Dienstag, Oktober 26, 2004

Konferenzschaltung

Die Champions Sportbar im Wiener Ringstraßenhotel Marriott war in den letzten Tagen unser Domizil, wenn es um Fußball ging. Zwischen den Filmen im nahen Gartenbaukino ging es darum, zumindest das Wichtigste aus der Welt mitzukriegen. Von Hertha war das nicht viel, denn in der Konferenzschaltung arbeitet jede Mannschaft an ihrer Quote, und nachdem bereits am Samstag das erhoffte und von mir dann auch verschiedentlich ohnmächtig in den neutralen Champions-Sportbar-Raum gerufene "Tor aus Bielefeld!" ausblieb, brachte die Sportschau dann immerhin die Aufklärung, daß das zweite Bielefelder Tor irregulär gewesen wäre. Heute saßen wir natürlich wieder dort, und wenn nicht alles täuscht, waren einander die beiden Matches ein wenig ähnlich: Die Hertha spielt nach vorne, schießt kein Tor, dann entsteht vor dem eigenen Gehäuse eine Situation, die Dick van Burik mit aufreizender Faulheit als ungefährlich einstuft. Im Trab holt er den Gelben, der dieselbe Situation als Gelegenheit wertet, natürlich nicht ein. Der Dortmunder erreicht den Ball dort, wo Dick van Burik ihn gern hinüberrollen lassen wollte, genau an der Linie - Flanke. Koller. Aufholjagd. Ohnmacht. Nando Rafael. Hader. Falko Götz wollte mehr über die Außen spielen, aber in einem System, in dem das Mittelfeld zu einer Form der Superrotation aufgefordert ist, stellt sich das halt nicht einfach so ein. Flügelstürmer wären eine Idee. Nun höre ich aber, daß Elber im Gespräch ist, ein Zentralist und Lauerer (den ich immer geliebt habe, den ich aber nicht kaufen würde, es soll die Regel gelten: Wer bei den Bayern ausgemustert wurde, ...). Die Konferenzschaltung mag ich nun noch weniger. Das Match zwischen Manchester United und Arsenal haben wir in voller Länger gesehen, allerdings ohne Bilder aus dem Kabinengang - das Sakko von Sir Alex Ferguson, an dem Pizza und Suppen kleben, würde ich bei Ebay jedenfalls nicht ersteigern wollen. Natürlich war der Referee ein Skandal, natürlich war das ein Spiel, in dem die niedrigen Instinkte gewonnen haben, und trotzdem war es schmerzlich zuzusehen, wie die Spieler von Arsenal sich nachher dem Selbstmitleid ergaben: Wayne Rooney erinnert mich nicht nur phsyiognomisch an manche Figuren aus Gangs of New York, an eine Kultur, in der man nur mit dem Dolch im Wams auf die Straße ging - heute wäre es das Springermesser. So hat er gespielt, niederträchtig, aber eben auch obenauf, ein leader of the pack. Auf der anderen Seite der edle Reyes, den ein Neville von hinten niedermähen darf, wenn ein Eitler wie Riley für die Ahndung zuständig ist. Das ist fast wie Shakespeare, dort gewinnen auch selten die Guten. In der unverdienten Niederlage bleibt nur: das erhobene Haupt. Wir haben die Champions Sportsbar erhobenen Hauptes verlassen, aber das ist natürlich niemandem aufgefallen. Ich freue mich schon wieder auf die Konzentrationsschaltung daheim Berlin, im Sektor 25.2. oder vor dem Fernseher, bei dem ich die Optionentaste so beherrsche, wie Riley in Old Trafford hätte pfeifen sollen: souverän.

Montag, Oktober 18, 2004

Tor Tor Thorben

Im Oktober bin ich traditionell zwei Wochen in Wien, beim Filmfestival. Dieses Mal habe ich etwas versäumt, obwohl ich dafür gut entschädigt werde mit Kino. Während die Hertha am Samstag zum ersten Mal mit Yildiray Bastürk begonnen hat, saß ich in einem Dokumentarfilm über einen ungarischen Fischer, der einer Cyanidkatastrophe wegen seine Existenzgrundlage verloren hat und deswegen nach Australien flog, um den Vorsitzenden des Minenunternehmens damit zu konfrontieren. Meine Dauerkarte hatte ich einem Freund geliehen, der aus historischen Gründen ein Fan von Bayer Leverkusen ist, einer Mannschaft, zu deren aktueller Ausprägung (also ungefähr, seit Bernd Schneider dort spielt) ich eine Zuneigung gefaßt habe, die ich mit vielen Fans in Deutschland wohl teile. Augenthaler macht es nun noch leichter, Bayer Leverkusen zu mögen. Den Medienberichten entnehme ich allerdings, daß sie kein starker Gegner waren, sondern sich der Hertha ergeben haben. Die wird sich in Bielefeld ohnehin viel nachdrücklicher zu beweisen haben. Vielleicht wird es aber doch kein ganz desaströses Jahr. Was stimmt mich optimistisch? Den Einkauf von Bastürk fand ich ohnehin sofort eine tolle Idee, ich rufe auch sehr gern: Yildiray! So wie ich die Nachbarn in dem mehr oder weniger bürgerlichen Sektor, in dem wir im Olympiastadion sitzen, mit meiner Begeisterung für Fathi nerve, und mit meiner hartnäckigen Treue zu König Artur Wichniarek. Immer schon war ich ein Fan von Thorben Marx, dessen Tor sozusagen nach Plan fiel: schon die ganze Saison hielt er sich dort bereit, wo er dieses Mal abgezogen hat. Arne Friedrich hat den Assist geliefert - das Modul einer Hertha, die aus Gegenwart und Zukunft besteht. Zwar hat Thorben Marx einmal auf die Frage nach seiner Lieblingsspeise geantwortet: McDonald's. Aber er spielt nicht wie ein Cheeseburger. Deswegen sehe ich ihm diesen Blödsinn nach. Ich mag die Nummer 32, und wenn ich mir nicht ein wenig seltsam vorkommen würde in einem Jersey, würde ich mir ein Marx-Leiberl laufen. Irgendwann ist es so weit. Ich sehe es schon kommen. Zum Thema Einkaufspolitik lohnt sich mehr denn je der Blick nach London: Dort wird, nach Jose Antonio Reyes, gerade ein siebzehnjähriger Spanier namens Francesc Fabregas entdeckt, den Arsene Wenger zu Arsenal geholt hat. Ich habe ihn schon zwei, dreimal spielen gesehen, und war baff. Und nun zurück ins Kino!

Sonntag, Oktober 10, 2004

Kulturgeschichte

Ein Lektürefund, eine Jugenderinnerung an das Jahr 1935 von Peter Gay, dem bedeutenden Kulturhistoriker und Freud-Biographen: "Ich war ein glühender Anhänger von Hertha BSC, der besten Fußballmannschaft Berlins, für die sich auch Hanns begeisterte. Edgar drückte dem einzigen ernstzunehmenden Lokalrivalen von Hertha, Tennis Borussia, die Daumen, was uns Anlaß zu etlichen unerquicklichen Wortgefechten bot. Sobald ich selbständig mit Bus und U-Bahn fahren konnte, erlaubten mir meine Eltern, wichtige Herthaspiele allein zu besuchen. Da es mir nicht schwerfiel, zu beweisen, daß jedes Heimspiel meiner Mannschaft wichtig war, hielt ich mich jeden zweiten Sonntag im Herthastadion auf. Irgendwann - es war wohl im Jahr 1935 - fiel ein hoher jüdischer Festtag auf einen Sonntag, an dem Hertha ein Heimspiel austrug - ein wichtiges versteht sich. Für meine Eltern stand außer Frage, daß ich bei dem Spiel zuschauen würde." (Peter Gay: Meine deutsche Frage. Jugend in Berlin 1933-1939, C.H. Beck 1999)

Sonntag, Oktober 03, 2004

Aufbaugegner

Kurt Jara war einmal ein Popstar im österreichischen Fußball. In der Mannschaft der siebziger Jahre, die auf das Wunder von Cordoba hinarbeitete, war er der linke Intelligenzler, immer das Leibchen heraus hängen habend, mit der Nummer 11, versorgte er Hans Krankl mit Material. Was für ein trauriges Bild bietet er nun, seit er durch die deutsche Bundesliga geistert, mit Mannschaften, bei denen wenig oder gar nichts geht, ausgeliefert an Vorstandsexistenzen wie Jaeggi in der Pfalz. Er wirkt immer ein wenig verdrossen, und die Trainingsjacke sieht natürlich auch nicht so gut aus, wenn man eine kleine Wampe hat. Der 1. FCK hat es uns also nicht so schwer gemacht gestern, mit 2:0 zu gewinnen. Von all den wild zusammengekauften Ensembles, die heute in der Bundesliga arbeiten, ist dies eines der trostlosesten: Wiese. Hertzsch, Lembi, Wenzel. Grammozis, Engelhardt, Tchato. Altintop, Zandi, Seitz. Jancker.
Dagegen die Hertha:
Fiedler.
Friedrich. Van Burik. Simunic. Fathi.
Marx. Kovac. Gilberto.
Müller. Marcelinho.
Bobic.
Das sieht schon nach etwas aus (ich habe die Formation ein wenig "zugespitzt"), zumal ja noch Bastürk kam (Yildiray!).
Man muß natürlich die Berliner Personalpolitik eine Zeitlang verfolgt haben, um sich an dieser Aufstellung erfreuen zu können, die überregionale Wahrnehmung wird da nicht so feine Unterschiede machen. Ich sehe aber ein Gerüst, eine rechte Achse, die sich über Friedrich-Marx-Müller locker von Tor zu Tor erstreckt, und eine linke Mobilmachung, die Malik Fathi in der zweiten Minute mit seiner schönen Flanke demonstriert hat, die auf den Schädel von Fredi Bobic niederging wie ein Totemtier, das nach Hause möchte. Aber von Bobic' Kopf erhob es sich wieder in die Lüfte, und weg war es. Daß dann Niko Kovac ein Kopfballtor aus einer Standardsituation machte, ist auch ein gutes Zeichen: Jahrelang hat die Hertha ihre Eckbälle sinnlos überall hin geschossen (meistens war es Marcelinho), nur nicht gefährlich ins Getümmel. Und das Haarband von Kovac hat gehalten. Fredi Bobic hat nicht nur Chancen vergeben, er hat sogar ein Tor verhindert, er hat aber auch Christian Müller auf einen Weg geschickt, an dessen Ende mein Partialwunsch befriedigt war: Tim Wiese demütigen!