Samstag, April 30, 2005

Rasenmäher

Eigentlich wollten wir ja heute in Rostock sein. Simon und Cate und A. und ich gegen "Baltic Force". Weil es aber am Montag im Europa-Center keine Karten mehr gab, und eine Auswärtsfahrt ins Blaue uns dann doch zu blauäugig erschien, habe ich die Niederlage gegen Hansa Rostock im Fernsehen gesehen - ohnmächtiger noch als Falko Götz, der immerhin Auswechslungen vornehmen konnte (mir unverständliche allerdings). Hertha kam mit den Vorschußlorbeeren. Hansa trat mit der Hypothek an, daß auch ein Sieg die Mannschaft nicht viel weiter bringen würde, wenn Gladbach und Mainz punkteten. Hertha versuchte, ihr Spiel aufzuziehen, den Kombinationsfußball, der von der Präzision lebt. Rostock dagegen spielte einfach, zog auch gelegentlich ab, und als van Burik um Di Salvo herumirrte, war schon klar, daß dies eine wacklige Sache sein würde. Auf dürftigem Rasen spielt Hertha immer schlecht, das hat mit der technischen Überlegenheit zu tun, die heute zu einer taktischen Unterlegenheit führte. Sie wollten Rostock ausspielen, und bemerkten nicht, daß auch ein Spiel in die Gegenrichtung im Gang war. Die Fähigkeit, einen bedeutenden Moment zu ergreifen, muß die Hertha erst lernen. An Marcelinho sollte sie sich dabei nicht orientieren. Obwohl er viele besondere Momente schafft, ist er nicht der Mann, der Spiele dreht. Gefragt ist ein Typ wie Frank Lampard, der heute Chelsea gegen die leider stark beschränkten Bolton Wanderers zum Titel geschossen hat. Ich hatte immer gehofft, daß Thorben Marx in diese Rolle hineinwachsen könnte - es sieht nur leider nicht danach aus. Drei Momente haben wir noch in dieser Saison, von der Falk Götz die Hoffnung hegte, sie könnte "etwas ganz Großes" werden. Ich melde mich freiwillig zum Rasenmähen im Olympiastadion.

Marcelo dos Santos Paraiba

In der "Berliner Zeitung" hat die Hertha es heute auf die Seite 3 geschafft. Das sagt viel über den neuen Stellenwert der Mannschaft. Michael Jahn, Verfasser des schon früher einmal empfohlenen Standardwerks über Hertha BSC (Verlag Die Werkstatt), hat ein Marcelinho-Porträt geschrieben. Hier der Text:

Was ist eigentlich die natürliche Haarfarbe Marcelinhos? Gute Frage: Seit Jahren schon ist sie nicht mehr zu sehen. Denn Marcelinho färbt sich die Haare, und man kann nicht sagen, dass es ihm dabei an Einfallsreichtum fehlt. Er hat sie rot getragen wie der Kobold Pumuckl und golden wie einen wertvollen Helm, auch violett und Schwarz-Gold-Rot hat er schon gewählt. Zurzeit trägt er silbergrau. In Wahrheit, so heißt es, sind seine Haare leicht gekräuselt und braun. Aber wer weiß das schon genau?
Es gibt viele solcher Geschichten über den Fußballspieler Marcelinho, über einen Mann, der für Hertha BSC Berlin die meisten Tore schießt, die meisten Vorlagen gibt. Der sich die meisten Eskapaden leistet. Und es gibt ein paar Leute, die ein bisschen mehr wissen über ihn. Man kann mit ihnen im Olympiastadion, auf Mallorca und in Berlin-Kreuzberg sprechen. Sie erzählen, was Marcelinho so besonders macht.
Alcir Pereira sucht eine Landkarte von Brasilien. Das Arbeitszimmer des Übersetzers und Dolmetschers in einem Altbau in Kreuzberg ist nicht besonders übersichtlich. Überall stapeln sich Faxe, überall liegen aufgeschlagene Bücher herum. Pereira, 39, findet den Atlas mit der Brasilien-Karte nicht. So malt er die Umrisse seines Heimatlandes mit dem Finger in die Luft. "Da oben", sagt er, "ganz im Nordosten liegt Fortaleza, meine Heimatstadt. Und nicht weit davon entfernt liegt Campina Grande. Dort wohnt Marcelinho." Der Dolmetscher und der Fußballstar von Hertha BSC sind also beide so genannte Nordestinhos, Nord-Brasilianer, und Pereira sagt, da, wo Marcelinho herkommt, sei die ärmste Gegend des Landes.
Auf dem Schreibtisch stehen zwei kleine Farbfotos in Bilderrahmen. Eines zeigt Pereira Arm in Arm mit Marcelinho und Luizao, einem Weltmeister, der mit wenig Erfolg für Hertha BSC gespielt hat. Auf dem anderen Foto lächelt Pereira zusammen mit einem weißhaarigen Mann in die Kamera. Der Mann ist Mario Jorge Lobo Zagalo. Er war mehrmals Fußball-Weltmeister mit Brasilien, als Spieler und als Trainer.
Pereira redet nicht gern über sich, er ist ein bescheidener Mensch. Aber er weiß, dass er ein wichtiger Mann geworden ist. Seit vier Jahren arbeitet er als Dolmetscher für Marcelo dos Santos Paraiba, genannt Marcelinho. Im Rundfunk und vor allem im Fernsehen ist Pereira die deutsche Stimme von Marcelinho, weil der 29jährige Fußballer, der zurzeit die gesamte Bundesliga verzückt, vor Kameras nur Portugiesisch spricht. Siebzehn Tore hat Marcelinho geschossen und dreizehn Treffer meisterhaft vorbereitet. Die Leichtigkeit seines Spiels begeistert.
Es gibt viele Leute, vor allem unter den Fans, die Pereira um seinen Job beneiden. Wohl niemand außer Marcelinhos Familie - Frau Estela, Tochter Vivian, Sohn Marcello und Mutter Elita, die gerade in Berlin weilt - darf ihm so nahe sein wie Pereira. "Wenn man in einem fremden Land ankommt, ist es wichtig, dass jemand da ist, der einen versteht und der auch die Mentalität begreift", sagt der Dolmetscher. Er war da, als Marcelinho vor vier Jahren nach Berlin kam. Er begleitete ihn zum Training, zu den Spielen, zur Mannschaftssitzung, zu den Interviews, zum Vermieter, zum Zahnarzt, zur Bank, zum Einkaufen und später auch zu Gesprächen mit Herthas Manager Dieter Hoeneß. Die waren immer mal wieder nötig, wenn Hoeneß dem Brasilianer nach Eskapaden ins Gewissen reden musste, etwa nach ausgedehnten Feiern im Berliner Karneval oder versäumten Trainingsstunden.
"Für mich ist Marcelinho inzwischen ein guter Freund", sagt Alcir Pereira, der mit seiner Frau und seinen zwei Kindern seit sieben Jahren in Berlin lebt. "Marcello und ich gehen zwar nicht so häufig zusammen aus, weil wir auch sehr unterschiedliche Interessen haben, aber unsere Kinder kennen sich, und wir besuchen uns auch." Und wenn Marcelinho im Supermarkt steht und nicht weiter weiß, dann klingelt das Telefon bei den Pereiras. Alcir Pereira sagt: "Marcello ist ein guter Mensch und sehr bescheiden. Bei seinen Erfolgen könnte er abheben. Das macht er aber nicht." Ein Widerspruch zum gelegentlichen Partyleben ist das nicht. Feiern gehört zu Marcelinhos Lebensgefühl und ist für ihn auch Abbau von Stress.
Berlin, Schenkendorff-Platz am Olympiastadion. Marcelinho hat seine golden glänzenden Fußballstiefel an. Sie sind federleicht. Sie wiegen nur 196 Gramm. Sportschuster aus dem italienischen Ort Montebelluno haben sie angefertigt und dem Brasilianer auf den Fuß geschneidert. Man merkt, er hat Spaß beim Training: Da ein Hackentrick, dort ein Übersteiger. Immer wieder drischt er den Ball Richtung Torhüter Christian Fiedler. Der muss einige Male hinter sich greifen und flucht. Trainer Falko Götz klatscht Beifall.
Am Rande des Übungsplatzes beobachtet Rudi Wojtowicz die Szenerie. Das kommt selten vor. Wojtowicz, 49, ein ehemaliger Bundesligaprofi, ist der Chefscout von Hertha BSC und sehr viel unterwegs. Er beobachtet Spiele und Spieler, fliegt quer durch Europa und häufig auch nach Südamerika. Bevorzugte Ziele: Brasilien und Argentinien.
Das Handy von Wojtowicz klingelt. Ein Informant ist dran oder ein Spielervermittler. "Wie lange hat der Vertrag?" fragt Wojtowicz ins Handy, "was soll der kosten? Eine Million? Oder zwei? Hat der einen EU-Pass?" Wojtowicz fahndet nach einem torgefährlichen Angreifer, so wie er einst vor sechs Jahren in Südamerika einen Stürmer suchte - und in Marcelinho einen Mittelfeldspieler fand, der wohl besser ist als jeder Stürmer. Der Chefscout war der erste Mitarbeiter von Hertha BSC, der Marcelinho in dessen Heimat in einem Spiel erleben konnte. Er war auch der erste, der direkt Kontakt mit dem Brasilianer aufnahm. "Als ich ihn zum ersten Mal sah, spielte Marcello fast einen Linksaußen", erinnert sich Wojtowicz, "er fiel aber sofort auf. Vor allem wegen seiner enormen Laufbereitschaft, die nicht typisch für Brasilianer ist, und durch sein hohes Tempo." Das war 1999, und der Scout hatte die Partie zwischen dem FC Sao Paulo und Atletico Mineiro gesehen. "Später", sagt Wojtowicz, "sind wir Marcelinho zu vielen Spielen hinterhergereist. Ich habe ihn mindestens ein Dutzend Mal gesehen."
Marcelinho aber ging damals zu Olympique Marseille in die französische Liga, wo er allerdings nie heimisch wurde. So fanden Hertha BSC und Marcelinho zwei Jahre später zueinander. 2001 war man sich handelseinig. Hertha ließ einen Arzt aus Berlin in Brasilien einfliegen, und nach der medizinischen Untersuchung setzte man die Verträge auf: auf Deutsch, Englisch und Portugiesisch. Später verkündete der Verein, Marcelinho habe eine Ablöse von 14 Millionen Mark gekostet. Rudi Wojtowicz ist noch immer stolz auf diesen Transfer, den Manager Dieter Hoeneß nach zähen Verhandlungen unter Dach und Fach gebracht hatte. "Der Marcello", sagt der Scout, "der war schon damals als Mensch so wie heute: offen, freundlich und ein Spaßvogel."
Balearen, Insel Mallorca. Jürgen Röber, 51, ist mal wieder auf die Insel geflogen. Der ehemalige Trainer von Hertha BSC wartet im Süden auf Angebote. Seit er im April 2004 beim VfL Wolfsburg entlassen wurde, ist Röber ohne Job. Ein bisschen Abwechslung bringt ihm in diesen Tagen einer seiner ehemaligen Spieler: Marcelinho. Journalisten aus Deutschland rufen an und wollen Röbers Meinung über den Ballvirtuosen erfragen. Schließlich war der Fußball-Lehrer der erste Trainer des Brasilianers, als dieser den Schritt nach Deutschland wagte. Man kann getrost davon ausgehen, dass Röber eine wichtige Bezugsperson für Marcelinho gewesen ist. Und der Trainer redet gerne über den Brasilianer. Ganz klar.
Er habe, erinnert sich Röber, Marcelinho vor dessen Verpflichtung nur auf einigen Videos gesehen. "Wenn er das wirklich bringt, was da zu sehen ist, dann muss man den unbedingt holen!" Das waren in etwa die Worte des Trainers, die er nach dem Studium der Videos zu Manager Hoeneß gesagt hatte. Die erste direkte Begegnung mit seinem künftigen Spielmacher endete für Röber fast mit einem Eklat. Marcelinho war über Sao Paolo, Frankfurt/Main und München nach Österreich gereist, wo Hertha BSC 2001 ein Trainingslager abhielt. "Nach solch einer Reise musst du doch mausetot sein", glaubte Röber. Marcelinho aber wollte sofort Fußball spielen. "Ich habe dann ein internes Trainingsspiel angesetzt. Hertha A gegen Hertha B. Und ich habe Marcelinho nach 30 Minuten ausgewechselt, weil ich glaubte, der sei total kaputt."
Röber hatte die Folgen nicht bedacht. Es gibt wohl nichts Schlimmeres für einen brasilianischen Fußballer, als vorzeitig vom Platz zu müssen. "Marcelinho war stinksauer auf mich und nur schwer zu beruhigen", sagt Röber. Mit etwas Abstand sieht der Trainer seinen ehemaligen Spieler nur noch in rosaroten Farben. "Der ist ein unglaublicher Fußballer." Auch Marcelinhos Abstecher ins Berliner Nachtleben sieht er mittlerweile gelassen. "Den Marcello, den musst du an der langen Leine lassen. Dann gibt er dir alles zurück." Das sensationelle Tor, das Marcelinho vor drei Wochen gegen den SC Freiburg erzielt hat - aus 48 Metern noch aus dem Mittelkreis heraus - das hat Röber im Fernsehen gesehen. "So was kann nur Marcelinho, einmalig." Künftig, sagt der Trainer, werde er wieder öfters ins Olympiastadion kommen. "Schon, um Marcelinho zu sehen."
Berlin, die Geschäftsstelle von Hertha BSC. Dieter Hoeneß besitzt ein Vorrecht, das er sich mit nur wenigen Leuten teilen muss. Marcelinho widmet seine Treffer manchmal Gott, manchmal auch ganz normalen Menschen. So etwa seiner Frau Estela, seinem Sohn Marcello junior oder auch Hertha-Kapitän Arne Friedrich. Nach dem 1:0-Sieg vor vierzehn Tagen beim Meister Werder Bremen widmete Marcelinho seinen Treffer - einen fulminanten Schuss - Assistenztrainer Andreas Thom und Manager Dieter Hoeneß. "Weil der sich immer um mich kümmert und mir immer hilft."
Hoeneß verbrachte in den letzten Wochen viel Zeit damit, die zahlreichen Probleme seines wertvollsten Spielers zu lösen. Und er verbrachte genauso viel Zeit damit, das Gleichgewicht zwischen Mannschaft und seinem Star in Balance zu halten. Nicht alle Eskapaden des Brasilianers wurden von den Mitspielern toleriert.
Zuerst waren es die finanziellen Probleme, die Marcelinho beschäftigten. Er war in seiner Heimat bei der Aufnahme von Krediten für den Bau von Häusern an windige Berater geraten. Später war er gar in der Halbzeit des Spiels bei Borussia Dortmund handgreiflich gegen seinen Kapitän Arne Friedrich geworden. Der hatte Marcelinho zuvor kritisiert. Und noch später gab es Turbulenzen, weil der Brasilianer in der Nähe des Kurfürstendamms eine Diskothek erwerben und betreiben wollte. Geplanter Name: 100% Marcelinho.
Hoeneß und Trainer Götz, den Marcelinho überschwänglich als seinen "besten Trainer überhaupt" bezeichnet, konnten die Probleme lösen. So weit es geht. Auch deshalb erleben sie wohl den besten Marcelinho, den es bisher gab.
Berlin-Kreuzberg. Alcir Pereira, der Dolmetscher von Marcelinho, lüftet noch ein kleines Geheimnis. Deutsch-Unterricht nehme der Profi schon lange nicht mehr. Aber er verstehe im Gespräch längst fast jedes Wort und könne sich auch in der deutschen Sprache ordentlich ausdrücken. Dazu müsse er aber erstens Lust haben, und zweitens müsse die Unterhaltung in ruhiger Atmosphäre stattfinden. Aber vor der Fernsehkamera, unter Zeitdruck, sagt Pereira, da habe Marcelinho noch immer ein Problem. Dort zeige er seinen wahren Charakter. "Eigentlich ist Marcelinho ein sehr scheuer Mensch."

Samstag, April 23, 2005

Volles Haus

Ludger hatte noch keine Karte, als wir heute nachmittag aus einer proppenvollen U2 stiegen und zum Olympiastadion wanderten. Ich hatte ihm Mut gemacht mit meiner Erinnerung an mein erstes Hertha-Spiel vor ein paar Jahren, das ebenfalls ausverkauft gewesen war, weil es gegen die Bayern ging. Ich fuhr damals einfach hinaus, kaufte einem Passanten ein Ticket ab - naiv, wie ich war, saß ich hinter einer durchsichtigen Plastikabsperrung im Bayern-Block. Das Spiel endete damals remis, wie auch heuer die beiden Begegnungen der Hertha mit dem deutschen Meister 2005. Es hat nach dem damaligen Erlebnis noch eine Zeitlang gedauert, bis ich mich mit Volker auf die Dauerkarte verständigt habe. Ludger wollte heute keinen überhöhten Preis bezahlen, war aber dann richtigerweise sofort überzeugt, als wir auf einen korpulenten Herrn trafen, der erzählte, daß seine Frau erkrankt wäre, weswegen er noch eine Karte übrig hatte. Vierzig Euro. Haupt- gleich neben der Ehrentribüne. Der Mann deutscher Konsul in Lillehammer. Geistiger Vater der Olympischen Spiele dort. Langjähriger Manager des Best Western in Lillehammer, wenn ich ihn richtig verstanden habe. Ich fragte ihn natürlich gleich, ob er im Best Western am Hermannplatz absteigt, wenn er in Berlin ist. Er hat aber ein "Appartemeng" hier. Als er einmal ein Heimspiel von Schalke sehen wollte, rief er Heribert Fassbender an, der ihm die Nummer von Rudi Assauer gab. Als Ludger seinen westfälischen Heimatort nannte, in dem er selbst seit über zehn Jahren nicht mehr war, kannte der Herr sofort das beste Reisebüro am Ort. Das bekamen wir alles zu hören, während wir zum Einlaß anstanden. Dann mußte ich nach rechts, sie gingen nach links. Vermutlich kennt Ludger, der neben ihm auf der Haupttribüne saß, nun die Stadthistorie von Lillehammer und die Bilanzen von Best Western aus den letzten dreißig Jahren. Ich ging auf den gewohnten Platz, während A. mit Simon und Catherine in der Westkurve saß. Wir waren über das ganze Stadion verteilt - wie sich später herausstellte, war auch Michael mit seinem älteren Sohn noch da. Wir waren ausgeschwärmt. Das Match verlief fast zu glatt, als daß wir beim Schlußpfiff noch echte Befriedigung empfunden hätten. Nach der sechzigsten Minute war nicht mehr viel los. Davor glänzte Yildiray, der zwei Spiele lang ein wenig durchgehangen war. Marcelinhos neuer Look ist großartig schamanisch - erst gestern habe ich in Jena über brasilianisches Kino unterrichtet, vielleicht war auch das ein gutes Omen. Nando hat ein schönes Tor gemacht, wichtig war aber, daß er insgesamt gut intregriert wirkte. Schalke war heute schwach. Fathi hat für die Offensive üben können. Simunic beherrscht den weiten Paß auch in ganz überlegenen Spielen nicht - als Central Defender verehre ich ihn aber vorbehaltlos. Es war kein großer, aber ein toller Sieg, der wunderbare Perspektiven eröffnet. Die professionelle Arbeit dieser Saison verdeutlicht vielleicht diese Kleinigkeit: Falko Götz wechselte Dardai ein, als die Coachs begriffen, daß Kovac in Rostock wegen der gelben Karte gesperrt sein würde. Der ins zweite Glied geratene "Abräumer" bekam dadurch gleich ein wenig Matchpraxis. Das nenne ich Umsicht.

Mittwoch, April 20, 2005

Nachlese

Jetzt habe ich es mir also noch angeschaut, das 1:0 in Bremen vom vergangenen Samstag. Es war ein verdienter Sieg, der aber auf den dünnen Beinen des Glücks steht. Denn vor dem Treffer durch Marcelinho gab es zwei Situationen, die prekär genug waren. Das Handspiel von Kovac, nach einem technischen Fehler im eigenen Strafraum, hätte man mit gleichem Recht als absichtlich werten können - er trifft den Ball nicht gut, und in seine unwillkürliche Bewegung aus der Gefahr heraus mischt sich eben dieses Moment der Rettung, für das er natürlich gar nicht genug Zeit hat, es zu reflektieren - ich unterstelle eine reflexhafte Absicht, und Schiedsrichter Wack hat nach den Vorgaben einer altmodischen Anthropologie entschieden: Alles, was keine gut durchdachte Willensentscheidung ist, wird nicht gepfiffen. Der Schuß von Jensen, ebenfalls noch beim Stand von 0:0, war die Konsequenz einer legeren Stellungsleistung unserer Defensive, die sich dann aber in Position gespielt hat. Am Ende hatte Werder vier Stürmer auf dem Platz, aber keinen Regisseur, während Hertha diese Funktionen quer über die Mannschaft verteilt. Dieter Hoeneß hat während der Saison einmal gesagt, die Mannschaft wäre "schwer zu spielen" - sie ist auch schwer zu bekämpfen, und manchmal schwer zu bändigen.

Montag, April 18, 2005

Maastricht

Als Hertha am Wochenende gegen Bremen anscheinend ein tolles Spiel zeigte, saß ich quasi in der Kabine und wartete auf meinen Anpfiff: Ich war bei einer Konferenz in Maastricht eingeladen, um über Biopolitik und Film zu referieren. Die SMS mit der Nachricht von Marcelinhos Tor schickte mir Volker, noch bevor der Wiener Kollege Robnik seinen in einer grandiosen Passage über die Farrelly-Filme gipfelnden Beitrag gestartet hatte. Der Schlußpfiff in Bremen, der dann durch eine doppelte Kurznachricht aus Deutschland angezeigt wurde, fiel beinahe mit diesem Moment zusammen: Bill Murrays gesträubtes Haar in "Kingpin" und Marcelinhos Frisur sind Facetten des gleichen Schamanismus. Ich werde mir das Spiel Bremen-Berlin am Mittwoch im Premiere-Replay in aller Ruhe ansehen. Für den Samstag gegen Schalke hat auch A. eine Karte, und Simon wird mit seiner Freundin dortsein. Wir planen sogar eine Reise nach Rostock für das Auswärtsspiel in der Woche darauf. Vorher gibt es am Mittwoch noch einen Bielefelder Abend, weil Freund Jan "Django" Distelmeyer seinen Geburtstag feiert. Wir sind wieder da.

Sonntag, April 10, 2005

New York Cosmos

Fredi Bobic haben wir einmal im Kino gesehen, an dem Tag, als "Finding Nemo" in Berlin anlief. Er ging in die englische Fassung, im Cinestar, in Begleitung einer blonden Frau. Daß er nicht dumm ist, war mir immer klar - ich fand nur, daß er sich ein wenig zu klug vorkommt, und das ist ja die größte Dummheit. Das Match gegen Freiburg war wohl sein Abschied von der Hertha. Es ging nämlich an ihm weitgehend vorbei, dann hat er auch noch eine Großchance vergeben. Ich hatte nicht den Eindruck, daß ihm in unserem Sektor noch jemand die Treue hält. Jetzt kann er zu New York Cosmos gehen, wenn es diesen Ausgedingeclub noch gibt. Ich habe keine Lust, über Hertha-Freiburg groß etwas zu schreiben - es war so abschwellend gut, daß die zweite Halbzeit eine ziemliche Zumutung war. Mir fielen nur die lächerlichen Gesten von van Burik und Madlung auf, die ständig mit der Mannschaft "kommunizierten" - sie sollten lieber hinten dicht machen und nach vorn ein paar Impulse setzen. Madlung hat das ja außerplanmäßig einmal getan, fand dann aber nur Bobic als Abnehmer. Dies zu gestern. Jetzt bin ich vor allem gespannt auf Juventus-Liverpool - das Hinspiel war phasenweise großartig, und die "Reds" sind die vielleicht intensivste Mannschaft, die ich derzeit kenne. Sie machen nicht immer viel daraus, aber sie liefern große, romantische Kämpfe. Sie sind so Anti-Juve, daß es eigentlich interessant werden muß. Ich wünschte, ich könnte so etwas auch einmal über die Hertha schreiben. Dort kehrt aber gerade die Selbstgefälligkeit zurück.

Mittwoch, April 06, 2005

Kapitänswürde

Marcelinho hat sich also bei Arne Friedrich entschuldigt für eine Aggression im Kabinengang des Westfalenstadions, am Sonntag während der Halbzeitpause. Die Zeitungen schreiben heute auch den Wortlaut, mit dem Arne Friedrich sich den Unmut von Marcelinho zugezogen hatte: "Wenn du keine Lust mehr hast, mußt du aufhören." Ich bin mir ganz sicher, daß diese Formulierung fiel, nachdem Marcelinho kurz vor der Pause nur wenige Meter vor dem eigenen Strafraum den Ball so jämmerlich widerstandslos verlor, daß ich ihn auch gestellt hätte. Gestern habe ich mir die erste Halbzeit des Spiels in der Wiederholung auf Premiere noch einmal in Ruhe angesehen, und fand es amüsant, daß diese Affäre ein kleines Vorspiel hatte, das ihr eine geradezu initiationslogische Würde gibt. Über die Haarfarben von Marcelinho war vorher viel gesprochen worden - er wollte die deutschen Nationalfarben, sein Frisör hat sie aber nicht in der richtigen Abfolge hinbekommen. Arne Friedrich trägt als Hertha-Kapitän eine Schleife in den deutschen Nationalfarben, was ich immer ein wenig übertrieben finde - aber gut, er will ja auch im Team spielen, und sein Ehrgeiz muß bei Hertha die Patzigkeit von Marcelinho kompensieren. Nach ein paar Minuten an diesem Frühlingsabend verlor Friedrich jedenfalls seine Schleife, und die Regie versäumte nicht, mit einer Großaufnahme des Utensils auf dem tollen Rasen noch einmal ironisch die Marcelinho-Haare zu kommentieren. Wenig später brachte dann ausgerechnet der junge Salihovic die Binde zu Friedrich zurück, und dieses Bild des begabten Nachwuchsmannes (der ja auch schon Teilfunktionen von Marcelinho übernimmt, vor allem bei Standardsituationen), der seinem Kapitän das Zeichen der Autorität anlegt, war die Geste, die Friedrich erst ermächtigt hat, wenig später mit Marcelinho Klartext zu sprechen. Die Mannschaft ist hierarchisch und symbolpolitisch konsolidiert nach diesem Spiel, das wird auch Marcelinho begreifen. Ob er die Kränkungen, die auf ihn warten, durch Leistungen kompensiert, oder durch Wehleidigkeit, muß sich erst zeigen - in einem interessanten Subplot der Hertha Story. Zuerst soll er sich einmal die Haare neu färben.

Sonntag, April 03, 2005

Coach Götz

Was ein schlechter Trainer ist, kann man ab Donnerstag im Kino sehen, wenn "Coach Carter" ein paar Jugendliche aus einem Problemviertel zu einem Basketballteam formt, das aus Aufzeigern besteht. Falko Götz hat weiterhin mein Vertrauen. Trotzdem glaube ich, daß er das Match gegen Dortmund, das wir gerade 1:2 verloren haben, heute ein wenig vercoacht hat. Er hat unnötig offensiv aufgestellt, zu selbstbewußt hat er Fathi hinten pausieren lassen, und stattdessen Salihovic von Beginn an gebracht. Dortmund war so schlagbar, daß Hertha die Niederlage mit sich selbst ausmachen mußte. Sie tat es durch eine konfuse Innenverteidigung, aber eben auch dadurch, daß Ewerthon ohne richtigen Gegenspieler war. Hätte Fathi gespielt, wäre Gilberto weiter vorne gewesen, wir hätten das Führungstor, das Salihovic ohnehin nicht erzielt hat, auf andere Weise gemacht, und nach der Pause hätte der begabte junge Bosnier für Reina noch kommen können. Stattdessen sahen wir rund um die Leerstelle Fathi links hinten: Gilberto vertat sich zwischen defensiven Schlampereien und offensiven Inspirationen, ohne richtig produktiv zu werden. Simunic war indisponiert. Und Madlung bewies, daß seine Beschränkungen in Technik und Koordination ihn auf Sicht nicht in der Mannschaft halten werden, wenn diese sich denn entschließen sollte, wachsen zu wollen. Wachsen will definitiv Arne Friedrich, der nach hinten nicht ganz einwandfrei, nach vorne aber seiner Rolle entsprechend agiert hat - er hat die Initiative an sich gerissen, wie es sonst nur Yildiray kann, der heute gefehlt hat. Sehr gefehlt hat. Den Austausch von Rafael durch Bobic fand ich einen Witz. Die Haare von Marcelinho auch. Ludger, der sich das Spiel mit mir ansah, sagte nachher: "Irgendwie glaube ich, daß so eine mißratene Frisur auch einen Unterschied macht." Er hat recht. Marcelinho spielte nicht mit der Konzentration, an der sich ein Team aufrichten kann. Seine Nonchalance bei Standardsituationen kennen wir zur Genüge. Er hat Bälle vertändelt, und sich häufig zentral festgerannt. Die ersten zwanzig Minuten haben gezeigt, wie gut diese Mannschaft sein kann, aber auch, daß ihr das zwingende Moment fehlt. Wäre sie formiert gewesen, wie sie die meisten Spiele dieser Saison gespielt hat, also als Schwarm (4-5-1, wobei ich Reina zum Mittelfeld zähle), hätte sie heute gewonnen.

Samstag, April 02, 2005

Parallax View

So ein Zufall! Gestern fange ich an, noch einmal "The Geopolitical Aesthetic" von Fredric Jameson zu lesen (ein Buch über die Einzelnen und "the world system itself", vermittelt durch den "conspirational text"). Und heute steht in der SZ ein langer Text von Javier Cáceres über Spielertransfers, Investmentfonds und Geldwäsche auf globalem Level, der in dem geradezu klassisch konspirationalen Absatz gipfelt: "Laufen gar alle Fäden beim FC Chelsea zusammen, der sich im Sommer problemlos beim Personal des FC Porto bedienen konnte? Werden Gelder gewaschen? Oder ist das alles nur ein James-Bond-verdächtiger Plot: eine Gruppe von Oligarchen kontrolliert über ihre Spielzeuge Corinthians, Chelsea, Porto, Dynamo Tiflis, ZSKA Moskau über hundert der talentiertesten Kicker der Welt?" Fragen über Fragen. In "Pattern Recognition" von William Gibson, das ich neulich zu Ende gelesen habe, kommt übrigens auch ein toller russischer Oligarch vor, der als Spielwiese nur nicht Fußball, sondern Film (avantgardistischen, im Computer generierten, von Sträflingen "gerenderten" Film näherhin) wählt. Das hat alles nichts miteinander zu tun, hängt aber alles irgendwie miteinander zusammen. Der heutige Spieltag im "Parallax View" des Hertha-Fans: Michael Hartmann hat für Rostock ein wichtiges Tor erzielt. Dort ist er richtig, dort soll er glänzen. Wichtiger für uns: Ismael hat sich gegen Stuttgart eine gelb-rote Karte geholt, die ihn idealerweise für zwei Spiele aus dem Verkehr zieht, also auch noch in zwei Wochen, wenn Berlin nach Bremen kommt. An einem Samstag, an dem ich in Maastricht sein werde, um über das zu sprechen, was ich aus der Lektüre von Jameson auf Christian Petzolds "Gespenster" (und weitere, von mir dazu in Beziehung gesetzte, "konspirelationale" Filme) schließe.