Montag, März 07, 2005

Schubumkehr

Schräg vor mir, eine Reihe besser in unserem "bürgerlichen" Sektor im Olympiastadion, sitzt ein älterer Herr, der mit Vorliebe ein Wort ruft: "Hoitzer!" Er meint den Schiedsrichter, dessen Namen ich nicht mehr hören will, der ihm jedoch dazu dient, die ganze Fragwürdigkeit des Refereeings auf einen klaren Punkt zu bringen: Schiebung. Beim 1:1 gegen Kaiserslautern war es gestern naheliegend, diesen Vorwurf lautstark zum Ausdruck zu bringen. Die Hertha mußte sich verpfiffen vorkommen, denn der Linienrichter vor unserem Sektor entschied in zwei Zweifelsfällen für die Verteidiger, wobei der zweite Treffer durch Nando Rafael für das freie Auge recht eindeutig regelgerecht aussah (bei Billy Reinas Kopfball hätte ich mich auch geirrt, den sah ich zwei Schritte drinnen). Nach Mitternacht vor dem Fernseher war dann auch noch zu sehen, daß Neuendorf im Strafraum elferreif zu Fall gebracht wurde - die Folge dieser kontroversen Entscheidungen war nicht nur ein Mangel an Toren in der Endabrechnung, sondern die Suspendierung des Spielbetriebs für mehr als die Hälfte der zweiten Halbzeit. Marcelinho konnte sich einfach nicht mehr einkriegen, und hatte Glück, daß ihn die Lauterer nicht noch mehr provozierten, während er immer wieder zum Linienrichter zurückstrebte, um ihm (auf Portugiesisch?) die Meinung zu sagen. Ich muß es klar und deutlich sagen: In dieser Saison, schon lange vor "Hoitzer", gibt es so viele falsche Entscheidungen von Schiedsrichtern, in England oder in Deutschland, daß ich von einer Häufung sprechen würde, die dem Spiel Schaden zufügt. Das gleicht sich im Saisonverlauf nicht immer aus, da werden Dynamiken geschaffen und zerstört, da kommt eine Willkür und ein Unvermögen ins Spiel, das sich meistens gegen die spielstärkere Mannschaft auswirkt, wo es um die Abseitsregel geht, und häufig gegen die romantischen Spieler, wo es um die Elfmeterentscheidung geht: Valdez hätte am Samstag gegen Kahn auch wild abfliegen können, dann möchte ich nicht wissen, was der eitle Merk gepfiffen hätte. Rooney wäre in derselben Situation zum Kugelblitz geworden. Nach dem Remis gegen Kaiserslautern sagte ich zu Volker: "Was wäre uns denn nun eigentlich lieber? Wenn wir das programmgemäß 2:0 nach Hause gespielt hätten - oder das Drama, das durch das blöde Gegentor, die unterbundene Aufholjagd, durch den späten Ausgleich entstand, das uns als Punktefresser unbefriedigt ließ, als Opernfreunde aber gut unterhielt?" (Neuendorf dachte vermutlich an die Neuköllner Oper, als er sich das Leiberl zerrieß.) Vor dem Fernseher hätte ich sofort den langweiligen Pflichtsieg gewählt, im Stadion aber war es natürlich umgekehrt - es war eines der intensivsten Spiele. Was haben wir gelernt? Aus der ersten Halbzeit vor allem, daß der Spielaufbau aus der Innenverteidigung heraus zu viel Zeit braucht und zu schematisch ist. Simunic und Van Burik haben jeweils nur einen Paß im Repertoire, abgesehen von den Querpässen aufeinander und zu Fiedler und Kovac. Simunic spielt auf Gilberto (auch dafür denkt er häufig sehr lange nach), Van Burik spielt auf Friedrich. Das Spiel über die Außenbahn zieht deswegen an der Mittellinie häufig schon wieder nach innen, und am Sechzehner sind wir dort, wo die Abwehrmauer doppelt verläuft. Man konnte schön sehen gestern, wie die individuelle Qualität von Wichniarek oder Gilberto sich durchsetzt bis zu einer Chance, man konnte aber auch sehen, daß sich die Mannschaft mit ihrer Überlegenheit schwer tut - sie verliert dann an Konzentration, spielt zu raffiniert, und Marcelinho will gleich wieder alles allein machen. Das Plus der gestrigen Erfahrung war die Mannschaft, die nach den drei Auswechslungen auf dem Platz stand: Nando und Artur sind mein Traumsturm, Salihovicz wollte ich immer schon einmal sehen, und Madlung ziehe ich Van Burik vor, weil er einfach mehr macht nach vorne. Wir hätten Kaiserslautern gestern noch zerlegt, wenn der Referee das nicht unterbunden hätte. Schiebung war es trotzdem nicht. Nur Unvermögen auf allen Linien.

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