Sonntag, November 27, 2005

Heroisches Trio


Wir müssen ein lustiges Bild abgegeben haben heute vor dem Fernseher: links Christian, Gladbach-Fan, rechts ich, Hertha-Fan, zwischen uns Simon, Bayern-Fan, und damit zu der Höflichkeit dessen verurteilt, der auch an den Anstrengungen von "lesser teams" etwas interessant finden muß. Ich war nicht im Stadion, weil A. heute noch einmal nach Hamburg mußte. Das 2:2 gegen Gladbach war am Ende natürlich sowohl für Christian wie für mich unbefriedigend. Zwischendurch, als die Hertha schon schwer drängte und Gladbach das frühe 2:0 nur mehr mit Mühe hielt, wurde uns klar: Für eine der beiden Mannschaften könnte dies heute ein heroischer, folgenreicher Abend werden - es sei denn, das Match geht remis aus. So ist es das Ergebnis geworden, das zur Tabellensituation paßt. Die Hertha bleibt auf dem fünften Platz, hat Tuchfühlung aber eher nach unten als nach oben. Unbefriedigend war das Match auch deswegen, weil eine Angelegenheit, die ich gerne als Alternative behandelt hätte, nun anders aussieht: Kovac und Boateng schliessen einander nur für mich aus, nicht aber für den Trainer, der auf Fathi verzichtete und eine sehr offensive Variante mit fünf Mann im Mittelfeld und zwei Angreifern wählte. Boateng zeigte für meine Begriffe ein sehr gutes Spiel, vielleicht mit der Einschränkung, daß er einige Bälle verlor. Kovac aber war anscheinend der zweikampfstärkste Mann (bei einem grimmigeren Scheidsrichter wäre er aber auch keine 86 Minuten auf dem Platz gewesen), und er holte den Freistoß von links heraus, den er dann per Kopf zum Ausgleich verwertete.








Er kann sich also wieder breit machen in der Mannschaftshierarchie. Schalke hat aufgeschlossen nach vorne, Hertha hat abgeschlossen mit den Meisterträumen. Sie könnte nun in Ruhe einfach Punkte sammeln, so wie im Vorjahr. Gegen Genua am Mittwoch könnte eigentlich die gleiche Mannschaft wie heute auflaufen, mit Fathi anstelle von Pantelic, der ja international nicht darf und wahrscheinlich auch nicht treffen würde, weil er sich doch sehr viele Bälle auf den rechten Außenrist legen muß. Er und Marcelo sind derzeit unsere Sorgenkinder. Morgen ist Mitgliederversammlung im ICC. Volker, mein Partner in Hertha, und ich sind nicht dabei, weil wir nicht Mitglieder sind. Wir werden aber eintreten. Haben wir beim Spiel gegen Lens beschlossen. Als antizyklisches Investment. Zum Auswärtsspiel gegen Gladbach nächstes Frühjahr werde ich mit Christian hinfahren, wenn es irgendwie geht, und wenn Simon mitkommen will, dann reisen wir als heroisches Trio.

Samstag, November 26, 2005

Fußball wie noch nie


Zur Erinnerung an George Best, der auch ein Filmstar war:
"Fußball wie noch nie" von Hellmuth Costard (BRD 1970).

Freitag, November 25, 2005

Froschmäusekrieg

Es war empfindlich kalt gestern im Olympiastadion. Der Oberring war gesperrt, dadurch kamen Volker und ich auf zwei "Comfort Seats" auf dem Unterring zu sitzen, lächerlich enge Sitzgelegenheiten in einem Sektor, in dem das Publikum recht teilnahmslos dem Spiel zuschaut. 18.000 waren gekommen, um die Hertha gegen den RC Lens aus Frankreich zu sehen. Wir sahen eine indiskutable Leistung, die am Ende nicht einmal ein richtiges Pfeifkonzert provozierte. Zwei Läufe von Arne Friedrich in den ersten Minuten waren die einzige Ausbeute, dann vergaß die Mannschaft diese Option und begann mit ihrem üblichen Kleinklein, wobei Ellery Cairo auf der linken Seite fehlbesetzt war. Dardai und Kovac in der Zentrale machten Dienst nach vager Vorschrift, und Nando Rafael blieb so wirkungslos, wie wir es inzwischen gewohnt sind. Die Aufstellung war ein übler Kompromiß aus der finanziellen Not: Wichniarek, der gestern auf jeden Fall eine Option gewesen wäre, sitzt inzwischen nicht einmal mehr auf der Bank. Man will ihn anscheinend unter allen Umständen zu Neujahr von der Gehaltsliste haben. Bastürk war ein Schatten seiner selbst, dass er auch Pfiffe bekam, empfand ich aber als unfair. An vielen Stellen hörten wir das Stadion richtiggehend stöhnen angesichts der Stümpereien der Hertha, des Ballgeschiebes, der Alibiaktionen. Dass hinterher sich wieder Niko Kovac in die Rolle des Führungsspielers begab, indem er sich zum Interview meldete, verstärkt nur meine Abneigung gegen ihn: Er hat einfach begriffen, dass man sich in einer lahmen Mannschaft mit geraden Sätzen weiter bringen kann als mit schnellem Spiel. Er hat sich in die Grundaufstellung zurückgeäussert. Im Moment zerren viele Kräfte an der Hertha, die meisten davon sind negativ, und niemand stemmt sich dagegen als der Rhetor Niko Kovac mit dem Worten: "RC Lens ist keine Mäusetruppe."

Mittwoch, November 23, 2005

Zahlenwerk

Auf der Seite www.transfermarkt.de ist der Wert des Kaders von Hertha BSC mit 71 Millionen Euro beziffert. Wie relativ diese Zahlen sind, habe ich angedeutet (dabei aber Gilberto vergessen, der neben Bastürk noch am ehesten Geld bringen könnte, wenn es an die Veräußerung von Spielern gehen würde). Zu diesem Äußersten wird es aber wohl niemand kommen lassen. In Wahrheit geht es doch darum, die Schulden in eine Form zu bekommen, die bedienbar ist und eine nachhaltige Entwicklung erlaubt. Bei den Vertragsverhandlungen für nach 2006 hat das Management da jede Möglichkeit. Die Niederlage gegen das junge Team von Dortmund kann da durchaus als Fingerzeig dienen. Der "alte" BVB hat in einem Jahr übrigens noch an die 80 Millionen Euro Verlust gemacht, und auch der HSV hat zum Beispiel auf der Mitgliederversammlung dieser Tage kräftige Miese bilanziert (über 21 Millionen Euro). Dort plant man für die Zukunft mit Personalkosten von 40 Millionen Euro pro Jahr. Legitimiert wird das nur durch Doll und Tore. Die Hertha hat diese Saison mit dem zweithöchsten Etat der Liga begonnen, hat aber operativ kaum Geld. Diesen Widerspruch agiert die Mannschaft oft auf dem Feld aus: Sie fühlt sich wie der Thronanwärter, dessen Dynastie während der Wartezeit verarmt. Sie spielt häufig, als wäre sie gekränkt. Die Karte für das Uefacup-Spiel gegen Lens, zu dem ich morgen gehen werde, hat 19 Euro gekostet. Mehr kann ich im Moment nicht tun.

Dienstag, November 22, 2005

Vor dem Pfandhaus

Weil A. am Sonntagabend nach Hamburg fahren mußte, war ich allein daheim und sah mir zufällig den Sportplatz auf RBB an, die Sendung, die in der Stadt derzeit Wellen schlägt. Dort war erstmals davon die Rede, daß Hertha die Septemberprämien der Spieler zu spät überwiesen hat. Der Aufsichtsratsvorsitzende Scholz wiegelte in der Manier eines Geschäftsführers alle Fragen nach der Liquidität des Vereins ab. Interessant war dabei, dass er die Transferrechte der Spieler als Sicherheiten gegenüber den Banken nannte. Nun hat der Kader tatsächlich einen kalkulierbaren Wert, für jeden Spieler wird eine Summe veranschlagt, für die er zu haben wäre im Fall eines Herauskaufs aus einem laufenden Vertrag. Tatsächlich sieht sie Sache jedoch so aus, daß Hertha auf dem Transfermarkt kaum einmal Erlöse erzielt. Man kann die Namen ja ganz einfach durchgehen, und wird sehen, daß ein großer Teil der Spieler de facto unverkäuflich ist. Marcelinho, der nominell den höchsten Wert hat, hat in den Jahren bei der Hertha kein einziges seriöses Angebot erhalten. Arne Friedrich, der Kapitän, spielt für einen Wechsel ins Ausland zu durchschnittlich, und wird auch bei der Ligakonkurrenz nicht gebraucht. Bastürk und Simunic sind noch am ehesten in der Kategorie der Attraktiven, aber der Vertrag von Simunic läuft aus, er kann ohne Ablöse wechseln, und Yildiray sucht derzeit auch eher nach seiner Form als nach einem neuen Engagement. Fiedler, van Burik, Kovac, Schröder, Marx, Wichniarek, Dardai, selbst Pantelic, fallen unter Erdnüsse, was ihren Vermittlungswert anlangt. Bleibt also nur die Hoffnung, daß die Aktien von Nando Rafael oder Malik Fathi steigen - das tun sie auch, aber auch auf ihren jeweiligen Positionen und in ihrem Alter gibt es in Deutschland, nicht zu reden international, bessere Spieler. Die Generation Boateng ist zu jung, um schon belehnbar zu sein. So steckt die Hertha also in einem "tight spot". Vermutlich hat das Management zuletzt gegenüber der Stadt Berlin die Sache ein wenig dramatisiert, hat von Insolvenzgefahr gesprochen, um aus den Verbindlichkeiten für das Stadion hinauszukommen. Das wendet sich nun gegen den Verein, denn die Politiker müssen sich für den Stadion-Deal rechtfertigen, und greifen zu denselben Worten, die aus ihrem Mund nun nicht mehr de facto Erpressung, sondern ein Warnsignal sind. Ein kleines Detail, das auch für die enge Situation in diesen Wochen spricht: Schon jetzt werden Karten für alle Heimspiele der Rückrunde angeboten.

Sonntag, November 20, 2005

Der Pantelic-Effekt








Das 0:2 gegen Dortmund im Westfalen-Stadion war eine nahezu identische Kopie der ebenfalls lupenreinen und unspektakulären Niederlage vor ein paar Monaten am selben Ort. Irgendwie hat die Hertha ohne grosses Engagement das Spiel gemacht, und der Gegner die Tore. Ich hoffe nur, daß der Coach jetzt nicht die falschen Schlüsse zieht und aufgrund der schlechten Leistung von Nando Rafael auf das alte 4-5-1 umstellt, also auf die "Kontermannschaft" Hertha, auf die doch niemand mehr hereinfällt. Pantelic, der auswärts keine Tore schiesst, wird für mich immer deutlicher zum Typ dieses Teams. Er hat die Temperamente im kreativen Mittelfeld auf eine prekäre Weise zugespitzt, weil er als Stürmer bevorzugt den Weg durch das Nadelöhr sucht. Er ist auch der Erfinder der Hacken-Hertha. Marcelinho und Bastürk machen das gern mit, die Gegner sind aber nicht immer so desparat wie der FCK vor zwei Wochen, und wenn sie ein wenig Grips haben, dann nehmen sie Pantelic einfach den Ball vom Fuss. Gestern war jedenfalls auffällig, wie patzig die Hertha bei ihrem nutzlosen "Kreativspiel" blieb, ohne aber Druck zu machen.
Ich war nur einmal positiv überrascht, in dem Moment nämlich, als der Coach die fällige Auswechslung von Dardai vornahm, dann aber nicht Kovac brachte, sondern Boateng, der auch eine gute halbe Stunde zeigte. Ich setze grosse Hoffnungen auf ihn. Daß die Innenverteidigung neu aufgestellt werden muss, kann inzwischen niemand mehr übersehen. Simunic merkt man deutlich an, daß ihn die Vertragsverhandlungen belasten - er spielt fahrig, bekommt in jedem Match eine berechtigte gelbe Karte (gegen die er immer lautstark protestiert), und zeigt sich selten so souverän, wie er es von seinem Talent her eigentlich sein könnte. Hertha will unbedingt mit ihm verlängern. Sie sollte ihm vor der Unterschrift aber nicht nur den Hof machen, sondern ihm auch deutlich machen, daß ihn von grossen, auch offensiv produktiven Innenverteidigern eine Menge unterscheidet. Der Vertrag von van Burik läuft Ende des Jahres aus, wie auch der von Niko Kovac. Damit ergibt sich eine prächtige Gelegenheit, das zentrale hintere Dreieck neu aufzustellen. Dick van Burik ist ein sympathischer Typ, der häufig einen Blödsinn spielt und hinterher als "Führungsspieler" auch brav die Verantwortung dafür übernimmt. Seine Autorität im Team erwirbt er jedenfalls nicht auf dem Feld.

Dienstag, November 15, 2005

Breite Brust


Den Berliner Tabloids entnehme ich, dass sich drei Global Players als Trikotsponsoren für Hertha BSC beworben haben: Hyundai, Emirates und O2 wollen dorthin, wo Arcor anscheinend nicht mehr erscheinen will, auf die Vorderseite der blauen Shirts nämlich, die unser Team in diesem Jahr besonders häufig trägt. Was die B.Z. da aus den internationalen Chefetagen so mitbekommt, ist wohl auch das Wunschdenken aus Westberlin: im internationalen Fernsehen mit einer Marke assoziiert zu werden, die über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist. Die Fluglinie Emirates hat sich zum Beispiel auch die Namensrechte am neuen Arsenal-Stadion gesichert. Angeblich kann man bald schon von Tegel nach Dubai fliegen. Dort findet übrigens dieser Tage eine Konferenz namens Soccerex statt, bei der es um die weltweite Vermarktung des Spiels geht - aus Deutschland ist kein Club akkreditiert. Die Herren auf dem Bild oben sind Tim Clark von Emirates und Ken Bates, der Präsident von Chelsea, bei der Ratifizierung einer wunderbaren Freundschaft. Vielleicht steht ja Dieter Hoeneß auch bald neben einer Stewardess. Davon träumt zumindest die B.Z. Ich hoffe nur, daß am Ende nicht Air Berlin statt Fly Emirates auf den Trikots steht.

Sonntag, November 06, 2005

Versäumte Gelegenheit














Das 3:0 gegen Kaiserslautern gestern geht in Ordnung, war aber keine Glanzleistung. Zu schwach der Gegner, zu lethargisch nach jeweils toller Startphase die Hertha. Zweimal zwanzig Minuten Tempo haben genügt, um den desolaten FCK klar zu besiegen. Die drei Tore immerhin waren speziell: Marcelinho, Rafael und Pantelic spielen sehr gut zusammen. Die beiden Stürmer haben eine bemerkenswerten Antritt, vor allem Rafael kann inzwischen mit dem Ball am Fuß ein Tempo vorlegen, das ich ihn gegen Wörns in zwei Wochen wieder zeigen lassen würde. Ich fürchte nur, daß Coach Götz dann wieder Kovac neben Dardai auf die Wiese schickt, und Pante allein vorne arbeiten muß. Da gab es nämlich auch noch die andere Seite der Hertha gestern, die Schonzeit nach der getanen Arbeit, die insgesamt 45 Minuten des Spiels angehalten hat, von der 25. bis zur 45. und von der 65. bis zur 90. Minute. In diesen Phasen wurde es verschlafen, ein wenig Stimmung und Tordifferenz zu machen. Und Auslaufmodell Kovac bekam noch die Gelegenheit, einige unserer Spielzüge im Ansatz zu unterbrechen. Ich habe auch so einen Verdacht, warum die Hertha es selten für nötig hält, nach einer Führung nachzusetzen: Es hängt mit dem Bayern-Mißverständnis zusammen, das sie immer wieder formulieren - vom großen Vorbild glauben sie zu lernen, daß effiziente Siege besser sind als stürmische, und daß Leidenschaft irgendwie unmeisterlich ist. Weil der Manager und der Coach sich das auch so ähnlich denken, die Hertha aber nicht Bayern ist (und die Bayern bei Gelegenheit ja auch anders spielen), kommt oft ein Stiefel heraus. Gestern waren wir mit einer starken Kreuzberger Delegation im Stadion. Christian mit Tochter und Thomas mit Sohn saßen im Langnese-Familienblock, ich auf meinem Stammplatz auf der anderen Seite. Die Hertha hätte gestern auch die Chance gehabt, einen Gladbacher und einen Schalker zumindest im Ansatz in ihrer Gewißheit als langjährige Fans zu verunsichern. So gut hat sie dann aber doch nicht gespielt. Insofern war das Match eine versäumte Gelegenheit. Die Kinder, die schon in Berlin geboren sind, wissen von den alten Vorurteilen gegen den Verein nichts, sie brauchen keinen Christian Ulmen, um Hertha lieben zu lernen (obwohl der seine Kolumne gut macht) - sie sehen die Tore und wollen mehr davon!