Sonntag, September 28, 2008

Offenbarungseid

War ein harter Tag gestern für mich, zuerst verliert die Hertha im Olympiastadion 0:1 gegen Energie Cottbus, auf dem Heimweg in der U-Bahn werfen die Fans verzweifelt einzelne Namen in die Runde, der eine fand Lustenberger desolat, der andere will die vier Millionen für Raffael zurück. Vor der Kiste dann Arsenal gegen Hull City, zum zwölften Jahrestag von Arsène Wenger in Nordlondon gibt es ein überraschendes, schockierendes 1:2. Fußball als Einübung in den Umgang mit Enttäuschungen - das großartige Spiel wird zur Lebensschule, manchmal kommt es eben darauf an, wie man verliert. Die Hertha hat gestern blamabel verloren. Es war deswegen besonders schwer hinzunehmen, weil sich eine Tendenz bestätigt hat, die sich schon seit dem zweiten Liagmatch gegen Bielefeld erkennen ließ, und die stark an die Jahre unter Falko Götz erinnert. Eine potentiell gute Mannschaft spielt aus Gründen unter ihren Möglichkeiten, die in den rätselhaften und für den Trainer schwer fassbaren Bereichen liegt: Einstellung, Engagement, Inspiration, Würde. Ich fand es bemerkenswert, dass ausgerechnet Marc Stein gestern besonders schlecht aussah. Nach dem Spiel in Dortmund hatte er noch von einer "guten Leistung" gefaselt, gestern lief er in der 13. Minute orientierungslos herum und ließ sich dann von Angelov widerstandslos überlaufen - den flachen Querpass verwertete Jelic, und die Hertha stand vor einem déjà-vu. Rückstand gegen Cottbus bedeutet anscheinend Niederlage gegen Cottbus. Die restlichen achtzig Minuten herrschte im Stadion eine seltsame Stimmung. Die Ostkurve versuchte so gut es ging noch Unterstützung zu geben, aber die bürgerlichen Ränge, auf denen ich sitze, hatten bald nur mehr Hohn und Wut übrig. Stein, der später noch zwei besonders hanebüchene Flanken schlug, bekam deutlich zu spüren, was die Menge von ihm gestern hielt. Der junge Mann spielt seine erste Saison in Berlin, er ist ganz offensichtlich anfänglich ein wenig abgehoben, sollte vom Club auch zum Teenie-Idol mit Strähnchenfrisur aufgebaut werden - jetzt ist er der dritte Defensivspieler, der heuer schon schwer beschädigt wurde bzw. sich selbst beschädigt hat. Der "Offenbarungseid", von dem die Berliner Tabloids heute schreiben, kam in der 69. Minute, als der Coach den allzu braven Lustenberger aus dem Spiel nahm und Dardai brachte. Damit war der Rückfall in die Ära Götz praktisch komplett. Es ist gar nicht so leicht, festzumachen, was gestern nicht funktioniert hat. Zehn Minuten ging ja auch was, danach aber war deutlich, dass der Ausfall von zwei leidenschaftlichen Akteuren wie Ebert und Kacar durch halbe Männer wie Nicu oder Schöngeister wie Raffael nicht zu kompensieren ist. Die Hertha spielt auch am Samstag wie im Training, ein wenig "als ob", wenn etwas misslingt, ist das nicht weiter schlimm. Standardsituationen werden souverän ignoriert, außer Ebert scheint das niemand zu üben. Nicu (auch dafür geholt) war gestern wieder sehr schwach, Chahed ist nur eine Notlösung, Pantelic und Voronin sind einander nicht immer dienlich, Raffael bekommt die Früchte seiner (mangelnden) Arbeit präsentiert, nur Cicero zeigte in der ersten Halbzeit ein wenig Initiative, er ist aber auch ein Spielertyp, für den sie in Wien den Ausdruck "der Papierene" erfunden haben. Als das Spiel aus war, gingen Friedrich, Simunic und Pantelic in die Kurve - der Serbe stellte sich den Fans wie ein Ombudsmann. Was konnte man ihm aber sagen, außer den Gemeinplätzen des Fußballs: Wir wollen euch kämpfen (und trotzdem spielen) sehen!

Samstag, September 27, 2008

Taktik

In den Fanforen hat das Cupspiel gegen Dortmund natürlich für viel Stoff gesorgt (besonders lesenswert ein Beitrag von Gadcap). Dabei kam eine Szene immer wieder zur Sprache: In der Pause vor der Verlängerung hat Jürgen Klopp die Spieler vom BVB in einen (übrigens nicht ganz geschlossenen) Motivationskreis genommen und eine anfeuernde Rede gehalten, während Coach Favre mit dem Taktikzettel zwischen seinen Spielern herumgegangen ist. Man muss dieses Bild nicht überbewerten, und wird doch Sinn darin finden. Denn der Trainer der Hertha ist ein Idealist - er spricht mehr von Intelligenz und Polyvalenz, von "richtigem" Spiel als von den Rätseln des Fußballs, die sich nicht planen lassen. Damit bekommt er das eigentliche Problem nicht in den Blick: Die Mannschaft weiß noch immer nicht, wo sie hingehört. Sie hat jetzt, das ist das Verdienst seines Trainings, potentiell schon das Vermögen, ein Spiel zu beherrschen und auch zu führen. Sie tut es aber nicht, sie wartet immer noch unbewusst auf irgendetwas, auf das sie reagieren kann. Deswegen wirkt die Hertha auch in dieser Saison schon wieder häufig so lasch, hat sie noch kein begeisterndes Spiel gezeigt und gewinnt sie, wenn, dann auf eine fade Weise. Früher war sie faul, jetzt ist sie brav wie ein Schüler, der zufrieden ist, wenn er in die nächste Klasse darf. Das Ungebärdige, das Vergügen am Spiel selbst, der Triumph über einen guten, vielleicht sogar abgeschlossenen Spielzug scheint ihr nicht viel zu bedeuten: In Dortmund gab es einen einzigen Lauf von Sofian Chahed nach direktem Spiel an die Grundlinie, der flache Querpass kam schulmäßig auf Nicu, und der neue Mann, der aus der 2. Liga kam und eigentlich Ansprüche auf einen Stammplatz anmelden möchte, schoss wie ein schüchterner Anfänger. Das fällt auf den Trainer zurück, der langsam alles Virile aus der Mannschaft entfernt und allmählich ein Ensemble von schlaffer Brillanz schafft. Cottbus wird heute ein Gegner sein, der die Hertha vielleicht an all diese anderen Dinge am Fußball erinnert, für die sie sich im Moment schon wieder zu gut ist.

Mittwoch, September 24, 2008

Höchststrafe

Das war der DFB-Pokal 2008/2009 (ohne 2009) für die Hertha. Sie hat sich mit einem 1:2 bei Borussia Dortmund verabschiedet. Das Spiel war so schlecht, dass es als Höchststrafe noch 30 Minuten Verlängerung gab. Nach neunzig Minuten war es 1:1 gestanden. Schon früh ging der BVB durch einen zweifelhaften Elfmeter in Führung, aber bald darauf konnte Pantelic den Ausgleich erzielen. Danach begann ein auf beiden Seiten tapsiges Spiel gegen den Ball, keine der beiden Mannschaften wollte ihn länger haben, Fehlpässe und Leerläufe gab es sonder Zahl. Die letzten zehn Minuten vor dem Abpfiff versuchte die Hertha halbherzig, ein wenig Druck zu machen - dass sie aber einen Sieg wollte, vermittelte sie in keiner Sekunde. So kam es zur Verlängerung, in der Klimowicz nach einem Freistoß von Sahin am langen Eck vor dem heute durchgängig schwachen Kaká zum entscheidenden Treffer kam. Das ganze Elend der Hertha zeigte sich in dem Detail, dass Drobny schon zwei Minuten vor dem endgültigen Ende in den gegnerischen Strafraum kam - so etwas nenne ich Aktionismus nach langer Apathie. Marc Stein ging danach zum Interview und sagte: "Wir haben ein gutes Spiel gemacht, und wurden nicht belohnt." Diese Aussage verrät, dass da etwas ganz grundlegend nicht stimmt. Die Mannschaft weiß überhaupt nicht, was sie tut. Sie hat heute ohne Ausnahme nicht einmal Bundesliganiveau gezeigt, und ich spreche hier von den einfachen Dingen: Laufen, Leidenschaft, Interesse an Situationen. Sie hat so bieder ihren taktischen Stiefel herunter gespielt, dass sie hochverdient ausgeschieden ist, obwohl sie den BVB nie wieder in einem so jämmerlichen Zustand antreffen wird. Es stellen sich aber auch systemische Fragen: Wie kommt es, dass eine Mannschaft, obwohl sie eigentlich zwei Flügelspieler auf dem Platz hat, vollständig auf Flanken verzichtet, ja sie nicht einmal sucht? Zwar war heute zu sehen, dass eine Variation aus langen Bällen und Kurzpassspiel angestrebt war, die Sache kam aber nie so richtig in die Gänge, weil die langen Bälle nur etwas bringen, wenn man nachrückt und nachsetzt, und die kurzen beim eigenen Mann so ankommen müssen, dass etwas mit ihnen anzufangen ist. Ich glaube, dass Marc Stein uns viel verraten hat. Die Hertha überschätzt sich selbst. Sie hat eine vage Ahnung von technischem Fußball, sie versucht sich um alles herumzuspielen, und vergisst den ganzen Rest - den Willen, sich durchzusetzen gegen einen Widerstand, selbst wenn er so dürftig ist wie heute der des BVB.

Neubauer

Wenn Coach Favre heute die Aufstellung für das DFB-Pokal-Match bei Borussia Dortmund bekannt gibt, dann wird darin auch ein kleines Indiz für die Verhandlungen enthalten sein, die Hertha demnächst mit Jörg Neubauer, Berater von Arne Friedrich und Sofian Chahed, zu führen hat. Bei den beiden Defensivkräften läuft der Vertrag mit dem Ende der laufenden Saison aus. Wie es jetzt aussieht, spielen sie beide auf der gleichen Position - rechts in der Viererkette. Der Kapitän ist auch in der Innenverteidigung einsetzbar, dort hat die Hertha aber drei weitere Kandidaten. Chahed galt - auch für mich - einmal als Kandidat für die Sechserposition, das hat er aber nie gründlicher ausprobieren dürfen. Nun ist es meiner Meinung nach so, dass eigentlich beide Kandidaten keine optimale Besetzung für die Außenverteidigung sind. Friedrich lässt stark zweifeln, dass er noch einmal die Dynamik, geistige Frische und auch den Wagemut finden wird, die ihn zum Nationalspieler und Kapitän der Hertha werden ließen. Chahed ist ein solider Spieler mit markanten Aussetzern, auf keinen Fall aber ein Typ, der auf seiner Position das Spiel prägt. Heute kann es gut sein, dass Friedrich zu Kaká in das Zentrum rückt, und Chahed (oder Pisczcek!) außen verteidigt; es kann auch sein, dass der Coach wieder einmal eine Dreierkette antreten lässt, obwohl er das eigentlich seit München besser wissen sollte. Wie auch immer wird er zu erkennen geben, ob er Chahed noch als gleichwertigen Ergänzungsspieler sieht oder als Auslaufmodell. Hertha will angeblich mit ihm verlängern, mit Friedrich sowieso. Genaugenommen ließe man damit aber eine Position auf längere Zeit unreformiert, die nicht zu den stärksten der Hertha zählt. Ein neuer, starker Mann hinter Patrick Ebert wäre wünschenswert. Andererseits kann man nicht in einer noch jungen Saison den Kapitän vor den Kopf stoßen, indem man ihm kein gutes, neues Angebot macht. Chahed sollte wiederum nicht durch eine frühzeitige Verlängerung zu guten Konditionen in falscher Sicherheit gewiegt werden. Bin gespannt, ob Favre, Hoeneß und Preetz es schaffen, die knifflige Aufgabe zu lösen.

Montag, September 22, 2008

Kloppo

Hertha hätte anscheinend keinen besseren Zeitpunkt erwischen können, um am Mittwoch den BVB im DFB-Pokal zu stellen. Die Mannschaft aus Dortmund, prinzipiell der aus Berlin nicht unähnlich in ihrem chronischen Mittelmaß, steht nach zwei Niederlagen in zwei Wettbewerben gegen Udine und Hoffenheim im dritten Wettbewerb unter großem Druck. Nun kommt die Hertha, die bisher zwar noch nicht so richtig überzeugen musste (außer beim 8:1 gegen den FC Nistru Otaci, einem Trainingsspiel, das nichtsdestoweniger in die Fünfjahreswertung der Uefa eingeht), die aber halbwegs im Plan ist. Wie kurios und wacklig diese Saison bisher verläuft, zeigt folgendes Zahlenspiel: Bayern hat die Hertha mit 4:1 weggeschossen, Gladbach hat Bremen mit 3:2 recht souverän bezwungen, Bremen hat Bayern mit 5:2 in deren eigener Arena blamiert, und Hertha hat Gladbach in deren eigenem Stadion 1:0 geschlagen und dabei arm aussehen lassen. Ergebnis: Bayern und Hertha stehen Schulter an Schulter im Mittelfeld der Tabelle. Wer vor drei Wochen in München genau hingesehen hat, konnte auch damals schon bemerken, dass der FCB gar nicht so gut, sondern einfach die Hertha noch viel schwächer war. Es gibt wenig Dominanz in der Liga, nur einige Indizien, dass spielfreudige Teams sich ein wenig konsolidieren: Hoffenheim und Leverkusen müssen für die Hertha im Moment die Vorbilder sein. Jürgen "Kloppo" Klopp scheint dagegen in Dortmund die Erfahrung zu machen, dass eine Mannschaft immer nur so gut sein kann wie der Kader, und den hat er - sieht man von Subotic und Zidan ab - kaum angetastet. Hertha weiß sicher um die Chance am Mittwoch.

Sonntag, September 21, 2008

Sonnenschein

War ein eher komisches T-Shirt, mit dem Alex Ferguson heute an der Stamford Bridge in der brennenden Sonne saß, für den beinahe bankrotten Versicherer AIG warb und seiner Mannschaft MeanU dabei zusah, wie sie gegen den FC Chelsea ein 1:1 herausholte. Älterer Herr, dünne Baumwolle, unvorteilhafte Querstreifen - der große Trainer wirkt in dieser Saison nicht nur modisch entzaubert. Vielleicht fehlt ihm Carlos Queiroz, sein langjähriger Stratege, doch ein wenig. Chelsea waren auch pampig, es war ein fades Spitzenspiel, an dem mich einzig die Tatsache interessiert hat, dass Arsenal nach dem 3:1 bei Bolton gestern an die Tabellenspitze ging. Die Torschützen von Arsenal zeigen, dass selbst das komische Mittelfeld, das Arsène Wenger gestern aufbot, funktioniert: Eboué, Fabregas, Song und Denilson, also eigentlich ohne richtigen Flügel. Torschützen: Eboué, Bendtner, Denilson. Der junge Brasilianer, für den ich ein Faible habe, hat sich als Ersatz für Flamini vorerst bestätigt. Und die Mannschaft insgesamt wirkt, als hätte sie noch mehr Potential als im Vorjahr. Sieht also alles ganz gut aus im Moment in der Premier League, selbst in Bolton, wo es schon legendäre Regen- und Schlammschlachten für Arsenal gab, schien gestern die Sonne. Nur nicht direkt auf die weisen Häupter.

Diebstahl

Die Hertha hat gestern bei Borussia Mönchengladbach drei Punkte mitgenommen. Ein Tor von Gojko Kacar in der 11. Minute nach einem schönen Pass von Cicero hat gereicht, ein bisschen Glück war dabei, weil Neuville zweimal den Posten traf. Trotzdem ist Coach Favre zuzustimmen, der nach dem Spiel sagte, der Sieg wäre nicht "gestohlen". Es war eine matte Sache von beiden Seiten, was wohl auch daran lag, dass Gladbach nach dem Rückstand nicht mehr viel einfiel. Die Hertha gewann mehr und mehr die Kontrolle über das Spiel, wobei mir auffällt, dass Cicero vielleicht doch noch einmal ein kompletter Mittelfeldspieler werden könnte. Seine offensiven Instinkte haben mir immer schon gut gefallen, gestern arbeitete er auch nach hinten ordentlich, zudem erwies sich, dass eine Viererkette (Friedrich-Kaká-Simunic-Stein) der Mannschaft viel besser behagt als taktische Experimente. Der Coach wechselte dann sukzessive Konsolidierungsspieler ein, Lustenberger schon nach zwei Dritteln für Kacar, Piszczek für Raffael und dann sogar noch Chahed für Pantelic. Immerhin ließ er Dardai auf der Bank, allein dafür gebührt ihm der Sieg. Man muss über dieses 1:0 nicht viele Worte verlieren. Am Mittwoch steht ein Cup-Fight in Dortmund bevor, am Samstag kommt Cottbus. Die Mannschaft wird froh gewesen sein, dass sie in Gladbach keineswegs an ihre körperlichen oder gar mentalen Grenzen gehen musste. Die Dichte den Spielplans zur Zeit bringt Strapazen genug, für uns Fans aber ist gerade eine tolle Zeit.

Samstag, September 20, 2008

Arena

Die Hertha fährt heute nach Gladbach, wo es ein Club, der keineswegs unabsteigbar war, geschafft hat, eine allen Beschreibungen nach tolle Arena zu bauen und auch meistens zu füllen. Der Gedanke an ein eigenes Fußballstadion, das nicht die Aura, aber auch nicht die Nachteile des Olympiastadions hätte, hat diese Woche die Berliner Öffentlichkeit förmlich elektrisiert. Dabei wäre es grobe Inkompetenz, wenn Manager Hoeneß und die Mächtigen der Hertha sich nicht schon seit geraumer Zeit mit diesem Gedanken beschäftigt hätten. Jetzt ist es eben heraußen, nun muss niemand mehr zurückrudern, sondern es kann konkret über Finanzierungsmöglichkeiten, Standorte und Rahmenbedingungen nachgedacht werden. Der Flughafen Tegel, der 2012 zugesperrt werden soll und deswegen heute in die Debatte gebracht wurde, wäre nach meinem laienhaften Dafürhalten eine interessante Option. Das wäre nämlich auch im symbolischen Einzugsgebiet der historischen Hertha, die im Wedding groß wurde und dort, so heißt es zumindest, als erste deutsche Mannschaft eine englische schlagen konnte. 1910 soll das gewesen sein, gegen Southend United. Ein gutes Jahrzehnt ist die Hertha jetzt wieder in der Bundesliga, die Zeichen stehen halbwegs vertrauenswürdig auf Kontinuität, da ist es nur richtig, wenn man beginnt, sich an ein Zehnjahresprojekt zu wagen, wie es ein neues Stadion wäre.

Mittwoch, September 17, 2008

Trallallallala

Da war es wieder gestern Abend, das Hertha-BSC-Uefacup-Gefühl: lähmendes Desinteresse an einem Spiel, für das die Mannschaft doch eigentlich eine ganze Saison kämpft. Ich meine dabei gar nicht die 13000 Zuschauer, die um 18h ins Olympiastadion gekommen waren, bei kaltem Wetter. Ich meine die Mannschaft, die gegen St. Patrick's Athletic aus Dublin eine so lasche Leistung bot, dass sich jeder Gedanke an Fortschritt seit dem furchtbaren Uefacup-Herbst unter Falko Götz verbot. Einzig das Ergebnis verriet einen Unterschied: Am Ende, nach einer torlosen ersten Halbzeit und zwei kleinen Anschüben in der zweiten, stand es 2:0 durch Nicu und Cicero. Dazwischen schob Arne Friedrich den Ball gefühlte hundert Male zu Kaká, der statt von Bergen verteidigte. Das Mittelfeld wird zunehmend zu einem Rätsel, das Coach Favre sich selbst zu stellen beliebt. Gestern schickte er Dardai, Kacar, Cicero und Picsczek in einer verworrenen Konstellation hinaus, mit dem Ergebnis, dass alle vier blass blieben. Nach gut vierzig Minuten ließ Voronin sich die Sache nicht mehr länger bieten und wechselte zunehmend in die Position eines antreibenden Sechsers, eine Blamage für die Kollegen, die dafür eigentlich zuständig waren. In der Pause reagierte Favre, brachte Lustenberger und Nicu statt Dardai und Kacar, über links ging dann ein wenig mehr, während Pisczcek auch über neunzig Minuten völlig wirkungslos blieb. Die Ostkurve, auch gestern unverdrossen, sang "lustig, lustig, trallallallala", aber es war kein Nikolausabend gestern, sondern einfach die Bescherung, die sich immer einzustellen scheint, wenn der Rasen in Olympiastadion seifig wird, die Berliner ihre warmen Jacken herausholen und Hertha gegen einen Club antritt, gegen den sie sich lieber durchmogelt, als dass sie Fußball spielt.

Dienstag, September 16, 2008

Probetraining

Gleich mache ich mich auf den Weg ins Olympiastadion, um der Hertha beim Uefacup-Erstrundenspiel gegen St. Patrick's Athletic aus Dublin zuzusehen. Eben las ich aber im englischen täglichen Telegraph noch eine interessante Geschichte: Mineiro, der bei der Hertha keinen neuen Vertrag bekam und momentan noch vereinslos ist, hat ein Probetraining bei Arsenal absolviert. Dort wird ja ein erfahrener defensiver Mittelfeldmann gesucht. Wie es scheint, wurde sogar eigens ein richtiges Match für ihn organisiert, man buchte dafür den FC Fulham für ein Privatspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Mineiro scheint seine Sache gut gemacht zu haben, allerdings nicht so gut, dass eine Verpflichtung zustande gekommen wäre. Chelsea, wo Essien lange ausfällt, war wohl auch an ihm dran, es sieht aber alles danach aus, als würde er nach Birmingham zum dortigen FC gehen. Kevin-Prince Boateng war dort auch im Gespräch, da war zuletzt aber nichts Neues zu hören, nur das kuriose Detail, dass der Prinz aus dem Wedding bei Tottenham in diesem Jahr nicht einmal eine Nummer zugeteilt bekommen hat. Und das hat nichts mit der neuen FIFA-Regel zu tun, die hohe Nummern bei Länderspielen verbietet. Die höchste Hertha-Nummer trägt übrigens der Spieler, der für meine Begriffe am ehesten das Potential für einen englischen Club hat: Gojko Kacar, Nummer 44.

Montag, September 15, 2008

Tabelle

Schon nach dem vierten Spieltag hat sich die Bundesliga sauber sortiert. Unten stehen acht Abstiegskandidaten, oben die üblichen Aspiranten, nur Hoffenheim hat die Position von Karlsruhe eingenommen und versucht eine Verstetigung guter Arbeit. Die Hertha steht auf der Position genau zwischen den beiden Blöcken. Vom Potential her muss sie eindeutig oben dazugezählt werden, von den Ergebnissen her ist sie vor dem Strudel dahinter nicht gefeit. Es zeigen sich einige Probleme. Erstens ist die Abwehr überraschend porös, das liegt an mangelnder Form von Simunic und Friedrich und der aktuellen Desasteraffinität von Steve von Bergen. Es liegt aber auch an der ungelösten Angelegenheit des zentralen defensiven Mittelfelds, wo Cicero nur unwillig die Rolle des "holding midfielders" übernimmt, während Kacar offensiv besser ist und deswegen einen absichernden Nebenmann gut gebrauchen könnte. In der zweiten Halbzeit gegen Wolfsburg hat Cicero sich besser auf diese Schaltfunktion eingestellt, körper(sprach)lich fehlt ihm aber die Statur für diese Position, und auch sein Engagement ließe sich steigern. Der FC Liverpool hat zum Beispiel am Samstag einen wichtigen Sieg gegen MeanU geschafft, weil Mascherano nach anfänglicher Konfusion seine Sicherungsarbeit verbessert hat und trotzdem an der gegnerischen Grundlinie in einer Situation so hartnäckig an Giggs dranblieb, dass dieser den Ball verlor und Kuyt einen Querpass auf Babel spielen konnte, den dieser verwertete. Voronin und Pantelic sind zu diesen Taten auch in der Lage. Sie müssen aber von Raffael und Cicero verstärkt kommen, während Ebert und Kacar eigentlich willens sind, auch richtig zu arbeiten. Das Tückische an Favres Aussage, dass es nicht auf viele Zweikämpfe, sondern den einen entscheidenden ankommt, ist doch das: Vorher weiß man das ja nicht, ob ein Zweikampf etwas einbringt. Man muss sie also tatsächlich auf Verdacht führen. Ich bin auch nicht dafür, dass alle Elfe ständig wie besinnungslos über den Platz hetzen. Wer aber regelmäßig Premier League sieht, wo Spiele viel umkämpfter sind, weiß, dass Tore oft aus dem einen, überschüssigen Einsatz entstehen, den sich die Herthaner oft ersparen. Bleibt das Problem Pantelic. Es ist eigentlich keines, er ist der beste Stürmer, er legt auf und trifft, er ist ein Vorbild an Einsatz, und man wird ihm demnächst auch auf dem Feld klarmachen können, dass er keine Elfmeter schießen soll. Heute wird er 30 Jahre alt, die Frage einer Vertragsverlängerung steht bei (wie bei Friedrich) im Raum. Ich bin dafür, ihn zu halten, weil er eine echte Attraktion ist. Er ist auch immer noch schnell, man sieht jedoch in vielen Situationen direkt gegen den Mann, dass er sich da nicht (mehr) durchsetzen kann. Er wird also zunehmend auf seine enorme Spielintelligenz angewiesen sein, und braucht einen Vollstrecker neben sich. Das könnte Voronin werden, der gestern im RBB einen sehr sympathischen Eindruck hinterlassen hat. Im Moment scheint Pantelic aber noch ein wenig zu fremdeln. Das mag auch dabei mitgespielt haben, dass er den Elfmeter gekapert und vergeudet hat. Favre muss Pantelic und Voronin, eine poröse Viererkette und ein zu offensives Mittelfeld aufeinander abstimmen. Er hat die Leute, aber er muss sie auch ein wenig gegen deren eigene Intuition besetzen. Ich würde von Bergen am Samstag wieder spielen lassen, Lustenberger neben Kacar ins Mittelfeld stellen, Cicero nach links schicken, und Raffael eine Pause geben.

Sonntag, September 14, 2008

Hubschraubereinsatz

Zweites Heimspiel, zweites Remis: die neue Hertha ist die alte Hertha, da kann Coach Favre noch so sehr in einem großen Interview mit Claudio Catuogno in der SZ von Spielintelligenz und Backe, backe, Kuchen räsonnieren. Das 2:2 gegen Wolfsburg war ein faires Resultat, weil die Hertha zwei Drittel des Spiels träge und dröge dahinfummelte. Der Vfl Wolfsburg hatte mehr Schärfe, ließ das Match aber auch irgendwie an sich vorbeiziehen. Schon in der ersten Minute gab es eine Fehlerkombination, die für das Folgende typisch war: Balleroberung auf rechts, Ball zurück zu Simunic, der direkt zu Kacar, dem der Pass misslingt. Wolfsburg dazwischen, Simunic starrt auf den Ball und lässt Grafite ins Loch laufen, Drobny rettet. Der anschließende Eckball brachte etwas ein, den Wolfsburger Führungstreffer durch Costa nämlich. Diesem Rückstand lief Hertha eine Stunde lang mäßig engagiert hinterher. Pantelic, Ebert, Kacar und Voronin waren bemüht. Simunic und Friedrich wirkten steif und ließen auch geistig jeden Anspruch auf Führungsspiel vermissen. Der Kapitän schaltete sich nach vorn immer wieder ein, einige Kombinationen mit Ebert funktionierten sogar, aber nach einem Antritt von zwanzig Metern war Friedrich dann schon zu erschöpft, um noch eine Flanke hinzukriegen. In der Pause muss der Coach etwas angesprochen haben, denn zumindest der aufreizend passive Cicero nahm dann mehr Verantwortung wahr, damit blieb Raffael auf dem linken Flügel der schlimmste Faulpelz auf dem Feld. Im Interview mit der SZ sagt Favre, dass Zweikämpfe in Deutschland überschätzt werden. "Aber wenn du spürst, wohin das Spiel sich verschieben wird, dann brauchst du nicht viele Zweikämpfe. Du brauchst einen Zweikampf - und der Ball ist da." Dieses Ideal blockiert derzeit die Hertha, und keiner verkörpert es so verkehrt wie Raffael, der häufiger mit Spüren im freien Raum beschäftigt ist, als mit Arbeit um den Ball. Es ist kein Zufall, dass Neuzugang Voronin, der das Ethos der Premier League kennt, mit seinem Aufwand wesentlich zum Umschwung beitrug. Er holte sich die Bälle auch dort noch, wo Raffael schon längst mit dem Erspüren einer künftigen Situation abgelenkt war, die meistens mangels Ballbesitz nicht kam. So kam es, dass Pantelic in der 85. Minute in die Lage kam, von halbrechts eine gefühlvolle Flanke in den Fünfmeterraum zu drehen, die Cicero per Kopf verwertete. Schon der Ausgleichtreffer nach Freistoß von Ebert war durch Kacar per Kopf gefallen. Dazwischen hatte Pantelic noch einen Elfmeter verschossen, für den eigentlich Cicero zuständig gewesen wäre. Die Szene war nicht entscheidend, es sollte aber jetzt doch klar sein, dass Pante das nicht kann. In der vorletzten Minute lief Steve von Bergen sich vor dem eigenen Sechzehner zwischen vier Wolfsburgern fest, die Kollegen sahen seinem Ungemach wie neugierige Passanten einem Handtaschenraub zu und ließen ihn auch dann noch allein, als er dem Dieb nachlief. Riether schoss den Ausgleich, zwei Punkte waren futsch. Für Voronin, der eine Verstärkung darstellt, hatten die Zuschauer schon einen Slogan parat: "Hubschraubereinsatz", riefen sie, wenn er am Ball war. Sein Zopf mag rotieren, wichtiger ist sein Aktionsradius, der dazu führt, dass er auch Zweikämpfe auf Vorrat führt. Die Hertha insgesamt aber hält es zu sehr mit einem Trainer, der sie dazu verführt, Fußball einseitig auf Spielintelligenz aufzubauen. Das Missverständnis wird sich spätestens nach dem siebten oder achten Remis klären, das eine gespürte Niederlage ist.

Donnerstag, September 11, 2008

Länderspiele

Heute kehren aus allen Himmelsrichtungen die Fußballprofis zu ihren Arbeitgebern zurück, viel Zeit für Training bleibt nicht mehr vor den Vereinsspielen am Wochenende. Das Ländermatch, das mich gestern am meisten interessiert hat, war Kroatien gegen England. Das hat einerseits mit meiner sentimentalen Zuneigung zum englischen Nationalteam zu tun, die in die Tage von John Barnes, Glenn Hoddle und Chris Waddle zurückreicht und sich nun an Theo Walcott und Joe Cole inspiriert, andererseits ist Kroatien sehr herthanisch geprägt durch meinen Intimfeind Niko Kovac und durch Josip Simunic, den sensiblen Innenverteidiger. Kroatien war immer ein Angstgegner der Engländer, gestern aber setzte es ein 4:1 mit drei Toren von Theo Walcott und einem von Wayne Rooney. Simunic hätte nach Berichten der englischen Tageszeitungen eigentlich gelb-rot sehen müssen, Robert Kovac wurde nach einem Ellbogen-Check gegen Joe Cole vom Platz gestellt. Walcott wird inspiriert zu Arsenal zurückkehren und hoffentlich die Präzision in der Verwertung von Chancen nicht gleich wieder ablegen. Simunic aber wird (mental) ein wenig angeschlagen nach Berlin zurückkehren, könnte gut sein, dass wir gegen Wolfsburg wieder Kaká und von Bergen sehen, die sich direkt für das Bayern-Match rehabilitieren sollen.

Montag, September 08, 2008

Südafrika

Am Wochenende begann der Marathon der Nationalteams zur WM 2010 in Südafrika. Deutschland gab sich in Liechtenstein keine Blöße, beim 6:0 war kein Herthaner dabei. England besiegte Andorra mit 2:0, wusste aber wieder einmal nicht zu überzeugen. Theo Walcott vom Arsenal FC wurde positiv hervorgehoben. Österreich schlug Frankreich in Wien mit 3:1, dieses Match hätte ich gern gesehen, zumal Gallas und Sagna in der Defensive der Bleus tätig waren. In den einschlägigen Foren wird dieser Sieg als Überwindung von Cordoba gesehen. Damals schlugen die Österreicher die Deutschen in einem für sie selbst bedeutungslosen Match, dieses Mal ging es um viel - es gibt nun eine offene Gruppe und einen wankenden Favoriten. Von Raymond Domenech halte ich gar nichts, warum er der Trainer der französischen Nationalmannschaft sein kann, verschließt sich mir. Star der Österreicher ist Marc Janko von Red Bull Salzburg, eine Mannschaft, die uns in den nächsten Tagen hier noch interessieren wird, wenn sich die Causa Manchester City weiterentwickelt. Ich habe das öde Nationalwochenende mit einem Brummschädel und dem Studium des Hertha-Matches von letzter Woche zugebracht: Auf Hertha TV wird es in voller Länge und mit einem bemerkenswert seelenlosen Kommentar angeboten. Es war schon ganz erstaunlich, noch einmal in aller Ruhe zu sehen, wie wenig umkämpft dieses Spiel war, wie schwach die Bayern sein konnten, ohne deswegen die Spielkontrolle zu verlieren. Am Donnerstag kommen viele Herthaner von ihren Heimateinsätzen zurück, dann beginnt die Saison noch einmal von vorn. Mit vier Punkten im Mittelfeld, und die Tordifferenz ist schon wieder negativ.

Donnerstag, September 04, 2008

Muskel

In der Serie "The Wire", die wir gerade intensiv schauen, ist immer wieder von "muscle" die Rede. Wer "Muskel" hat, kann sein Revier behaupten, eine Straßenecke oder einen Sozialwohnbau im Drogenhandel von Baltimore. Heute findet der Begriff "muscle" auch Eingang in die Sportberichterstattung. Mit der Übernahme von Manchester City durch die Abu Dhabi United Group for Investment and Develoment ist dem Club plötzlich ein so großer Muskel gewachsen, dass die ganze Premier League nervös wird. Besonders nervös sind die Fans und wohl auch die Verantwortlichen von Liverpool. Die "Reds" gehören derzeit zwei amerikanischen Investoren, Tom Hicks und George Gillett, die stark unter der globalen Finanzkrise leiden. Schon lange wird deswegen mit DIC, einer anderen Investmentgesellschaft aus Abu Dhabi, über eine Übernahme verhandelt. Die Fans - namentlich die Vereinigung Spirit of Shankly - haben deswegen jetzt einen ungewöhnlichen Schritt angekündigt: Sie wollen allesamt ihre Konten bei der Royal Bank of Scotland kündigen, wenn diese den amerikanischen Investoren, die dem Club bisher vor allem Schuldendienst eingetragen haben, weiterhin Kredit geben. Die Liverpool-Fans sagen damit: Wir wollen auch einem arabischen Staatsfonds gehören! Vor allem aber wollen wir ein neues Stadion! Tatsächlich wurde der Neubau eines Stadions für den Liverpool FC wegen der prekären Wirtschaftslage vorerst verschoben. Liverpool zahlt derzeit 30 Millionen Pfund pro Jahr an Schulden für Hicks/Gillett zurück, das ist ungefähr die Hälfte des Jahresbudgets von Hertha und dabei ein rein negativer Betrag, dem keine Investitition in den Spielbetrieb gegenübersteht. 30 Millionen Pfund Tribut an den Kapitalismus. Die Dame im Bild heißt übrigens Amanda Staveley, sie ist laut einem Bericht des "Independent" die Figur, die bei allen Deals mit Abu Dhabi die Fäden zieht. Vielleicht sollte Dieter Hoeneß einmal mit ihre Golf spielen. Sie interessiert sich allerdings mehr für Rennpferde. Eine Currywurst in Hoppegarten könnte Wunder wirken.

Mittwoch, September 03, 2008

Rapunzel

Ich muss gestehen, ich bin immer noch ein wenig geschockt von dem Bild, das Hertha am Sonntag in München abgegeben hat. Jetzt versuche ich, mir klarzuwerden, was von meinem Eindruck der aggressiven Atmosphäre in der Arena geschuldet ist, aber es hilft nichts: das war heillos. Jetzt sind viele Spieler bei den Nationalteams, gearbeitet wird erst wieder in zehn Tagen. Zeit also, um noch ein paar Sachen zum Transferfenster nachzutragen. Arsenal hat anscheinend den Markt am Montag doch nicht so souverän ignoriert, wie ich kurzfristig dachte, sondern (zu) spät noch für Xabi Alonso vom FC Liverpool geboten. Die Sache ging schief, jetzt schlägt Arsène Wenger aus den Blogs eine Welle des Unmuts entgegen, die er sicher nicht ganz ignorieren kann. Arsenal wird allgemein zu den Verlierern dieses Sommers gerechnet, und es scheint wie ein hilfloser Versuch zur Beruhigung, wenn auf der Webseite die Passkünste von Eboué hervorgehoben werden - auch ich halte ihn für einen ungenügenden Mittelfeldspieler, muss mich nun aber eines Besseren belehren lassen. Der größte individuelle Verlierer ist - aus der Perspektive eines Hertha-Blogs - Kevin-Prince Boateng, der bei Tottenham festsitzt, weit entfernt von der ersten Mannschaft. In der Rangliste meiner Fantasy-Football-Meisterschaft ist er der fünftwertloseste Spieler der Premier League, knapp hinter einem gewissen Felipe Caicedo von Manchester City, den Hertha am Montag zu einer medizinischen Untersuchung eingeflogen hatte, der dann aber nicht verpflichtet wurde, weil Voronin, die männliche Rapunzel, kommt.

Dienstag, September 02, 2008

Deadline

Gestern um Mitternacht war Deadline für die Transfers dieses Sommers. Hertha hat im letzten Moment noch Andrej Voronin vom Liverpool FC für ein Jahr ohne Option entliehen. Arsenal FC hat gar nichts getan - die Frist ist verstrichen, heute rumort es in den einschlägigen Foren gewaltig. Zu Voronin: Seine Frisur hat mich immer so gestört, dass ich mich jetzt auch nicht wirklich über ihn freuen kann. Klingt blöd, ist aber so. Prinzipiell ist das aber genau die Art Transfer (obwohl es gar keiner ist), der ich immer das Wort rede: Wenn die Bundesliga es schafft, aus der Premier League den einen oder anderen Spieler (zurück) zu holen, der dort nicht ganz die Qualität für das erste Team hat, kann sie nur profitieren. Ich hätte mich über Jermaine Pennant mehr gefreut, nun haben wir Voronin, damit Chermiti sich in aller Ruhe auskurieren und dann an die Mannschaft heranarbeiten kann, während Domovchyiski schon die Rute im Fenster stehen hat. Zudem bekommt Pantelic, dessen Langhaar ich ungleich weniger anstößig finde, ein Kaliber neben (vor?) die eigenen Vertragshoffnungen gesetzt, das dem Serben hoffentlich nicht die Laune nimmt. Er ist unsere einzige verläßliche Kraft in dieser jungen Saison. Voronin wird Virilität in eine Mannschaft bringen, der es an Körper mangelt. Die taktische Konfusion wird sich eher verstärken - Raffael hat jetzt erst recht keinen Platz, und Coach Favre wird wieder solange die Ketten verschieben, bis er irgendwo drin ist. Alles eine große Bastelstube. Arsène Wenger hat geruht, den Spielermarkt souverän zu ignorieren. Er hat - an einem Tag, an dem Manchester City von einem sehr flüssigen Investor aus Abu Dhabi übernommen wurde und es gleich noch geschafft hat, Robinho zu sich umzuleiten und den Preis, den MeanU für Berbatov entrichten musste, irrational zu erhöhen - gar nichts getan. Konkret ist nun immer noch die Position im Mittelfeld neben Fabregas vakant. Flamini hat dort gespielt, jetzt sind die Kandidaten: Denilson, Abou Diaby, Eboué, Song, Ramsey. Wenger erinnert sich vermutlich daran, dass Flamini vor der letzten Saison auch einen ähnlichen Status hatte wie die genannten Jungs. Hätte er dieses Mal eingekauft, würden wir nie erfahren, ob da nicht tatsächlich ein Supertalent kurz vor dem Durchbruch steht. Wollen wir es wissen? Ich schon.

Montag, September 01, 2008

Dreierketten

Eigentlich war ich gestern optimistisch, als die Mannschaft zum Aufwärmen aus den Schlunden der Allianzarena kam. Ich sah Pisczcek, ich sah Ebert, dazu Kacar und Cicero, Raffael und Pantelic, ich rechnete mit einem 4-4-2, bei dem Pisczcek über links und Ebert über rechts kommen sollte, hinten eine Viererkette mit Kaká und von Bergen im Zentrum, Friedrich rechts, Stein links. Das wäre eine Grundformation, ich hätte eine andere mit Lustenberger und ohne Pisczcek gewählt. Dann begann das Spiel, ich rieb mir die Augen und suchte Pisczek. Ich fand ihn rechts in einem sehr flachen Vierermittelfeld, ein wenig vor Friedrich und hinter Ebert, verloren in einem Raum, den die Bayern sofort als den ihren erkannten. Der lernwillige junge Pole, dem Favre viel zutraut, war gestern von Beginn an katastrophal, er musste allerdings eine ganze Stunde spielen, er musste die seltsame Taktik von Coach Favre ausbaden, lief apathisch herum und verschuldete schließlich mehr oder weniger im Alleingang das 0-2 durch Philipp Lahm. Damit war die Sache gelaufen, weil der Rest der Mannschaft (ich nehme Lustenberger und Pantelic und teilweise Kacar aus) keinen Mumm, keinen Willen, keinen Körper zeigte, sondern nur ein wenig Technik. Cicero versuchte selbst dann noch sein feines Passspiel aufzuziehen, als dieses ihm schon mehrmals um die Ohren geflogen war. Nie war er größer als gestern, der blinde Fleck der Hertha, der natürlich der blinde Fleck ihres Trainers ist: Er glaubt, es ließe sich fast alles durch Technik und Taktik lösen. Wie soll das aber gehen mit einem Faulpelz wie Raffael oder einem Filigran wie Cicero? Ich liebe beide, ich wünschte, sie wären komplette Fußballer, mit einer Physis und einer Einstellung, die ihrer Begabung nicht so weit nachsteht. Die Bayern spielten auch mit einer Dreierkette gestern, und Gladbach überrumpelte Bremen am Samstag mit einer Dreierkette. Das war also eines der Themen des Spieltags. Ich wäre aber eher dafür, dass Coach Favre einmal eine Grundformation einstudiert und der Mannschaft Konstanz beibringt, bevor er sie mit taktischen Ideen überfordert. Ich war live dabei, es war schrecklich, ich sehe schwarz.

Raumschiff

Zurück aus München. Es war ein Reinfall. Das Raumschiff liegt super in der Landschaft, ich wurde auch reingelassen, abgehoben hat es aber ohne mich und die Hertha (zum Spiel mehr in einem eigenen Post).
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Wir hatten teure Karten, saßen eineinhalb Stunden frontal in der prallen Sonne, konnten von der ersten Halbzeit dadurch wenig sehen, erst dann kam der Schatten. Spät nachts haben wir dann in einer Sportbar am Bahnhof, in der Mike Tyson und Muhammad Ali auch schon einmal waren, noch La Coruna gegen Real gesehen, nun schon ziemlich erschöpft und ausgedörrt von diesem Sonnen-, Beton- und Stahlbad. Die Hertha-Fans kamen in der Arena überhaupt nicht zur Geltung, sie waren in eine Enklave hoch oben unter dem Dach verbannt, allzu viele waren auch gar nicht da. Die Bayern halten sich mit martialischen Inszenierungen zurück (wie ich sie zum Beispiel in Wolfsburg gesehen haben), sie spielen ein waberndes, elektronisches Dröhnen ein während der letzten Minuten vor dem Spiel, ansonsten dominiert der Hauptsponsor T-Home den Ablauf (in der Pause gibt es eine Art Talk Show). Für die traditionellen Fans gibt es hinter dem Tor einen Stehplatzbereich, der in der leeren Arena (wir blieben nach Abpfiff noch eine Weile) an andere Zeiten erinnert. Simon sprach von einem Zitat, und genau so ist es: die Allianz-Arena zitiert das Maracana-Stadion. Wenn man dann an einem spätsommerlichen Abend wie gestern hinausgeht und sich zur Stadt wendet, kommt der beste Moment: für ein paar hundert Meter Fußweg ist man in einer Zone, die überall sein könnte - am Horizont sind ein paar Hochhäuser zu sehen, dazu Autobahnen, Kraftwerke, Kläranlagen, alles, nur nicht das barocke München, von dem man in Fröttmaning nichts ahnen muss. Deswegen wohl die Rede vom Raumschiff. Wir nahmen den Zug nach Hause.