Mittwoch, Juni 15, 2005

Fernsehen nach der Zeitlupe: Mexiko

Stefan, ein Freund, war unlängst in Mexiko und hat dort auch Fußball im Fernsehen geschaut. Weil mich immer interessiert, wie das Spiel in anderen Ländern inszeniert wird, habe ich ihn um einen kleinen Bericht gebeten, den er prompt geliefert hat:

"Zum Standardrepertoire gehören Helikopter-Einstellungen, die das gesamte Spielfeld zeigen (und als solche Einstellungen auch stolz gekennzeichnet werden, mit dem Zusatz: ‚en vivo’).
- Wiederholungen und Zeitlupen zu besonderen Situationen – Tor, Abseitsentscheidung, erkanntes oder nicht geahndetes Foulspiel etc. – werden extrem zeitnah zur Verfügung gestellt. Die Variabilität der unterschiedlichen Kamerapositionen ist verblüffend; regelmäßig kommen Detailausschnitte zum Einsatz, die nur die Beine der Spieler, aber nicht mehr ihre Köpfe zeigen. Solches Bildmaterial bekommen deutsche Fernsehzuschauer bestenfalls nachgeliefert. In der Bundesliga-Berichterstattung gab es schon lange vor dem Einzug der Privatsender die Arbeitsteilung zwischen der Sportschau am frühen und dem Sportstudio am späten Abend: um sechs die Fakten, um zehn die Analyse – wie konnte das geschehen? Die Mikroform dessen, was Costard in seinem George Best-Film ,Fußball wie noch nie' gemacht hat, solche Detailausschnitte von unter besonderer Beobachtung stehenden Spielern, die gab und gibt es im deutschen Fernsehen erst in der Nachlese der Nachlese. Soviel Zeit braucht man hierzulande, um über Fußball nachzudenken. In den mexikanischen Live-Übertragungen erhält man ein Bild davon, um wie vieles rascher dieses Denken sein kann: Die, die hier die Übertragungstechnik konzipieren und bedienen, verstehen soviel von der Sache, dass sie das Spiel in jedem beliebigen Moment anhalten und erklären können. Indem sie mit ihren Instrumenten das Spiel mitspielen, produzieren sie synchron seine Analyse. Hier wird nicht nachgedacht, hier wird mitgedacht.
- Kleine, flinke Werbe-Animationen ziehen sich durch die gesamte Spielzeit. Die Bildregie ist sehr sensibel für Spielunterbrechungen, die sie rasch nutzt, manchmal regelgerecht antizipiert. Oft schneidet sie in solchen Augenblicken auf Einstellungen von den Zuschauern. Die fungieren dann als bewegter Hintergrund für die etwas zahlungskräftigeren Werbekunden. Wer weniger Geld ausgeben will, der muss sich mit einem kurzen Trick am unteren Bildrand begnügen. Die Werbung darf generell immer nur Teil des Bildes bleiben, also niemals das ganze Bild für sich beanspruchen. Eine Entdeckung war die Werbung mit dem Freistoß-Kreis: die Graphik, die den regelkonformen Abstand zwischen Ball und Verteidigermauer beschreibt, indem sie einen Kreis in das Live-Bild malt, die wurde hier gelegentlich dazu genutzt, innerhalb der runden Fläche ein Firmenlogo herumwirbeln zu lassen: der stumme Auftritt einer Marke im virtuellen Scheinwerfer-Kegel unserer gelenkten Aufmerksamkeit. Ich fand das eher überraschend als aufdringlich. Gemessen am technischen Aufwand und daran, was üblicherweise für ein Rummel veranstaltet wird um Reklamemaßnahmen, kam es mir so vor, als müsse man hier von einer erstaunlich großen Dezenz des Einsatzes von Werbung sprechen, in allen ihren Erscheinungsformen.
- Es ist auch sonst viel Graphik los: Eingriffe wie im American Football, wo handgemalt die Zone eingekreist wird, in der das jeweils angesprochene Mikro-Ereignis erneut stattfindet: replay, mit geführtem Blick. Auch die Detailvergrößerung innerhalb des üblichen Bildausschnitts, eigentlich eine klassische Lupe, soz. eine Raum-Lupe, findet häufig Anwendung – und hat in meiner kurzen Zuschauerpraxis in Mexiko immer einen Gewinn an Erkenntnis oder Gewissheit geliefert. Sinnvoller Medieneinsatz.
- Verspielter geht es bei einem Gimmick zu, den ich noch nirgendwo anders gesehen habe: in der Wiederholung werden Ball und Ball führender Spiele von zwei verschiedenfarbigen Strichellinien verfolgt. Weil ich in letzter Zeit häufiger über Möglichkeiten der graphischen Darstellung von Ballsportarten nachgedacht habe, war ich vielleicht etwas stärker sensibilisiert als meine Freunde. Für die war das nicht mehr als eine nicht unsympathische Protzerei mit dem letzten, teuren Spielzeug, Elektro-Dekoration, künstlich hinzugefügtes Pseudo-Ereignis. Ich vermute mehr: das hat mit Mustererkennungsprogrammen zu tun, das erprobt man hier schon mal, und wenn es noch keinen großen analytischen Mehrwert abwirft, dann sammelt man eben schon einmal Praxiserfahrung. Der systematische Einsatz solcher Programme im Bereich der Sportübertragungen kann nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Bei vielen Profi-Vereinen gehören sie mittlerweile - in vereinfachter, dh. in didaktischer Form - zur taktischen Grundausstattung. Was die Mexikaner hier möglicherweise erproben? Den schnellen Einsatz. Wieder geht es um Zeitnähe. Der Schritt, der jetzt folgen muss – und der in den erwähnten Taktikprogrammen schon vollzogen ist, nur dass eine ‚digitale’ Spielanalyse noch sehr viel Bearbeitungs- und Erstellungszeit braucht -: Spielzüge werden bereits kurz, nachdem sie sich ereignet haben, so umgerechnet, dass sie abstrakt auf einer das gesamte Spielfeld symbolisierenden Fläche nachgezeichnet werden – eine zeitnahe und dynamische Taktiktafel.
Ich nenne das die Alphabetisierung der Fernsehzuschauer: jeder kann lernen, das Spiel zu lesen und Wunsch von Wirklichkeit zu unterscheiden (und dann eben intelligenter zu wünschen). Das wird eine Umstellung für den gemeinen deutschen Fußball-Kommentator, der seit Beginn der privaten Sendebetriebe so brav das Emotionalisieren gepaukt hat und an spielentscheidenden Faktoren zwangsläufig vorbeiguckt. In meiner Vorstellung einer besseren Welt wird diese Form der Szenenwiederholung mit pädagogischen Charakter auf jeden Fall zu einem Standardinstrument der Live-Berichterstattung. Und der Stammtisch wird vom Geschwafel befreit - es wird dann einfach keinen Spektakelwert mehr geben ohne analytischen Mehrwert."

Dienstag, Juni 07, 2005

Verfassungsfragen

Gestern kam die Dauerkarte für die nächste Saison. Ich denke aber im Moment gar nicht so viel an Hertha. Die Geschichte, die mich derzeit besonders interessiert, trägt sich in England zu. Ashley Cole, der in der Viererkette von Arsenal die linke Position besetzte (und dort sehr wertvoll war), hat sich mit dem Club offensichtlich hoffnungslos zerstritten. Es sieht nicht so aus, als hätten sich die Verantwortlichen und auch der Trainer Arsène Wenger selbst dabei besonders anständig oder auch nur intelligent verhalten. Andererseits ist die Mannschaft von Arsenal natürlich auch ein Rudel von Alphatieren, unter denen der erst 24jährige Cole immer eine nachgeordnete Stellung einnahm. Er war aber gut, und strahlte auf dem Feld eine Integrität aus, die noch wichtig hätte werden können. Er hat zuletzt anscheinend 24.000 Pfund Sterling in der Woche verdient, und wollte bei Verhandlung auf 60.000 erhöht werden. Patrick Vieira streitet ab, ihm eine SMS geschickt zu haben, die lautete: Unter 80.000 unterschreibst du nichts. Dann kam die Intrigantentruppe um Mourinho und machte Cole ein unanständiges Angebot, in einem Hotelzimmer, heimlich während der Saison, was die Premier League untersagt. Ashley Cole hat sich damals wohl einigen Frust von der Seele geredet, intern war das ja eine turbulente Saison für Arsenal (die Rassismus-Geschichte zwischenm Henry und Reyes, der Wankelmut von Wenger in der Torhüterfrage, das Transfer-Drama um Vieira, das aus der letzter Sommerpause lange nachwirkte). Jetzt sieht es so aus, als wäre er bei Arsenal unten durch, bei Chelsea nicht mehr erwünscht, und eine Strafe von der Liga hat er auch zu bezahlen. Er will in die Offensive gehen und sich aus seinem Vertrag herausklagen. Die Funktionäre in England fürchten bereits ein neues Bosmans-Urteil, und zwischen den Zeilen lassen sie auch anklingen, von welcher Seite sie wirklich unter Druck stehen: Die Wettbewerbskommission in Brüssel möchte am liebsten den freien Spielerverkehr. Transferzeiten und Ablösesummen bei bestehenden Verträgen gelten den Funktionären als Behinderungen der vollständigen Freizügigkeit. "The game's ability to govern itself", wie ein britischer Journalist schrieb, steht auf dem Spiel. Übrigens auch in Hinsicht auf die Fernsehrechte. Auch da mischt sich Brüssel immer wieder ein, und die Premier League hat alle Hände voll zu tun, die zentrale Vermarktung der Spiele aufrechtzuerhalten, um den Betrieb, der durch die CL ja ohnehin schon dramatisch hierarchisiert wurde, nicht noch weiter auseinanderfallen zu lassen. Ich wünschte, die deutsche Bundesliga hätte Funktionäre, die sich ein wenig um diese Zusammenhänge kümmern würden - dann wäre ihnen klar, wie gut es dem Fußball in diesem Land geht.