eine Mischung aus kollektiver Traumatisierung durch eigenes Verschulden hin, wie soll es dafür eine Therapie geben?).

Wer hat gestern das Match bestritten? Burchert stand notwendigerweise im Tor, da Drobny und Ochs verletzt sind. Die Viererkette hätte ich mit Janker, Friedrich, von Bergen und Stein auch so besetzt. Im Mittelfeld spielten Ebert, Dardai, Kacar und Cicero, vorne Raffael und Wichniarek. Das ist eine plausible, allerdings völlig konservative Variante, die sich auch als wirkungslos erwies. Funkel sucht nach Führungsspielern, und findet sie in der alten Garde. Friedrich, Dardai, Wichniarek. Mit Seniorität allein gewinnt man keinen Abstiegskampf.

Zum Kapitän gibt es keine Alternative, wohl aber muss Funkel nun einsehen, dass Wichniarek nicht in die erste Mannschaft gehört - er ist inzwischen zu sehr mit seinem eigenen Fall beschäftigt, als dass er diesen im Team lösen würde wollen. Deswegen schließt er überhastet und in aussichtsloser Lage schon ab, obwohl er sonst durchaus in der Lage ist, den klugen Pass zu spielen.

Dardai lebt seit vielen Jahren von seinem eigenen, über gute Pressekontakte immer wieder bestätigten Mythos, er wäre eine Stütze. Unsinn, er ist seit vielen Jahren ein Bremsklotz, auch wenn er unter Favre lichte Momente hatte.

Funkel hat sich nun gestern mit zwei tatsächlichen Stützen angelegt, er hat Kacar schon in der 42. Minute und Raffael in der Pause ausgetauscht, während er Wichniarek durchspielen ließ und Domovchyiski bis zum Ende auf der Bank. Er hatte das Match natürlich nach der 60. Minute und dem dritten Gegentor abgeschrieben, wollte es aber auch nicht wenigstens noch für Personalpolitik nützen.

Die Probleme lassen sich individuell benennen, aber nur kollektiv lösen. Burchert fehlt die Erfahrung, das war vor allen im dem Moment zu sehen, in dem er Patrick Ebert vor dem 0:2 einen Ball zuspielte, der zwischen vier Nürnbergern nicht zu verarbeiten war. Das war der Moment, in dem das Spiel brach, denn Ebert hatte schon beim 0:1 sehr schlecht verteidigt, jetzt wurde ihm auch noch ein kapitaler Fehler vom eigenen Keeper untergejubelt - das konnte er mit Eifer und ungeschickter Härte nicht mehr wettmachen. Zumal ja niemand mannschaftsdienlich läuft und dadurch frustrierende Einzelduelle entstehen.

Janker und Stein sind eine Belastung für jedes Team, trotzdem müssen sie weiterhin spielen - da kann man nur auf ein Wunder hoffen, wobei ich bei Janker zumindest den Willen zu sehen glaube, Stein bleibt das eigenschaftslose Rätsel, zu dem er sich hat werden lassen. Cicero würde lieber zentral spielen, da wäre ich auch sehr dafür, allerdings braucht er dafür Instruktionen und mehr Leidenschaft. Zur Zeit gefällt er sich als Mimose.

Kacar muss erst wieder zum Führungsspiel motiviert werden, dafür braucht er eine Konstellation, die ihm liegt. Das HSV-Spiel sollte dabei nicht vergessen werden, denn es begann gut mit einem 4-3-3, ausgehend von dem ich das Mittelfeld und den Sturm so anordnen würde: Cicero. Kacar-Nicu (Lustenberger). Raffael-Domovchyiski-Ebert. Aber ich weiß natürlich, dass Taktik im Moment nur dritt- oder viertrangig ist, denn die Spieler brauchen erst wieder ein Verhältnis zu ihren Job, eine Perspektive für das Spiel, einen Zusammenhalt.

Funkel hat am Freitag angeblich Pogo trainieren lassen, also wildes Hineinspringen in den Gegner, Aggressivität. Die große Zahl an Offensivfouls deutet darauf hin, dass das in die falsche Richtung losgegangen ist. Die Mannschaft kann viel mehr, zumindest aber kann sie das Notwendige, um in dieser Liga zu bestehen. Wie findet sie das wieder? Im nächsten Spiel. Eine leere Phrase? Nicht leerer als der Blick, den Patrick Ebert gestern nach dem Spiel hatte. Leerer geht's nicht.

Donnerstag, Oktober 15, 2009

Personalbüro (1)

Ich will das ganze Gemurkse um Favre, Preetz, Hoeneß, Gegenbauer und darum, ob der Trainer irgendwann einmal "Fisch" statt "Schiff" oder "Schiff" statt "Boot" gesagt hat (sitzen wir alle im selben Fisch? nach dem Untergang wäre das immerhin noch ein Zeitgewinn), auf sich beruhen lassen, und wende mich vorläufig dem zu, was auch Friedhelm Funkel dieser Tage tun muss. Ich sichte das Personal, und beginne dabei mit der Defensive (in Klammern schreibe ich, wer den Spieler geholt hat).

2 Kaká (2008, Hoeneß/Favre, Vertrag bis 2012!) Innenverteidiger mit anständiger Größe (1,86), der niemals ausreichende Spielzeiten bekam, um seine nun schon notorischen Fehler (im Vorjahr im Heimspiel gegen Wolfsburg, Eigentor zuletzt gegen den HSV) in ausreichend Statistik verschwinden lassen zu können. Es heißt, Hertha hätte ursprünglich Geromel im Visier gehabt, Kaká war die Zweitbesetzung, und Favre hat daraus irgendwann die Konsequenz gezogen und ihn nicht mehr beachtet. Arbeitsauftrag: neuen Verein suchen.

3 Arne Friedrich (2002, Hoeneß, Vertrag bis 2012). Kapitän, Pressesprecher, Turm. Hat sich in seinen Jahren bei Hertha eher nach innen entwickelt als noch vorn, und das meine ich sowohl positionell, weil er auf die zentrale Defensive und auf eine passivere Spielanlage umgestellt hat, als auch insgesamt - er zehrt schon lange von seinem Nimbus, seine Autorität wirkt nun plötzlich häufig, als wäre er ohne die Hoffenheimer Rück, Jo Simunic, nicht voll versichert. Arbeitsauftrag: Spiele prägen.

4 Steve von Bergen (2007-2010, Favre) Einer der ersten Wunschspieler von Favre, intelligenter, schneller, moderner Innenverteidiger mit Potential in der Offensive. Nicht allzu groß (1,81), kann dies aber meist durch gutes Laufen wettmachen. Typ Vermaelen (FC Arsenal), minus Torgefahr und Weltklasse. Lässt sich gelegentlich düpieren (wie in Mainz), aber gilt das nicht auch für Serdar Tasci? Und den beobachtet angeblich halb Europa. Ich zähle auf Steve von Bergen, der mit Spielpraxis auch wieder Pässe und Vorstöße bringen wird. Arbeitsauftrag: Autorität.

5 Nemanja Pejcinoviv (2008-2010, Favre/Preetz) Junger Serbe, 21 Jahre, 1,84cm. Eigentlich Innenverteidiger, heuer meistens auf der linken oder rechten Außenposition eingesetzt. Er hat angedeutet, vor allem gegen Bröndby, dass er spielen kann, er hat aber auch gravierende Schwächen gezeigt, die vor allem das Zweikampfverhalten und das Spielverständnis betreffen. Wirkt häufig orientierungslos, schwer einzuschätzen. Arbeitsauftrag: Mentalbereich.

6 Christoph Janker (2009-2011, Favre/Hoeneß/Preetz) Kam als Ersatz für Sofian Chahed, dem er angeblich Vielseitigkeit voraus hat. Spielt meistens rechts außen, wurde in Hoffenheim in wenigen Minuten bis auf die Unterhose blamiert, hat aber andererseits offensiv von allen defensiven Außenspielern am meisten versucht und manchmal sogar eine Flanke zustande gebracht. Braucht Spielpraxis und Trainerzutrauen, könnte dann zumindest so gut wie Chahed an guten Tagen werden. Arbeitsauftrag: Rückwärtsbewegung, Flanken.

13 Marc Stein (2007-2011, Hoeneß) Kam von Hansa Rostock als hoffnungsvoller Außendecker mit Offensivdrang. Baute in Berlin sukzessive ab, ihm sind zahlreiche zugelassene Flanken anzulasten, die vor dem Tor nicht mehr zu entschärfen waren, im Spiel nach vorn wurde er immer uninspirierter, seine eigenen Flanken sind eine Qual. Seltsame Sache, der junge Mann gilt als relativ intelligent, auf dem Platz spielt er aber eher wie ein schlecht programmierter Roboter als wie ein kreativer Teilnehmer. Arbeitsauftrag: Einstellung (dann gelingen auch irgendwann die Flanken).

22 Rasmus Bengtsson (2009-2012, Favre/Preetz) Junger Zentraldefender, geholt auch wegen seiner Körpergröße von 1,86. War in einer konfusen Viererkette in dieser Saison bisher der konfuseste, lief schlecht, war körperlich schwach und hatte auch noch Pech. Muss noch einmal ganz vor vorn beginnen, es fehlen bisher Grundlagen für eine seriöse Einschätzung. Arbeitsauftrag: Grundlagen.

35 Shervin Radjabali-Fardi (2008-2011, Favre/Hoeneß, aus dem eigenen Nachwuchs) Der sehr junge Linksverteidiger wurde von Lucien Favre zu Beginn der letzten Saison ein paar Mal präsentiert und zeigte vielversprechende Ansätze: Dynamik, Technik, Robustheit. Geriet dann aber bald wieder in Vergessenheit, spielte zuletzt in den Überlegungen von Favre keine Rolle mehr. Was ist passiert? Das würde ich gern wissen, denn generell ist die Quote der Nachwuchsspieler bei Hertha ja sehr überschaubar, und von der "besten Jugendarbeit Deutschlands" spricht aus gutem Grund niemand mehr. Arbeitsauftrag: Aufzeigen.

Fazit: In der aktuellen Situation gebietet sich konservatives Verhalten, das spricht für eine Viererkette Stein - von Bergen - Friedrich - Janker, und zwar auf mittlere Frist und auch über ein, zwei individuelle Fehler hinweg. Mittelfristig muss links ein neuer Mann her.

Sonntag, Oktober 11, 2009

Luschniki

Der Sieg der deutschen Nationalmannschaft im Kunstrasenspiel gegen Russland bot gestern einen interessanten kleinen Subplot für Hertha-Fans. Auf der Position des rechten Außenverteidigers, die Arne Friedrich für Deutschland lange Zeit zu niemandes Zufriedenheit eher besetzt als bespielt hat, kam Jerome Boateng zum Einsatz, ausgebildet in Berlin, 2007 für einen Appel und ein Ei nach Hamburg verkauft, wo er zu einem der großen europäischen Defensivtalente herangereift ist.

Der "bürgerliche" der "wilden" Boateng-Brüder ließ allerdings im Luschnikistadion bemerkenswerte Schnelligkeitsdefizite erkennen (vielleicht hatte er nicht die richtigen Schuhe an für den notwendigen Antritt auf Synthetikfaser?). Zweimal kam er gegen Bystrow zu spät, nach der zweiten gelben Karte waren erst zwei Drittel des Matches gespielt, und Deutschland geriet in Unterzahl.

Auftritt Arne Friedrich, der zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage auf der nicht sonderlich geliebten Außenposition drankommt. Obwohl Deutschland sich nun mächtig anstrengen muss, um Russland am Torerfolg zu hindern, fällt der Kapitän von Hertha BSC kaum auf. Dann hat allerdings auch er seine Zehntelsekunde mit Bystrow, auch er kommt zu spät, auch er foult den Russen, nun allerdings im Strafraum - doch der Elfmeterpfiff bleibt aus. So unwägbar ist dieses Spiel.

"Wir nehmen alles mit", hat Michael Preetz erst neulich gesagt. Das hätte gerade noch gepasst, dass der einzige Berliner Nationalspieler den Deutschen gestern die Party verdirbt. Es kam aber anders, und ich erkläre diese kleine, aber folgenschwere Begebenheit hiermit zum Wendepunkt in der Hertha-Geschichte dieses Jahres. Ich hoffe, die Parzen hören mich.

Donnerstag, Oktober 08, 2009

Sykophanten

In einem Blog auf der Onlineseite der FAZ hat Peter Körte mit der Berichterstattung der Berliner Boulevardmedien über Lucien Favres Pressekonferenz vom Dienstag abgerechnet. Dafür gibt es sicher gute Gründe, die auch sprachmächtig zum Ausdruck gebracht werden, trotzdem glaube ich, dass der Auftritt von Favre, den ich allerdings meinerseits nur aus der Berichterstattung erschließen kann, ein gutes Bild für die Gründe seines Scheiterns ergibt.

Jeder Medienberater weiß doch, dass von einer Pressekonferenz mit dreißig Minuten vielleicht drei, vier Sätze übrigbleiben. Er wird also versuchen, diese Sätze mit Bedacht so zu setzen, dass auch die richtigen aufgegriffen werden und dass zweitens diese in sich einen gewissen Zusammenhang ergeben. Favre hat aber (viel vom Blatt lesend) rechtschaffen differenziert, hat sich und allen anderen einen nicht näher definierten Teil der Schuld gegeben und hat öffentlich Dieter Hoeneß teilrehabilitiert, was nun überhaupt niemandem hilft.

In Österreich gab es einmal einen Bundeskanzler, der durch das Geständnis berühmt wurde, dass alles sehr kompliziert ist. So ähnlich kommt mir auch Favre vor. Er ist intellektuell seriös, aber das ist nicht die Qualität, mit der man ein Fußballteam führt. Dass der Berliner Boulevard und vor allem die Zeitung, deren Werbeträger ich fortan auch nicht mehr erwähnen werde, ein Höchstmaß an Niederträchtigkeit an den Tag gelegt haben, kam übrigens bald nach Saisonstart doch ein wenig aus heiterem Himmel (Preetz hatte anfangs sehr gute Presse) und zeugt von dem unglaublichen Opportunismus dieser Branche.

Was Peter Körte als den "nachrichtlichen Wert" der Pressekonferenz bezeichnet, wäre dann genau das: dass ein kluger Trainer sich nicht mehr vermitteln konnte. Ein wenig liegt es schon auch an ihm selbst.

Dienstag, Oktober 06, 2009

Zehn Millionen

Der heutige Tag hat drei für dieses Blog mehr oder weniger relevante Dinge mit sich gebracht: Ich habe Eric Cantona getroffen, nicht privat, sondern unter Aufsicht für zwanzig Minuten in einem Hotel, und es ging dabei nicht um Fußball, sondern um den neuen Film von Ken Loach, in dem er mitspielt. Beeindruckender Mann.



Zweitens hat Claudio Catuogno einen sehr schönen Text auf der Seite 3 der SZ geschrieben, der im Netz leider (noch?) nicht vorliegt, und an dem mich allenfalls gestört hat, dass er ein altes Zitat von Dieter Hoeneß zu einem Droh- und Wahrwort über die gegenwärtige Hertha ausgebaut hat, des Sinnes, dass es ohne ihn nicht geht. (Am Sonntag nach der Niederlage gegen den HSV sind ja schon zahlreiche Haberanten von Hoeneß aus der Deckung gekommen und haben laut und deutlich "Siehste, siehste" gesagt.)

Drittens hat Lucien Favre im Adlon eine Pressekonferenz gegeben, in der er nach allen Ausschnitten zu schließen ein weiteres Mal bestätigt hat, dass es ihm im dritten Berliner Jahr einfach nicht mehr gelungen ist, ein vernünftiges Verhältnis zu den Medien zu entwickeln - sein Vermögen und sein Wille, Fragen als solche zur Kenntnis zu nehmen und nach Möglichkeit auch sinnvoll zu beantworten, gingen schon lange gegen Null und ließen Herthas Kommunikation zu einer Parodie auf Landesmutter Merkels Kalmierungsdeutsch werden.

Inhaltlich war es dementsprechend konfus, was Favre von sich gab: Nein, Arne Friedrich hat nicht gegen ihn gespielt, nein, Wichniarek war nicht seine Verpflichtung, nein, Hertha hat die Trennung von Dieter Hoeneß nicht verkraftet. Ja, Hertha wird im Winter investieren müssen, und zwar zehn Millionen. Kein Wort davon, dass er noch vor Saisonbeginn die Hertha schon präventiv in das Armenhaus der Liga versetzte, dass er noch im Juli begann, sich innerlich und medial abzusichern gegen die schwere Aufgabe, die er doch allem Anschein nach gern mit Michael Preetz in Angriff nehmen wollte (und zwar gleich bis 2013 - zumindest diese bittere Ironie einer vorzeitigen nochmaligen Vertragsverlängerung blieb der Hertha erspart).

In einer schwierigen Situation sieht man schnell einmal nicht gut aus. Die Äußerungen heute sind für mich eine Fortsetzung vor allem der kommunikativen Überforderung, die Lucien Favre in den letzten Wochen erkennen ließ. Das ist alles jammerschade, denn gute Trainer sind rar, und er ist ein guter Trainer, der aber in Berlin auch persönlich eine Entwicklung hätte nehmen müssen, wie er sie sich von der Mannschaft erwartete - so aber bleibt ein etwas wehleidiger Mann zurück, der sich heute im Adlon für einen Job bei einem Club mit Geld bewarb. Bonne chance.

Montag, Oktober 05, 2009

Untergangsjahr

Michael Preetz wird nicht entgangen sein, wie der neue Trainer Friedhelm Funkel gestern im Olympiastadion begrüßt wurde: gar nicht. Als der Name genannt wurde, reagierten die Fans mit Schweigen. Die Akzeptanzprobleme, die Funkel in Frankfurt zum Rücktritt bewogen, hat er nach Berlin mitgebracht. Wie soll man auch einen Trainer begrüßen, der angeheuert werden musste, um zu verhindern, dass das nächste von inzwischen zahllosen Berliner "Übergangsjahren" sich unversehens in ein Untergangsjahr verwandelt?

Die Leistung der Mannschaft in den ersten 20 Minuten gegen den HSV ließ dann durchaus erkennen, dass Funkel sich Gedanken gemacht hatte. Er stellte Friedrich auf die von dem Nationalspieler eigentlich ungeliebte rechte Außendeckerposition, wo er gegen Elia vielleicht nicht gerade Schnelligkeit, aber zumindest Erfahrung und Stellungsspiel geltend machen konnte. Zentral verteidigten Kaká und von Bergen, links Pejcinovic. Ein weiteres taktisches Manöver war die Gestaltung des Mittelfelds, wo Dardai zentral hinter einer Zweierlinie spielte, die rechts Kacar und links Nicu bildeten. Patrick Ebert und Raffael besetzten die Flügel, vorne versuchte sich Ramos darin, Bälle zu halten und die Zeit zu gewinnen, die Hertha zum Nachrücken brauchte. Ein 4-3-3, das defensiv zum 4-5-1 wurde und insgesamt deutlich auf Konter ausgerichtet war.

Die Hertha machte allerdings das Spiel, denn der HSV war schlecht. Zum ersten Mal seit ewigen Zeiten ging Hertha deswegen in der ersten Halbzeit in Führung: Corner von Ebert, Ramos verlängert per Kopf auf den langen Pfosten, wo Friedrich kein Problem hatte, zu verwandeln. Der Jubel des Kapitäns war dann peinlich: Er wies alle Mitspieler von sich und trabte behäbig allein in die Ostkurve, wo er vor den Fans die Faust ballte.

Danach waren noch 80 Minuten zu spielen, in denen die Hertha sich wieder einmal selbst zerstörte. Zuerst setzte Kaká einen eigentlich harmlosen Ball vom Elfmeterpunkt per Kopf über Ochs ins eigene Tor, bald darauf musste der eigens angeheuerte Ersatzersatzkeeper verletzt vom Platz, und es kam Sascha Burchert, vom Schicksal designiert, an diesem Abend die ärmste Sau zu werden: Zweimal nützte der HSV die Schlafmützigkeit der Berliner Innenverteidigung, zweimal klärte Burchert außerhalb der Strafraums per Kopf vor einem heranstürmenden Hamburger, zweimal kam der Ball aus den Tiefen des Mittelfelds postwendend zurück - Tore durch Jarolim und Zé Roberto ließen den Keeper so lächerlich aussehen wie einen Tennisspieler, der einen Netzangriff nicht gut abgeschlossen hat und überlobt wird.

Burchert hatte aber in beiden Fällen richtig gehandelt, es fehlte ihm nur bei all dem Adrenalin, das in einem neunzehnjährigen Tormann 25 Meter vor der Linie umgeht, an der Übersicht, den Ball vielleicht nicht zentral nach vorn zu wuchten. Wie auch immer: Die Tore hatten einen Geschmack des Zynischen. Und so formulierte es auch der Manager hinterher: "Wir nehmen alles mit."

Friedhelm Funkel stellte später im RBB noch mit einer gewissen Befriedigung fest, dass Hertha in der zweiten Halbzeit nicht auseinandergefallen ist, das war aber kein Kunststück angesichts eines HSV, der es sich auf dem Feld gemütlich machte und dem von den demoralisierten Berlinern keine Gefahr mehr drohte.

Sonntag, Oktober 04, 2009

Gänsehaut

Die meisten Textnachrichten, die ich in den letzten Tagen bekam, hatten einen recht eindeutigen Tonfall: Sie waren Kondolenzschreiben. Der Name Friedhelm Funkel wird von den Freunden recht spezifisch verstanden, von mir ja auch: Das war es mit der Hoffnung auf eine spielerische und charakterliche Evolution der Mannschaft, das war es mit dem Anspruch, auch nur in irgendeiner bescheidenen Form an der Entwicklung dieses Sports teilzunehmen.


Die Hertha wird unter Funkel weiterhin ihre Spiele austragen, aber wird man auf diese Spiele schauen? Im Moment kann ich nicht mehr aufbringen als patziges Vorurteil. Funkel ist, was der Markt hergab - für einen Verein, der sich kaum die Abfindung für Favre leisten kann. Funkel hat bis zur Sommerpause Eintracht Frankfurt trainiert, ironischerweise der Club, in dessen Nachbarschaft Lucien Favre immer die Hertha angesiedelt hat - was nämlich die finanziellen Möglichkeiten anlangt.

Für das Spiel gegen den HSV können wir heute - nach einem unter den Umständen halbwegs akzeptablen 0:1 am Donnerstag bei einer sehr schwachen Mannschaft von Sporting Lissabon in der Europa League - nicht mehr erwarten als einen unbefangenen Blick auf den Kader. Den hat schon Karsten Heine bewiesen, der notgedrungen Kaká revitalisierte. Ich rechne damit, dass Friedrich heute wieder fit ist, und erwarte folgende Mannschaft: Ochs. Janker-Friedrich (Kaká)-von Bergen-Stein (Pejcinovic). Piszczek (Ebert)-Dardai-Kacar-Nicu. Raffael-Ramos (Domovchyiski wäre mir lieber).

Manager Preetz bezeichnete Funkel als "Kind der Bundesliga", der neue Trainer sprach von einer "Gänsehaut", die er beim Anruf von Preetz verspürt hatte. Perspektivisch sind wir jedenfalls wieder dort, wo wir vor zwei Jahren waren, bevor Manager Hoeneß uns mit Lucien Favre überraschte - im Niemandsland. Aktuell allerdings fehlen uns sogar die Punkte für das Niemandsland. Einer wäre heute schon ein Erfolg. Und Friedhelm Funkel werde ich ab sofort an seinen Entscheidungen messen. Vorurteilslos.